110 Jahre »Eben-Ezer«

Jungen bei der Arbeit in der „Beschützenden Werkstatt"

Ein Beitrag zur 110 jährigen Geschichte Eben-Ezer’s  – von Hubertus Brennig aus der Zeitschrift „Heimatland Lippe“ 03/1972

Topehlen-Denkmal vor der Hauptverwaltung der Anstalt. Im Hintergrund das große Männerhaus.

„Eben-Ezer“ ist eine Stätte im Alten Testament (1. Sam. 7, 12) und bedeutet „Stein der Hilfe“.
„Stein der Hilfe“ für geistig behinderte Menschen will auch die „Heilerziehungsund Pflegeanstalt Eben-Ezer“ in Lemgo sein.
Rund 1 200 Pflegebefohlene — Kinder und Erwachsene, pflegebedürftig oder noch zu fördern und zu erziehen — werden in den Häusern der Anstalt und in den Außenstellen betreut.
Vom Gründungstage der Anstalt an (1. Mai 1862), wo der Lehrer August Topehlen ein geistesschwaches, anfallskrankes Mädchen in sein Haus aufnahm und sich mit seiner Schwester entschloß, geistig behinderte Kinder zu pflegen und zu fördern, hat die Anleitung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen immer einen besonders breiten Raum im Bereich dieser Heilerziehungs- und Pflegeanstalt eingenommen. Darüber hinaus geht jetzt die Aufgabenstellung dahin, geistesschwache Menschen aller Altersstufen und aller Grade von Pflegebedürftigkeit zu betreuen, zu pflegen und zu erziehen.
Neben den ausgesprochenen Pflegeabteilungen für Männer, Frauen und Kinder bestehen Abteilungen verschiedenster Art mit dem allgemeinen Ziel, bildungsfähige Jungen und Mädchen soweit zu fördern, daß sie später einmal einen, sei es auch noch so kleinen Aufgabenkreis ausfüllen können.
So ist die Arbeit z. B. in den „Beschützenden Werkstätten“ nicht nur Beschäftigung, sondern praktische Therapie. Durch die Tätigkeit beim Zusammensetzen und Versandfertigmachen von Einzelteilen für Industriezweige verschiedenster Art (20 Firmen) werden bei den Pfleglingen vorhandene geistige und praktische Möglichkeiten gefördert und eine Abstumpfung der Persönlichkeit verhindert.
Durch das Bereitstellen von Maschinen durch Firmen für die damit verbundenen Aufträge gehen manche Arbeiten über bloße manuelle Betätigungen hinaus, erlauben eine Differenzierung in der Beschäftigung und bieten damit Anreize zum fröhlicheren Mittun. Das Selbstbewußtsein der Pflegebefohlenen wird gesteigert und das wiederum ist von hoher Bedeutung. Dabei wird jeder seinen Fähigkeiten und Anlagen entsprechend eingesetzt. Neben dieser „Industrieheimarbeit“ — immer im Blickfeld der „Beschäftigungstherapie“ in der „Beschützenden Werkstatt“ unter Anleitung und Aufsicht von geschulten Fachkräften — gibt es noch Abteilungen ganz anders gelagerter Arbeits- und Aufgabenbereiche.
Die Matten- und Korbflechterei oder die Gruppe der Besenbinder stellt Gebrauchsgegenstände her, und in der Weberei werden u. a. ausgesprochene Kunstwerke angefertigt.
Einen breiten Raum nimmt die Vorbereitung jener Pfleglinge ein, von denen zu erwarten ist, daß sie einmal allein im Leben bestehen können. In der Tischlerei, Schneiderei, Schuhmacherwerkstatt und Schlosserei, in der Bäckerei, Fleischerei und Gärtnerei können die Jungen je nach ihren Fähigkeiten in diesen Berufen angelernt werden oder sogar eine Lehre absolvieren.

In der Weberei werden u. a. ausgesprochene Kunstwerke angefertigt.

Die Mädchen werden in der Bügelstube, Wäscherei, Küche und auf den Stationen fraulichen Berufen zugeführt und können sich Kenntnisse in der Hauswirtschaft aneignen. In der „Industrieheimarbeit“ stehen auch für sie beschäftigungstherapeuische Arbeiten an, und in der Weberei werden hohe Ansprüche an Geschicklichkeit, Sauberkeit und Genauigkeit gestellt.
In drei landwirtschaftlichen Betrieben (Luhe, Luherheide, Leese) werden vor allem Jungen mit landwirtschaftlichen Arbeiten vertraut gemacht, um dann später in besonders ausgesuchten bäuerlichen „Fami-lienpflegestellen“ eingesetzt zu werden.
Dies ist ein anderer Weg, um die Jungen und Mädchen so zu fördern, daß sie sich einen Teil ihres Lebensunterhaltes selbständig verdienen können. Nicht selten ist dies der erste Schritt aus dem Heim- und Anstaltsleben hinaus, der über das sogenannte „Freie Arbeitsverhältnis“ zur Anstaltsentlassung führt.
So sind z. Zt. 120 männliche und weibliche Pfleglinge verstreut im Lipperlande eingesetzt.
Neben einem Frauen-Pflegeheim in Stapelage, 17 km von der Hauptanstalt entfernt, ist noch ein Kinderpflegeheim errichtet. Dort werden nichtsonderschul-fähige Kinder betreut, und in einem Sonderkindergarten wird versucht, Kindern und Jugendlichen lebenspraktische Kenntnisse zu vermitteln. Dabei wird angestrebt, sie so zu fördern, daß einzelne sogar in die Heimsonderschule aufgenommen werden können.

Teilansicht der „Topehlenschule“ in der Kinderheimat Eben-Ezer

Die staatliche Anerkennung der Anstaltsschule als Hilfsschule vor fast 40 Jahren war der Anfang für die heutige heilpädagogische Sonderschule mit je einem Schulzweig für Lernbehinderte (A-Klassen), für Geistigbehinderte (C-Klassen) und für Kinder, die vor allem in den unteren A-Klassen überfordert waren und nun hier mehr lebenspraktisch gefördert werden bei verminderten Anforderungen in den traditionellen Schulfächern (B-Klassen).
Sie, die „Topehlenschule“, ist der Mittelpunkt der Kinderheimat Eben-Ezer vor den Toren Lemgos auf der „Luherheide“.
Dorthin, auf die „Luherheide“, soll im Zuge notwendiger Ausweitungen auch die jetzige Hauptanstalt (Lagesche Straße) verlagert werden. Die bestehenden 1200 Plätze reichen nicht aus, und die Gebäude der nunmehr 110 Jahre alten Anstalt sind überaltert und genügen den modernen Erfordernissen nicht.
Inzwischen ist Eben-Ezer weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden; die anstaltseigene „Öffentlichkeitsarbeit“ und eine Vielzahl von Notizen in der Presse haben auf die segensreiche Arbeit der Anstalt aufmerksam gemacht.
Besonderes Interesse und Anteilnahme beweisen die zahlreichen Besuchergruppen, die sich einen Einblick in die Belange speziell dieser Heilerziehungs- und Pflegeanstalt verschaffen wollen.
Diese Besuche und die Teilnahme an Festlichkeiten und an den sonntäglichen Gottesdiensten sind neben vielem anderen die eine Seite der Kontaktmöglichkeiten zu Eben-Ezer. Eben-Ezer möchte als Glied der allgemeinen Gesellschaft aber auch selbst in die Gemeinden gehen, um diesen Kontakt zu fördern, zu festigen und zu vertiefen!
Eine gute Möglichkeit dazu ist mit der eindrucksvollen und aufschlußreichen „Ton-Farbbild-Dokumentation“ gegeben, die allen Gemeinden und Freundeskreisen kostenlos zur Verfügung steht und vorgeführt wird. Diese Bildfolge vom Leben in der Anstalt und der Arbeit an den Pflegebefohlenen bietet genügend Anlaß zum Nachdenken und zur Diskussion über das Wort „Eben-Ezer“, seine Bedeutung und seine Verpflichtung einst und heute!

Quelle: Heimatland Lippe 03/1972 – von Hubertus Brennig