1200 Jahre Kirche Stapelage

Ev.-ref. Kirche Stapelage.By User:Nikater (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

Aus der Festschrift zu ihrer Neuweihe am 17. Dezember 1961 – Von Leopold Möller

Das Alter unseres Gotteshauses kennen wir nicht genau. Wahrscheinlich ist die Kirche zu Stapelage in der Zeit Karls des Großen, um 800, als Reichskirche oder Eigenkirche eines auf dem sächsischen oder später fränkischen Haupthofe zu Stapelage sitzenden Grafen oder Grundherren gebaut worden.
Man muß die Kirche daher auch im Zusammenhang mit dem Ort Stapelage (Stapellage, Stabellage) sehen.
Der Name „Stapelage“ wird von einer alten Gerichtsstätte hergeleitet. Zuerst erwähnt wird Stapelage für uns nachweisbar am 14. August 1173, als Heinrich der Löwe dem lippischen Edelherren Bernhard II. „juxta montem Stabellage“ (den Stapelager Berg) zu Lehen gibt. Dieser Berg wurde übrigens 1207 von Kaiser Otto IV. (Erbe Heinrichs des Löwen) an das Kloster Marienfeld übergeben.
screenshot_331Noch eine Urkunde aus dem Jahre 1185 bezeugt, daß in früheren Zeiten in Stapelage ein höheres Gericht seinen Sitz hatte. Damals konnten die Schenkungsverträge über die Kirche und die curtis (Gut) zu Stapelage hier nicht abgeschlossen werden, „das das Gericht (zu Stapelage) zur Zeit mit einem Richter nicht besetzt war.“ Solche Verträge zwischen Grafen und Bischöfen wurden üblicherweise nur vor einem unter Königsbanner tagenden Grafengericht geschlossen.
Auch alte Flurnamen wie der „Hilligenstuhl“ mögen noch auf dieses Gericht hindeuten. Durch Stapelage und die Stapelager Schlucht ging eine alte Paßstraße des Teu-toburger Waldes. Nach dem Ausbau der Dörenschlucht hat sie verkehrsmäßig an Bedeutung verloren.
Stapelage ist schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt gewesen. In Horste wurde eine altsteinzeitliche Blattspeerspitze gefunden. Im Heßkamp fanden sich Reste einer mittelsteinzeitlichen Siedlung. Auf dem Krawinkel wurde ein Grab aus der Bronzezeit ergraben. Ebenso fanden sich in der Kalkreute vorgeschichtliche Siedlungsreste. Der Fund einer Goldmünze aus der Zeit des römischen Kaisers Augustus vor der Stapelager Schlucht läßt vermuten, daß um Christi Geburt hier römische Soldaten durchgezogen sind. Dann breitet sich bis zur Christianisierung wieder jahrhundertelanges Dunkel über Stapelages Geschichte.
Es ist wahrscheinlich, daß bereits zur Zeit Karls des Großen zwischen 775 und 800 hier die erste Kirche oder Kapelle entstanden ist. In dem heutigen Bauwerk sind von einer Kirche karolingischer Bauart noch Teile vorhanden, z. B. die Grundmauern und die unteren 3 m des aufgehenden Turmmauerwerks im Süden und Westen. Wissenschaftler haben festgestellt, daß Maße, Konstruktion und Bauweise an der alten Kirche zweifellos karolingisch
sind. Einige Fachleute nehmen zwar ein Entstehungsdatum aus der Zeit um 1000 an.
Ausgrabungen im Innern der Kirche ergaben zahlreiche Tonscherbenfunde aus sächsischer und auch vorgeschichtlicher Zeit. Ebenso wurden Holzkohlenreste und Pfostengruben eines Gebäudes vorgefunden. Diese Funde gehören, soweit sie unter dem tiefsten Fußbodenniveau lagen, in die Zeit vor 800, z. T. sogar in die vorgeschichtliche Zeit.

Fundamente der Stapelager Kirchen [Möller 1998, 99]

Die Stapelager Kirche hatte bei ihrer Erbauung die Form eines langen, verhältnismäßig schmalen Saales mit angebautem Rechteckchor im Osten (Saalkirche). Einen Turm gab es nicht. Der Eingang befand sich an der Westseite. Ein Raum von zirka 6 m im Quadrat (= 18 karolingi-sche Fuß) wurde durch eine Quermauer vom Kirchenschiff abgeteilt. Er stellte wahrscheinlich eine Vorhalle dar, über der sich ein Emporenbau für den Patronats-herrn erhob (Westwerk). In der Vorhalle wurde getauft, und von ihr aus durften die im Taufunterricht stehenden Heiden dem Gottesdienst zusehen.
Um 1100 wurde das Westwerk mit der Vorhalle abgerissen und auf der Südwestecke der Kirche der romanische Turm erbaut. Das Außenmauerwerk der Saalkirche bildet noch heute den unteren Teil des Turmes. Dabei wurde die Tür im Westen zugemauert und nach Norden verlegt. Die Quermauer im Kirchenschiff ist noch heute anhand des Fundamentes zu finden. Der Turm ist bis auf die heutige Zeit unverändert. Es ist der älteste in Lippe.
Vom Turm in das Kirchenschiff führten zwei romanische Türbögen. Die Sandsteinquadern des östlichen Bogens sind wieder freigelegt und vom Kirchenschiff aus zu sehen. Daß die alten Türgewölbe so niedrig sind, liegt daran, daß seit 1761 50 cm Boden in der Kirche aufgeschüttet ist.
Um 1321 wurde die romanische Kirche in ein gotisches Bauwerk mit Spitzbögen auf Wandpfeilern umgebaut. Dabei wurde der Rechteckchor der Saalkirche bis auf die Grundmauern abgetragen und in Verlängerung der Außenmauern des Kirchenschiffes ummantelt. Ein Packlagefußboden mit Kalkestrich aus dieser Zeit befindet sich noch unter dem heutigen Fußboden in 60 cm Tiefe.

Das Geld für den Umbau beschaffte man sich anscheinend durch einen päpstlichen Ablaßbrief, mitunterzeichnet von den Patriarchen von Konstantinopel und Alexandrien sowie acht weiteren hohen Kirchenfürsten. In diesem Ablaßbrief wird jedem, der nach Stapelage wallfahrtet, dort beichtet, Kerzen und Ornamente, Gold und Silber stiftet, ein Ablaß von 40 Tagen gewährt.
Der letzte größere Umbau der Kirche geschah vor genau 200 Jahren, im Jahre 1761. Dabei wurde das Kirchenschiff, in dessen Gewölbe sich Risse zeigten, und das viel zu klein war, bis auf die Grundmauern abgerissen. Das neue Schiff wurde in größerer Breite im barocken Stil nach den Plänen Heimburgs gebaut und steht
nunmehr symmetrisch hinter dem Turm. Zugleich erhielt der Turm seinen südlichen Stützpfeiler, während der nördliche Pfeiler aus dem alten Mauerwerk bestehen blieb. Am Turm wurde sonst nichts geändert.
Der Altar wurde bei diesem Umbau in die Mitte der Kirche gerückt und das Innere der Kirche zu einer reformierten Predigtkirche umgestaltet.
Dieser Zustand blieb auch bei der jetzt vollendeten Renovierung erhalten. Die Emporenbrüstungen sind von ihrem Anstrich befreit Die Fenster erhielten Blei-verglasung. Gänge und Altar erhielten neue Platten. Kanzel und Predigerstuhl wurden restauriert. Dabei kamen die alten Farben wieder zutage. Ein Stück einer alten Brüstung aus der gotischen Kirche blieb als Wandverkleidung vor dem Schornstein erhalten. Ein Erinnerungsstein an den Umbau von 1761 in der Südwand der Kirche ist wieder sichtbar.
Ein alter, spätromanischer Taufstein aus der Zeit um 1200 wurde im Pfarrgarten aufgefunden. Es ist der älteste Taufstein in Lippe und Umgegend. Wahrscheinlich wurde er 1605 aus der Kirche entfernt und diente seitdem als Gossenstein bei der Pumpe. Nach seiner Restaurierung nimmt er nunmehr seinen Dienst als Taufstein im Innern der Kirche wieder auf.
Die Kanzel ist aus der Zeit um 1700, der Schalldeckel etwa von 1550 bis 1600, der Opferstock wurde 1673 für 3 Taler angefertigt.
Im Jahre 1645 wurde für 26 Taler die alte Turmuhr angeschafft. Das Zehrgeld für den Fuhrmann, der sie aus Bielefeld abholte, betrug 2 Groschen, sein Fuhrlohn 8 Pfennig.
Die Uhr hat drei Jahrhunderte ihren Dienst getan und manchem die Stunde geschlagen. Als die arme Gemeinde im Jahre 1796 die Reparaturkosten nicht aufbringen konnte, hat sich die Fürstin Pauline persönlich um die Bezahlung bemüht.
Die erste Orgel erhielt die Kirche im Jahre 1655. Sie kostete 150 Taler. (Die Schule, die in denselben Jahren erbaut wurde, kostete 54 Taler.)
Bei einer Plünderung durch die Franzosen im Jahre 1679 nahmen diese viele Orgelpfeifen mit, um aus ihnen Kugeln zu gießen. Die Orgel wurde im Jahre 1895 durch die jetzige ersetzt.
Der Turm hatte zwei Glocken. Eine trug die Jahreszahl 1655. Im Jahre 1705 wurde eine Glocke durch ein heruntergefallenes Gewicht der Uhr stark beschädigt, so daß sie im Jahre 1732 umgegossen werden mußte. Beide Glocken sind dann noch einmal im Jahre 1891 umgegossen worden von der Firma Radler & Söhne in Hildesheim.
Eine Glocke ging im ersten, die zweite Glocke im zweiten Weltkrieg verloren. Das heutige Stahlglockengeläut mit den Inschriften: „O Land, Land, Land, höre des Herren Wort“ und „Er ist unser Friede“ stammt aus dem Jahre 1922.
Ein sehr abgeschabter und abgewetzter, ehemals geweihter Stein der Eckver-quaderung des Turmes gibt noch sichtbare Kunde vom Aberglauben des Mittelalters. Hier wurden von den Kriegern die Waffen gewetzt in der Hoffnung auf ein gutes Waffenglück. Manche Leute schabten von dem Stein Steinmehl ab. Es sollte Hilfe bei Bauchkrankheiten bringen.
Audi die Geschichte der Kirchengemeinde Stapelage ist sehr bewegt.
Bereits Urkunden um 1220 weisen nach, daß Stapelage damals schon ein Kirchspiel war. Seine größte Ausdehnung von Norden nach Süden hat früher etwa 10 km betragen und von Westen nach Osten reichlich 7 km. Während die offenbar später gegründete Gemeinde Oerlinghausen auf dem Gebiete des Meierhofes zu Barkhausen auch Gebiete der jetzt außerhalb Lippes liegenden Gemeinden Senne und Ubbedissen umfaßte, bildete Stapelage etwa den Mittelpunkt der über den Teuto-burger Wald hinausragenden Haholdschen Grafschaft.
Vielleicht ist unsere Kirche früher einmal die Gokirchc des Havergos gewesen. Noch die Listen von 1593 weisen nach, daß fast alle Höfe diesseits des Haferbaches nach Stapelage zur dortigen Pfarre abgabepflichtig waren. Das bedeutet, daß sie früher einmal zur hiesigen Gemeinde gehörten. Der Kirchweg von Wellentrup nach Stapelage ist heute noch vorhanden. Unter den genannten Höfen befinden sich: Steneberg-Stukenbrock, Huneke-Wisting-hausen, Stölting-Währentrup, Vogelsang und Kespohl in Wellentrup, Beckmann, Erfling und Althof in Kachtenhausen, Brinkmann in Wissentrup. Die Gemeinde Augustdorf gehörte bis Mitte des 19. Jahrhunderts zur Kirchengemeinde Stapelage. Pivitsheide VL wurde erst 1942 selbständig. Der Rest der Kirchengemeinde besteht noch aus den politischen Gemeinden Horste und Billinghausen.
Im Jahre 1185 vermachten die Grafen zu Schwalenberg Kirche und curtis (Gut) zu Stapelage dem Kloster Marienfeld.
Zum Archidiakonat dieses Klosters gehörte die Kirche bis zur Reformation im Jahre 1539. Das Gut blieb sogar bis 1805 klösterlicher Besitz.
Die Kirche war in alter Zeit der Jungfrau Maria und den Heiligen Petrus und Urbanus geweiht. Die Petruskirchen gehören zu den ältesten Kirchen. Urbanus war der Schutzpatron der Weinbauern. An das Petrus-Patrozinium erinnert noch das sog. „Peterstück“ des Küstereilandes.
Viele Kriege sind über die Gemeinde hinweggezogen. Die Kirche wurde zu einer Wehrkirche. Wer will die Not aufzählen, durch die die Gemeinde in 1000 bis 1200 Jahren christlicher Verkündigung in Stapelage gehen mußte. Doch Gott hat sie bis heute erhalten.
Darum soll uns diese Kirche ein steinernes Zeugnis der Güte Gottes sein. Wir reihen uns ein in das Band seiner Zeugen in dieser Gemeinde, die gekommen und gegangen sind. Gott aber bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Quelle: Heimatland Lippe 07/1961