121 Military Governement Detmold

Britische Militärparade durch die Hornsche Straße, an der Spitze Lt. Col. F. W. Shepherd

Dieser Rückblick in die Zeit der Militärherrschaft nach  furchtba­rem  Kriegselend  mag  als Teil meiner Erinnerungen gelten, die ich  noch  schreiben  möchte. – Von Heinrich Drake

Am 5. April 1945 in den Abendstunden ließen in Detmold zuerst die amerikanischen, hinterher auch die britischen Truppen ihre Flagge sehen. Wir waren auf alles gefaßt. Denn der Krieg war zu einer unerhörten Härte und Erbarmungslosigkeit gediehen. Was ich noch selber bei mehrwöchiger Schanzarbeit in Holland erleben mußte, war so, daß ich nur mit Schwermut an die kommenden Tage denken konnte, wenn sich die Kriegsfurie der eigenen Heimat näherte.
Seit Mitte März, seitdem sich die britischen und amerikanischen Stoßkeile den Weg über den Rhein in Richtung Wesel und bei Remagen gebahnt hatten, vollzog sich alles nach den natürlichen Gesetzen des Krieges, und nur die bis zum Überdruß verheißene Wunderwaffe hätte noch „helfen“ können. Sie blieb aus. Ende März 1945 stieß der Keil der Amerikaner über Remagen und Siegen, Soest nach Paderborn vor. Die übermächtigen Fliegergeschwader bahnten den Weg — bei uns wurden täglich Bomben geworfen. Am 2. oder 3. April stand ich abends vor dem Hause auf dem Hiddeser Berge und sah auf Detmold, wo an 5 oder 6 Stellen Brände loderten, die mich sorgen ließen, ob die Stadt nicht am nächsten Tage in Trümmer fallen würde. Ich hörte eine Frauenstimme: Wenn sie kommen, werden wir alle erschossen.
Wir sind nicht erschossen. Die Wachablösung vollzog sich mit einigen militärischen Aufdringlichkeiten, aber meist korrekt. Das Hitlerorgan in Detmold, die Staatszeitung, hatte ihr Erscheinen am 28. März eingestellt, nicht ohne noch einmal in einem Dutzend Schlagzeilen versichert zu haben, daß der Führer dennoch siegen werde. Wedderwille, der „Kreisleiter“, tauchte wie viele andere unter, und erbat dann das Mitleid der andern. Der Gauleiter Meyer floh der Weser zu: nach 14 Tagen kam ein Postpaket an die Regierung, das eine Brille und sonstige kleine Gegenstände enthielt mit der Frage, ob ihr Besitzer bekannt wäre. Es waren Sachen des Gauleiters: er war tot aus der Weser unterhalb Hamelns gezogen.
In den Heizkellern und auf dem Hofe des Regierungsgebäudes in Detmold hatten die Flammen eilig vorbereiteter Brände meist alles das vernichtet, was den örtlichen Madithabern der nun vergangenen Zeit nach ihrer Meinung hätte zum Verhängnis werden können. Über sonstige Überbleibsel des nun verflossenen Regiments will ich schweigen.

Die neue Basis

Einige Tage verliefen darüber, daß die amerikanischen und britischen Stäbe höherer Ordnung sich über die Gesamtdisposition verständigten: Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, daß die Mächte sich später erst in monatelangen Beratungen auf das geeinigt haben, was nach ihrer Meinung die neue Basis für die Neuordnung des Verwaltungslebens in Deutschland sein würde. Denn inzwischen sollte die „Umschulung“ des mißleiteten deutschen Menschen geschehen. Es war — um das gleich zu sagen — mitunter beinahe vergnüglich, von sonst wohlmeinenden britischen (auch amerikanischen) Offizieren zu hören, wie ihre Gedanken sich darauf konzentrierten, die britisch-amerikanische Verwaltungsordnung in allen Formeln und Amtsketten als alleinseligmachend zu übertragen. In der Zweigleisigkeit, den prächtigen Amtsketten und der Disputierfreudigkeit sind wir vorläufig versorgt.
Im Laufe des Monats April wurden die Quartiermeister der Kampftruppen meist durch Reserveoffiziere ersetzt, die nun mehr und mehr, nach den sachlichen und fachlichen Notwendigkeiten ausgesucht, aus dem Hintergelände kamen und dafür nach Möglichkeit sorgten, daß neben den militärischen und „weltanschaulichen“ Sicherungen auch die Vernunft und das fachliche Vermögen zu ihrem Rechte kamen. Es gab wunderliche Erlebnisse.
Meine ersten regelrechten Gesprächspartner waren der Lieutenant-Colonel Shepherd, bald darauf auch der Colonel (füll) Hor-ley. Dieser als leitender Offizier der Militärregierung. Die Engländer trugen dem selbständigen Freistaat Lippe (früher Bundesstaat) besondere Achtung und ihr in eine gewisse Sympathie mündendes Erstaunen entgegen, nachdem sie zeitig etwas über die staatsrechtlichen Verhältnisse erfahren hatten. So war eben der Standort der Militärregierung Detmold und nicht etwa Minden, wohin sie erst nach Jahr und Tag übersiedelte, als die Verhandlungen in dem britischen Zonenbeirat (Mitglieder der leitenden Präsidenten der britischen Zone) erkennen ließen, daß die kleinen deutschen Länder von dem hohen Rat der Alliierten abgeschrieben waren. Und als dann Anfang 1948 der Regierungspräsident von Minden als nunmehriger Repräsentant des Landes Nordrhein-Westfalen mit seinem Gefolge nach Detmold umsattelte, da folgte ihm die britische Militärregierung ohne Verzug, freilich nicht auch ohne Zwang von oben, denn die Offiziere und wohl auch ihre Damen hatten sich, wie mir gesagt wurde, in Minden, Oeynhausen und Umgebung so gut akklimatisiert, daß sie erst viel später etwas von den Annehmlichkeiten spürten, die ihrer bei ihrem zweiten Einzüge in Detmold harrten. Eben darüber hatte ich mit dem Obersten recht eingehende Verhandlungen, die sogar bei ihm zu eindringlichen Versuchen geführt haben, mein Gewissen zu quälen, weil er — wie er mir schließlich butz sagte — sich nicht denken könne, daß ich ehrlich überzeugt davon sei, die Militärregierung sitze mit der Bezirksregierung besser in Detmold als anderswo. Da habe ich zu einer gewissen drastischen Beweisführung gegriffen. Beruhigt gab er sich drein. Was noch zwischen den leitenden Offizieren und ihren Damen folgte, weiß ich nicht.
Die Schwierigkeit war unerhört, den Engländern unsere staatsrechtlichen Verhältnisse so klar zu machen, daß sie fähig würden, aus eignem mit uns im Zonenbeirat zu sachlich vertretbaren Ergebnissen zu kommen. Dabei schwitzten später selbst Kapazitäten des Verwaltungsrechts, wie die früheren Staatsminister und Oberpräsidenten Dr. Höpker-Aschoff, Dr. Lehr, Dr. Amelunxen, Dr. Steltzer. Die Dolmetscher waren oft verzweifelt. Denn eben, wo Begriffe fehlen, stellt just ein Wort zu rechter Zeit sich ein. Für Lippe waren praktisch keine besonderen Schwierigkeiten zu überwinden.

Shepherd

Shepherd, der Oberstleutnant, ließ mich bitten, mal zu ihm zu kommen. Am 10. oder 11. April. Er erhob sich nicht, zog auch seine Schottenmütze nicht ab, war aber sonst höflich, und ich dachte, na, wir werden ja sehen! Er fragte, ob ich geneigt wäre usw. Ich sagte: Nein, ich hätte solch eine Aufgabe nach verlorenem Kriege schon vor 27 Jahren übernommen gehabt und sei nun 65 Jahre alt. Er meinte, das sei gar kein Alter. Übrigens könne er mir das ja auch befehlen: I can Order you and you’d be so kind to obey, to follow. — No, Sir, it isn’t the right way.

Oberst Horley Der erste britische Commander in chief

Diese Unterhaltung wurde ohne Dolmetscher geführt, wir halfen uns durch. Später kam ein Lette zu Hilfe, der irgendwie in diese Gegend verschlagen war und der mir selber zu verstehen gab, daß er sowohl des Englischen als auch des Deutschen nicht ausreichend mächtig sei. Ich ließ es gelten, schon um ihn nicht „stellenlos“ zu machen. Shepherd versuchte dann, mir auf andere Weise beizukommen: Er warf leichthin ein, daß ich doch wohl zugeben müsse: ein Hitler sei anderswo als in Deutschland nicht möglich, am wenigsten in England. Er gab dies Spiel gleich auf, als ich ihm sagte, sein Shakespeare sei ihm sicherlich bekannt, mir weniger. Aber ich wisse, daß bluttriefende Schatten britischer Könige durch dessen Werke huschen, die sich vor Hitler nicht zu schämen brauchten. Kein Volk sei vor kranken Auswüchsen sicher.
Wir haben uns im besten Einvernehmen für diesmal getrennt. Mir lag daran, den Weg zu einem positiven Entschluß schon gleich bei mir zu ebnen. So meine letzte Frage: ob er mir für den Fall der Annahme seines Angebots eine mich innerlich nicht verletzende Tätigkeit zusichere. Ich hätte drei Wünsche — leicht zu erfüllen: daß ich allemal pünktlich empfangen würde, zweitens ebenso behandelt würde, wie er die Stabsoffiziere behandele, und drittens, ob ich meine Meinung zu allen Fragen frei als Angehöriger meines Volkes aussprechen könne.
Der Oberstleutnant hat die Fragen mit Ja beantwortet und dies verstärkt zu 1: daß er selber darauf Wert lege, pünktlich zu sein, zu 2: daß er mich bat, ins Nebenzimmer zu kommen, wo er mich seinen Offizieren vorstellte, zu 3: daß er sagte: Certainly, I do hope, always to hear from you the truth, the conviction of yours.
Wir vereinbarten, daß ich ihm nach Fühlungnahme mit allen Volkskreisen in aller Kürze meinen Entschluß überbringen würde. In aller gebotenen Eile machte ich bei den Freunden und Anverwandten in Lippe das nun winkende Vorfeld klar:

Landesrat — Ansprache an die Militärregierung

Die politischen Freunde waren unterrichtet, da gabs ohnehin keine Meinungsverschiedenheiten: aber auch alle andern waren zu dieser Zeit der Wende schon glattgehobelt und ohne jeden merkbaren Dreh zu Spitzfindigkeiten und Grübeleien. Die Losung und Lösung war: Erst mal heraus aus dem Dreck!
Das weitere findet sich.
Mit Severing, Feldmann, Mellies, den Detmolder Bekannten und Freunden wurden Verbindungen aufgenommen, Georg Müller in Oerlinghausen war sogleich bereit, Albrecht Gehring, der „Bauernführer“ lag krank im Bett, war aber fix und fertig „mitzumachen“, seine Frau auch — die Regierungsbeamten hatten unisono genickt, keiner dachte an die kommende „Purifizie-rung“, daran, daß irgendwie das dicke Ende nachkäme, daß eine Zeche dieser Art extra bezahlt werden müsse.
So sah ich nach zwei, drei Tagen meinen Obersten wieder, der mich nun schon höflicher empfing: er stand und legte die Hand an seine Schottenmütze: Now, Mr. Drake, what do you think? Ich berichtete, summierte die Schwierigkeiten und fügte hinzu, daß ich bereit sei, unter Wahrung meiner eigenen Überlegungen und Einsichten den Posten des unter den Anordnungen d‘.’i Militärregierung stehenden Landespräsidenten zu übernehmen. Er nickte. Damit war vorderhand ein Anfang gemacht. Ich sammelte, klärte, regelte unter getreuen Ratgebern die Aufgabenverteilung und sorgte mich mit ihnen darum, daß ein neuer Anfang würde, der in dauernden Erfolg überginge. In einer unausgesetzten Hast wurden die Verbindungen nach allen Seiten aufgenommen, Fäden geknüpft, die zerrissen waren, alles unter dem Leitwort und Ziel: eine lebendige Volksgemeinschaft mit gesunden Ausläufern in die Zukunft! Die unglücklichen Reste der Vergangenheit mußten so oder so in kurzer Zeit überwunden werden.

Die Ernennung

Ich bekam es schriftlich. Zuerst für Lippe: Y ou are the provisionally appoin-ted Landespräsident of Lippia. Dann nahm mich aber zuerst der berühmte Secret Service in seine mit äußerer Höflichkeit gefütterten Arme. Ich mußte bekennen und
25 Fragen beantworten. Von einem Ergebnis habe ich nichts gehört.
Der ersten Ernennung folgte am 15. Juni die zweite für Schaumburg-Lippe:
121 Mil. Gov./9 Subject: Administration.
The Landespräsident Confirming interview today.

You are hereby provisionally appointed
to the office of Landespräsident of the two Länder of Lippe and Schaumburg-Lippe, in order to coordinate the policy and the administration of the Länder. No extra staff or extra salary will be in-volved.
This appointment will be combined
with your present office of Landespräsident of Lippe.
gez. C. R. Horley Col.
Detmold Comd 121 Mil Gov Det
FWS/UK
15 Jun 45
Copies to the Staatsrat, Schaumburg-Lippe

121 (A) Mil Gov Det
121 (B) Mil Gov Det
121 C) Mil Gov Det

Diese provisorische Basis war garniert mit allerhand Zweifeln und Angelruten. Mit Protesten kommt man aber unter dem Belagerungszustand auch in gewisser verbindlicher Form nicht weiter. Ich überlegte hin und her, wie die Demokratie unter den Befehlen einer im Eventualfall rücksichtslos durchgreifenden Militärregierung zu praktizieren sei und fand für den militärisch geleiteten Zeitraum Übergänge: Einem Landesrat mit 12 Mitgliedern aus allen Schichten der Bevölkerung, der den Landespräsidenten beriet, stimmte die Militärregierung zu. Er stand in wenigen Tagen. Alle Parteien waren darin vertreten. Auch die Kommunisten. Die Militärregierung behielt sich ebenso wie bei dem ein Jahr später berufenen „Vorläufigen Land-
tage“ vor, jeden Abgeordneten zu kontrollieren und — kurzerhand abzurufen, wenn „sein Verhalten nicht befriedigte“. Demokratie auf Befehl!

Pläne, Umschau

Das gab mir Anlaß, allen Bestrebungen gegenüber nachdenklich zu werden oder sie abzuleiten, die in dem Zeitraum der absoluten Militärgewalt weiter nichts bedeuteten als allenfalls Stilübungen in Wort und Schrift zu grifflosem Tun. Die an sich schönen Pläne, hier für Lippe in netter Einfassung aber ohne jeden verwertbaren Gehalt ein Gebilde ä la Fürstin Paulina mit innerer und äußerer Politik unter der stillen Duldung des Militärs entstehen zu lassen, waren ideenhaft klug und im Felde des geistigen Sports sogar „made in England“ and „to argue about it“ reizvoll — ich aber war in diesen Zeiten den reinen Deliberationen abgeneigt. Und die Militärregierung war es auch, sie wollte, was sie wollte und Futter sehen. Der Engländer hätte das nach seiner Grundveranlagung gern vorübergehend gestattet. Es wäre aber Nebel gewesen und diente nicht, die rauhe Tagesaufgabe zu lösen, in Kürze mit dem Dreck fertig zu werden, der überall „vor Händen“ war.
Nicht ohne Grund hatte ich mich gleich in den ersten Tagen meiner sehr bedingten „Herrschaft“ bemüht: womöglich überall im Lande und darüber hinaus, in Paderborn, Bielefeld, Hameln, Herford, Münster, Hannover usw. zu sehen, wie der Krieg überstanden war. In fünf wohlberechneten Plakaten, die zu Tausenden überall im Lande angeschlagen wurden und von denen das letzte folgt, suchte ich den natürlichen Bann zu brechen, der in sich täglich erneuerndem Geschehen jahrelang die Sinne verkrustet hatte. Hand ans Werk, an die friedliche Arbeit, an den Wiederaufbau!
Nach den ersten vier, die bekannt geworden sind, mahnte der fünfte, letzte am 25. August 1945 für den Winter:

Ein harter, unerbittlicher Winter steht bevor.

Ich fordere die lippische Bevölkerung und alle, die im lippischen Lande ihre vorläufige Heimat gefunden haben, auf, rechtzeitig zu rüsten und zu sorgen, auf daß unser aller Los erträglich werde.
Werft alle Schlaffheit von Euch!
Zieht nicht über andere her, bevor Ihr Euch selber geprüft und erkannt habt.
Seid gerecht! Wir müssen in dieser harten Notzeit zusammenhalten. Jede Stadt, jedes Dorf soll eine lebendige, fruchtbare Hilfsgemeinschaft werden. Jeder Beamte ist verpflichtet, im Mut, in der Willenskraft, im Beispiel vornan zu stehen!
Unser Leben, unsere Zukunft hängen davon ab, daß wir zu essen haben. Es wird kümmerlich genug werden. Irret Euch nicht!
Darum mahne ich wiederholt:
Laßt nichts verkommen, was Nahrung sein kann!
Denkt an die weitere Zukunft: Das nächste Frühjahr muß uns fast alle irgendwie als Bauern und Landarbeiter sehen.
Jede Gemeinde soll Vorsorgen, daß nutzbares Gartenland für alle, die willig und fähig sind, nach Möglichkeit zur Verfügung gestellt wird. Die Bürgermeister werden mit Anweisungen und Ermächtigungen versehen werden.
Denkt jetzt schon daran, daß wir im nächsten Frühjahr reicher und früher als bisher ernten müssen. Das heißt, wir müssen diese Herbstzeit doppelt und dreifach für die Land- und Gartenbestellung nutzen. Die Landesregierung wird helfen, wo sie irgend kann.
Detmold, den 25. August 1945.

Der Landespräsident.

Manche natürlichen Zwischenfälle, Reibungen mußten ohne Empfindlichkeit hingenommen werden. Ich hatte einiges zu tun mit ihnen, erreichte aber bei der Militärregierung die Einsicht, daß die Einheitlichkeit der Verwaltung nicht durchlöchert werden dürfte durch Versuche, mehrere Türen zu der Leitung der Militärverwaltung offen zu lassen.
In dieser Arbeit auf dem angedeuteten Grunde war sehr viel zu tun. In einem war die Militärregierung völlig unerbittlich: Alles, was nach Hitler und „Nazi“ roch, sollte von der Verwaltung ferngehalten werden. Das war nach lauteren Zügen kunstvoll zu üben: Wir, ernannt, die Verwaltung unter der Herrschaft der Briten zu reformieren, waren Konflikten besonderer Art ausgesetzt.

Die Polizei

Ohne straffe Polizei mit charakterlich hochstehenden, in etwa nach soldatischen Grundsätzen erzogenen Menschen geht das nicht. Der Leiter der Polizei war nicht „hitlerisch“, aber er hatte der bezüglichen Organisation angehört, ohne irgendwie aktiv gewesen zu sein: es war ein auch nach meiner Auffassung an sich brauchbarer, verdienter Major. Der Polizeioberst strich ihn aus. Ich war in großer Verlegenheit und fand keinen brauchbaren Rat. In der Not habe ich August Linne vorgeschlagen — durch Jahre aktiver Soldat gewesen. Der Oberst sagte nach kurzer Überlegung ja. Linne hat sich in der schwierigsten Zeit gut bewährt, wie sein Abgang nach zehn Tahren bewies.

Lippischer Landesrat 1945

Die Polizei stand vor einer fast unlösbaren Aufgabe. Alles kaputt. Mord und Totschlag und Raub bei schlafendem Gesetz, Gericht, bei geschlossenen Schulen, bei innerlich zerbrochenen oder angeknabberten Menschen. Wer in die Wälder zu gehen wagte, kam bestenfalls in Unterhosen wieder, nachdem ihm alles übrige als Wertstücke genommen war. Die Polizei arbeitet sich mühevoll wieder hoch. Ohne Waffen. Als ein Schützer der Ordnung angeschossen war und ein zweiter folgte, habe ich mein Amt zur Verfügung gestellt, wenn nicht wenigstens einige Waffen ausgegeben würden. Als Regierungspräsident habe ich noch 1947 erlebt, daß mir unweit Paderborn ein junger Wachtmeister auf der Straße auffiel, der müde daherging. Ich lud ihn ein, zu mir in den Wagen zu kommen. Da tippte ich auf seinen Revolver und fragte, ob er geladen sei. Der junge Freund sprach die denkwürdigen Worte: Nein, das wäre auch zwecklos, weil ich noch keinen Schießunterricht gehabt habe, es genügt, wenn die Leute sehen, daß ich bewaffnet bin. — Kurz die Polizei, in eiligen Lehrgängen neu geschult, aber noch nicht „griffest“ war zwar brauchbar, aber sie wuchs nur langsam in ihre Aufgabe, das zuverlässige Organ der neuen Gesellschaft zu sein.
Immerhin, sie wuchs bis 1948 so, daß sie dem Regierungspräsidenten als Organ der Landesregierung zu einer wirksamen und sänftiglich eingesetzten Hilfe bei der so sehr schwierigen Überleitung der Regierung von Minden nach Detmold ward, wobei der Präsident selber wohl empfinden mußte, weder die Stadt Minden noch die Stadt Detmold noch auch die Militärregierung ganz auf seiner Seite zu haben. Aber er blieb sich selber treu, und die Landesregierung stand hinter ihm.
Kurz vor Kriegsende hatte sich im nordlippischen Raum noch ein trauriger Mißgriff der „Hitlerpolizei“ zugetragen. In der Nähe von Langenholzhausen waren nach Flugzeugabschuß drei amerikanische Offiziere lebend niedergekommen. Sie wurden durch SA-Leute in Polizeiuniform verhaftet, in einer Wirtschaft festgesetzt und kurz danach, angeblich auf höheren Befehl erschossen! Einer dieser „Polizisten“ in SA-Uniform wurde mir bei einer streifweisen Revision des Arrestlokals in Lemgo vorgeführt. Er weinte mit rollenden Tränen. Ich sagte ihm nur. Wie konnten Sie nur! Dann erzählte er, ganz offen die reine Wahrheit:
Die Leutnante seien von ihnen dreien in den Raum einer Wirtschaft eingesperrt gewesen, dann aufgrund irgendeiner allgemeinen Weisung herausgeholt und kurzerhand erschossen. Das sei so gewesen: Jeder der Amerikaner sei auf einen ca. 50 m seitwärts liegenden, von Bäumen umgebenen freien Platz geführt und dort „umgelegt“. Er selber habe das schon unterwegs gemacht — in einem geeigneten Augenblick seine Pistole gezogen, wobei der Amerikaner ängstlich versucht habe, sich umzusehen. Und dann habe er selber schnell ihm die Pistole an den Hinterkopf gesetzt und abgedrückt. Der Mann sei lautlos umgefallen.
Diese SA-Leute sind dann nach Süddeutschland transportiert, kriegsgerichtlich belangt und hingerichtet. Der Hauptmann des Volkssturmbataillons, der in Lemgo den Bürgermeister Gräfer dem in Lügde amtierenden deutschen Kriegsgericht überliefert hatte, kam in Detmold vor meine Augen, nachdem ich über diese Dinge mit dem englischen Obersten eine Aussprache gehabt hatte. Er wandte sich schließlich ab und deutete an, daß da ja die Kriegsgesetze gälten: Der Hauptmann werde wohl nach diesen Gesetzen beurteilt werden müssen.
Diesem Manne habe ich angedeutet, daß ich für sein Verhalten in den Schlußtagen des Krieges kein Verständnis hätte, es verurteile und ihm nur dringend empfehlen könne, sich — wenn ihn die nicht funktionierende Justiz freigäbe — schleunigst zu Weib und Kind, zu seiner Familie im Ruhrrevier „zu scheren“. Lasse er sich in Lemgo sehen, sage ich nicht gut dafür, daß er totgeschlagen werde. Er schied mit einem hilflosen Seitenblick von mir.

Kultur

Die Kulturpflege lag, soweit davon die Rede sein konnte, in den sehr bewährten Händen des Oberschulrats Dr. Kühn, der mit großer Umsicht und Verstand im besten Benehmen mit den in diesem Bereich tätigen englischen Kulturoffizieren den Wiederaufbau einer gesicherten Kultur-und Schulpflege gefördert hat. Mit großer Anerkennung muß dabei auch der sonstigen Helfer auf unserer Seite gedacht werden, so besonders der Volksschullehrer und ihrer führenden Kräfte Martin Wolf und Gustav Hagemann. Ihnen gelang bei gutem Willen der britischen leitenden Offiziere der frühzeitige Wiederaufbau der Schule, so in gleicher Weise bei den höheren Schulen. Auf englischer Seite standen Persönlichkeiten, die einen geachteten Namen hatten und die sich mit unverhohlener Neigung unter persönlicher innerer Annäherung diesem lebensnotwendigen Dienste an der Jugend widmeten und die Freundschaft mit dauernder Wirkung suchten.
Das setzte sich dann für längere Jahre fort in dem beiderseitigen Versuchen, sich besser kennenzulernen. Wir besuchten ein paarmal in Gruppen von 15 bis 20 Personen Kulturbczirke Englands, die Engländer kamen noch öfter her, und diese Kontakte führten unter der verständnisvollen

Erste Vorstellung der Polizei im Reg.-Bezirk — Reg.-Präs. Drake und der britische Pol.-Oberst

Betreuung durch die Kulturreferentin des Regierungspräsidenten, Freifrau Dr. von Minnigerode, zu Erlebnissen und zu einer Verinnerlichung der Beziehungen, die von allen Beteiligten als Erwerb für den inneren Lebensgehalt gewertet werden konnten. Dazu löste sie ihre Aufgabe als leitender Dolmetscher erfolgreich und war ebenso Vermittler in den Wohnungsfragen zwischen Behörden und Besatzung.
Für das Flüchtlings-, das Vertriebenen-problem hatten die Engländer nur geringes Verständnis, zunächst waren sie fast ahnungslos. Ein leitender Offizier warf der deutschen Regierung darin „lack of privacy“ in den Flüchtlingslagern vor, also sozusagen Mangel an „Privatheit“. Sie sahen offenbar keinen Zusammenhang zwischen der Beschlagnahme von Häusern, in denen sich die Besatzung „weiträumig“ tat und der Überfüllung der Lager. Dabei hatten sie gerade im Regierungsbezirk Detmold, wo für die Besatzung nicht weniger als 35 000 Wohnräume — beileibe nicht die schlechtesten! — sehr kurzfristig geräumt werden mußten, ein sehr anschauliches Vergleichsbild. Allerdings: England ist ja im Innern von einem Belagerungszustand verschont geblieben!

Englische Köpfe

Von den Offizieren der Militärregierung sind mir nahegekommen u. a. (etwa in zeitlicher Reihenfolge) Oberstleutnant Shepherd, die Obersten Horley, Mc-Gregor, Cameron, Pye, dann im weiteren Kreise der Brigadier Ledingham in Münster, schließlich bei den Verhandlungen im Zonenbeirat und als Regierungspräsident die Generale Robertson (Berlin), Bishop (in Verbindung mit meiner Tätigkeit als Regierungspräsident bei der Umwandlung des großen deutschen Munitionsdepots in Espelkamp in die heute blühende Stadt Espelkamp-Mittwald, mit starker Hilfe der evangelischen Kirchenverbände) und General Baraclough in Düsseldorf bei Besprechungen mit der Landesregierung über die Verhältnisse im Osten des Landes, wie ferner mit dem „Regional Commissioner“ As-bury in Düsseldorf, der mich im November und Dezember 1946 zweimal auf seinem Landsitz nahe Düsseldorf zu sich lud, um unter vier Augen (das eine Mal in dreistündiger Unterhaltung!) Näheres über das eigenartige Land Lippe zu hören. Schließlich muß hierbei auch der General Mac Ready erwähnt werden der mit dem Oberpräsidenten Kopf als Oberpräsident und späteren Ministerpräsidenten die Dinge in Niedersachsen, Schaumburg-Lippe regelte und für Lippe zeitweise zu regeln versuchte aber dies ohne Erfolg.
Mit allem hatte ich im ganzen gesehen gute und sehr gute Verbindungen, man „verstieg“ sich höchstens mal mit entschuldigendem Blick – Oh – I don’t appreciate that! Horley, mein erster Colonel in füll unterrichtete mich recht wohlmeinend in der von ihm so sehr geschätzten gekürzten, gut in Absätzen gegliederten Schreibweise mit dem Sprichwort: Otherwise you are wasting time! Shepherd war ein Gentleman, er war aber auch in Sorge, daß ich ein „Teetoteier“ – ein Abstinenzler – würde, weil ich seine Gastfreundschaft: Come and have a drink with me! nicht immer so geschätzt habe, wie er wünschte, daß ichs hätte. General Bishop schrieb mir nach einem Bericht über meine zweite Englandreise einen sehr freundlichen Brief, verlangte dann später aber vom Ministerpräsidenten Arnold meine Absetzung, wohl weil ich ihm in meiner Arbeit für Espelkamp mal gelinden Kummer bereitet habe. Der Ministerpräsident hat das dann mit guter Geste abgebogen.
Diese Details auf vorwiegend militärischem Grunde sind sicherlich lesenswert, aber sie werden hier nur gestreift. Später vielleicht mehr von diesen „interessanten“ Beiläufigkeiten, die ja so reichlich bei Gesprächen dieser Art abfallen und die oft mehr erzählen als sonst berichtet werden mag. Manches vergnügliche und spaßige Geschehen würzte, die in des Dunstes trockener Gewohnheit abgestandene Kost des täglichen Geschehens.
Aber es sei noch berührt: Mr. John Paice (jetzt noch Land-Liaison Officer in Düsseldorf) hat als kluger, einsichtiger Vermittler zwischen ziviler Verwaltung und militärischen Notwendigkeiten 1950 – 1953 viel für Freigaben in Detmold getan, und 1945/46 trat in meine Nähe mit dauernder Bekanntschaft und Freundschaft Mr. Whitley (früher in deutscher Kriegsgefangenschaft) in seiner immer wiederholten „Achtung vor diesem kleinen deutschen Staatswesen“, wo er gern „Viceroy“ – Vizekönig sein wollte, „wenn es sowas gäbe“. Er war ein offenherziger, lauterer Mann, später Berater von Mr. Birley, dem obersten Erziehungsfachmann der Besatzung in Deutschland. Birley später Leadmaster von Eton, leitender Mann der berühmten englischen Anstalt. Whitley war für das britische Auswärtige Amt in Singapore, Hongkong, später in London. Von den mir näher bekannt gewordenen Rossens (Roß) in Paderborn und Bielefeld war Harry Ross der Betreuer der „Brücke“ in Bielefeld und trat mir besonders nahe als er sein Amt verließ. Er war Hauptmann oder Major, heiratete hier seine deutsche Sekretärin und hatte dann bald vier Kinder hintereinander, in deren Familienkreis ich zufällig geraten war. Wir kamen uns nah und näher, und schließlich kam er in persönliche Konflikte mit seinem auswärtigen Amt in London, hielts nicht mehr aus und brach auf nach „dem sichersten Ort der Welt“, ins Land Australia, von wo er mir mehrere Briefe schrieb so, daß ich mit der Faust empfand, wie froh er war, dem Kesseltreiben entronnen zu sein. Er war -too! – ein Gentleman, aber er hielt nicht ganz dicht, denn in einem seiner Briefe vom „gesicherten“ Strande Australiens schreibt er mir leicht beschwingt in englisch: „Lieber Herr Drake, Ihre Ratschläge sind gut, aber in meinem Falle wäre das sicherste und brächte schnelle Hilfe, wenn jemand hinginge und schmisse in das A . . . A . . . eine Bombe.“
Gut, daß man gedanklich jede Schwierigkeit überwindet!
In Hameln, wohin ich bereits 1945 gerufen war, um in Verbindung mit den Wesertalkräften und den Leitern der Verwaltung als Aufsichtsratsvorsitzender Wesertals zu wirken, traf ich auf einige verständige britische Offiziere, die ebenso wie die ihnen vorgesetzten in Hannover mit Geschick und Neigung bemüht waren, dem zerbombten Werk wieder aufzuhelen. Wir fanden bald die Herren Mesch und Koetzold, die leitend unter solchen bösen Umständen ihre Kräfte in erfolgreicher Weise einsetzten.

Es sitzen (v. I. n. r.): Min.-Präs. Tantzen, Oldenburg, Oberpräs. Dr. Amelunxen, Münster, Min.-Präs. Steltzer, Lübeck, Bürgermeister Petersen, Hamburg, Oberpräs. Dr. Lehr, Düsseldorf; es stehen (v. I. n. r.): Senatspräs. Kaisen, Bremen, Landespräs. Drake, Detmold-Bückeburg, Min.-Präs. Schlebusch, Braunschweig, Oberpräs. Kopf, Hannover

So konnte man sich denn auch in Detmold über mangelnde Einsicht und Hilfsbereitschaft der Militärregierung nicht beklagen. Die Herren haben alle unverfänglichen, auf friedliche Zwecke abgestellten wirtschaftlichen Ansätze eifrig gefördert. Natürlich, denn sie hatten – ein vorhandenes oder durch Einimpfung auf höherer Ebene gefördertes Interesse daran, den Deutschen wirtschaftlich zu helfen, weil England in seiner Geschichte nie dem dummen Grundsatze gehuldigt hat, daß seine Nachbarschaft, seine Klientel, „nicks inne Melke teo plocken“ haben dürften. Im Gegenteil, für den Briten, wie für alle Geschäftsleute ist die Hauptsache, daß von dem „Schmande“ was für sie abfällt. Wo einer nur in einem armseligen Kollet steckt, da ist nichts zu verdienen. Wo die Herren aber auch nur vermuteten, daß ein wirtschaftliches Pflänzchen auf die Dauer der Rüstung dienen könnte, da gabs Krieg. So habe ich in dem Bestreben, der „Wirtschaft“ wieder aufzuhelfen, einige Narben aus diesem Grunde davon getragen, weil mehrere Male meine Versuche, wirtschaftlichen Unternehmungen aufzuhelfen, bei den obersten militärischen Dienststellen in den schweren Verdacht gerieten, es solle damit die neue Rüstung auf den Weg gebracht werden. Es gab deswegen gelegentlich böse Szenen, denen ich aber ständig mit klarer Abwehr begegnet bin.
Die Frage: Was wird aus Deutschland? war im wesentlichen Sache der Interalliierten Kommission, dem Ausdrucksorgan der Alliierten mit Einschluß Rußlands. Gelegentlich und in sehr vertraulichen Besprechungen einiger deutscher Häupter in dem Geflüster drang darüber bis in unsere Kreise etwas durch. Sicher war keiner. Noch bis zuletzt in den Spätsommer- und Herbsttagen des Jahres 1946 hieß es: Nichts Gewisses weiß man nicht. Gelegentlich hatte die Prominenz, zu der einige Spitzen wie Amelunxen, Kopf, Lehr und zwei oder drei Herren aus Süddeutschland gehörten, etwas läuten hören, doch stand um die Sommerwende das Überbleibsel der Germania nach dem Zuschnitt der Alliierten fest: Und siehe da: Lippe hatte neben Cuxhaven das fatale Vergnügen, in dem Dokument der Alliierten, das das Endergebnis wiedergab, ausdrücklich aufgeführt zu werden als Gebiet, worüber in der Zuteilung zu Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen „erst später verfügt“ werden sollte. Das deutete mir auch Mr. Albu an, der am 12. Dezember 1946 als Sprecher und Aushorcher der Alliierten noch in Detmold war und uns ausfragte. Aber das waren ja nur Beiläufigkeiten, die Würfel waren gefallen, – Deutschland war zerrissen, das Spiel – das mit dem ersten Weltkriege begann und durch Hitler im Abenteurer-, ja Verbrechergewande fortgesetzt wurde, war verloren, und: Wehe den Besiegten, blieb die geschichtlich so oft erhärtete Losung. Auf der hohen Ebene wurde um die Wende der Jahre 1945/46 auch in die Gemeinde- und Kreisverwaltung wieder Leben gebracht. Die Einzelheiten können hierbei übergangen werden. Alles fügte sich verhältnismäßig leicht, wie immer, wenn auf bedürfnisreichem Grunde in der Nachbarschaft eine Organisation zu eigenem Nutzen geschaffen werden soll.

Die wiederum zerrüttete Reichsmark, die deutsche Währung, kam in Ordnung durch den Kaiserschnitt vom 20. Juni 1948. Alle Geldbestände flössen in den Schmelz-tigel. Die Bundesbank schenkte uns ein Butterbrot in neuer Währung, und die Losung hieß: So, nun futtert, – aber arbeitet und verdient.
Die Presse hatte lange schweigen müssen, war zwar vorhanden, aber im Knebel und maulte. Doch diese Maulsperre der vis major hielt. Einmal angetickt und wachgerufen zu Ende 1945 stieß man auf britische Vorbehalte. Am 3. Dezember 1945 war bei mir eine Besprechung mit 10 bis 12 Vertretern gewisser Zeitungskreise. Der Oberst war informiert und einverstanden. Wir hatten eine halbe Stunde sachlich verhandelt, dann drang der „Pressemajor“ Mr. B . .. polternd durch die Tür und hielt uns unter persönlichen Ausfällen gegen Max Staercke und mich, der ich ohne seine Erlaubnis handele, eine Standpauke. Das war starker, sehr starker Tabak illoyalen Gehalts.
Ich stellte darob mein Amt dem Obersten Mc.-Gregor zur Verfügung und verlangte eine Klärung und Rechtfertigung. Drei Wochen mußte ich warten. Am Tage nach Weihnachten bekam ich den Bescheid, ich sei im Recht, der „Pressemajor B . . .“ sei in seine Schranken gewiesen und dürfe mein Dienstzimmer allenfalls nur noch mit schriftlicher Erlaubnis des Leiters der Militärregierung betreten.
Wegen der grundsätzlichen Bedeutung diesesVorganges sei er hier nur kurz angeführt.
Unter der Kontrolle der Militärregierung war dann die Presse „frei“. Zuerst kam in Detmold die „Freie Presse“ heraus, dann die „Westfalenzeitung“ und später die „Lippische Landeszeitung“. In Bielefeld sah man „Freie Presse“ und „W. Z.“
Ja, so war das vor 20 Jahren. Und die erneuerten Anfänge kennen, dient zum Verständnis der Gegenwart. Aus dem Verständnis der Gegenwart peilt man dann mutig in die Zukunft hinein.

Quelle: Heimatland Lippe 05/1965