Als es noch „Dienstmädchen“ gab

Hoffmann's Stärke. Kleinplakat, Werbeaufsteller. Farblithographie. 40 x 60 cm. Bad Salzuflen um 1912. von Anonym (Galerie Bassenge) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Minnas der guten alten Zeit sind ausgestorben. Heute will niemand mehr Dienstmädchen heißen, selbst der Titel einer Hausangestellten zieht nicht mehr. Es ist schon einige Generationen her – wir müssen ins vorige Jahrhundert zu­rückblicken -, als die Mädchen, selbst soweit sie noch als „gut situiert“ galten, Stellung im städtischen oder ländlichen Haushalt annahmen. Die Haushaltungen waren meist recht einfach. Oft war Vieh vorhanden. Eine Stellung bei einer Kaufmannsfamilie war schon eine „bessere Position“, und wenn ein Mädchen bei dieser „zugehen“ konnte, so konnte es sich was darauf einbilden.
Gewöhnlich ging die Mutter kurz vor der Konfirmation der Tochter zu der für diese in Aussicht genommenen Stelle und machte die Sache fest. War der Zeitpunkt des „Zugehens“ gekommen, brachte die Mutter ihre Tochter in die neue Stelle. Zum Zeichen des Einverständnisses seitens der Herrschaft, wurde der Mutter der sogenannte Mietstaler ge­schenkt. Die ganze Habe des Mädchens bestand gewöhnlich aus einem gewölbten Holzkoffer mit zwei seitlichen eiser­nen Griffen. Der Koffer enthielt durchweg zwei Paar Strümpfe und ein Paar Sonntagsstrümpfe, die letzteren wa­ren noch gewöhnlich die Konfirmationsstrümpfe, die aus rosa Wolle selbst gestrickt waren. Der Konfirmationsstaat lag auch mit im Koffer. Er bestand gewöhnlich aus einem grauen oder braunen Kleide, dieses wurde sowohl bei der Examination wie auch zur Konfirmation getragen. In selte­nen Fällen kam ein zweites Kleid in Frage, und dann war es in der Regel schwarz. Zwei Paar Schuhe waren meistens auch vorhanden, das eine Paar für den Sonntag, das andere für den Alltag. Hinzu kamen die unentbehrlichen Holz­schuhe. Ein schönes wollenes Umschlagtuch ersetzte den Mantel. Das Tuch wurde vorne am Halse mit einer „Spendel“, der Messingnadel mit dickem Kopf zusammengehal­ten. Einen Hut kannte man nicht. Ein „Baschlik“ – das war eine Art Kopfschützer in Form eines schmalen gestrickten Schales bildete im Winter die wärmende Kopfbedeckung. Um einen Hut erstehen zu können, mußte man 3 bis 8 Mark anwenden und der Verdienst betrug im ganzen Jahre etwa 10 Taler.

Im Garten Winters in Leopoldstal um 1900. Die Gäste sitzen in der zu jedem richtigen Garten Laube, das Personal seht daneben. Quelle: Lippe Anno dazumal II

So ein junges Mädchen, das eben der Schule entwachsen war, wurde zu allen Haus- und Feldarbeiten zugezogen. Auch schon bevor es in Stellung ging, war das Mädchen ge­wohnt, im Elternhause tüchtig zuzugreifen. Da ging man schon mit etwa 6 Jahren zu anderen Leuten, um Kindermäd­chen zu sein. War man etwa 8 Jahre alt, dann hieß es, vor und nach der Schulzeit in die Zigarrenfabrik zu gehen. Hier verdiente man schon guten Lohn, etwa 30 Pfennig pro Tag. Bekannt waren in Lage die Zigarrenfabriken Wolff, Recking und Heucken. Das Deckblatt der Zigarren führte schon der­zeit den hochklingenden Namen „Kentucky“. Später kam die Arbeit in der „Stickenfabrik“, wo hauptsächlich Schwe­felhölzer mit Phosphor-Reibflächen hergestellt wurden. Die Stickenfabrik lag an der Gartenstraße, später Kohlenhand­lung Ostmann. Auch hier bot sich den Schulkindern Gelegenheit, Geld zu verdienen. Der Lohn betrug neben wö­chentlich einem Sack Abfallholz 40 Pfennige täglich. Natür­lich waren derartige Verdienstmöglichkeiten sehr gesucht. Wann – so wird der Leser fragen – haben diese erwerbstüch­tigen Kinder denn nun ihre Schularbeiten gemacht? nun -das Auswendiglernen von Gesang- und Bibelversen und Ka­techismussprüchen geschah bei der Arbeit. Die größeren Mädchen halfen den jüngeren und überhörten ihnen ihre Aufgaben. Abends nach der Arbeit wurden dann noch bei dem Schein eines Oellämpchens die schriftlichen Arbeiten erledigt. Im Sommer fing der Schulunterricht gewöhnlich um 7 Uhr an und endete um 10 oder 11 Uhr. Im Winter da­gegen eine Stunde später.
So kamen die Mädchen früh mit der rauhen Wirklichkeit in Berührung. Sie waren daher schon in jugendlichem Alter zum Arbeiten meistens recht geschickt. Die Hausarbeiten wie Fegen, Kartoffeln schälen, Spülen des Geschirrs ging schon flott von der Hand. Auch Kenntnisse im Melken der Ziegen, Streuen der Ställe, Futtern des Viehs waren schon vorhanden. Früh 5 Uhr ging’s aus den Federn, besonders, wenn noch Feldarbeit zu verrichten war. Man ging schon in der „Uchte“, das heißt von Sonnenaufgang. Später um 7 Uhr wurde dann Kaffee getrunken. An frische Brötchen dachte kein Mensch. Es gab eingeweichtes Brot in einem Kump mit Kaffee darauf, das waren die Plocken. Auf ande­ren Stellen gab es anstatt der Plocken Hafergrütze, beides war sehr gesund und nahrhaft.
Zu den Obliegenheiten des Mädchens gehörte auch, auf­zupassen, daß die Ziegen oder Kühe rechtzeitig herausgelas­sen wurden, damit der Hirte diese mit zum „Berge“ nahm oder auf die Heide, das war die Gegend des heutigen Sedan-platzes am Bahnhof. Um 4 Uhr früh ging in früheren Jahren der Ziegenhirte, später der Kuhhirte durch die Stadt, um mit seinem Hörn die Schläfer zu wecken, die Stalltüren fürs Vieh aufzumachen, damit dieses mit auf die Weide konnte. Das Vieh wußte genau Bescheid, wo es sich einzufinden hatte und punkt 6 Uhr zog der Hirte mit seinen Pflegebefohle­nen ab. Um 11 Uhr hatten sie sich wieder eingefunden, um gemolken zu werden. Um 2 Uhr ging’s erneut zur Weide, um 6 Uhr wurden dann die Ställe wieder aufgesucht. Letzte­re waren mit frischer Streu versehen. Wehe aber dem Mäd­chen, das sich verschlafen hatte, es mußte seine Kühe selbst zum Berge bringen, und das war eine große Schande. Auch sonst fanden sich viele Hausarbeiten vor, so daß der Tag voll ausgefüllt war. Nach getaner Arbeit wurde des Abends noch gestrickt oder es ging beizeiten ins Bett.
An Freud und Leid der Herrschaft nahm so ein Mädchen regsten Anteil. Es war gar keine Seltenheit, daß ein Dienst­mädchen Jahrzehnte in ein und derselben Familie tätig war oder doch bis zu seiner Verheiratung verblieb. Auch in späteren Jahren bestand immer noch ein freundschaftliches Band mit der früheren Herrschaft.

Quelle: Lppe Anno dazumal II, Verlag F.L. Wagener, Lemgo, Cl. Arabin-Welcbert