Als Junglehrer in Hohenhausen

Eine alte Dorfschule

Von 1908 bis 1911 war ich Nebenlehrer in Hohenhausen. Es war nicht ganz einfach, zwei Klassen mit zusammen 151 Schülern, darunter eine ganze Reihe, die eigentlich in eine Hilfsschule gehört hätten, und selbstverständlich auch regelrechte kleine Bösewichte und Faulpelze darunter, 32 Wochenstunden im Zaun und in Zucht zu halten, und selbstverständlich griff auch ich, wie das damals allgemein üblich war, zum Bakel1Schulmeisterstock, obwohl ich mir oft genug sagte, ob nicht ein anderes Mittel bessere Erfolge gezeitigt hätte. Als ein Elfjähriger einen Automaten aufgebrochen und ein Vogelnest ausgenommen hatte, schlug ich hart zu, was mir beinahe zum Verhängnis geworden wäre, gehörte doch der Bösewicht einer regelrechten asozialen Familie an.

Christian Röding half, und ich rührte den Stock ein Vierteljahr nicht wieder an.
Mit dem zweiten Junglehrer, Hermann Blattgerste, der etwa vier Jahre älter als ich war und schon seine einjährige Militärzeit bei den 39ern in Düsseldorf hinter sich hatte, verband mich bald eine innige Freundschaft. Er wollte im Herbst seine zweite Lehrerprüfung machen und zog mich von Anfang an in seine Vorbereitungen mit hinein. Trotzdem nahmen wir uns Zeit zu ausgedehnten Spaziergängen und vierhändigem Klavierspiel. „Zampa“, „Der Calif von Bagdad“, „Dichter und Bauer“ übten wir bis zur Konzertreife, was für Hohenhauser Verhältnisse allerdings nicht viel besagen wollte. Alle vier Wochen tagte die Bezirkskonferenz unter Fritz Kuhlemeiers Leitung, und ich mußte den Schriftführerposten übernehmen.
Einige Wochen nach meinem Dienstantritt wurde in Bavenhausen nach fünfzigjährigem Dienst der alte Wülker verabschiedet, und ich machte erstmalig eine Lehrerfeier mit. Nach der offiziellen Rede des Taller Pastors Blome sprach Kuhlemeier für die Lehrerschaft, was mir mächtig imponierte, erfuhr ich doch erstmalig, was sich aus einem Lehrerleben alles konstruieren ließ. Im gemütlichen Teil feuerte der Vorsitzende des Schulvorstandes, Frevert-Niedermein — damals schon eine bekannte politische Persönlichkeit — den Jubilar immer wieder zum Trinken an, indem er ihm zurief: „Wülkersvadder, habt Ihr noch einen hinein?“ Küster Röding verabredete bei dieser Gelegenheit mit seinen Kollegen Rüggemeier-Langenholz-hausen, Rehme-Talle, Wolff-Bentorf und Bödeker-Lüdenhausen Besuche, um den jungen Nebenlehrer in die Familien einzuführen, was damals noch üblich und immer mit einem langen Hin- und Rückwege verbunden war. An der Kaffeetafel saßen dann auch meine ehemaligen Seminarkollegen, aus Bentorf Grabbe, aus Langenholzhausen Worth und aus Talle der sangesfreudige Otto Vietmeier, später Rektor in Detmold und unvergessen in seinen Schnurren und Döneken. Auguste Röding führte den jungen Lehrer auch in ihren Bekanntenkreis ein, bei den Bauern Wege in Westorf, Höfer in Brosen und Korfesmeier in Hohenhausen, bei dem Apotheker Meyer und Superintendent Corvey, wo Jutta Poppe ihr Zepter schwang.

Hermann Blattgerste hatte einen ganz anderen Gesellschaftskreis, dem ich nun auch zugeführt wurde Da waren der Rendant Altenberndt, der Dr. med. Mette, der Gerichtssekrerär Leo Schäfer und die Bauern Dietrich-Selsen, Bökemeier und Nieweg-Echternhagen. Es waren lebensfrohe und daseinsbetonte lustige Gesellen, mit denen wir auf Kohlbreis Kegelbahn. in den gemütlichen Gasträumen des Lippischen Hofes und bei Bruchkrügers Auguste frohe Stunden verlebten. Verschweigen will ich auch nicht die beiden Höhepunkte des winterlichen Lebens: den kameradschaftlichen Ball bei Rottmanns, zu dem alle Bauern des Nordens mit ihren Töchtern erschienen, und den mit einem Konzert verbundenen Festabend des Hohenhauser Gesangvereins, dem ich als Dirigent vorstand, der die gesamte Bürgerschaft der Zentrale des Nordens und all ihre entzückenden jungen Damen vereinte und bei dem die damals berühmte Kapelle Berger aus Varenholz zum Tanz aufspielte. Als wir einmal Schumanns Zigeunerleben mit Tamburins und Triangeln aufführten, eine Reihe von Bürgertöchtern sich Zigeunerkostüme geschneidert hatten und mein Freund August Grabbe aus Detmold gemeinsam mit meinen im Norden stehenden Klassenkameraden als Gäste erschienen waren, da gab es eine regelrechte kleine rauschende Ballnacht in Bökes Saal, von der wir alle noch lange zehrten.
Besonders stark beeindruckt war ich von der ersten Teilnahme an der großen Hauptversammlung des Lippischen Lehrervereins im Jahre 1908 in Rödings Saal in Lemgo, bei der das von der Regierung im Lippischen Landtag eingebrachte Volksschulgesetz zur Debatte stand und der Geheime Oberregierungsrat Heldman und Konsistorialrat Deppe, der Vater des Gesetzentwurfes, diesen der Lehrerschaft gegenüber zu verteidigen hatte. Die Leitung des Lehrervereins hatte damals der alte Schneider aus Bentrup, und unter seiner Stabführung sang zu Beginn der Tagung die Gesamtversammlung den Choral: „Dir, Dir, Jehova will ich singen.“ Wie stolz war ich, der eben Zwanzigjährige, einer solchen Berufsgruppe anzugehören. Mein Stolz wuchs aber noch, als nach der Begrüßung der hohen Gäste durch den Vorsitzenden und nach den Gesetzerläuterungen durch die Regierungsvertreter, die Vorstandsmitglieder — als Vertreter der Lehrerschaft saßen am Vorstandstisch 1908 schon, außer Schneider, Koch-Sabbenhausen und Geise-Lage — den eingebrachten Entwurf kritisch unter die Lupe nahmen. Aus der Versammlung selbst hagelte es nur so von Wortmeldungen. Ich sah und hörte erstmalig Kantor Schelling-Heiden, Rebbe-Nienhagen, Schöning-Reelkirchen, Pankoke-Schieder und Knappmeier-Lemgo, die, bis auf den Letzteren, den Entwurf völlig zerpflückten und mit einem mir unbegreiflichen Mut die im Gesetz beibehaltene geistliche Schulaufsicht so madig machten und als nicht mehr zumutbar hinstellten, daß mir beinahe die Herren von der Regierung ein wenig leid taten. Im Herbst 1908 zog die Regierung den Gesetzentwurf zurück.

Im Winter 1908 richtete die Handwerkskammer erstmalig Meisterkurse ein, und Eickmeier-Lemgo und Geisler-Detmold, die persönlich in Hohenhausen erschienen, überredeten uns zur Übernahme des Unterrichts, der dreimal in der Woche abends von sieben bis zehn Uhr im Klassenzimmer Rödings stattfand. Das ging von Mitte Oktober bis Mitte März und endete mit einer großen Feier der jungen Meister, die wahrlich allerlei Kraft hatten aufbringen müssen, um die neue Würde zu erreichen, hatten doch eine Reihe von ihnen aus Talle, Langenholzhausen und Lüdenhausen eine nicht mühelose An- und Rückfahrt mit manchmal recht klapprigen alten Rädern als zusätzliche Belastung auf sich zu nehmen. Mir hatte der Kursus so viel Geld eingebracht, das mein Schuldkonto bei Clemens Groß Johann beträchtlich zusammenschmolz.

Im Frühjahr 1909 meldete sich Konsistorialrat Georg Deppe bei uns beiden jüngeren Lehrern zur Revision an, und da Röding und Koch nicht revidiert werden sollten, glaubten Blattgerste und ich, unser gelegentlich etwas fortgesetzter Lebenswandel in Gesellschaft mit Dr. Mette, Leo Schäfer und Rendant Altenberdt in Kohlbreis Weinstube sei in Detmold ruchbar geworden. Wir brachten Hefte, Akten und Klassenzimmer auf Hochglanz und erwarteten in unsern Bratenröcken den Herrn Kommissar, der in einem geräumigen Landauer, begleitet von seiner Familie, die dann nach Langenholzhausen noch weiterfahren durfte, bei uns erschien und, von der Fahrt durch die herrliche Mailandschaft sichtlich gut gestimmt, uns freundlich begrüßte. Bei jedem blieb er zwei Stunden, und bei mir endete die Revision mit einem großen Lachen, verursacht durch den Schüler Edler aus Eichholz, der gegen meinen Willen und obwohl ich ihm am Tage vorher 20 Pfg. mit der Bitte geschenkt hatte, nicht zu erscheinen, doch angetreten war. In der Erdkunde hatte ich das Land Palästina durchgenommen, und beim Durchblättern des Lehrberichts wählte Georg Deppe dieses Thema und prüfte selbst. Als er nahe der Stadt am See Genezarath, die durch einen Hauptmann bekannt sei, fragte, meldetet sich spontan Simon Edler und rief dem Herr Schulrat zu: „Hauptmann von Köpenik!“ Das gab ein solch schallendes Gelächter, daß Deppe, nachdem er noch schnell die richtige Antwort: „Kapernaum“ erhalten hatte, die Revision schloß Blattgerste und ich aber waren froh, „daß wir noch einmal davongekommen waren“ und unsere dunklen Befürchtungen sich nicht eingestellt hatten. Das mußte am Abend gefeiert werden, und Dr. Mette ließ sich immer wieder die Geschichte von Edler und dem Hauptmann von Köpenik erzählen. Mette war ein Landarzt bester Prägung und holte uns gelegentlich ab, wenn er mit seinem kleinen Gefährt nach Lüdenhausen und Henstorf fuhr, wo es vor dem ersten Weltkrieg keinen Arzt gab.

Ähnlich wie in der Leopoldstaler Schule sah es auch in der Schule von Hohenhausen aus. Um 1929

Mit den Hohenhauser Bürgertöchtern trafen wir außer an den schon angedeuteten Festlichkeiten selten zusammen, war es doch damals in dieser Beziehung anders als heute. In meinem Kosthause Schröder waren zwei Töchter, intelligent, belesen, voller Mutterwitz und umgeben von einer Schar von Freundinnen, mit denen wir sonntags gelegentlich wanderten und wohl auch ein Tänzchen wagten, ja für die Winterfeste sogar einmal eine kleine Aufführung vorbereiteten. Im Jahre 1909 wurde in Hohenhausen am Rodenberge das Jahndenkmal gebaut und eingeweiht, und der Detmolder Turnverein von 1860 hatte den Turnlehrer Fritz Krüger als prominenten Vertreter entsandt, der vor meiner Zeit in Hohenhausen Lehrer gewesen war. Auch den großen Festball machte er mit und war der Liebling aller Damen. Am andern Tage begleitete ich ihn gemeinsam mit Lenchen Bastian, der Tochter eines Zahnarztes aus Bochum, die in Hohenhausen zu Besuch weilte und, obgleich erst sechzehnjährig, das große Fest mitgemacht hatte, sie war wiederholt meine Tanzpartnerin gewesen.
Bei der Wirtschaft Waterloo verabschiedete uns Fritz Krüger, und wir beiden jungen Menschen standen plötzlich allein auf der Landstraße. Wir hatten mindestens noch eine Stunde Rückweg und mußten unsere Schritte leider sehr beschleunigen, da Lenchens Tante, Frau Missing, strengste Ordre gegeben hatte, um 6 Uhr zurück zu sein. Beim Abstieg vom „Elend“ schwärmte sie dauernd von dem eben Verabschiedeten, und das ging mir gegen die Schnur. So begann ich von Detmold zu schwärmen, vom Theater, von der Schauspielerin Toni Witt, vom Schloßplatz und der goldenen Hofkutsche. Das blasse Großstadtkind neben mir wurde ganz still und bat mich plötzlich, ob sie ein wenig einhängen dürfe, da die Füße schmerzten; nur mit Erzählen solle ich fortfahren, sonst könne sie gar nicht mehr. Als ich sie pünktlich bei Mutter Missing ablieferte, bat sie mich, ihr doch noch am anderen Morgen an der Postkutsche auf Wiedersehen zu sagen. Das war um 5.20 Uhr in aller Herrgottsfrühe, denn um 7 Uhr schon fuhr von Lemgo aus ihr Zug. Ich brachte das Opfer, obwohl auch die vorhergehende Nacht verteufelt kurz gewesen war. Und als ich die kleine Hand hielt und eine Träne in Lenchens Auge sah, schien mir der Schwärm, den wir in „Waterloo“ verabschiedet hatten, längst vergessen zu sein.

Quelle: Heimatland Lippe 09/1963 von Heinrich Röhr