Als Radfahren noch gefährlich war

Lemgoer Fahradclub von 1904. Foto von E. Ohle

Mit Peitsche und Pistole

Nicht nur Kinder und frei umherlaufende Hunde bedeuteten um 1880 eine große Gefahr für einen Radfahrer, sodaß man jemanden, der ohne Peitsche gefahren wäre, mit Recht als äußerst leichtsinnig bezeichnet hätte.

Gruppenbild mit Kutsche und Radfahrer. Um 1910.

Wenn sich ein solcher Velozipedfahrer1Laufrad durch die Dörfer schlängelte, dann ließen die Bauern ihre Hunde los und hetzten sie hinter dem verrückten Kerl her. Übrigens hatten nicht alle Radfahrer Peitschen, sondern die ganz gewitzten waren mit Schreckschußpistolen ausgerüstet.

Die Reparatur eines solchen Rades war gar nicht so einfach. Es gab damals in Detmold nur einen, der diese Kunst so recht verstand, das war Alfred Pieper aus der Hornschen Straße. Wenn sonntags die Radfahrer von außerhalb nach Detmold kamen, dann standen immer eine ganze Anzahl reparaturbedürftiger Räder bei Pieper auf der Straße, oft 20 und mehr. Es gab damals ja weder Luftreifen noch Rücktrittbremsen, zudem waren diese Ungeheuer so schwer, daß sie nur mit mehreren Mann in das Haus geschafft werden konnten.

Das erste, von dem damaligen Bildhauer Isermann hier in Detmold gefahrene Fahrrad hatte Holzräder und war nach meiner Erinnerung weit über zwei Meter lang. Interessant ist auch, wie ich beinah das Radfahren in der damaligen Zeit erlernt hätte. Im Jahre 1892 wollte ich mir auch so ein Veloziped anschaffen. Da ich mit Pieper gut befreundet war, erbot er sich, mir das Fahren beizubringen. Damals verlief an der Hornschen Straße, gleich am Anfang des Kuhkampes, ein Fußweg zum Falkenkrug. Das wurde der Übungsplatz, den wir jeden Abend aufsuchten.

Hier zeigte mir Pieper, wie ich auf den Auftritt treten mußte, um mich mit dem rechten Fuß abstoßen zu können. Als ich dies eine genügende Zeit geübt hatte, sollte ich ein längeres Wegstück stehend auf dem Rade fahren. Mich gleich auf den Sattel zu schwingen, war nach den damaligen Lehrmethoden nicht statthaft. Nach einigen weiteren Tagen waren wir beide damit einverstanden, die weiteren Versuche als aussichtslos aufzugeben. Pieper hat mir kein Rad verkauft, und ich habe das Radfahren auch nicht gelernt. Unserer Freundschaft hat dies jedoch keinen Abbruch getan, und an seinem 80. Geburtstag haben wir uns vergnügt dieser Episode wieder erinnert und sie herzlich belacht.

Polizeiverordnung von 1901

Radfahrkarte und Fahrradsteuer

Radfahrkarte von 1922.

Wer radfahren wollte, mußte zu Beginn dieses Jahrhunderts im Besitz einer Radfahrkarte sein, wie unten abgebildetes Dokument beweist.
Kaum zu glauben ist, daß es beinahe auch eine Fahrradsteuer gegeben hätte. Als es kurz nach 1900 mit den lippischen Finanzen schlecht stand, kam der Lippische Landtag auf die Idee, das Loch im Haushaltsplan mit Hilfe einer Fahrradsteuer zu stopfen. Jeder Besitzer eines Drahtesels sollte mit fünf Goldmark dabeisein.
Doch kaum hörten die Radfahrer von dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit, als sie eine große Protestversammlung in Detmold einberiefen. „Das Rad – ein unentbehrliches Verkehrsmittel des kleinen Mannes“ hieß der allgemeine Schlachtruf, und man verfaßte die nachstehende Entschließung und sandte sie dem Landtag zu:

„Die im ,Odeon‘ zu Detmold versammelten Radfahrer und Radfahrerfreunde aus dem ganzen Lande ersuchen den hohen Landtag, von der Einführung der Fahrradsteuer Abstand nehmen zu wollen. Die Versammlung hält das Fahrrad für ein hervorragendes , Kulturmoment‘, dem eine Extrasteuer anzulegen als verfehlt betrachtet werden muß.“

Dem massiven Protest der gesammten lippischen Radfahrerschaft konnte sich der Landtag nicht verschließen und kapitulierte.

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