Als Schloß Brake noch Landesresidenz war

Schloß Brake als Brauerei, Blick in den Schloßhof, um 1865, Lithographie (Lipp. Landesmuseum Detmold).

Über eine Sonderausstellung im Weserrenaissance-Museum

Vom 27. Mai bis zum 4. November 1990 wurde im Weserrenaissance-Museum Schloß Brake die Sonderausstellung „Residenz der Renaissance — Schloß Brake“ gezeigt. Nach der Eröffnungsausstellung, in der programmatisch die künftigen Arbeitsgebiete des Museums umrissen wurden, geht es nun darum, besonders interessante Aspekte zu vertiefen. Anhand der bewegten Bau- und Kulturgeschichte des Wasserschlosses Brake bei Lemgo werden in dieser Ausstellung exemplarisch Aufgaben und Funktion eines Residenzschlosses, mit dem Schwerpunkt der Zeit um 1600, erläutert.

Nicht nur die Museumsbesucher der näheren Umgebung sind also angesprochen, denn schließlich waren alle landesherrlichen Residenzen politische Zentren und kulturelle Mittelpunkte ihrer Territorien Ein Residenzschloß war nicht allein Verwaltungszentrum, es war vor allem das ideelle Zentrum, in dem sich der Aufwand an Repräsentation und Inszenierung politischer Macht konzentrierte.
Auch etliche kleine Territorialfürsten leisteten sich, im Ringen um ihre politische Eigenständigkeit, eine aufwendige Hofhaltung. Das Bestreben, an Reichspolitik und internationaler Hofkultur teilzuhaben, das macht die Ausstellung deutlich, verlangte nach repräsentativen Schauplätzen der Selbstdarstellung. Daher gingen wichtige kulturelle Impulse gerade von den Höfen aus. Schließlich waren es die Landesherren, die die nötige Finanzkraft besaßen, Künstler und Architekten von Rang an ihren Höfen zu beschäftigen. Diese Kunst und Architektur stand direkt oder indirekt immer im Dienste der Legitimation und Sicherung fürstlicher Herrschaft. Eine entsprechende Architektur, mit Innenhöfen, Treppenhäusern, Vorzimmern und Sälen hatte das eigene Selbstverständnis und den sozialen Rang zu demonstrieren.

Das Schloß Brake ist nicht, wie z. B. Schloß Bevern bei Holzminden, ein Renaissanceschloß „aus einem Guß“. Brake ist nicht in einer Bauphase entstanden und seine Geschichte reicht, wie die Ausstellung zeigt, bis ins 12. Jahrhundert zurück. Das Kernschloß besteht aus drei Flügelbauten um einen annähernd rechteckigen Hof. Brake war, wie die meisten landesherrlichen Renaissanceschlösser, eine Vierflügelanlage. Der Westflügel wurde allerdings 1811 wegen Baufälligkeit abgerissen.
1306 wurde das „castro Brac“ zum ersten Mal sicher urkundlich erwähnt, als Sitz des Edelherren Simon I. zur Lippe. Die im Schlosse freigelegten Mauern und Substruktionen um 1200 weisen daraufhin, daß hier schon früher eine Wehranlage bestanden hat. Ebenso lassen sich eisenzeitliche Spuren nachweisen, von denen sich jedoch nicht auf eine Siedlungskontinuität bis ins Mittelalter schließen läßt. Die Burg war nicht die einzige, sicherlich aber eine bevorzugte Residenz der aus Lippstadt kommenden Edelherren zur Lippe In der Everstein’schen Fehde verschont, wurde die Burg in der Soester-Fehde von dem 26.000 Mann starken Heer des Dietrich von Moers am 15. Juli 1447 erobert und in Brand gesteckt, da sich der regierende Bernhard VII, genannt bellicosus (1429-1511), den Feinden des Kölner Erzbischofs anschloß. Bernhard VIII. (1536-1563), der das Detmolder Schloß ausbauen ließ, verpfändete 1562 Schloß und Amt Brake an den zahlungskräftigen Land-drosten Christoph von Donop. Danach, von 1570-1583, diente der Bau als „Wittum“, als Alterssitz der Witwen der verstorbenen lippischen Grafen.

Entwurf des barocken Lustgartens, um 1700, Hans Hinrich Rundt zugeschrieben (Lipp. Landesbibliothek).

Seine Glanzzeit als politisches und administratives Zentrum Lippes erlebte das Schloß Brake von 1587 bis 1613 unter dem vielseitig gebildeten und einflußreichen Simon VI. (1554-1613). Er verlegte seine Hauptresidenz von Detmold nach Schloß Brake, vor die Tore der Hansestadt Lemgo, dem wirtschaftlichen Zentrum seiner Grafschaft. Nun ließen sich die Räte und Hofbeamten im Dorf Brake im Schatten der Residenz nieder, deren Höfe in der Ausstellung dokumentiert sind. Von 1584 bis 1591 ließ Simon den repräsentativen Nord-flügel zusammen mit dem 7-geschossigen Schloßturm von dem Lemgoer Baumeister Hermann Wulff errichten. 1603 entstand wahrscheinlich das heute nicht mehr erhaltene Pforthaus. Nach dem Tode Simons, durch den Wechsel der Landesregierung nach Detmold und dem Fortgang des Dreißigjährigen Krieges, wurde jedoch jede weitere Entwicklung gehemmt. Von 1614 bis 1709 war das Schloß der Sitz der Erbherren von Lippe-Bra-ke, die die Verwaltung der Braker Ämter übernahmen. Unter Graf Casimir (1627-1700) erlebte das Schloß eine neue Blütezeit. Ab 1665 wurde der mittelalterliche Ostflügel umgebaut, und unter Casimirs Nachfolger, Graf Rudolph (1664-1702), entsteht ein großer barocker Lustgarten.

Adam und Eva, Stukkaturen im Braker Schloßturm, Conrad Rotermundt zugeschrieben, um 1586.

Verhängnisvoll erwies sich das Testament Simons VI. von 1597. Es führte zu einem permanenten Erbfolgestreit zwischen den lippischen und den schaumburg-lippischen Grafen noch bis ins 19. Jahrhundert. Daher gelangte das Schloß 1734, nach dem frühen Tod des letzten Braker Erbherrn 1709, Ludwig Ferdinand, als Pfandbesitz an den Schaumburger Grafen Albrecht Wolfgang, der hier fünf Jahre lang residierte. Erst mit dem Einzug der verschwenderisch lebenden Fürstin Johannette Wilhelmine, im Oktober 1747, die als Witwe des Grafen Simon Henrich Adolph mit ihren fünf Kindern hier ihren Wohnsitz bezog, kamen die Detmolder Fürsten in den Besitz des Schlosses. Nach dem Tode der letzten Bewohnerin, Gräfin Charlotte Clementine (1730-1804), ließ die regierende Fürstin Pauline 1805 das gesamte Inventar versteigern. Für die Ausstellung wurde allen Spuren nachgegangen, die auf den ehemaligen Schloßbesitz hinweisen, so daß wiedergefundene, bisher nicht bekannte Gemälde und Kunsthandwerk aus Privatbesitz gezeigt werden können. Pauline richtete 1811 auf dem Gelände des ehemaligen Lustgartens eine Anstalt für psychisch Kranke ein. Das ist ein, wie die Ausstellung zeigt, auch psychiatriegeschichtlich interessantes Kapitel. 1819 verlor Brake völlig seine Residenzfunktion und der Nordflügel wurde Verwaltungssitz des Amtes Brake. Zugleich nahmen der Südflügel und Teile des Ostflügels von 1825 bis 1908 eine fürstliche Musterbrauerei auf, die dem zunehmenden Branntweinkonsum im Lande entgegenwirken sollte
Die gesamte Schloßgeschichte von der Burg bis zum Schloß, vom 12. Jahrhundert bis ins späte 19. Jahrhundert, ist durch Ausstellungsstücke vertreten. Ausgegrabene mittelalterliche Vierpaßtöpfe werden ebenso gezeigt, wie der originale Kamin des 1709 errichteten Mar-stalles und ein Daubenfaß aus der Brauereigeschichte.
Die „Lemgoer Rebellion“ von 1609 wird wieder lebendig, in der das nach konfessioneller und wirtschaftlicher Autonomie strebende Lemgo von seinen Mauern aus „das grobe Geschütze auf unser allernegst darbei gelegen-nes Hauß Brack mehrenteils gerichtet . . und unser Hauß Brack in den Grundt schießen wollten“, wie der aufgebrachte Graf Simon VI. schrieb. Auch das Schreiben des Generals von Tilly vom 20. März 1628 an Otto zur Lippe-Brake, der damit den Kaiser Ferdinand IL im Dreißigjährigen Krieg für sich einnahm, ist gezeigt. Alle lippischen Kulturinstitutionen und etliche private Leihgeber trugen zur Ausstellung bei. Sie gliedert sich in folgende Abteilungen:

        1. Was ist ein Schloß?
        2. Bau- und Kulturgeschichte vom 12. bis ins 15. Jahrhundert
        3. Die Renaissance-Bauten
        4. Der Repräsentationsbereich Turm, Säle und Bauplastik
        5. Zur Baugeschichte vom 17. bis ins 19. Jahrhundert
        6. Domänenbereich, Barockgarten, Lindenhaus, Fürstlich-Lippische Brauerei
        7. Das Dorf Brake Simon VI. zur Lippe
        8. Höfische Kultur Nachfolger Simons VI. im Schloß

 

Bildnis Graf Simon VI. zur Lippe, Öl auf Leinwand (Lipp. Landesmuseum Detmold.

Wesentliche Teile der Sonderausstellung wurden als Teil der Dauerausstellung übernommen. Über diese Ausstellung hinaus ist das Schloß Brake selbst das wichtigste Exponat. Die historische Bausubstanz im gesamten Museumsbereich ist entsprechend ausgeschildert. Auch der Renaissance-Turm, der bester-haltenste und interessanteste historische Bauteil, ist in seiner raffinierten Kombination als Treppen- und Wohnturm für die Besucher zugänglich. In zwei tonnengewölbten Räumen sind hier reiche Rollwerkstukkaturen und figürliche Reliefs von Conrad Rotermundt (um 1586) zu besichtigen.

Ein Renaissanceschloß, das wird oft vergessen, diente nicht nur der Repräsentation, in ihm war meistens auch ein Wirtschaftshof einbezogen. Von den einstigen Domänengebäuden des Schlosses Brake sind allein acht Bauten erhalten geblieben, die der Besucher, gewissermaßen als Freilichtbereich, vollständig oder teilweise besichtigen kann. Insbesondere das im Zustand des frühen 19. Jahrhunderts wieder hergestellte Waschhaus östlich des Kernschlosses sowie das einzigartige private Mühlenmuseum der Familie Vietmeier, mit einer intakten Ölmühle (1805) und einer Sägemühle (183 1) direkt am Schloß, sind auch über die Sonderausstellung bis zum 4. November 1990 hinaus zugänglich. Über das Schloß und die umliegenden Gebäude informiert ein Kurzführer.

Quelle: Heimatland Lippe: 05/1990 – Von  Dr. Jose Kastler

Die baugeschichtliche Entwicklung von Burg Brake von den Anfängen um 1200 bis zur Umgestaltung in ein Renaissanceschloss im 16. Jahrhundert. Idee und Umsetzung: Eckehard Deichsel M.A. (Weserrenaissance-Museum Schloß Brake)