Als Vornholte (Varenholz) Lippisch wurde

Eine mittelalterliche Gerichtssitzung in der Lüneburger Heide. Vorarbeit für ein Gemälde von vier mal sieben Meter für den Sitzungssaal des Landgerichtsgebäudes Lüneburg.- von Ferdinand Brütt

»Tho -enne!«

Mit kräftigem Fluche schleuderte der Ritter Statius von Vornholte den steinernen Bierkrug gegen die Wand, daß die Scherben durch die Halle flogen und der Schaum an die Eichentäfelung der Decke spritzte. Noch einen verächtlichen Blick ließ der Ritter über die Männer gleiten, die aus den Bänken und unter dem Tische den schweren Rausch ausschliefen. Dann warf er sich stöhnend in den Sessel zurück, der dabei in allen Fugen knackte, und starrte noch eine Weile vor sich hin, bis auch ihm die Lider sanken.

Da regte sich’s drüben auf der Herdbank an dem großen Kamin.  Ein schlanker, sehniger Jüngling erhob sich geräuschlos, rieb sich die Augen, strich sich über das wirre, blonde Gelock und reckte sich. Er zupfte sein Wams zurecht und rückte den Gürtel mit dem schönen, silberbeschlagenen Dolche, den er aus dem harten Lager zur Seite geschoben, wieder gerade. Verwundert schaute er sich nun um. Die Fackeln waren niedergebrannt und schwelten. Nur eine leuchtete noch, warf ihren düsterroten Flackerschein auf die schlafenden Zecher und spiegelte sich in den blanken Rüstungen, die an den Wänden standen. Zwischen Arnolds Brauen grub sich eine zornige Falte. Da lagen sie nun, seine Oheime Statius und Hinrich, sein Vater Boldewin und seine Brüder Johann und Statius, da lagen sie nun in tiefem Rausch. Das schwere Honigbier hatte des Herzens Weh hinweggeschwemmt, ohne trübe Gedanken ruhten sie die letzte Nacht als freie Männer auf dem freien Erbe, in der freien Burg ihrer Väter.

Des Jünglings Herz pochte laut, seine Fäuste krampften sich zusammen, als er an das Morgen dachte. Der dumpfe, stickige Dunst der Halle legte sich schwer sauf seine Brust und raubte ihm den Atem. Er schritt zum Fenster, stieß die dicken Eichenläden auf und sog in langen Zügen die milde, würzige Lust der Sommernacht ein. Durch die Krone der alten Linde auf dem Burghof strich ein leiser Hauch. Der fuhr ihm nun mit sanfter, wohliger Zärtlichkeit über Wangen und Haar: Komm heraus zu mir! Im Gebüsch des Burggrabens sang eine Nachtigall. Da hielt es Arnald nicht länger im Bau. Behutsam schloß er die Läden und stieg über knarrende Treppenstufen in den inneren Hof hinab. Ein Hund knurrte leise: »Still, Faßan!« Da kam das Tier wedelnd herangesprungen und leckte seinem Herrn die Hand.

Den Riegel zurück, ein kräftiger Stoß, und das schwere Tor drehte sich knarrend in den Angeln.  »Daß du auch immer jammern mußt!« sprach Arnold ärgerlich, aber das Tor beharrte bei seiner Bosheit; denn als er es von außen wieder schloß, knarrte es noch toller. »Nun habe ich sicher den alten Hancord da oben noch aus dem Schlummer gerissen,« dachte der Jüngling lächelnd. Richtig, etwas verstört und verschlafen kam vom Bergfried herab die Stimme des Türmers: ,,Heda, wer ies dor?« ,,Schlop man tho, Hancord,« antwortete Arnold, ,,ick sin’t man·« Da war alles wieder still.

Nun aber kamen zwei große Wolfshunde heran, die Wächter des äußeren Hofes. Sie sprangen vor Freuden an ihm in die höhe, daß er Mühe hatte, sie zu beruhigen. Auf verstecktem, beschwerlichem Pfade gelangte er endlich über Mauer und Graben ins Freie.

Tief aufatmend blieb Arnold am Hange des Kirchberges stehen, schaute sich um und lauschte. Der erste rote Saum des neuen Tages sah über die Weserberge, vom Tale herauf klang Hahnenschrei, in der Ferne bellte ein Hund, und am Burggraben schlug immer noch süß und sehnsuchtsvoll die Nachtigall.  Sonst Stille und Frieden. Auf Vornholte lag alles noch in tiefem Schlafe·

Der Jüngling seufzte auf. Warum muß ich denn wach sein? dachte er, warum flieht gerade mich der stärkende Schlummer? Trifft’s mich denn härter als die anderen, das herbe Geschick? Auch sie wissen doch, was der kommende Tag für uns alle bedeutet, dieser 15. Junius Anno Domini 1323, an dem dieser schwere Vertrag geschlossen werden soll, der uns von der stolzen Burg unserer Väter nur zwei Burgsitze als Lehen beläßt und das alte freie Geschlecht derer von Vornholte zu Burgmannen der Edlen herren zur Lippe macht! Arnold senkte das Haupt, zwei zornige Tränen stahlen sich in seine Augen. Mit einem heftigen Rucke des Kopfes schleuderte er sie fort und stieg in finsterem Sinnen den Berg hinan.

Wie war das doch alles soweit gekommen bis zu diesem schweren Schritt? Jahrhunderte schon saß sein Geschlecht hier auf der Burg vorm Walde, von Vielen Bauernhöfen der Umgegend zogen sie Abgaben ein, in Langenholthusen saßen sie zu Gericht. Aber sie hatten keinen Platz, sich auszubreiten.  Na, den hatten ja nun manche anderen Geschlechter auch nicht gehabt und hatten es doch zu etwas gebracht, daß sie jetzt die großen Herren spielen konnten.

Vielleicht haben uns auch nur die Ellbogen gefehlt, die die anderen hatten, sprach Arnold vor sich hin, die Ellbogen, mit denen sie die kleinen einfach beiseite geschoben haben.  Ja, die kraftvollen, rücksichtslosen Ellbogen, die hatten sie nie gehabt.

Nicht, als ob sie je feige gewesen wären, beileibe nicht! An den Römerzügen der Hohenstaufen hatten sie ruhmvollen Anteil genommen, mehr als einer aus ihrer Sippe hatte sich auch das Kreuz auf den Mantel geheftet, im heiligen Lande gegen die Ungläubigen zu streiten, nach Ostland waren sie gezogen wider die Slaven, und den Schaumburger Grafen hatten sie in Holstein treulich beigestanden. Nein, an Mut hatte es ihnen nie gemangelt.

Aber an die Erweiterung ihres Besitzes hatten sie nicht gedacht, während ihre Nachbarn sie immer enger umschlossen. Im Norden hatten die Edelvögte vom Berge fast alles Land zwischen Strom und Gebirge an sich gebracht. Die Schaumburger und die Sternberger Grafen saßen fest und stolz an ihrem Erbe, ständig durch günstige Verträge noch neuen Besitz hinzufügend. Das Kloster Möllenbieck vergrößerte durch Zuwachs an Schenkungen und durch Kauf seine reichen Güter, sodaß die Geschlechter der Umgend, die Helbeker, Rottorper, Posten, Dommeier und all die andern sich nach Belehnung mit einem seiner großen Aemter drängten·

Warum haben wir kein Lehen von den Stiftsdamen genommen? fragte sich Arnold. Die andern stehen sich doch recht gut dabei. Aber er bedurfte keiner Antwort, denn er fühlte wie seine Ahnen, die Vasallenbrot nicht essen mochten.

Aber was half’s? Schließlich konnten sie ihre Selbständigkeit doch nicht mehr behaupten. Der freie Besitz drängte sich immer mehr in den Händen einiger Großen zusammen. Ein freier Grundherr nach dem anderen trat in den Dienst eines größeren geistlichen oder weltlichen Hernn und empfing sein Besitztum als Lehen zurück. Und sie standen sich beide gut bei diesem Geschäft, der Lehnsherr und der Vasall, ging dieser doch nun manchem Verdruß und mancher Gefahr aus dem Wege.

Wer kümmerte sich denn in dieser raub- und fehdelustigen Zeit um das Recht und den Besitz des anderen, wenn nicht eine starke, gepanzerte Faust dahinterstand? Eine starke, gepanzerte Faust, ja, die können wir nicht zeigen, dachte Arnold. Wohl stellen wir im Kriege und im Turnier unseren Mann, wohl ist unsere Burg fest und gut, doch was vermögen wir mit unseren wenigen Mannen gegen die Übermacht der anderen? Was nützen uns Wall und Graben und der trotzige alte Bergfried, wenn die Arme fehlen zu ihrer Verteidigung? Und dann, woher sollten wir auch das Geld nehmen für den Unterhalt so vieler Mannen, das Geld, diese Teufelserfindung der neuen Zeit, die dem Ritter das Leben immer schwerer macht und den Krämern in den Städten die Taschen füllt?

Nein, wir können nicht anders, sprach Arnold dumpf vor sich hin. Unsere Freiheit müssen wir drangeben, nur so können wir uns behaupten. Als Lehnsleute sind wir die Sorgen los um die Verteidigung der Burg und den Besitz unserer Güter, während wir als freie Ritter bald zerrieben würden, wie das Korn zwischen den Mühlsteinen. Aber hart ist’s, setzte er hinzu, grausam hart!

Und er dachte an jenen Winterabend, als nach der großen Wolfsjagd die Herren von Kallendorp nals Gäste auf der Burg geweilt. Wie dann auch die Rede auf die schlechten Zeiten gekommen und Ohm Statius sein bedrücktes Herz ausgeschüttet und geflucht hatte über die großen Herren und ihre vielen Fehden und über die raffgierigen Krämerseelen in den Städten, da hatte Jordanus von Kallendorp gelacht: ,,Dor gift et blauß en middel, wenn ju nich buskklepsers ewerien wold, wat einem jo slemm bekomen kann, lehnslüde möt ju weren!«

Da war er, Arnold, der Jüngste, aufgesprungen, zornrot: Nemmer got wi dienen! hatte er dem Kallendorper zugerufen Die anderen hatten geschwiegen.

Der Ritter aber hatte seelenruhig seinen humpen geleert und den Jüngling dann von unten bis oben angeschaut, ein wenig spöttisch und von der Seite.

»Es en gode slag, Boldewin,« hatte er zu seinem Vater gesagt, ,,doch met söken gedanken werd hei et nich swit bringen. Ne, junker, de tisden oan de frien ridders sind langest Vorbi. Wi Kallendorper föhlt us ousk ganz wohl bi den Lauenburger heren Un vör ju werd ouk de tid komen, villichte froier, ias ju dientet«

Diese Worte des Herrn Jordsanus waren nicht mehr aus ihren Sinnen gekommen, und die Alten wälzten sie im Kopfe herum wie die Jungen. Doch zu seinem Entschlusse kam man nicht.

Varenholz um 1845 - Lithografie von L. Niebour,
Weserbuch von August Engel

Da erschien an einem heiteren Frühlingstage Herr Simon von der Lippe auf Vornholte zu Gast. Der alte fehdelustige Recke hatte an die schöne Burg an der Weser schon lange ein Auge geworfen. Das war so recht ein Waffenplatz nach seinem Herzen. Von hier aus konnte er seinem alten Feinde, dem Mindener Bischof, dem er schon lange Rache geschworen, gelegentlich mal zu Leibe rücken. Und die Wesserschiffahrit kontrollierte er auch gern ein wenig. Nichts konnte ihm daher gelegener kommen, als die Geldknappheiten und Sorgen der herren von Vornholte, wovon er zufällig erfahren hatte.

Sein Plan war gefaßt, und so erschien er denn  plötzlich und unerwartet auf der Burg, um mit den Besitzern über Kauf ihrer Feste und deren nächster Umgebung, sowie des Gogerichtes über das Kirchspiel Langenholthusen zu verhandeln.

Die Besprechungen waren lang und schwer, es kostete einen harten Entschluß. Arnold war nach den ersten wilden Entgegnungen hinausgestürmt, als er sah, daß er einem festen, unbeugsamen Willen gegenüberstand, der auch letzten Endes vor Gewaltmitteln nicht zurückschreckte. So waren Herr Statius und die anderen der Sippe schon halb gewonnen.

Er aber hatte seinen Hengst aus dem Stalle gerissen, ihm die Sporen in die Weichen gedrückt, war über die donnerndse Zugbrückie gesprengt und durch die Fluren gejagt, bis der Rappe schäumte. Abends war er heimgekehrt aber die Halle, wo man dem Gaste mit dem schweren Muskatweine zutrank, hatte er nicht betreten. Er wollte den Triumph nicht sehen in den listigen Augen des alten Graubarts.

Genug, der Kauf war beschlossen, und heute — Arnolds Herz tat seinen lauten Schlag — heute sollte er in aller Feierlichkeit und Förmlichkeit vor sich gehen.

Der Jüngling hatte den Waldrand erreicht und warf einen Blick ins Tal zurück. Da ging ihm das Herz aus im Schauen, sein Auge trank voll Wonne die herrliche Schönheit des Sommermorgens. Auf den Weserweiden lagerte noch ein dünner, zarter Nebelschleier, aber schon sandte die Sonne ihre ersten Strahlenboten vor sich her über die Berge. Da floß rotes Gold über Vornholtes Zinnen, wie mit Diamanten besät schimmmerte Flur und Hag. Dann wurde von unsichtbaren Händen das graue Tuch weggezogen von der Weserau, und hellauf blitztien die Wellen des Stromes. In Schauen versunken stand Arnold da.

Da tönte vom Bergfried hier der Morgenruf des Türmers an sein Ohr. Der Jüngling schrak auf· Das ganze Leid des neuen Tages starrte ihn wieder an. Da drunten die Heimat, —- wohl keinem seiner Sippe hatte sich ihr Zauber so ins Herz gesenkt — das Rauschen der alten Eichen hier am Waldessaum, all das Singen und Blühen ringsum, und dazu der Gedanke: Andere werden hier nun schalten und walten, nur ein Knecht noch wirst du sein auf deiner Väter Erbe!

Bitteres Weh quoll in ihm empor, Tränen traten in seine Augen. Schluchzend warf er sich ins Gras und ließ der heißen Flut, die über seine Wangen rann, freien Lauf. Allmählich ward er stiller, und während vom Tale herauf der Lärm des erwachenden Tages drang, sanken dem Jüngling die tränenschiweren Lider zu erlösendem Schlummer herab.

Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als ihn Stimmengewirr und der Klang von Rosseshufen aus dem Schlafe riß. Schnell sprang er auf. Da meldeten auch schon Hornstöße des Wächtsers das Nahen von Gästen. Arnold blickte sich um. Fürwahr, da kamen schon die Lipper den Kirchberg hinab. Vorneweg Simon, der alte Haudegen in prunkvoller Silberrüstung auf feurigem Sennerhengst. Ihm zur Seite Frau Adelheid auf einem hübschen Grauschimmel. Das blinkende Zaumzeug des stolzen Tieres, die reich mit Goldfäden durchwirkte Haube der Edlen Frau, sowie ihr kostbares Brokatgewand waren wohl imstande, den Neid und die Bewunderung der Vornholter Ritterfrauen zu erregen. Hinter den Eltern ritt, verträumt und ein wenig lässig, Junker Otto von der Lippe, der stille, schwerblütige Sohn des lebhaften, tatenfrohen Vaters. Dann sein stattliches Gefolge von Rittern, Knappen und Knechten. Von den Schilden leuchtete weithin die rote Rose im Silberfelde. Weißer Staub lag an Panzer und Helm, die Pferde dampften von dem langen, scharfen Ritte.

Simons Falkenaugen flammten aus beim Anblick der stolzen Feste. Ein Ruck in den Zügel, zitternd stand der Hengst Der Zug hielt. Arnold sah, wie der alte Recke sich im Sattel hoch aufrichtete und wie er, weit ausschauend ins Wesertal die gepanzerte Rechte gebieterisch von sich stieß, gleichsam, als wollte er dadurch Besitz nehmen von all den Gefilden, die sein Auge sah. Dann ein scharfer Sporenstoß, das Roß bäumte sich wiehernd hoch auf, machte einen mächtigen Sprung und jagte den Berg hinab, während der Zug im Schritt folgte. Schweren Herzens kehrte nun auch Arnold zur Burg zurück.

*      *      *

Laut rasselnd in den schweren Eisenketten legte sich die Zugbrücke über den Burggraben. Das Fallgatter wurde hochgewunden, und das gepanzerte Tor drehe sich stöhnend in den Angeln.

Simon hatte seinen schäumenden Sennerhengst mit Mühe beruhigt. Jetzt hielt er vor der Brücke, bis auch die anderen herankamen. Dumpf dröhnten nun die starken Bohlen unter den Hufen der Rosse, hohl klang der Widerhall vom Steinpflaster unter dem Torbogen, dann hielt die bunte Schar auf dem Burghofe.

Hier herrschte geschäftiges Treiben. Mägde rannten mit Eimern und Töpfen, Knechte sprangen herbei, dien Gästen die Pferde abzussatteln, Kinder liefen staunend hinzu. Das innere Tor wurde geöffnet, und im kostbaren, langen Festgewande, das breite Schwert an der Seite, trat Herr Statius auf die Gäste zu, die unbeweglich auf ihren Rossen saßen.

»Sid hoch willekomen, here Symon von der Lippe, un ouk frouwe Alheide un junker Otto un ju heren alltohoup!  Willekomen up Vornholte! Iu sid uswert in trouwse un frundskap!«

Nun sprang Herr Simon vom Pferde, und die anderen folgten seinem Beispiele. Herr Statius aber trat zu Frau Adielheid, reichte ihr die Hand und half ihr geschickt aus dem Sattel. Die Knechte zogen mit Simons Mannen und Rossen ab, während die Ritterbürtigen aus dem Gefolge ihrem Herrn zur Seite blieben, der sich jetzt dem Pallas zuwandte.

Im Torbogen aber stand ein Edelknabe mit einem mächtigen Goldpokale von herrlicher kunstvoller Arbeit. Dieser Pokal war das Prunkstück derer von Vornholte; einer ihres Geschlechtes hatte ihn einst als Sieges- und Ehrenzeichen aus einem Turniere nach Hause gebracht.

,,Drinkset thooör den willekomensdrank, Here Symon, sprach Statius, indem der Page den Pokal kredenzte.

»Wolup denn, so drinke ick up dat heil un de ehre van de heren un frouwen van Vornholte!«

Damit nahm Simon den Pokal und tat einen kräftigen Schluck. Der Becher machte die Runde, und dann schritt Statius mit seinen Gästen dem Rittersaale zu.

Dort harrte neben den Herren und Frauen von Vornholte schon ein anderer würdiger Gast, Herr Hinrich von der Lippe, der Domprobst von Minden, der als Simons Bruder auch seine Zustimmung zu dem bedeutungsoollen Vertrage geben mußte und deshalb mit einigen geistlichen und weltlichen Herren im Gefolge schon vor einer Stunde aus Minden eingetroffen war.

*     *     *

Die feierlichen Begrüßungen nach höfischer Zucht und Sitte waren vorüber, ein kräftiges Mahl hatte alle gestärkt, und nun konnte in aller Förmlichkeit der wichtige Vertrag geschlossen werden.

An dem mächtigen, reichgeschnitzten Eichentisch der weiten Halle saßen sich gegenüber die von der Lippe und die von Vornholte Das ritterliche Gefolge drängte sich am Eingange zusammen. Durch die Fensteröffnungen im Süden blickte die Sonne herein, glitzernd und funkelnd auf dem blanken Metall der Schilde, Panzer und Helme Die im Sommerwinde leise rauschende Burglinde aber ließ die Schatten ihrer Blätter im Sonnengolde tanzen auf den Gesichtern und an den Wänden. Aus dem Erkerfenster der Nordseite grüßte das Auge der Weserberge blaues Band.

Ein Mönch trat an den Tisch. Das feine, stille Gelehrtengesicht mit den tiefen, blauen Denkeraugen stand in merkwürdigem Gegensatze zu der in das dichte Gelock geschnittenen Tonsur und dem groben Mönchsgewand. Aus einer sorgfältig verschnürten Lederhülle nahm er zwei Pergamentrollen, reichte die eine dem Domprobst und breitete die andere vor sich aus. Dann hub er mit lauter Stimme zu lesen an:

Wy, her Statius und hier hinrich, riddere, Boldewin, en knape, brodere van Vornholte, Johan, Statius und Arnold, dessulwen Boldewinis kindere und alle use rechten erwen bekennen an dusser jegenwerdigen schrifft, dat wy den Edelen heren, hern Symone und der Edelen frouwen, frouwe Alheide van der lippe und alle oren rechten erwen hebbet verkofft de borch tho Vornholte und dartho twene kempe und dat gogerichte ouwer dat karspele tho Langenholthusen und alle, dat wy dar sanne hadden. Und wy hebbet öne daranne desto betteren koup gegewen, dat se us nehmen tho verlenden borchmannen ewichlichen up dersulwigen horch, also dat wy twe borchsate up dersulwigen owersten borch beholden.

Wöre. dat de vorbenompte here van der lippe, vor Alhieid suiner frouwen eder oren rechten erwen, desulwigen kempe bevestenen wolden eder en statt darup maken, dar schollen wy vorbenomte van Vornholte twe borchsate uppe beholden, ene up dem unneren kampe, de andere up dem anneren kampe. Desulwen borchsate, de bescheden sint, de mogen wy und use rechte erwen buwen na use gemarke und na use macht. Daran und an anneren erffthaftigen gode schall us her Symon vor Alheid und ore rechten erwen nich hinneren und schallen us und use wiss, use ingesinde und use goder verdedingen tho alleine usem rechte.

Und wy vorbenompte her Symon vor Alheid und alle use rechten erwen bekennet an dussen brewe, dat wy die vorbenompte borch tho Vornholte nich versetten noch verlenden jennigen borchmannem noch ammetman darup setten, de den vorbenompten van Vornholte und oren rechten erwen jennige welde eder unrecht doin, an luif noch an gode.

Dit louwet wy, her Symon und frouwe Alhieid und her Hinrich de domprawst van Minden und junker Ottho van der Lippe an trouwen tho holden ewiglichen vast und stede und hebbet use ingesegele an dussen briew hangen, und wy van Vornholte tho seiner ewigen stedigkeit aller dusser beschrewenen dinge, hebbet wy ouf dussene brew use ingesegele thogehangen.

Dusse brew is gewenna godes bort dusent drehunnert jar in dem dre und twintigsten jare, tho vitus daghe

 

Langsam, Satz um Satz hatte der Bruder gelesen. Immer wieder hatte er halt gemacht, ob vielleicht der eine oder der andere noch etwas zu bemerken oder auszusetzen hatte. Aber was war da noch zu sagen? Es war ja alles schon vorher genau besprochen und abgemacht. So  hatten denn die Vornholter nur ernst und schweigend zugehört, während Herr Simon immer unsgeduldig zum Weiterlesen gedrängt hatte.

Nun ließ er sich von seinem Knappen ein kleines Kästchen reichen, dem er sein silbernes Petschaft[footnote number=“1″ ]Ein Stempel aus einem harten Material, der geeignet ist, ein Siegel in eine Siegelmasse (Siegellack usw.) einzudrücken.[/footnote] entnahm. Statius hatte schon Wachs und das Siegel seines Geschlechtes in Bereitschaft. Schmale Pergamentstreifen wurden durch den unteren Rand der beiden Urkunden gezogen, die Enden der Streifen durchs ausgeträuseltes Wachs verbunden, und dann besiegelten beide Parteien den Vertrag. Stolz und freudig setzte Herr Simon die blühende Rose hin, schweren Herzens drückte Herr Statius die vier gekreuzten Ringe in das Wachs. Darauf tauschten alle Vertragschließenden den bindenden Handschlag aus.

Der schwere Schritt war getan. Jeder fühlte die Bedeutung dies Augenblicks. Keinem wollte ein Wort über die Lippen, nur vom Eingange her kam leises Geflüster. Die Sonne hatte sich hinter einer Wolke verkrochen, der Lindenblätter fröhliches Schattenspiel war zu Ende. Schwüle lastete auf der Halle.

Da fuhr ein Windstoß über den Tisch, daß die Pergamente raschelten. Herr Simon sprang auf:

»Wolup, ju heren, nu thor owergawe!«

Damit schritt er den anderen voran zur Halle hinaus.

Über den Hof bewegte sich der Zug, die Brücke rasselte herab, und hinaus ging es in die freie Natur. Mitten auf dem oberen Kampe machte man Halt. Alle Versammeltsen bildeten einen Ring, Herr Simon und Herr Statius traten hinein. Der von Vornholte zog sein breites Ritterschwert ritzte damit den Boden, hob ein viereckiges Rasenstück heraus und reichte es Simon mit den Worten:

»Na owergewe wy van Vornholte düssen owersten kamp hern Symon van der Lippe vor ewige tiden tho rechten eigen un erwdeel.«

Simon aber nahm das Rasenstück, warf es zu Boden, setzte den rechten Fuß darauf und sprach:

,,Ick, her Symon van der Lippe, nehme düsssen owerstsen kamp up vor ewige tiden in min rechte eigen un erwdeel.«

Dann schritt der Zug nach dem unteren Kampe, und in gleicher Weise wurde auch hier die Übergabe vorgenommen.

Zurück zur Burg! Mit mächtigem Schwertstreiche hieb Herr Statius in den dicken Eichenpfosten des Burgtores, daß ein großer Splitter zu Boden fiel. Den überreichte er Simon mit den Worten:

»Wy van Vornholte owergewe düsse borch tho Vornholte met mannen un muern, met thor un thorn (Turm) hern Symon van der Lippe vor ewige tiden tho sinen rechten eigen un erwdeel.«

Darauf wieder Simon:

»Ick, her Symon van der Lippe nehme düsse borch tho Vornholte met mannen un muern, met thor un thorn, vor ewige tiden up in min rechte eigen un erwdeel.«

Am Herrenhause hielt man abermals. Simon setzte seinen rechten Fuß auf die Schwelle, berührte mit der Hand den Türppfosten und nahm Besitz von Haus und Hof.

In der Küche aber wurde durchs Herrn Statius feierlich das Feuer derer von Vornholte gelöscht. Simon haute auf der Deel ein Stück Holz entzwei, entzündete die Späne auf dem Herde mit einer brennenden Fackel, ergriff den Kesselhaken und nahm Küche und Keller, Heim und Herd in sein Eigentum und Erbteil aus.

Noch einmal zurück in den Herrensaalt´! Auf den Erkerstufen steht Herr Simon, und vor ihm leisten knieend die von Vornholte den Lehenseidt:

». . . un so swören wy van Vornholte, dat wy usen rechten hern, hern Symon van der Lippe, vor Allheid un alle ore rechten erwen wolden trouwe holden ewichliche stede un faste . . . «

Die Übergabe war vollzogen; der Rest des Tages war der eingehenden Besichtigung der Burg gewidmet Vergrößerungen und Umänderungen wurden schon für die nächste Zeit in Aussicht genommen. Vornholte sollte ein trotziges Bollwerk werden, eine starke Schutzwehr gegen Simons viele und mächtige Feinde. Die Rittergeschlechter der Umgegend mochten sich dann um die Burgmannssitze auf Vornholte bewerben, Platz genug war da für neue Steinwerke.

*     *    *

Auf dem Kirchhofe zu Langenholthusen herrschte in den Morgenstunden des folgenden Tages reges Leben. Unter der Linde am Tore tagte das Gogericht. Herr Statius von Vornholte saß als Gograf auf dem erhöhten Steinsitze. Seine Rechte hielt den weißen Richterstab, auf dem steinemen Tisch lag sein Schwert, der Schild mit den vier ins Andreaskreuz gestellten Ringen hing zu seinem Haupte am Lindenstamm. Die zwölf Schöffen saßen auf Steinbänken ihm zur Seite, während das Volk in weitem Halbkreise die Stätte umstand. So hatten hier seit Jahrhunderten die von Vornholte zu Gericht gesessen, hier hatten sie mit ihren Bauern Rat gehalten in guten und bösen Tagen. Stets hatten sie sich treu zur Seite gestanden.

Von heute an aber sollte das nun anders werden. Von heute an sollte ein anderer hier als Gerichtsherr walten.  Ein anderer Wille sollte gelten, ein anderes Gesetz. Das alles ging den Leuten durch den Sinn, als ihnen ihr Gograf nun verkündete, daß die Burg zu Vornholte Und das Gericht zu Langenholthusen in den Besitz des Herrn von der Lippe übergegangen sei.

Und dann nahm Herr Statius sein Schwert vom Tische, Und seinen Schild nahm er vom Lindenstamm. Den Stab gab er dem ältesten Schöffen zum Zeichen, daß er die Richterwürde in die Hände des Volkes zurücklege.

Jetzt trat Herr Simon in den Kreis, und der Schöffe ging auf ihn zu und überreichte ihm den Stab mit den Worten:

»Wy schöpen ower da gogerichte tho Langenholthusen wiset hern Symon van der Lippe tho usen rechten hern Un gogrewen, dat he richte ower man un ban, eigen un erwdeel, welde un unrecht, bede un denft«

Daran ging Simon an den Richterstuhl, hing den Schild mit der roten Rose an die Linde Und legte sein Schwert auf den Tisch. Dann winkte er Herrn Statius heran, reichte ihm den Richterstab und rief mit lauter Stimme:

»Ick, her Symon van der Lippe, her ower dat gogerichte tho Langenholthusen, fette hern Statius van Vornholte, minen verlenden borchmannen, tho minen gogrewen in un wisse öne, fho richten an miner statt ower man un ban, eigen un erwdeel, welde un unrecht, bede un denst«

Lauter Beifall erscholl im Kreise, als Herr Statius nun wieder den Richterstuhl einnahm. Zwar hing von nun an der Schild mit der Rose über seinem Haupte, aber sonst blieb doch alles, wie früher, und als der Gograf dann im Namen Herrn Simons das Gericht schloß, ging jeder zufrieden nach Hause.

*    *     *

Abendfriede senkt sich auf das Wesertal herab. Von Molenbeke her klingt die Vesperglocke. Auf den Feldern wogt das blühende Korn im scheidenden Sonnenstrahl. Der starke Duft frischen Heues durchzieht das Tal, hochbeladene Wagen rollen heimwärts. Vor der Weserkette liegt ein Dunstschleier, Und die -Schaumburg und das Haus am Berge (die Burg der Edelvögte vom Berge bei dem heutigen Hausberge) sind im Nebel verschwunden. Aber ruhig und majestätisch wallt der Strom, und stark und stolz blicken Vornholtes Mauern.

Ein Gefühl sicheren Geborgenseins zieht in die Herzen seiner Bewohner. Sie stehen jetzt in machtvollem Schutz. Die starke gepanzerte Faust, die sie so lange entbehrt, schirmt die Heimat; denn über den vier ins Andreaskreuz gestellten Ringen prangt und leuchtet von nun an sdie lippische Rose.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1924 – Von Wilhelm Süvern

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