Alt-Oerlinglausen von der Sachsenhalle bis zum Bau der Kirche

Außenansicht der Tönskapelle, By User:1984isReality (Own work)

Heute wissen wir dank der Grabungsergebnisse, daß das altsächsische Urlinchuson nicht oben am Berge, sondern im Talgrund, westlich der alten Kirche, an den Landerquellen lag. Die Scherbenfunde gehören dem 5. bis 10. Jahrhundert an, die Sachsensiedlung hat somit dort 500 Jahre bis zur Vollendung der Kirche bestanden.

Nachdem die Sippe dort festen Fuß gefaßt, ihre Wohnhäuser, Stallungen, Eisenschmelz-, Backöfen und sonstigen Wirtschaftsgebäude errichtet hatte, ging es an den Bau eines großen Versammlungsraumes, eines Gemeindehauses, einer Halle. Ihr Standort mußte so praktisch wie möglich gewählt werden, leicht zu befestigen und zu verteidigen sein. Andererseits sollten auch Nachbarsippen die Möglichkeit haben, auf bequemen Wegen zur Halle gelangen zu können. Man wählte daher für diesen mächtigen Bau die Landzunge im unteren früheren Vogelschutzgehölz, die trotz der Erosion heute oben noch eine Breite von über 10 Metern und eine Länge von 60 Metern hat. Im Winkel von 45 Grad fallen die beiden Längsseiten zu Tale und auf der einen Seite zum Bach ab. Auf nur 1½ Meter breitem Pfad gelangte man von der Südostseite zur Halle, während die Nordwestseite steil abfiel.

Grundriß der Sachsenhalle

Außerordentlich günstig waren die Verbindungen zu den Nachbarsippen. Ein Weg führte Vom Sachsendorf Dalbke (das ich ebenfalls entdeckte) durchs Schopketal zur Halle, ein zweiter von Markengrund über Wöstenfeld, der dritte kam von Gräfinghagen, der vierte von Menkhausen und Barkhausen, der fünfte führte über den heutigen Pastorengang, den Tönsberg hin- auf zum Heiligtum (später Hünenkapelle), und der letzte stellte die Verbindung zum Sachsendorf am Landerweg her. Wir sehen, daß hier der Schnitt- und Brennpunkt aller Wege war (wie es noch heute bei fast allen alten Kirchen der Fall ist). Diese Erkenntnis veranlaßte mich, 1938 auf der fraglichen Landzunge zu graben. Der Erfolg war einzigartig. Ein gewaltiger Bau von 23 Meter Länge und 5 Meter Breite (gekennzeichnet durch Pfostenreihen), dessen Satteldach auf mächtigen Firstträgern ruhte, konnte festgestellt werden. Ein großer runder Herd von 2,50 Meter Durchmesser und V2 Meter Tiefe erwärmte die große Halle und spendete Licht (s. Zeichnung!). In einiger Entfernung vor der Halle wurde ein aus Feldsteinen aufgebauter, guterhaltener Bratherd und am Nordwesthange der Landzunge ein runder Backofen mit einem Innendurchmesser von 1,50 Meter gefunden. Eine Abfallgrube außerhalb der Halle zeigte noch Reste von verabfolgten Mahlzeiten: Pferd, Rind, Wildschwein, Hase, Reh  u. a. Die zerbrochene Keramik wies auf Kugeltöpfe, Becher, Flaschen und Krüge mit Ausgüssen hin. Reste von Arbeitsgeschirr fanden sich nicht. Daraus ist ersichtlich, daß es sich bei diesem Bau um eine Festhalle handelt, in der Versammlungen wichtiger Art stattfanden, in der über Krieg und Frieden und über Verteidigungsmaßnahmen entschieden wurde. Vielleicht ist die Flurbezeichnung: „Auf dem Friedhof“ und der Familienname „Friedhof“ ein Hinweis für diese Annahme. Jahre und Jahrzehnte friedlichen Aufbaues vergingen. Der karge sandige Lehmboden im Ur-Dorf reichte nicht mehr aus, Mensch und Vieh auf die Dauer zu ernähren. Neues Ackerland mußte gewonnen werden.

Eine große breite Fläche, mit Gestrüpp, Buschwerk und Bäumen bewachsen, dehnte sich im Nordwesten des Ur-Dorfes aus. Dieses wurde durch Anlegen eines großen Brandes für den Ackerbau gewonnen. So entstand die „Allmende“, d. h. Ackerland, das allen gemeinsam gehörte. An diese „Eschländereien“ erinnern heute noch die Flurnamen: „Auf dem Breitesk, dem Breitars oder Breitees“ und auf „Der Howe“, d. h. Hufländereien. Die letzteren wurden später der Vogtei zugesprochen.

Eine große Arbeit war geleistet, und nun konnte ein jeder wieder seiner Beschäftigung nachgehen, der eine schaffte Rohmaterial, wie eisenhaltigen Sandstein vom Tönsberg, Kalkstein aus der südlichen Kette des Teutoburger Waldes und Lehm herbei, der andere unterhielt den Meiler und den Eisenschmelzofen, ein dritter formte Töpfe, ein vierter unterhielt den Backs (Gemeindebackofen), einem anderen lag die Viehzucht ob, und alle beackerten je ein Stück des Bodens (den man jährlich wechselte) und gingen gemeinsam auf Jagd. Überall entstanden im alten Sachsenlande blühende Anwesen. Ihr gemeinsamer Herzog war Widukind.

Das große Gebiet umfaßte Ostfalen, Westfalen und Engern. Jeder Gau war in Marken eingeteilt und erhielt je einen Führer, einen Edeling. Da die große Heeresstraße, der Hellweg, südlich vom Teutoburger Wald verlief und womöglich von dieser Seite aus einmal eine Invasion feindlicher Heerscharen zu befürchten war, kamen den Sachsen, die bereits schon in den Uranfängen von den Cheruskern angelegten Burgen innerhalb des „Teutoburgensis“, des Teutoburger Waldes, sehr zustatten.
Ur-Oerlinghausen hatte die Aufgabe, die Tönsbergburg zu befestigen und größer auszubauen (Schuchard bezeichnet sie mit „Sachsenlager“). Ihre Wehrleute wurden die Bauern von „Währentrup“ (früher „Wehrentrup“ geschrieben). Die Sachsen von Billinghausen und Umgebung hatten ihre „Münterburg“ und die „Waterböer“ und Lämershagener, unsere westlichen Nachbarn den „Hünensaut“ herzurichten und zu verteidigen. „Unsere“ Mark reichte bis kurz vor dem „Hünensaut“, bis „Markengrund“. sie alle sollten das größte Bollwerk in der Osningkette werden. Das war der Wunsch Widukinds und seiner Edelinge. Unsere unter Leitung von Professor Reinerth im Jahre 1938 an der Tönsbergburg durchgeführten Grabungen beweisen, daß sie die größte und besterhaltene Cheruskerburg Deutschlands ist, d. h. die Uranfänge stammen aus der Zeit um Christi Geburt. Mit ungeheurem Fleiß, zäher Ausdauer und stetigem Einsatz vieler Menschen schufen dann die Sachsen dieses mächtige Bollwerk mit tiefen Gräben, Haupt- und Nebenwällen von 500 Meter Länge. 10 000 Menschen konnten dort in Zeiten der Gefahr Schutz finden. Sie wurde zur Gauburg.

Gleichzeitig ging man heran, die im Gebirge vorhandenen Längs- und Querwälle wiederherzurichten, zu vervollständigen und weiter auszubauen. Wir bezeichnen sie mit „Landwehren“. Es ist sehr schwer, mit Bestimmtheit zu sagen, aus welcher Zeit sie stammen, da bei Grabungen und Anfertigung von Schnitten niemals irgendwelche Scherben zum Vorschein kamen. Und doch glaube ich nach meinen Untersuchungen nicht fehlzugehen, wenn ich die Wälle mit nur einem Außengraben als vorsächsisch, die mit Außen- und Innengraben als sächsisch oder später bezeichne. Es ist Tatsache, daß der Wall in der Cheruskersiedlung am Barkhauser Berge nur einen Außengraben nach der Paßstraße aufweist, während der Abschlußwall des Ur-Dorfes einen Innen- und einen Außengraben zeigt. Demnach sind als sächsisch oder einer späteren Zeit zuzuweisen die Landwehren in der Stapelager Schlucht, dem Wistinghauser Schling, dem Paß von Oerlinghausen (Widfeld), die hinter dem Schützenplatz, die am Brunsberge, die am Wartebrink bei Menkhausen und die im Markengrund vor dem Hünensaut. Das System dieser Landwehren zieht sich durch den ganzen Teutoburger Wald hin- durch von Lopshorn bis nach Osnabrück. — Doch auch im Vorgelände beiderseits des Gebirges stoßen wir auf diese Wälle, Knicks oder Schlinge. Sie hatten ihre Bedeutung bis in die Neuzeit hinein. Noch vor 200 Jahren wurde das hiesige Pfarramt aufgefordert, auf seinen Ländereien die vorhandenen Landwehren wieder herrichten zu lassen. Heute sind alle Landwehren mehr oder weniger verfallen und nur noch in ihren Resten vorhanden. Ursprünglich waren sie mit allerhand Busch- und Strauchwerk, wie Wildrosen, Schlehen und Weißdorn bepflanzt und bildeten so ein undurchdringliches Dickicht. Reste von diesen Anpflanzungen sind bei Oerlinghausen noch heute vorhanden. Im Wistinghauser Schling hat sie noch eine Länge von nahezu 100 Metern, stellenweise bis 40 Meter Breite. Auf dem Widfeld im Oerlinghauser Paß, dann südlich des Schützenplatzes hat sich dieses Hindernis bis auf den heutigen Tag erhalten.

Es ist erklärlich, daß in den späteren Jahrhunderten manche Familien eine bestimmte Arbeit an den Landwehren zu verrichten hatten und einen Zunamen erhielten, der sich bis heute gehalten hat. So hatte der „Schleppenbäumer“ die Aufgabe, die Bäume für das Abriegeln der Schlinge herbeizuschaffen (Familienname: Schleppenböhmer), der „Schlingheider“ war Hüter der Schlinge, ebenso die Schlings. Schlingpeider ist Peter am Schling, die vielen Landerbartholds wohnten an den Landwehren. Aber auch verschiedene Flurnamen deuten auf die Landwehren hin: „In der Lanner“, Landerweg, Lannergärten, Landerbusch, Wehrendeich u. a. —

Kehren wir nunmehr zu den Bewohnern unseres Ur-Dorfes zurück! Was Rudolf von Fulda im allgemeinen über die Sachsen sagte, dürfte auch auf unsere Vorfahren am Fuße des Tönsberges zutreffen: „Sie waren daheim friedlich und in gütiger Freundlichkeit auf das allgemeine Beste bedacht; auch wandten sie vortreffliche Gesetze zur Bestrafung der Übeltäter an. dazu bemühten sie sich eifrig, viel Nützliches und nach natürlicher Auffassung Schönes sich zu beschaffen und zwar auf redliche Weise.“

Dann aber kam der Störenfried!

Schon lange raunte man im Sachsendorf von einem mächtigen Frankenkaiser, der mit Feuer und Schwert versuchen wolle,  die friedliebenden Sachsen von ihrem alten Glauben abzubringen und sie zur Unterwerfung zu zwingen. Schon hieß es, er rücke mit einem mächtigen Heere von der Nordostgrenze seines Landes gegen sie vor, führe Heerstraßen vom Rhein an Ruhr und Lippe aufwärts bis zur Weser, richte überall fränkische Königshöfe ein, gründete Bistümer und habe sogar die Absicht, „Konzentrationsläger“ einzurichten. Wer den neuen Glauben nicht annimmt, so hieß es, wird in entlegene Gegenden „deportiert“. Hinzu kamen noch die berüchtigten Paderborner „Kapitularien“, die bestimmten, daß alle, die es wagten, die heiligen Handlungen des alten Glaubens zu verrichten, vom Volk ausgeliefert werden sollten. Wir lesen weiter: „Wer hinauswandert zu den Hügeln der Ahnen, wer eine Kirche beschädigt, wer sich nicht taufen läßt, wer die Fastenzeit nicht beachtet, wer eine Leiche verbrennet, wer Pferdefleisch isset u.s.w., der sterbe des Todes!“ .

Ein Sturm der Entrüstung und Bitterkeit ging durchs gesamte sächsische Volk. Kampf bis aufs Messer schwuren sie dem Frankenkaiser Karl.

Schon 772 wendet sich Karl gegen die Sachsen, nicht ahnend, daß dieser von ihm angezettelte Krieg 30 Jahre dauern würde. Das Kriegsglück war bald auf der einen, bald auf der anderen Seite. Die Sachsen kämpften um ihre Existenz, um ihre Freiheit, während Karl ihnen eine neue Religion aufdrängen wollte, daher der zähe Wider- stand der Sachsen. Den entscheidenden Schlag aber gegen die Sachsen führte Karl im Jahre 783 bei „Theotmalli“ (Detmold) und an der Haase bei Osnabrück aus. Warum er die festen Burgen westlich von Detmold, wie die Münterburg bei Währentrup, die Gauburg auf dem Tönsberge und den Hünensaut bei Lämershagen nicht angriff, wissen wir nicht, doch ist anzunehmen, daß der Sieg bei „Theotmalli“ große blutige Opfer gekostet hatte.

Die völlige Niederlage der Sachsen bei Detmold und Osnabrück besiegelte auch das Schicksal von Ur-Oerlinghausen. Karl übte am unterlegenen Feind furchtbare Rache.

Das Loch in der Hünenkapelle

In Verden richtete er ein „Konzentrationslager“, das erste seiner Art, ein. Hier hinein sperrte er die sächsische Intelligenz, die Führerschicht und die Priester an den Heiligtümern. Wer sich der Macht des Königs nicht unterwarf, wurde „umgesiedelt“ in entlegene Gebiete. Die Orte Sachsenberg, Sachsenburg (Rhl.), Sachsendorf (Thr.), Sachsenhagen und Sachsenhausen reden eine deutliche Sprache. Natürlich gab es auch unter den Sachsen einige Abtrünnige, die ihres eigenen Vorteils wegen ehrwürdige Sippengenossen denunzierten. Karl machte mit allen kurzen Prozeß. 4500 wurden in Verden a. d. Aller hingerichtet! Es ist anzunehmen, daß unter ihnen auch der sächsische Priester vom Tönsbergheiligtum und der Edeling von Urlinchuson waren. — Die von mir im Jahre 1926 in der Hünenkapelle auf dem Tönsberge durchgeführte Grabung zeigte im Innern der Kapelle ein eigenartiges, in dem dort anstehenden Sandstein eingehauenes Loch von etwa 80 cm Länge, 60 cm Breite und 70 cm Tiefe, dessen Bedeutung mir unklar blieb. Die zweite Grabung 1938 bestätigte den Befund von 1926. Unklar blieb auch dieses Mal sein einstiger Zweck. Nun berichtet aber Rudolf von Fulda, ein Zeitgenosse Karls: „Sie (die Sachsen) verehrten ihre Gottheit unter mächtigen Eichen, in Heiligen Hainen oder unter hohen Holzsäulen, die sie sich schufen, und die sie in ihrer Sprache Irmensul nannten, gleichsam das Weltall tragend.“ Sollte hier eine solche Säule gestanden haben? Wenn ja, dann wurde sie von den Franken beseitigt und der Priester abgeführt (siehe Bild: Das Loch in der Hünenkapelle!).

Ähnlich erging es auch dem Hof Urlinchuson. Die oben beschriebene Halle war dem „Eroberer“ ein Dorn im Auge. Sie ollte, weil der geistige Mittelpunkt der Mark, vom Erdboden verschwinden. Sie wurde zerstört und abgerissen. Das den Sachsen fortgenommene Land beschlagnahmte Karl und erklärte es zur „causa regis“. Karl gründete das Bistum Paderborn und schenkte die eroberten Sachsenhöfe unserer Gegend dem Paderborner Bischof. Damit war das germanische Allodialsystem durch das fränkische Feudalsystem mit dem Grundsätze, daß jedes Stück Land Eigentum einer Person oder einer juristischen Person sein müsse, ein- geführt. Orgien der Schenkungen — von Land eines rechtlos gemachten Volkes — an Kirchen, Klöster oder der sich Karl unterwerfenden Führer kennzeichnen die nächsten Jahrhunderte.

So lesen wir in der Urkunde vom 25. Mai 1036: „Bischof Meinwerk von Paderborn stattet das durch ihn gegründete Kloster (Busdorf) an der Ostseite von Paderborn mit dem ihm gehörenden Zehnten von 17 Haupthöfen — curtes dominicales — und 71 dazu gehörenden Vorwerken — vorwerc — aus, worunter auch folgende genannt werden: Evenhus mit 13 Vorwerken und unter diesen Colstide (Kohlstedt); Barchusen (Barkhausen) mit den 5 Vorwerken

Orlinchusen

(Oerlinghausen), Meginchusen (Menkhausen), Burchusen (Niederbarkhausen), Hepyn (Heepen) und Ykamannincthorp (Eckendorf) usw. Außerdem schenkt er dem Stifte noch den Zehnten über das Vieh und die Bienenbestände — examina apum — in der Synatha (Senne).“

Um seine Machtposition zu stärken, baute Karl der Große überall im Lande Kirchen und Kapellen. So nehmen Historiker an, daß er der Erbauer der Kirche zu Heiligenkirchen sei, aber auch unserer Hünenkapelle auf dem Tönsberge. Der Geschichtsschreiber des Bistums Paderborn, der ehrwürdige Schaten, berichtet, daß die Hünenkapelle die„capella sancti adjutorii“, die Dankeskapelle Karl des Großen sei. Papst Leo III. habe die Weihe vorgenommen.

Wir fragen uns nun, warum wählte Karl diese immerhin 3½ km von Orlinchuson entfernte Höhe des Tönsbergs zum Bau der Kapelle. Doch wohl deshalb, weil hier vor seinen Kämpfen eine heilige Stätte der Sachsen war, und die er zerstört hatte. Glaubte Karl allen Ernstes, daß die inzwischen zum neuen Glauben gezwungenen Sachsen nun in hellen Scharen zur neuen Kapelle eilen würden? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Lange wird die Kapelle, in der Form, wie sie Karl der Große erbaute, nicht gestanden haben, denn der Haß gegen den Eroberer hielt bei vielen an. Das mußte Karl immer wieder erfahren. Nicht umsonst stand in seinen Kapitularien: „Wer eine Kirche beschädigt, der sterbe des Todes!“ Erst im 14. Jahrhundert wurde die Kapelle wieder, und zwar massiv, aufgebaut und zur Zeit der Pest (1348) dem hl. Antonius geweiht und diente dann bis zur Reformation als Wallfahrtskapelle. Nur eine Ruine ist übriggeblieben!

Alt-Oerlinghausen sank zur Bedeutungslosigkeit herab. Sein Heiligtum auf dem Tönsberge und seine Halle im Dorf hatte es einbüßen müssen. Seine Führer waren verschleppt oder hingerichtet. Dazu mußte der bisher freie Bauer den Zehnten an Naturalien, aber auch an Vieh und Bienenwachs ans Kloster abliefern. Der von Karl eingesetzte „earl“, der Graf, sorgte für termingemäße Ablieferung der Gefälle. Hoch oben auf dem Westabhange des Tönsberges, da, wo heute die Jugendherberge steht, hatte er seine Burg (Burghagen) und konnte von hier aus das Dorf und seine Bewohner kontrollieren. Er war ein eifriger Beamter seines Kaisers, so daß dieser sich veranlaßt sah, ihm das ganze Gelände westlich von Oerlinghausen bis zum Markengrund als freies Jagdgebiet zu schenken (Gräfinghagen!).

Das erste christliche Grab

Das erste christliche Begräbnis im Dorf
Auf Drängen des „earls“ erschienen nun die Mönche von Paderborn im Dorf und führten zäh und unnachgiebig, sich auf die „Kapitularien“ stützend, mit regem Eifer die Christianisierung durch. Einige der Sachsen ließen sich aus Überzeugung, andere aus Furcht vor Strafe taufen. Die dritten standen nach wie vor abseits, und die vierten haßten die neue Lehre und die Mönche. Diese hatten also keine leichte Arbeit. Alle Ermahnungen und Vorstellungen, die „capella“ Karls auf dem Berge und den Gottesdienst dort zu besuchen, fruchteten nur bei wenigen. Hier mußte also Wandel geschaffen werden. Der Bischof, in Verbindung mit dem Papst, ordnete daher um das Jahr 1000 den Bau einer Kirche an weitgünstiger Stelle an. Der Grund und Boden der ehemaligen Halle eignete sich absolut nicht für die Ausführung dieses Planes, er war zu sandig, zu klein und nicht festgründig. Und doch sollte die Kirche erstehen in unmittelbarer Nähe des alten Sachsendorfes, auf einer Anhöhe, weithin sichtbar. So kam man überein, den heutigen Platz am Paßübergang durchs Gebirge zu wählen.

Lange, bevor man mit dem Bau der Kirche begann, war die erste „Christin“, ein 16—17 jähriges Mädchen, gestorben. Große Erregung im ganzen Dorf bemächtigte sich der Bewohner. Was sollte mit der Verstorbenen geschehen? Nach Urväter Brauch mußte sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, damit die Seele frei wurde und auf fahren konnte nach Walhall. Doch das verboten die „Kapitularien“. „Wer eine Leiche einäschert, der sterbe des Todes!“ Wohl oder übel mußte die Leiche nach christlichem Empfinden bestattet werden.

Eilig wurde ein Baumsarg aus dem Stamm einer Eiche von 1,70 m Länge und 0,60 m Durchmesser unter Zuhilfenahme von Feuer, Meißel und Schlägel angefertigt. Andere Sippenangehörige schaufelten in 9 m Entfernung vom Wohnhause, der aufgehenden Sonne zu (ein christlicher Friedhof war noch nicht vorhanden!) in dem gelblichweißen Sand eine Grube von 1,40 m Tiefe. Pietätvoll legte man die so früh Verstorbene in den Baumsarg hinein, legte ihr den Perlenschmuck (blaugrüne Glasperlen und Bernstein) um den Hals, stellte nach sächsischem Brauch zwei Beigefäße für „Wegzehrung“, einen sächsischen Topf mit Pferdefleisch (Zahn vom Pferd!) und einen fränkischen (Inhalt vergangen) rechts und links vom Kopf. Neben anderen Beigaben werden auch Blumen nicht gefehlt haben. Kräftige Gestalten trugen den schweren Baumsarg zur Gruft. Mit dem Gesicht nach Osten gebettet, fand das junge Mädchen seine letzte Ruhe. Mit den Worten aus der Edda: „Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie. Eines nur weiß ich, was ewig lebt: Der Toten Tatenruhm“, beschloß der Dorfälteste seine Ansprache. Ein Hügel über der Ruhestätte nach Urväter Art wurde nicht aufgeworfen;
denn „wer hinauswandert zu den Hügeln der Ahnen, der sterbe des Todes“ (Kapitularien!) (siehe Bild 3!).

Die von Mönchen erbaute Kirche

Der Bau der Kirche

Die „capella“ Karls (Hünenkapelle) auf dem Tönsberge war baufällig geworden, z. T. auch zerstört. Zu Beginn des 11. Jahrhundert begannen die Paderborner Mönche mit dem Bau der neuen Kirche am Westabhange des Tönsberges. Alle Bauern, die ja inzwischen Christen geworden waren, kamen den ihnen obliegenden Frondiensten willig nach. In erster Linie brachen sie Sandsteine in unmittelbarer Nähe des Bauplatzes, da, wo heute die Häuser Hauptstraße 49, 47, 45, 43 und 41 stehen, also von Mesecke bis Bütröwe. Daneben verwendete man ausgiebig Plänerkalksteine aus dem  Menkhauser Berge. Diese Steingruben sind noch heute hinter dem Schützenplatze gut zu sehen. Nur langsam schritt der Bau der Kirche wegen der kümmerlichen Wege Verhältnisse voran. Auch wurde sie nicht gleich so aufgeführt, wie wir sie heute vor uns haben. Der damalige Baustil war vorgotisch. Die rundbogigen Turmfester an der West- und Nordseite zeigen das deutlich. Auch das Turmportal stammt aus jener Zeit, wenngleich es auch später dem gotischen Stil angepaßt wurde. Die ganze Turmhöhe bis zum First des mit Höxterplatten versehenen Satteldaches reichte bis zum heutigen Dachstuhl, war also so hoch, wie der Unterbau unseres Hermannsdenkmals. Den Bodenbelag im Innern der Kirche stellten die Mönche aus überdimensionalen Backsteinen her. Mittel- und Seitenschiffe lagen damals etwa 75 cm tiefer als heute, so daß man vom Turm aus ohne Stufen das Innere erreichen konnte (siehe Bild 4). 1114 ist der Bau vollendet. Im Jahre 1203 ist in Oerlinghausen bereits der Sitz eines Archidakonats, mußte diese Stellung aber bereits schon im Jahre 1231 an Lemgo, das durch Mauern, Gräben und Wälle geschützt war, abtreten.

Trotz dieser Verlegung blieb Oerlinghausen nach wie vor der geistige Mittelpunkt des gesamten Hafergaues. Zum Kirchspiel gehörten die Gemeinden Senne 1 und 2, Gräfinghagen, Lämershagen, Ubbedissen, Evenhausen, Greste, Asemissen Mackenbruch, Helpup und Währentrup.

Im Jahre 1509 wurde ein Teil der Kirche durch eine große Feuersbrunst vernichtet. Zwei Jahre dauerte die Wiederinstandsetzung und der Erweiterungsbau der Chorseite. An dem Südpfeiler des Chores ist die Jahreszahl MCCCCCXI11511 eingemeißelt. Damals wurde auch die Pflasterung im Innern der Kirche, wie oben berichtet, um 75 cm höher verlegt. Im Jahre 1547, also ein Jahr nach Luthers Tode, erhielt unsere Kirche zu der kleinen Betglocke auch eine größere bronzene. Diese wurde in Lemgo von Johann Ahausen gegossen, auf den Schutzpatron unserer Kirche, den hl. Alexander, getauft und ist die drittälteste Glocke des Lipperlandes. Trotz zweimaliger Ablieferung während der beiden Weltkriege ist sie uns nach schweren Bemühungen erhalten geblieben und dient heute als Bet- und Beerdigungsglocke. Ihre Inschrift lautet:

„Sanderus hete ick,
De Levendigen rope ick,
De Doden beschrie ick,
Deme Dondere stur ick,
Johann Ahus goet mick.
Anno Domini MCCCCCXLVII21547

d.h.: Das Wort Gottes bleibet in Ewigkeit.

Im März 1924 wurden die vom Bochumer Verein gegossenen neuen drei Stahlglocken im Turm angebracht. Der Glockenstuhl und die elektrische Anlage dazu waren mit einem’Kostenaufwand von 3000 Mark verbunden. Der „Verein für Natur-und Heimatkunde“ steuerte durch eine Sammlung rund 600 Mark bei.

Im Jahre 1878 erfolgte ein völliger Umbau des bis dahin plump erscheinenden Turmes. Das Satteldach verschwand. Das Mauerwerk wurde höher gezogen und mit einem steilaufragenden spitzen Dachstuhl versehen. Als Krönung diente ein mächtiger vergoldeter Knopf (Kugel) von 65 cm Durchmesser, und aus ihm wuchs das Kreuzgestänge mit Blitzableiter und dem prächtigen vergoldeten Wetterhahn im Gewicht von 25 kg und einem Längsdurchmesser von 75 cm. Im August des Jahres 1931 ließ ich den altersschwachen Kirchhahn mit Genehmigung des Kirchenvorstandes durch einen Dachdecker vom Turm herunterholen, beim Kupferschmied Krefft durch Hermann Runge mit einer stattlichen Brust und mit einem neuen Kugellager versehen. Die Vergoldung führte Malermeister Heinrich Lohweg aus. Schulbuben trugen den mit einer gelbroten Schleife versehenen Hahn auf einer Stange durch die Straßen der Stadt. Jeder, der die einmalige Gelegenheit wahrnahm, den Hahn anzufassen, hatte dafür 50 Pfennig zu entrichten. 120 Mark war das Ergebnis. Das Herab holen und das Hinauf bringen des Wetterhahns kostete 110 Mark.

Ein wesentlich schöneres Aussehen erhielt die Kirche im Jahre 1956 durch Anbringen eines weißen Außenputzes.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1958 – H. Dkm.