Alt- und Neu Lemgo

Von Dr. Ernst Weißbrodt – Aus Lippischer Kalender 1926
Zu dem “Lippischen Kalender“ hat Lemgo als die älteste Buchdruckerstadt des Landes engere Beziehungen als die anderen Städte; war doch der erste Kalenderdrucker, Albert Meyer, ein Lemgoer Bürger, der am 15. Februar 1676 von dem damaligen Grafen Simon Henrich “Privilegium und Freiheit“ erhielt, “daß alle dasjenige, was in dieser Grafschaft von Gesang und anderen Büchern, Leich-Predigten, Verschen, Calendern und sonsten . . . aufzulegen oder zu trucken vorkömt, nirgend anders als zu L e m g o bey Albert Meyer getrucket . . . werden solle“; und reichlich anderthalb Jahrhunderte hindurch hat der Kalender auf seinem Titelblatt das Stadtbild vom Lemgo in alle Häuser des Landes der Rose getragen. Wer heute mit flüchtigem Blicke die alte Hansestadt von Süden her überschaut, wird sogar wenig im Stadtbild verändert finden; nur die ragenden Tor- und Befestigungstürme fehlen im Bilde, sonst scheint alles beim alten geblieben zu sein. Aber das scheint auch nur; in Wahrheit hat sich das Aussehen der Stadt seit 1676 ebenso stark verändert wie ihre inneren Verhältnisse und ihr Erwerbsleben.

In der Zeit, als die ersten Kalender in Lemgo gedruckt wurden, konnte sich freilich das Stadtbild kaum erheblich verändern, wenigstens nicht zum Vorteil. Zu schwer lasteten die Nachwirkungen des dreißigjährigen Krieges auf dem verarmten Gemeinwesen und seinen einzelnen Gliedern: von 1624 bis 1646 hatte Lemgo 800 Bürger verloren, 467 Häuser waren verwüstet, an Kontributionen, Servisgeldern, zehrungskosten u. a. hatte die Stadt 1.281.976 Reichstaler aufbringen müssen, ohne Berechnung unzähliger “Geschenke“. Ebenso verhängnisvoll wirkten die unseligen Hexenprozesse, die zahlreiche Familien, und zwar gerade wohlhabnede, veranlaßten, der Heimat für immer den Rücken zu kehren.

Da war es geradezu ein Glück für die Stadt, daß neben der Tuch- und Leinenweberei, auf der Lemgos Handel beruhte, die im dreißigjährigen Krieg eingegangene Druckerei zu neuem Leben erweckt wurde; sie war es, die schon um die Jahrhundertwende das verrufene “Hexennest“ weit über die lippischen Grenzen hinaus wieder zu Ansehen und Ruhm brachte. Hand in Hand damit ging das Wiederaufblühen der alten Lateinschule, des jetzt in der Umwandlung begriffenen Gymnasiums, und es darf in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, daß der bedeutendste Lemgoer Buchdrucker und Händler, Christian Friedrich Hellwing (1725 – 1799) vorher acht Jahre Leiter des Gymnasiums gewesen war die beiden letzten Jahre nebenbei eingeschriebener Buchdruckerlehrling.

Dazu kam mit der unaufhaltsamen Ausbreitung des Tabakrauchens ein ganz neues Gewerbe in der Herstellung von Meerschaumpfeifen; die Lemgoer Erzeugnisse waren von der Mitte des 18. Jahrhunderts ab ebenso bekannt wie die Lemgoer Bücher und wurden noch lange sogar in den Konversationslexiken gerühmt, als diese Industrie in Lemgo bereits am aussterben war; der letzte wirkliche Meerschaumschnitzer, der auch als Holzschnitzer hoch über einer rein handwerksmäßigen Fertigkeit stand, hieß Bernhard Hoppe und ist erst vor wenigen Jahren gestorben. Ähnlich war auch die Blütezeit des Lemgoer Buchhandels ein langsamer Niedergang gefolgt, und 1842 wurde die Meyersche Buchhandlung und Buchdruckerei nach Detmold verlegt. Aber bereits im Jahre darauf entstand die Wagnersche Druckerei, die neuerdings kräftig aufgeblüht ist und weit über die frühere Herstellung der “Lippischen Post“ und lokaler Druckwerke hinausgewachsen ist.

Briefkopf der Firma Kracht & Co. Leinenweberei 1902.

Ebenfalls an die Tradition angeknüpft hat die Weberei der Firma Kracht und Co., die auch schon deswegen beachtenswert ist, weil sie den Übergang zum neuzeitlichen Großbetrieb zeigt.: Sie liegt außerhalb der ehemaligen Stadtbefestigung, die als solche längst wertlos geworden war und für einen großzügig angelegten Betrieb nur ein Hemmnis bedeutete. Es ist gewiß kein Zufall, daß sich in ihrer Nähe auch die meisten anderen industriellen Unternehmungen größeren Stiles angesiedelt und so das Stadtbild gründlich umgestaltet haben. Auf eine lange Überlieferung zurückblicken kann auch der rühmlich bekannte Lemgoer Wagenbau, der schon um 1800 tüchtiges leistete; er beweist seine bürgerliche Bodenständigkeit noch dadurch, daß er zum Teil innerhalb der Wälle geblieben ist. Umgekehrt ist die älteste Lemgoer Zigarrenindustrie aus ihrem zu eng gewordenen Stammhause in der Mittelstra- ße ausgewandert und vor das Regenstor gezogen. Dieses selber ist freilich nicht mehr vorhanden; es war das letzte der Stadttore, das der neuen Zeit zum Opfer fiel. Ob es nötig war, diese steinernen Zeugen einer stolzen Vergangenheit so gründlich zu beseitigen, das wird jetzt von vielen bezweifelt, und wohl mit Recht; denn sich an unseren prächtigen alten Bauten, besonders auch an den vielen wieder bloßgelegten und farbig erneuerten Giebeln erfreut, der kann die alten Tore nur vermissen, von denen die künstlichen Nachbildungen bei Gelegenheit des historischen Festzuges am 21. Juni 1925 eine ungefähre Vorstellung gaben.

Das Langenbrücker Tor. 1925 wurden zum 350jährigen Jubiläum der Lemgoer Schützen die Stadttore nachgebaut.

Mit den Tortürmen ist auch die alte Stadtmauer bis auf geringfügige Reste verschwunden; die wehrhaften Wälle sind nur am Südrande der Stadt in ihrer alten Gestalt erhalten, aber in friedliche, schattige Spazierwege umgewandelt. Im Norden vom Ostertor bis zum Johannestor sind sie schon lange eingeebnet und wurden bis 1907 als Krautgärten genutzt. In diesem Jahre wurde das erwähn- te Gelände in eine prächtige Parkanlage umgewandelt, die im Jahre 1925 durch die Kanalisierung des Umflutgrabens sehr gewonnen hat; eine Kanalisierung des Stadtinneren ist bisher ein frommer Wunsch geblieben. Vom Ostertor bis zum Kämpferdenkmal ist sogar der Name Wall geschwunden; eine zum Bahnhof führende Straße, die den Namen des berühmten Forschungsreisenden Engelbert Kämpfer trägt, eines Lemgoer Kindes, ist an seine Stelle getreten. Die Erinnerung an die für das ganze Land unvergeßliche Fürstin Pauline wird festgehalten durch den Namen der Paulinenstraße vom Bahnhof bis zum Langenbrücker Tor; diese wirkliche Landesmutter war ja eine Zeitlang zugleich Bürgermeister von Lemgo, und ihr hatte es die Stadt zu verdanken, daß vor allem ihre etwas unsicher gewordenen Finanzen rasch wieder in Ordnung kamen. Die nach ihr genannte Straße stößt an dem einzigen südlichen Eingang wieder auf den hier noch schön erhaltenen Wall. Ein Gang um diesen bietet zahlreiche Ausblicke auf das malerische Altlemgo, aber auch ebenso viele Einblicke in die neuere Entwicklung. Bis weit vor die ehemaligen Tore reichen mehr oder weniger zusammenhängende Straßenzüge, in einigen Richtungen, bis an die Grenze des Stadtgebietes, und zahlreiche Siedlungen liegen zerstreut in der Feldmark, so daß jetzt ein ein gutes Drittel aller Lemgoer außerhalb der Wälle wohnt. Diese Entwicklung ist, wie man den Bauten an- sehen kann, noch ziemlich jung. Bis etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts reichten die Baulichkeiten der umwallten Stadt für die Bevölkerung ungefähr aus; weiter draußen gab es außer den allmählich selbständig gewordenen Turmhöfen (an wichtigen Durchgangsstellen der äußeren “Landwehr“) und Chausseehäusern nur ganz wenige Außenbürgerstätten. Die Neuere Zeit hat darin eine große Umwälzung gebracht; liegen schon Bahnhof, Post, Gas- und Elektrizitätswerk und drei Volksschulen außerhalb der Umwallung, so gilt das noch für viel bürgerliche und gewerbliche Niederlassungen.

Die Lemgoer Wallanlagen


Auch sonst hat sich das Aussehen gerade der Feldmark stark verändert. Das ehemalige Bruch ist zum großen Teil bebaut, zum Teil Friedhofsgelände geworden; daneben ist vor kurzem ein viel benutzter Sportplatz entstanden. Von den ausgedehnten Hudeländereien sind nur noch geringe Reste vorhanden; so am Biesterberge, ein anderer teil wird ebenda als Steinbruch ausgebeutet. Die große Luher Heide ist vor etwa 20 Jahren durch den Dampfplug fast ganz in Ackerland umgewandelt worden und wird jetzt größtenteils von der mit der Anstalt Lindenhaus verbundenen Kolonie Entrup bewirtschaftet. Das früher kaum bedachte Bredaer Bruch ist durch sachgemäße Aufforstung ein wertvoller Bestandteil des Städtischen Waldbesitzes geworden; seine landschaftlichen Reize werden noch viel zu wenig gewürdigt, da der Städter viel lieber seine näher liegende Lemgoer Mark aufsucht. Diese kann auch dem Kundigen noch mehr erzählen von alten Zeiten, nämlich mit ihrer zum Teil noch auf längere Strecken gut erhaltenen Landwehr. Äußere und innere Landwehr umschließen noch heute im großen und ganzen dasselbe Waldgebiet, das die Stadt schon vor Jahrhunderten besaß.. Dagegen lehrt ein Gang um die 25 Kilometer lange äußere Landwehr, daß sich mehrfach die Straßenverhältnisse geändert und zwar verbessert haben: an die Stelle fürchterlicher Hohlwege sind bequemere Straßen getreten, wenn auch noch immer die Landstraße über den schön bewaldeten Rieperberg der Schrecken aller Fuhrwerker ist wegen seiner Steigung. Auch in der Stadt sind die Straßen viel besser geworden, und die Zeiten sind längst vorbei, wo man anderswo den richtigen Lemgoer daran erkannte, daß er immer auf der Straßenmitte ging, wohl weil er in seiner trauten Heimat mediotutissimus ibat1Mittelweg gegangen, besonders bei Regenwetter, wenn der Wasserspeier ihn mit Nassem bedrohten: nur ein paar altertümliche Häuser haben jetzt noch diese Tücke an sich, zur Freude der lieben Jugend, die ja in der modernen Zeit manchen kostenlosen Straßengenuß missen muß, an dem sich ihre Urgroßväter ergötzen konnten: Straßenbrunnen und -pumpen, Prellsteine und Nachtwächter gehören der Sage an, und man kann keinen Leiterwagen mehr nachts auf die Stadtmauer schaffen, weil sie längst abgebrochen ist; sonst hätten die lustigen buntbemützten Bauschüler dieses Kunststück der Altlemgoer Jugend längst nachgemacht. So sind wir denn glücklich wieder bei der alten Stadtbefestigung angelangt, Treten wir noch einmal auf unseren Wall, so können wir auf einem Weg von wenigen Schritten die [image src=“ Entwicklung vom alten zum neuen Lemgo vor Augen führen: vom Bild Nikolaikirche und oder Wall Ostertor sehen wir in die Mittelstraße hinein mit ihrem vielen alten Giebelhäusern, hinunter bis zum herrlichen Rathausbau und den schlanken Türmen der Nikolaikirche, in die ebenfalls na alten Bauten reiche Papen- und Echternstraße; drehen wir uns um, so sehen wir das neue Lemgo: Postamt, Gasanstalt, Elektrizitätswerk und die durchweg neue und schöne Bismarkstraße; ein paar Schritte nach Süden auf den Kastanienwall; rechts noch etwas von der alten Stadtbefestigung: Graben, Mauer und der etwas griesgrämig dreinschauende “Pulverturm“ , und gleich darauf ein Stück vom neuen aufstrebenden Lemgo; der weit über Lippe, ja über Deutschland hinaus bekannte Gartenbaubetrieb der Bruder Kuhlmann, dessen gern gestattete Besichtigung sich nicht nur für den Fachmann lohnt: ein Gang durch die Glashäuser mit ihren Palmen, Azaleen, Kakteen und vielen anderen Wintergartenpflanzen ist für jeden Naturfreund ein stimmungsvoller Genuß. Und von diesem jetzt so friedlichen Teil des Walles aus richteten einst erbitterte lutherische Bürger ihre Kanonen gegen das nahe Schloß Brake, wo der reformiertglaubende eifrige Landesherr weilte! Ja, die Zeiten haben sich geändert wie das Lemgoer Stadtbild: heute wohnen ebensoviele Reformierte wie Lutheraner in der Stadt friedlich nebeneinander, und die katholische Gemeinde hat ihre Kirche, deren neuer Turm sich gefällig in das Stadtbild einfügt, mitten in der der Stadt, ebenso wie die jüdische ihre Synagoge. Lemgo nennt sich eine alte Hansestadt; möge ihr bis zum nächsten Kalenderjubiläum eine Zeit gedeihlicher Entwicklung und ruhigen Aufstieges beschieden sein.