Alte Mühlen heute

Windmühle Bavenhausen. By Grugerio (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

So richtig es ist, daß die Windmühle im norddeutschen Flachland zum Bilde der Landschaft gehört, so unbestritten dürfte aber auch sein, daß in unserem lippischen Bergland zwar nicht die Windmühle, so doch die Wassermühle seit jeher ein landschaftbelebendes Element darstellt. Während indes die majestätischen Holländerwindmühlen Ostfrieslands oder im Oldenburgischen „weit in die Landschaft hineinwirken“, ist die im Lippischen überwiegend beheimatete Wassermühle bescheidener in ihrem Anspruch, beachtet zu werden. Vielleicht ist es aber gerade diese Bescheidenheit, die sie so besonders liebenswert macht und immer wieder dazu angeregt hat, sich mit ihr zu beschäftigen. Und diese Beschäftigung mit der Mühle und der ihr eigenen Atmosphäre fand ihren Niederschlag in einer Vielzahl von Sinnsprüchen, Reimen, Redewendungen und gemütvollen Liedern, deren „Wertbeständigkeit“ sich in Jahrhunderten bestätigte. — Daß es Zeiten gegeben hat, in denen das Müllergewerbe schlecht beleumundet war und der Müller eine soziale Außenseiterstellung einnahm (keine Zunftbräuche, kein Gesellenwandern!), ist längst in Vergessenheit geraten, und es erscheint müßig, hier den Gründen nachzugehen, die dazu geführt haben mögen, „die Müller von der Gemeinschaft honetter Leute auszuschließen“. Wie sehr diese Zeiten (mit Recht!) in Vergessenheit geraten sind, ergibt sich nicht nur aus der vielfältigen „wohlmeinenden“ Literatur über das Mühlenwesen1Dr. E. Wasserzieher: „ … so gilt das Müllergewerbe mit Recht als das gemütvollste und von dem Zauber der Poesie am meisten umworbene …“ (In: „Bilderbuch der deutschen Sprache“) , sondern auch aus den Darstellungen berufsverbundener Lebensläufe bedeutender Müller-Persönlichkeiten.

Die Ölmühle in Brake

Die Ölmühle in Brake

Mehr noch: Es ergibt sich aus der durch viele Generationen bewiesenen Treue der Müllerfamilie zu „ihrer“ Mühle. Jede dieser Familien hätte guten Grund, hier genannt zu werden. Es wäre eine Aufzählung, die den Rahmen unserer mühlengeschichtlichen Betrachtung überschritte und überdies den Vorwurf der Unvollständigkeit nicht ausschließen könnte. Die Mehrzahl der Inhaber von Mühlenbetrieben an Werre und Bega, an Wester- und Osterkalle, an Emmer und Exter hat ihren Tribut an die „neue Zeit“ zahlen müssen. Die Naturkräfte Wind und Wasser wurden von motorischer Antriebskraft abgelöst, und so brachte die Technik die Mühlenflügel zum Stillstand, das Mühlrad zum Verstummen! Wo aber die Mühlenflügel ruhen und sich das Mühlrad nicht mehr dreht, wird es meist still im Hause; in einem Hause, das nicht nur zu einem äußeren, sondern — in seiner lebenswichtigen Funktion — gleichermaßen zu einem inneren Bestandteil ländlicher Siedlung geworden war. So ist denn an die Stelle des „fröhlichen Mühlenliedes“ eine „Mühlenklage“ getreten; auch sie fand längst ihre
dichterische Form:

„Wie war ich vorzeiten behende
und drehte mich hurtig geschwind!
Doch nun ist mein Leben zu Ende,
das weckt niemals wieder der Wind!“

Die unmittelbar von dieser Entwicklung Betroffenen hatten anderes zu tun, als den Ausklang ihres handwerklichen Wirkens im Liede zu besingen; sie hatten sich mit der nüchternen Erkenntnis abzufinden, daß die Erträge aus der Müllerei alten Stils für den Lebensunterhalt oder gar für einen Gewinn nicht mehr ausreichten. — So ging denn die Zahl der in die Handwerksrolle bei der Handwerkskammer Detmold eingetragenen Müllerbetriebe, beispielsweise, in den letzten zehn Jahren von 78 auf 39 zurück2Ein nahezu gleichartiger Rückgang der (Wind-) Mühlenbetriebe im „Mühlenland“ Ostfriesland: Eingetr. Betriebe 1963: 109 Eingetr. Betriebe 1973: 50 . Der ursprünglich rein handwerkliche Beruf erfuhr eine „Umprägung“ des Berufsbildes durch die zusätzlich, manchmal sogar ausschließlich aufgenommenen Funktionen des Handels mit Futtermitteln, Getreide u.a. — Was in zurückliegender Zeit nahezu selbstverständlich war, daß nämlich der Mühlenbetrieb auf den Sohn „überging“, daß also die Mühle „in der Familie blieb“, oder, daß etwa die unverheiratete Tochter nicht nur Helferin im väterlichen Betrieb wurde, sondern auch die Meisterprüfung im Müllerhandwerk ablegte3Müllermeisterinnen in Lippe: Hildegard Begemann, Schieder-Schwalenberg.; Mathilde Wittke, geb. Rolfsmeyer, Lemgo., — es wird künftig keineswegs mehr als selbstverständlich anzusehen sein!

Die gleichen Bedenken, die uns auf eine namentliche Wiedergabe alteingesessener Müllerfamilien verzichten ließen, kommen bei dem Versuch, den geschichtlichen Weg alter und ältester lippischer Mühlen an dieser Stelle aufzuzeigen. Wie umfänglich eine solche Darstellung zu sein hätte, mag mit dem Beispiel der Langenholzhauser Mühle an der Osterkalle angedeutet sein, deren früheste Spuren in das

Norddeutsche Bockwindmühle

Jahr 1479 führen, als der Varenholzer Ritter Friedrich de Wend vom Mindener Bischof mit der Mühle zu Langenholzhausen belehnt wurde. Bei dieser Datenangabe „meldet sich“ sogleich die Humfelder Mühle aus dem oberen Begatal!  Sie meldet sich nicht nur mit dem Hinweis auf ihr eigenes hohes Lebensalter sondern auch mit der Mitteilung, daß sie bereits im Jahre 1446 im benachbarten Wülfentrup eine Vorgängerin gehabt
habe.

Sie alle haben ihre Geschichte, ihre Schicksale! — Von ihren Einzelschicksalen erfahren wir gelegentlich einiges in unserer heimatkundlichen Literatur; an das, was sie gemeinsam zu tragen haben — wir meinen das, was mit dem Schlagwort vom „Mühlensterben“ zwar hart, aber doch wohl zutreffend ausgedrückt wird — sollte mit unserer heutigen Betrachtung erinnert sein; wir möchten sie indes nicht abschließen, ohne auf das „Überleben“ vieler Naturkraft-Mühlen aufmerksam gemacht zu haben. Die Liebe zum altvertrauten Bild von der Mühle weckte die Bereitwilligkeit, an der Instandhaltung stillgelegter Mühlen mitzuwirken. Die mit diesen Bemühungen einhergehende „Zweckentfremdüng“ ist den alten Mühlengebäuden gut bekommen. „Fein herausgeputzt“ — so könnte man sagen! — sind sie nicht nur anmutiger Blickfang, sondern haben vielfältige Aufgaben übernommen. Wir begegnen ihnen als (Ausflugs-) Gaststätten, als Museen, als Diskotheken und als Wohnungen. Wenn wir aus dieser Aufzählung die „Mühlen-Wohnungen“ herausgreifen möchten, so deshalb, weil sie in letzter Zeit besonders von sich reden machen — nicht als Wohnungen im landläufigen Sinne, sondern als gelegentlich aufgesuchte Freizeit-Residenzen mit einer Ausstattung und Einrichtung für verwöhnteste Ansprüche. Im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein scheint das „Geschäft mit alten Mühlen“ in den letzten Jahren sehr zu blühen. Je nach dem Ausmaß der erforderlichen bzw. bereits vorgenommenen Instandsetzungen werden Kaufpreise zwischen ca. 50 000 und 500 000 DM genannt. — Bei aller Anerkennung solcher Versuche, charakteristische Baudenkmale zu erhalten, überkommt uns hier doch das Gefühl, es mit scheinkünstlerischen Gebilden (sprich: Kitsch!) zu tun zu haben.

Müllermeisterin Hilde Begemann in Schieder-Schwalenberg

Müllermeisterin Hilde Begemann in Schieder-Schwalenberg

Da wir aber nicht als „arbiter elegantiarum“, als Schiedsrichter in Angelegenheiten des Geschmacks auftreten möchten, belassen wir es bei der Frage, ob und inwieweit das eigentliche Anliegen, alte Mühlen-Betriebe — einschließlich ihrer Technik — erhalten zu wissen, berücksichtigt wird. Eine plausible Antwort auf diese Frage gab Dr. Wilhelm Hansen in seinem Aufsatz „Die Mühlen des Landesverbandes Lippe“4In: „Lippe und sein Landesverband“ (1970): „Erfahrungsgemäß können alte Baudenkmäler nur noch vor dem Untergang bewahrt werden, wenn sie einer neuen Aufgabe zu dienen vermögen.“ Aber, — so möchten wir meinen — sollte diese „neue Aufgabe“ der alten Mühle ein „otium cum dignitate“, einen „Ruhestand mit Würde“, gewährleisten. Als Beispiel für eine gute Lösung des hier angesprochenen Problems darf die Mittelmühle in Detmold gelten, die im März dieses Jahres eine naturkundliche Abteilung des Lippischen Landesmuseums in ihren Mauern aufnahm. Beim Gang durch die umfängliche Schausammlung wird der Besucher auch die Frage nach der Geschichte des Hauses stellen und so von der 500 jährigen Tradition der einstigen Mühle am Detmolder Burggraben erfahren, von ihren vielfältigen Verwendungszwecken — als Korn-, öl-, Knochen- und Bokemühle (z. Flachsverarbeitung) und dabei den „Auftrag“ erkennen, stellvertretend für alle anderen ihresgleichen, an die einstige Bedeutung des lippischen Mühlenwesens zu erinnern. Was es mit diesem Auftrag auf sich hat, sollte auch mit unserer Betrachtung „Alte Mühlen — heute!“ angedeutet sein.

Quelle: Heimatland Lippe 05/1974 – Von Konrad Küppers