Altlippische Tischsitten

Eine Bauernfamilie beim Kaffeetrinken. Danach geht es wieder auf die Felder. Um 1937

Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Nach solchem trachteten sie zu Großmutters Zeit beinahe noch mehr als heute und waren doch ebensowenig „Heiden“ wie wir. Es geschah ja nicht aus einer Lust des Lebens, sondern aus seiner Last; besonders im Zeitalter des Untertanen- und des Dreiklassenwahlrechts. Mir hat ein ehemaliger Weberknecht aus Goldbeck, der in sein 81. Jahr ging, 1946 •wörtlich gesagt: „Meine Eltern waren so arm, daß wir oft nicht einmal ein Schwein geschlachtet haben. Dabei waren wir fast ein Dutzend Esser. Das bißchen Mehl haben wir auf dem Buckel zur Mühle getragen. Ja, es war eine arme, hungrige Zeit.“ Ein 80jähriger Ziegler aus Salzuflen kramte im gleichen Jahr aus seiner Erinnerung: „Für den ganzen Sommer haben wir manchmal mit neun Mann nur einen Zentner Kartoffeln verkonsumiert. Meist haben wir nur Erbsen gekocht, aber ohne Speck, trotzdem der amerikanische damals sehr billig war. Wir taten amerikanisches Schmalz hinein.“ Mit den großen Schinken und dicken Mettwürsten im Zieglerranzen war es um jene Zeit also auch nichts, und wie sah es in den Familien aus, die, Frau und Kinder eingeschlossen, bis in die Nächte hinein Zigarren drehten? Im lippischen Norden erzählt man sich noch diese kleine, launige Geschichte:

„Da kommt mal der Hausschlachter auf die Deele. Das Schweinchen wird gerade aus dem Stalle hereingeführt. ,Line!‘ sagt er geringschätzig, ,mak mal schwanke dat Hoihnerloek teo, dat de Schnarren dor nich heriutlöpt! Ein andermal, als man den Borstenträger auch wieder nur trotz liebevollster Bemühungen nur auf einen schwachen Siebzigpfunder gebracht hat, meint er launig: „Jedde, nimm den Besen dor an de Wand denne, dat de Schnarren sick dor nich achter verkrüppt!“

Dem Hausschlachter trug das seinen Spitznamen, den Besitzern nur eine kärgliche Aasen, d. h. Räucherbühne, ein. Am erbärmlichsten sahen die ,Schnarren“ in der Senne aus. Küstermann bemerkt 1863 in seiner Augustdorfer Chronik (I, 93 f): „Das kleinste Schwein, das seit langen Jahren geschlachtet ist, gehörte der Witwe Schütt oder Wessel. Es wog 30 Pfund und wurde von Wiebusch, es selbst zwischen den Beinen haltend, vom Leben zum Tode gebracht. Man sagt dieser Frau die Kunst zu hexen nach. Doch muß es damit nicht gar weit hergewesen sein, sonst würde jedenfalls ein höheres Gewicht für ihr Schwein herbeigezaubert sein.“ Wie sagte doch Einliegerin Sophie Topp, geborene Tegt, Istrup, die 79jährige, im vorigen Sommer?

„Hunger un Kummer, un Frost un Dost, un nix in n Loiwe: Sind hat nich foiwe?“

So umschreiben viele Alte die fünf Sinne. Es gab damals auch Jahre und Jahrzehnte, wo das Leben zufolge wirtschaftlichen Aufschwungs für alle Stände besser war. Trotz aller Not hat man in Lippe die Feste ja auch immer so gefeiert, wie sie fielen: Fastnacht, Erntefest, Sünte Marten, Kindtaufe, Hochzeit, Hausrichte, auch die „Leichenzeche“, ganz zu schweigen vom Fest der „schmeergen Dörklinken“, dem Schlachtefest. Doch soll hier nur von dem die Rede sein, was den Alltag kennzeichnet, und den gewöhnlichen Sonntag, die Eßgewohnheiten und Tischsitten, die aus der Arbeit als ihre Notwendigkeit herauswuchsen und die, rückwirkend, das Tagewerk teilten. Solche Sitten blieben in guten wie in schlechten Zeiten verpflichtend und sind es bis heute. Arbeit und Essen bedingen sich gegenseitig.

Wann sie aßen und was

Der Oerlinghauser Pastor Georg Konrad v. Cölln schrieb 1784 in seinem „Beytrag zur Charakteristik des lippischen, rietbergischen und paderbornschen Bauern“: „Gewöhnlich ißt er viermal des Tages: morgens ein Frühstück. Imbt, mittags, nachmittags (Vesperbrot) wieder reichlich, am stärksten abends, was er Nachtmissen nennt. Nach eingenommener Mahlzeit legt er sich sogleich zu Bett.“ Imbt: Es wurde meist gegen 6 Uhr nach dem Dreschen eingenommen und war ein Gericht aus Hafergrütze, in Milch gekocht, bei vielen auch in Wasser. Man plockte Brot hinein, hier und da, bei denen die es hatten, auch Rinderwurststückchen, löffelte sie aus einem Kump.

Frühstück: Im vorigen Jahrhundert ist, abweichend von der Cöllnschen Folge, zwischen Imbt und Mittagessen ein zweites Frühstück und damit als Arbeitspause „ümme Freohstückstoid“ eingeschoben. Man aß Wurst oder Speck über den Daumen. Seit der Jahrhundertwende, als die Verhältnisse sich zunehmend besserten, war für einen Knecht eine halbe Leberwurst kein „starkes Stück“. Bei schwerer Arbeit wurden ein oder zwei Schluck eingeschenkt, jedoch nur für das Mannsvolk.

Mittag: Sommertags, wenn Schnippelbohnen und Wurzeln wieder vorrätig, gab es häufig „Blindhuhn“; ab Herbst „Schwetsken un Kartuffeln“; auch „Schwets- kensoppen“ genannt. Um eben die Zeit kamen auch Äpfel und Kartoffeln, „Himmel un Eern“, auf den Tisch. Überhaupt war der Eintopf ungekrönter König unter den Gerichten. „Bröwwern“ sind Bratbirnen in Kartoffeln gekocht. Die Kartoffel, spät erst in Eurooa eingeführt, hat sich auch in Lippe nur langsam den Tisch erobert. Das klingt noch nach in der Nahrungswertung unserer Alten: „Olles, wat iut de Liuken kümmt (also Erbsen, Linsen usw.) dat stärkt; wat uit’n Keller kümmt, dat es nich hadder nahrhaft.“ Kartoffelsuppe mit eingeschnittenen Kohlwursttreilen galt als Leckerbissen. Man hatte auch seine kulinarischen Spezialitäten: „Puividder Pohl“ ist eine Pivitsheider Kartoffelsuppe, in der der „Pfahl“, nämlich der Löffelstiel, ohne Stütze stehenbleibt. Wintertags legte man sich auf „Kumst“, gehobelten Weißkohl, und eingemachten, mit dicken Steinen in irdenen Töpfen abgedeckten „Suiwernkauhl“. Steckrüben wurde bis Silvester gegessen.

Während der anstrengenden Dreschzeit, also ab Wilbasen bis Lichtmeß, reichte man deftige Kost, Hülsenfrüchte, an erster Stelle Erbsen und Bohnen, besonders Große oder Tekebohnen, dann Vitsbohnen und Krüper. „Schäretsbauhnen“ sind Schnippelbohnen. Zu Erbsen gab es Speck oder Blutwurst, aber nicht in der abergläubischen Menge, wie ein Stadtmensch, der in einer Dorfgastwirtschaft bestellt, sich das vorzustellen beliebt. Fleischkost gab es überhaupt nur ein- oder zweimal wöchentlich, und dann in kleinen Portionen, immer entsprechend der Größe des verfügbaren „Schnarren“. Die kleinen Leute haben oft wochenlang kein Fleisch im Topf, keine Wurst auf dem Brot gehabt und sind froh gewesen, wenn der Zwetschenmustopf oder der mit dem Roibenstips, dem Rübensaft, die, beide mit Holunderbeeren gewürzt, den landläufigen Aufstrich bildeten, nicht schon um Weihnachten wieder leer war. Geräuchertes Rindfleisch kannten nur die auf den Höfen.

Als Nachtisch während der Ernte waren „Süitebirnen“, Sommerbirnen, auch die von der Bremer Sorte, und „Elsebacken“, mit Senfkörnern gekocht, beliebt, auch entrahmte Milch, „Plunnermelke“, mit und ohne Brotplocken. Gegen den Durst auf dem Felde nahm man Wasser, in das Brot geplockt wurde, mit hinaus. „Köttelbirnen“ oder „Sugebirnen“ blieben den Sauen überlassen. In lippischen Baumhöfen stehen hier und da auch noch „Seilbirnenbäume“ (Griesbirnen!), „Königs- und Winterbirnen“, einst jeweils in besonderer Weise genutzt. „Höltke“ sind Wildbirnen, auch Wildäpfel heißen so. Die Apfelarten, die noch bekannt sind und auch, entsprechend ihren Eigenschaften, in bestimmter Weise verwendet wurden, sind: „Paradiesappel“ (dunkelrot, mit Goldsternchen), „Stroipke“ (gestreift), „Roggenappel“ (hellgelb, rot- bestreift, zur Roggenernte reif), „Grafensteiner“ (ähnlich, aber edler), „Klockenappel“ (von der Glockenform), auch „Klädderke“ genannt (das Kerngehäuse klöttert beim Schütteln), „Schlodderke“ (dicker, auch akustisch begabt), „Kattenkopp“ (dick und rund), „Soitke“ bzw. „Sommersoitke“ (süß), ihr Gegenteil die „Siuwern“. Der „Soipelappel“ ist zwiebeldick. Als Edelsorten galten „Groisenettken“, „Postappel“, „Zidollen“ und „Goldparmäne“, als minder die „Keohfoitke“ und „Keohschoitenappel“. Es gab auch „Winterappel“, Königin der Steinobstarten war die Zwetsche, das Kochen des Zwetschenmuses eine Art Familienfest. „Kroiken“, „Öttke“ wurden zu Namengebern lippischer Flurorte. Weniger hielt man von Kirschen. Sauerkirschen, „Wispern“, brachten es zu eigenem Namen.

None: Die Mittagspause, die einzige im täglichen Arbeitslauf, war nur kurz, kaum mehr als eine Stunde dauernd. Der Bauer legte sich auf die Bank, hernach, als es das gab, aufs Sofa, der Knecht auf seinen Strohsack. Bäuerin und Mägde kriegten kaum Ruhe, mußten aufspülen, abtrocknen. Dies wird in einem nord- lippischen Dorfe, nahe der Weser, erzählt: „Auf einem Hofe war einmal ein Knecht, der seine Sitzungen immer über Gebühr und in bestimmter Absicht sehr lange ausdehnte. Die Abtritte waren damals den Langseiten der Häuser ,angeklappt*, mit dem Ständerwerk meist nur lose verbunden. Da ist der Schulte, der sonst mit den Pferden nichts zu tun hatte, er schirwerkte immer nur auf dem Hofe herum, hergekommen, hat die Pferde vor den Wagen gekriegt und das Häuschen mitsamt dem, der drinsaß, in die Mistkuhle gefahren. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“

Kaffeetrinken im Garten, 1908

Kaffeetrinken: War zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags. Das Kaffeebrot war meist mit „Schwetskensapp“ oder „Rübenstipp“ bestrichen, während der Erntezeit jedoch immer mit Butter oder Schmalz, häufig sogar mit Mettwurst darauf, die dafür zurückgelegt war.

Die Butter, sowohl Kuh- wie Ziegenbutter, wurde durch mühsames, oft einen ganzen Tag erforderndes Auf- und Abbewegen des Lochtellers im Faß „gekernt“. Viele brachten ihre Butter in die Stadt, um „ n bieten Geld“ zu machen. Der „Butterberg“ zwischen Reelkirchen und Detmold soll nach dem Weg heißen, den die Butterleute nahmen. Während der heißen Jahreszeit hielt man die Butter im Brunnenwasser kühl. Auf dem Wehmhof zu Heiden ließ man sie im Ketteneimer hinab. Im „Butterborn“ des Schloßparkes zu Schieder kühlte man sie, immer gleichmäßig temperiert, für die Fürstlichkeit.

Das Brot, das man im eigenen Backofen buk, hatte langovale Form. In älterer Zeit machte man ein Kreuz auf den gesäuerten Laib. Die Alten schlugen vor dem Anschnitt immer drei Kreuze. Man empfing das Brot als ein Geschenk aus der Hand des Herrn über Acker und Witterung. In Lieme buk man Körner vom letzten Fuder in das neue Brot. Auch das sollte ein Segen sein. Wer zum Dorfbäcker brachte, zeichnete ihn mit seinen Anfangsbuchstaben. „Backse“, meist zugleich Holzstall und Speicher, sind hier und da noch vorhanden, die Lehmkuppel ist unter dem Satteldach rückwärts sichtbar. Gemeindebacköfen sind unbekannt.

Man hatte seine Sondergebäcke. In Nordlippe waren „Semmeln“ aus Weizenmehl, kleiner und flacher als das gewöhnliche Roggenbrot, aber ebenfalls langoval, besondere Leckerbissen. „Liewekeoken“ ist ebenfalls ein Gebäck aus Frischgetreide. Das lippische Nationalgericht ist der „Pickert“, in zweierlei Gestalt, als Kartoffel- und Mehlpickert. Wer sie hat, tut Eier hinzu. Hefe macht ihn schön locker. Das Reiben der rohen Kartoffeln, wie überhaupt das Pickert- essen, war oft festliche Familienangelegenheit. Die ältere Art war mehrere Zentimeter dick. Man buk sie auf der blanken Ofenplatte. Die Altenbekener Eisenhütte war besonders dafür eingestellt. Die Sennker hatten ihre Spezialität, den Buchweizenpickert. Mit Heidehonig zusammen ist er auf den benachbarten Jahrmärkten fuderweise Angeboten.

Vesper: Im oberen Kalletal, wo man bis jüngst die Vespermahlzeit, die v. Cölln ansetzt, beibehielt, trank man schon gegen 2 Uhr Kaffee. Um Michaelis war es mit der Vespermahlzeit von jeher überall und endgültig aus: „Michelsdag holt den Vespersack.“

Nachtmissen:  Man aß meist aufgewärmt. Beliebt sind immer noch Pellkartoffeln mit oder ohne Hering. Man sucht möglichst kleine Erdäpfel aus, die man, alle für einen, in die Rübölpfanne stippt. Seltener werden belegte Butterbrote gereicht, eigentlich nur zur Erntezeit. Abendnachtisch ist eine Milchsuppe mit Roggenmehlbrei und Brotplocken, „Suipken“ genannt. „Grotse Groitken“ ist Buttermilch mit Grütze. „Boddermelksgeballerse“, aus Buttermilch und Kartoffeln bereitet, hörte auch auf den weiteren, lautmalenden Namen „Schlammpampel“, Käse ist in zwei Hauptarten bekannt, weißer „Schmandkäse“, aus Sahne hergestellt, und graugelber, festerer, auf Stroh getrockneter „Buttermilchkäse“, beide reichlich mit Kümmel versetzt.

Die Speisekarte des Sonntags bezeichnet den Abstand zwischen einstiger Genügsamkeit und späterem Anspruch. „Schillegastensoppen“, geschälte Gerste, wird heute schon alltags von den „Gästen“ scheel angesehen. Mit geräuchertem Rindfleisch war sie einst delikate Sonntagsmahlzeit. Ab Herbst aß man „Braunen Kohl“ mit Kohlwurst, die danach heißt; am Gründonnerstag kam der letzte überwinterte auf den Tisch. Sonntagsnachspeise war dicker Reis mit Kanehl und Zucker, Nachmittagskostbarkeit der Korinthenstuten. An den Festtagen, aber erst seit der Jahrhundertwende häufiger, heute allgemein, ohne Rücksicht auf die rationierenden Eingriffe, wird Platenkuchen gegessen, Herbsttags mit Zwetschen belegt, mit oder ohne Eiguß. An den Sonnabenden kann man den Platenträgerinnen in jedem Dorfe dutzendfach begegnen.

Wie sie zu Tisch saßen

Die Hausmahlzeiten waren immer gemeinschaftlich, Bauer mit Gesinde.. Vom Amt Schötmar, von den großen Höfen, ging die spätere Sonderung aus, die schließlich in der städtischen Wohnvilla zur gänzlichen Trennung führte. Wo es beim alten verblieb, sitzt der Bauer oben am Ende, die Bäuerin meist so, daß sie der Küchentür oder, ist die Küche Eßraum, dem Kochherde nahe ist. Die Knechte sitzen an der einen, die Mägde an der andern Langseite, Lütchemagd und Pferde junge sowie die „Heuer“, die Hütejungen, nehmen das untere Ende ein, falls sie nicht, nach altem, ungeschriebenem Gesetz, stehen, was auch für das Wachstum angeblich gut sein soll. Bei Draußenmahlzeiten ging alles ungezwungener zu. Man rückte auf hingeworfenen Garben im Kreis zusammen, war sich menschlich näher.

Man aß meist rasch, sprach wenig, der Hunger war immer groß, die Arbeit drängte. Der langweilige Arbeiter trug diesen Spott: „Boi Diske floidig, boi de Arbeit fiul, dat es soin Giul“ (Gaul). Falsche Bescheidenheit war ebensowenig am Platze. In Lüdenhausen ging früher diese Geschichte: „War da einmal ein Besuch, der sich immer nötigen ließ: ,Niu et’t man! Woi hät et jo. Iuse Herrgott löt’t doch wassen!‘ — ,Nai, nai, eck hebbe in’n Huise oll düget jetten.* — Hernach hat er sich ganz schmählich geärgert: ,Wat was eck dumm! De schöne Mettwost! Un socken blanken Schinken, un eck was doch seo schrecklich hungrig!* Da haben sie ihn alle ausgelacht: »Wenn man hür teolanne inlod werd, denn mot man auk teogroipen.*“

Im ganzen Lande lachte man über diese Sorte, die sich zierte, die so tat als ob. Man war von Herzen gastfrei auf den Höfen, besonders auch am Tische der kleinen Leute, v. Cölln stellt die Gastfreiheit betont heraus. Wir erinnern uns an das Lob des Römers Tacitus.

Viele Speisen, alle Suppen aß man gemeinschaftlich aus einer Schüssel. Es soll vorgekommen sein, daß eine Oma, die das Brotmesser just nicht zur Hand hatte, wenn die „Köske“ sehr zäh war, von den Zähnen her hineinplockte. Man aß bis in die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts noch hier und da mit Holzlöffeln.

Wie sie dankten

Der Bauer hob zuerst den Löffel, aber vorher betete oder die Bäuerin tat es. Vor Tisch: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“ oder das auf Gott-Vater bezogene Gebet:

„Segne, Vater, diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise.“

Im ganzen Lande bekannte Tischgebete sind: „Wir danken dir, Herr Jesus Christ, daß du unser Gast gewesen bist“, oder:

„Wir loben dich und sagen Dank, Gott Vater, dir für Speis’ und Trank und bitten dich, woilst unserm Leben auch ferner deine Gnade geben.“ In Kreisen der „Stillen“ im Lände war dieses längere, auch das andere Leben in die Segnung einschließende -Gebet nach Tisch beliebt: „Wir danken dir, Gott, für die Gaben, die wir von dir empfangen haben. Wir bitten dich, den lieben Herrn, du wollest uns hinfort noch mehr beschern und speisen uns mit deinem Wort, auf daß wir sattwerden hier und dort. Ach, lieber Gott, du wolist uns geben nach dieser Welt das ewige Leben!“

Vielfach steht auch die Abendmahlzeit unter dern Gebet. In Herrenhuter Kreisen wird danach noch ein Abschnitt aus der Bibel verlesen oder einem Predigtbuch, um die Jahrhundertwende und vorher gern aus dem englischen Erweck er Spurgeon; beliebt sind die Tageszettel des Neukirchener Abreißkalenders. Hier und da schließt eine dazu begabte Hausmutter wohl ein freies Dank- und Bittgebet an. Gesungen wurde immer nur wenig. Die Stimmen waren nicht geschult, von der rauhen Luft der Draußenärbeit oft grob, der Singekreis zu klein. Bis zur Jahrhundertmitte ist in den Spinnstuben oft zur Arbeit gesungen, bei den „Stillen“ wiederum Gesangbuchverse.

Beim Nachmittagskaffee ist auch in dieser Schicht nicht gebetet, es sei denn still mit gefalteten Händen unter dem Tisch. Ältere Leute erinnern sich noch der Frühstücksgebete. Es gab einzelne Höfe, besonders im Kraftfeld der sog. Erweckungsbewegung, das im lip- pischen Norden lag mit der Mitte in Wüsten, wo man im vorigen Jahrhundert, selbst in der hillsten Erntezeit, noch bevor man ins Feld zog, eine Morgenandacht verrichtete, nachdem man noch vorher Bohnen aus- gekrüllt hatte. Lieder wie „Wach auf, mein Herz, und singe“ oder „Morgenglanz der Ewigkeit“ erklangen. Von einigen alten „Theiden“ ist nach dem Gesang noch ein freies Gebet gesprochen.

Plattdeutsche Gebete sind nicht überliefert. Bauer Jobst Harde, der Wüstener Erwecker, betete und predigte in seiner Muttersprache.

Die Mittagsstunde war ganz im besonderen Augenblick religiöser Ergriffenheit in den Orten, wo eine Kirche war und die Betglocke gezogen wurde. Dann nahm man wohl das Samtkäppchen ab oder die Pingelmütze und sprach zu jedem Schlag eine Bitte des Vaterunsers. Es gab Lehrer, wie den alten Kantor Rehme in Langenholzhausen, die ihre Schüler auf die Wichtigkeit solchen Tuns im besonderen hinwiesen. In rationalistischer Zeit war das Tischgebet fast ganz abgekommen. Heute ist die Stellung zum Tischgebet dörferweise verschieden, aber auch nach Haushalten. Der Landesnorden, besonders in den pietistisch tra- ditionierten Familien, stellt sich am positivsten.

Die Arbeit ist Herr des Tagesverlaufs, das Essen bestimmt ihre Pausen. Zu Anfang und zu Ende aber stand und steht immer noch die Besinnung, ganz wie über den alten Einfahrten: „Ora et labora“. Die Alten im Lande vertreten diese Meinung: „De Besinnunge, dat es dat beste an’n Minsken“.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1949 – Von Dr. A. Meier-Böke