Alverdissen, einst Hagenfestung und Herrensitz

Schloss Alverdissen, Südseite. By Grugerio (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Die älteste noch erhaltene Urkunde, in welcher der Ort Alverdissen erwähnt wird, ist fast 600 Jahre alt. Am 26. April 1366 erhielt Graf Heinrich V. zu Sternberg vom Nonnenkloster Ullenhausen im Tauschwege acht Stück Land bei „der Alverdisser Gemeinheit“, und in einer Urkunde vom 1. August 1370 geloben die „rade und Meynheyde“ der Städte Bösingfeld, Barntrup und Alverdissen eidlich, dass sie dem Grafen von Schauenburg, dem die Sternberger ihr Land unterstellt hatten, die Treue halten wollten.
Diese Erwähnung einer Stadt Alverdissen führt zurück in eine Zeit, wo die Orte des Extertales noch nicht in den Dornröschenschlaf gesunken waren, der sie später durch Jahrhunderte umfangen hielt.
Die Grafschaft Sternberg, 1220 vom Schwalenberger Herrschaftsgebiet abgespalten, hat mit dem gleichen Eifer wie die Herren benachbarter Territorien Städte gegründet (wenn auch mit weniger Erfolg, denn diese Städte sind nach dem politischen Rückgang des Herrschaftsgebietes Sternberg wieder zu Weichbilden oder Flecken zurückgesunken). So hatte Alverdissen nicht nur einen Rat und Bürgermeister, sondern auch einen vom Grafen eingesetzten Richter. Es führte ein Ratssiegel mit der Umschrift „Sigillum oppidi in Alverdessen.“
Bemerkenswert ist ferner die alte Heer-und Handelsstraße, die von Amsterdam über Osnabrück und Lemgo kam, Alverdissen durchzog und dann über Hameln und Hildesheim nach Leipzig führte. Fahrendes Volk, Mönche und Scholaren, Handelszüge und Reisekutschen, Reitertrupps, Söldnerscharen oder riesige Heerzüge kamen in buntem Wechsel durch den Ort. Die hierdurch bedingte Unsicherheit führte die Bauern frühzeitig dazu, sich durch Wallhecken und Tore gegen unliebsame Gäste zu schützen. Ebenfalls sorgte der Territorialherr zwecks Befestigung und Verwaltung seines Gebietes für die Anlegung einer Burg, wie er auch in Bösingfeld und Barntrup feste Häuser erbaute und an Burgmannen verlieh.
Diese Stadt Alverdissen wurde restlos zerstört, als im Jahre 1424 der Schaumburger Graf Adolf IX., dessen Vater Otto I. 19 Jahre zuvor die Grafschaft Sternberg geerbt und an den Edlen Herrn Simon III. zur Lippe verpfändet hatte, mit den lippischen Nachbarn in Streit geriet und seinen Zorn an den Orten des oberen Extertales ausließ. Die Stadt brannte damals nieder und wurde völlig verwüstet.
Ein baldiger Wiederaufbau war wegen der bäuerlichen Belange der Alverdisser geboten. Besonders drängte aber der Inhaber des festen Hauses auf schnelle Wiederherstellung von Burg und Befestigungsanlage. Und während der Nachbarort Bösingfeld 70 Jahre in Trümmern lag und seine Burg für immer verloren hatte, blühte Alverdissen sehr bald wieder auf. Um 1450 stand der Ort mit seinen Fachwerkhäusern, seiner Burg und dem Festungsringe wieder schöner als zuvor. Voller Stolz sprachen die Alteingesessnen von ihrem „freien Weichbild“ und dem „sloze to Aluerdessen.“
Werfen wir kurz einen Blick auf dieses Bild einer bäuerlichen Festung vor 500 Jahren!
Die Längsachse des Ortes bildet die von West nach Ost verlaufende Heerstraße Lemgo—Hameln. Die Vordere und Hintere Straße sind längliche Halbbögen, die von der Mittelstraße abzweigen. Im Nordosten drängt sich das Schloss mit seinem Wirtschaftshof in das Ortsbild hinein, so dass hier der Straßenbogen etwas verkürzt wird. Der Ortsteil am Torteich war damals eine Sackgasse mit ungeordnet stehenden Häusern. Der große Brand von 1855 hat sie alle vernichtet und die gerade verlaufende Neue Straße entstehen lassen.

Ein Heckenwall schützte den Ort

Die Umwehrung des Ortes war der Hagen, eine uralte, schon bei den germanischen Wallburgen angewandte Befestigungsform. Erlen und Schlehdorn, Pappeln und Heckenrosen wurden eng zusammengepflanzt und verwuchsen zu einem undurchdringlichen Dickicht. An der für Verteidigung günstigen Nordseite des Ortes mit ihrem Steilhange war der Hagen etwa 25 Meter breit, während er an der ebenen Südseite 40 Meter Breite hatte. Er endete am Ufer des Torteiches. Dieser gehörte zur Herrschaft und war mit in die Befestigungsanlagen des Schlosses einbezogen. Vielleicht war er ursprünglich nur ein unpassierbarer Morast am Laufe der Exter und ist später als Mühlteich und zu Vergnügungszwecken ausgeschachtet worden. An seinem Nordufer sperrte er die Straße ab, die hier durch das Untere Tor führte und nur über eine Zugbrücke mit dem anderen Ufer in Verbindung stand. Der Abfluss des Teiches stürzte durch einen mit spitzen Pfählen und Dornwerk geschützten Damm in einen 12 Meter breiten Graben, der das Schloss im Osten und Norden umfloss. Dieser tiefeingeschnittene Spitzgraben führte dicht am Herrenhause vorbei und hatte an der Innenseite zum Schutz noch einen Palisadenzaun aus 25 cm dicken, gespitzten Pfählen. Ein Hausgarten, eine Pferdekoppel und die sogenannte Reitbahn lagen, von hohen Zäunen oder Mauern umwehrt, an der Nordseite des Schlosses. Durch die innere Umzäunung führte auch ein Tor zum Wirtschaftshofe.
Etwa bei dem heutigen „Hühnerwege“ begann wieder der Hagen. An der Westseite von Alverdissen war eine Lücke im Festungsring für das Obere oder Schaftor gelassen, das erst 1835 beim Ausbau der Chaussee beseitigt worden ist. Von den Mauern, die seitlich des Tores in die Hagenwälle verliefen, ist noch heute am Düwelschen Hause Nr. 98 ein Rest zu sehen. Angebaut an diese Mauer war das Obere Pforthaus, das zuletzt von dem Gemeindediener bewohnt war und 1914 abgebrannt ist. Es war früher die Wohnung des Torwächters, ebenso wie das Haus Nr. 1 am Unteren Tore, das „in den Teich gefallen“ ist.

Alverdissen – Aquarell von Emil Zeiß 1872. Quelle: Heimatland Lippe

Die Werpups als „Verwahrer“

Inhaber des Schlosses waren nicht immer waffengeübte Rittersmänner, die notfalls zum Kampfe gegen Störenfriede bereit waren. Mehrfach wurden Haus und Weichbild Alverdissen wie eine Handelsware an zahlungskräftige Lehnsleute vergeben, z. B. an die von Wend, von Zerssen, von Reden. Als dann aber um die Mitte des 15. Jahrhunderts der Lehnsadel mehr und mehr in die Städte abwanderte, um in den aufblühenden Handelsunternehmungen gewinnbringendere Anlage seines Vermögens zu suchen, kam 1461 der erste Werpup als „Verwahrer“ auf das Schloss Alverdissen. Er erhielt „slot und wigbelde“ für eine Summe von 300 Fl. auf je 10 Jahre zum Pfände. Die noch erhaltenen Briefe dieses Gerke Werpup sind in niederdeutscher Mundart gehalten, die uns wie holländisch anmutet. Sie zeigen einen gewandten Stil und außerordentlich gründliche Rechtskenntnis, was bei seinem Lehnsherrn, dem kriegerischen Bernhard VII., nicht gerade gesagt werden kann.
Gerke Werpups Sohn Simon bekam 1514 ebenfalls Schloss und Gut Alverdissen für anfänglich zehn Jahre zu Lehen, und zwar als Pfand für eine Schuld von 1000 Fl. Auch erhielt er den sonst an Sternberg entrichteten Zehnten zugesprochen, dafür musste er die Straßen in gutem Zustande halten und den Handelsverkehr unter seinen Schutz nehmen. Er stand mit den Bürgern des Fleckens in bestem Einvernehmen und hielt die hergebrachte Trennung zwischen herrschaftlichem Land und Gemeinheitsbesitz, sowie den beiderseitigen Hudegerechtsamkeiten und Holznutzungen streng inne. Sein Sohn Johann jedoch versuchte, die Rechte der Alteingesessenen des Fleckens zu schmälern. Drei Alverdisser Ratsherren mussten sich 1545 nach Detmold begeben und den Grafen bitten, sie bei ihren althergebrachten Possessionen zu beschützen. Das wurde denn auch auf dem Landtage „unter der Linden“ zu Kappel festgelegt und seitdem gehalten. Das schon dem 13. Jahrhundert entstammende Nonnenkloster Ullenhausen, das bereits von der Reformation heruntergekommen und dessen Wirtschaft „zur Wüstung geworden“ war, wurde 1557 von den letzten Augustinernonnen verlassen. Briefe und Siegel nahmen sie der Äbtissin in Herford mit. Johann Werpup aber brachte alle Besitzurkunden wieder herbei und wurde zur Anerkennung dafür mit der Ullenhauser Meierei, der ausgedehnten Länderei und allen Zehnten belehnt. So wurden die Werpups Lehnsinhaber des alten Klostergutes, auf dem sie bis 1704 als Drosten gesessen haben. Sie waren gleichzeitig Patronatsherren der Alverdisser Kirche und hatten dort auch ihr Erbbegräbnis. Die Grabplatte des 1604 verstorbenen Rates Friedrich Werpup mit dem Reliefbild eines Ritters und mancherlei Wappen und Inschriften, die heute im Kircheninnern aufrecht eingemauert ist, hat bis zum Neubau des Kirchenschiffes 1842 das Grab des Verstorbenen unter dem Hochaltar bedeckt.

Graf Philipp, Erbherr in Alverdissen

Als der Drost Johann Werpup 1557 durch Graf Bernhard VIII. auf Anraten des weitblickenden Geheimsekretärs Deppe mit Ullenhausen belehnt und damit für seine Rechte an das Haus Alverdissen entschädigt worden war, stand die Grafschaft Sternberg wieder zur Verfügung des Landesherrn. Nun wurde sie als herrschaftliche Abfindung mit allen Einkünften und Privilegien als sogenanntes Paragium an den jüngeren Bruder Bernhards vergeben, welcher gleichzeitig Erbherr in Pyrmont und Spiegelberg war. Und als diese Nebenlinie des lippischen Herrscherhauses ausstarb, setzte Graf Simon VI. seinen jüngsten Sohn Philipp als Erbherrn in der Herrschaft Alverdissen ein, um ihn standesgemäß mit Land und Leuten auszustatten, ebenso wie er seinem zweiten Sohn Otto die Ämter Brake, Blomberg und Schieder als erbherrlichen Besitz übergab.
Gewiss hatte er nicht an eine endgültige Loslösung dieser Gebiete vom lippischen Territorium gedacht. Ein Paragium umfasste nur das Wohnrecht im Schloss, die Nutzung von Holz, Jagd und Fischerei wie auch sämtliche Einkünfte aus den Naturallieferungen der Zehntpflichtigen, aus Meierei und Mühlen. Für die Herrschaft Alverdissen hatte die Landkasse jährlich 4000 Thl. an Apanagengeldern zu zahlen. Doch war den „abgeteilten Herren“ die Ausübung der Hoheitsrechte versagt; die Gebiete blieben unter lippischer Verwaltung und sollten beim Aussterben der Nebenlinie wieder an das Land zurückfallen.
Tatsächlich ist die von Otto begründete Linie Lippe-Brake 1709 ausgestorben. Statt dass aber die Paragiatsgebiete jetzt wieder an Lippe fielen, erzwangen die Herren von Lippe-Alverdissen, die inzwischen auch Schaumburg-Lippe geerbt hatten, nun auch noch die Erbschaft des zu Brake gehörigen Amtes Blomberg. Die lippische Oberhoheit in den abgeteilten Gebieten ist also wenig beachtet worden, und erst 1812 konnte des Amt Alverdissen durch die Fürstin Pauline für 52 000 Thl., Blomberg noch 26 Jahre später, wieder unter lippische Souveränität gebracht werden.
Der Begründer der Linie Lippe-Alverdissen, Graf Philipp, war in dem neu erbauten Schlosse zu Brake geboren worden. Seine Taufe am 26. August 1601, von der wir genaue Beschreibungen besitzen, war als ungewöhnlich üppiges Hoffest aufgezogen. Das Paragium Alverdissen, das ihm durch Testament seines Vaters zugesprochen war, trat er mit 16 Jahren an, und seit 1626 wohnte er in dem nun 200 Jahre alten Schlosse. Mehrere Jahre verbrachte er auch in Den Haag, weil er beabsichtigte, in holländische Kriegsdienste zu treten. Da diese Jahre mitten in die schwere Zeit des 30jährigen Krieges fielen, können wir uns vorstellen, dass sie nicht übermäßig heiter waren.

Philipp, erster Graf von Schaumburg-Lippe

Da verlor seine älteste Schwester Elisabeth, verwitwete Gräfin zu Holstein und Schaumburg, ihren einzigen Sohn Otto infolge des berüchtigten Hildesheimer Banketts. Philipp eilte nach Bückeburg, um seiner Schwester in ihrem Kampf gegen die vielen Bewerber um das vakante Erbe beizustehen. Elisabeth hatte von dem großen ihr zugefallenen Vermögen die holländische Besitzung Bergen und die Herrschaft Pinneberg i. Schlw. verkauft. Ihre schaumburgischen Gebiete, auf die der Paragiatsherr in Brake, Graf Otto, Erbschaftshoffnungen gesetzt hatte, vermachte sie im Testament vom 3. Juli 1643 ihrem jüngsten Bruder Philipp. Die seit 1636 unter Königin Christine eingerichtete schwedische Regierung in Minden und die Landstände der Grafschaft Schaumburg erhoben keinen Einspruch.
Da der südliche Teil des schaumburger Landes unter kurhessischer Lehnshoheit stand und zur Abrundung der Herrschaft sehr erwünscht schien, willigte Graf Philipp 1644 in die Heirat mit Sophia, der um 14 Jahre jüngeren Schwester des verstorbenen Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel und erhielt gleich darauf die hessische Belehnung. Auf dem Friedenskongreß in Münster und Osnabrück machte aber die Landgräfin doch Ansprüche auf die Grafschaft Schaumburg geltend als Kriegsentschädigung für die Hilfe an Schweden und erreichte im Vertrage zu Münster 1647, dass der Kreis Rinteln bei Hessen blieb, während die Ämter Bückeburg, Arensburg, Sachsenhagen, Stadthagen und Hagenburg als „Grafschaft Schaumburg-Lippe“ an Philipp kamen. Auch behielt Graf Philipp sein Paragium in Alverdissen in Besitz und hatte zudem noch Forderungen an die übrige Grafschaft Sternberg; diese trat er aber 1652 gegen eine Geldsumme an Lippe ab.

Das Alverdisser Schloss

Der Alverdisser Graf hatte es verstanden, das Herz seiner neuen Untertanen zu gewinnen, indem er durch verständnisvolle Regierungsmaßnahmen die von dem langen Kriege hart getroffene Bevölkerung ermutigte und unterstützte.
Graf Philipp hatte zwei Söhne, Friedrich Christian und den nachgeborenen Philipp Ernst. Dem älteren hatte er das schaumburgische Erbe zugedacht, während der zweite Sohn Alverdissen erhalten sollte. Die jungen Grafen wuchsen im Bückeburger Schlosse auf, doch wurden die Beziehungen zum Amt und zum Flecken Alverdissen eifrig gepflegt. Die jungen Grafen haben ihren Vater mehrfach begleitet, wenn er von Bückeburg aus nach Alverdissen kam, um hier nach dem Rechten zu sehen oder an einem Freischießen teilzunehmen.
Das Alverdisser Schloss war damals schon baufällig und entsprach vor allem nicht mehr den steigenden Ansprüchen des prachtliebenden, nach französischem Pomp strebenden Zeitalters. Im Frühjahr 1661 wurde es abgerissen. Den Grundstein zu dem neuen, im wesentlichen noch heute stehenden Schlosse legte der ältere der Bückeburger Grafensöhne, weil der Bruder und nachmalige Schlossbesitzer erst zwei Jahre alt war.
In der Nordostecke befindet sich in 2 m Höhe ein Stein im Mauerwerk mit der Inschrift: „Anno 1662 den 7 Juny had Fridrich Christian GzSLuS unter dieser Ecke den ersten Stein gelegt.“
Als der junge Philipp Ernst 21 Jahre alt war, starb sein Vater in Bückeburg als Achtzigjähriger. Graf Friedrich Christian trat sofort die Regentschaft in Schaumburg-Lippe an, und Philipp Ernst richtete sich das neu erbaute Schloss nach seinem Geschmack ein.

 

Schloss in Alverdissen. Aquarellierte Federzeichnung von Emil Zeiß 1864

Vor 300 Jahren hat der holländische Geograph, Ingenieur und Mathematikus Elias van Lennep einen Kupferstich von Alverdissen geschaffen, der den Blick auf den Flecken von der Mergelkuhle aus zeigt. Er vermittelt uns mancherlei wertvolle Aufschlüsse auf die damaligen Befestigungsanlagen, die Bauweise der Häuser, den damals noch nicht gedrehten Kirchturm, die Mergelfahrerei — nur das Schloss hat der Künstler aus der Phantasie oder nach Schilderungen des früheren Herrenhauses dargestellt. Das neue Schloss, dessen Grundstein gerade erst gelegt worden war und dessen Mauern vielleicht soeben aus der Erde wuchsen, sah anders aus. Der Leutnant Colson, Kommandant der Schlosswache, hat uns eine Reihe genauer Zeichnungen aus dem Jahre 1777 hinterlassen, die uns die bauliche Beschaffenheit und die Inneneinrichtung des Schlosses aufs beste zeigen. Das Gebäude des heutigen Amtsgerichtes enthält noch, trotz dreimaligen Umbaues in den Jahren 1812, 1858 und 1924, die wesentlichen Elemente dieses Baues. Nur der markante, turmartige Vorbau mit dem Treppenaufgang, sowie das oberste, aus Fachwerk erbaute Geschoss sind verschwunden.
Graf Philipp Ernst und sein Sohn, Graf Friedrich Ernst, haben das Schloss bewohnt und den Garten, nach Verlegung des Mühlengrabens, in italienischem Stile ausgestaltet. Die sowohl energische wie gemütvolle Gräfin Dorothea Amalia aus dem bekannten Hause Holstein-Beck hatte gemäß dem Zeitgeist in dem abseits gelegenen Uhlentale ein Landgut geschaffen, das noch heute als Domäne ihren Namen trägt. So konnte sie nach Belieben die beschauliche Naturnähe ihrer Eremitage Dorotheenthal oder das komfortable Leben auf dem Schloss in Alverdissen wählen. Sie selbst, ihr Gatte und sieben Nachkommen wurden in einer kleinen Grabkammer neben dem Kirchturme bestattet, die auf drei großen Sandsteinplatten reiche Beschriftung und Bildschmuck in guter Barockarbeit zeigt. Eine gewaltige Steinfigur mit dem Wappen des ersten hier beigesetzten Grafenpaares und die allegorischen Figuren von Leben und Tod erinnern an die Vergänglichkeit einstiger Größe.

Philipp Ernst, der zweite Alverdisser auf dem Schaumburg-Lippischen Thron
Der letzte Alverdisser Graf erbte 1777 als Philipp IL Ernst wiederum den schaumburg-lippischen Thron, nachdem der berühmte „Kanonengeneral“ Graf Wilhelm kinderlos verstorben war. So kam diese Nebenlinie des lippischen Grafenhauses zum zweiten Male durch Erbschaft nach Bückeburg, wo dann bis zum 16. November 1918 Fürsten aus dem Hause Lippe Alverdissen regiert haben.
150 Jahre hindurch haben also Grafen im Alverdisser Schlosse gewohnt und mit den Fleckenbürgern ihre kleinen Freuden und großen Beschwernisse geteilt. Dann sind sie fortgezogen, und es ist nicht viel, was an Erinnerungen an sie in diesem Flecken geblieben ist: ein paar morsche Särge in der kleinen Grabkammer neben der Kirche, ein paar Inschriften in Stein, an denen das Leben achtlos vorübergeht und ein Kranz von romantischen Legenden aus galanter Zeit. Wir werden erinnert an den italienischen Spruch eines alten Kaminsturzes im Schloss, den einst Graf Philipp in Stein hauen ließ:

„Passando il male, sperando il bene Li vita passe, la morte vierte.“
(Im Erdulden des Bösen und Erhoffen des Guten vergeht das Leben, her kommt der Tod.)

Quelle: Heimatland Lippe 01/1965