Am Rand der Senne

Sennelandschaft im Herbst, Deutschland.by Nikater (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

Um die Mittagszeit wird es in den Kiefernschlägen unerträglich heiß. Die Baumpieper verstummen, und die Heidelerchen sind müde. Die Luft ist voller Harzgeruch. Aus den Kronen kommt ein leises Knacken, wenn sich die Zapfen öffnen. Nur die Waldameisen werden eiliger, sie mögen nicht den kühlen Morgen und die naßkalten Regentage. Ihre hohe Zeit ist die Mittagsglut am Sennerand, gerade dort, wo die Heide aufhört und das Kiefernholz beginnt. Quer über den Fuhrweg haben sie ihre Straße geführt, alle Hindernisse abgeräumt, um in schneller Sechsbeinigkeit allerlei Güter in die hochgetürmte Burg zu schleppen. Der Grünspecht hat in der Morgenfrühe den Bau verwüstet, um an die Puppen zu gelangen. So haben sie alle Beißzangen voll zu tun, ihr Staatswesen zu ordnen, dies gänzlich ohne Ministerium und Verfassung.

Die Hitze treibt mich in den „Kreuzkrug“, auf dessen breitem Fachwerkgiebel die Augustsonne helles Licht und dunklen Schatten zaubert. Im kühlen Flur hängt an der Wand ein Buntdruck: „Des Försters letzter Gang“. Vier Hirsche tragen den Sarg hoch auf dem Geweih, der Dachs folgt mit dem geschulterten Spaten, alles Waldgetier ist im Gefolge vertreten. Unter dem Bild steht der beziehungsreiche Satz: „Ihm ist wohl und uns noch besser“. In der Gaststube setze ich mich an die Fensternische, wo aus dem Holzkasten wuchernd der Efeu breit das Mauerwerk überzieht. Gegenüber ein Foto unter Glas, auf dem die fürstlichen Grünröcke mit Flinte und Jagdhorn hinter der Rotwildstrecke stehen, weißbärtig und voll Würde nach der Rangfolge gereiht.
Draußen klappert ein Fuhrwerk vorbei und hält dann vor dem breiten Gattertor, welches die Straße nach Schlangen sperrt. Der Fuhrmann öffnet die knarrenden Flügel, läßt die Pferde anziehen, schließt das Tor und steckt den eisernen Riegel wieder in die Sperre. Hier vor dem Forsthaus läßt niemand das Wildgatter offen, denn es gäbe gleich ein Donnerwetter und eine Anzeige obendrein. Der Förster vom Donoperteich hat mehr Ärger mit den Gattertoren, besonders in letzter Zeit, wo manchmal in einer Woche an die acht Automobile über die Waldstraße fahren. Die Insassen sind vornehme Leute und viel zu bequem, nochmals auszusteigen und die schweren Torflügel wieder voreinander zu bringen. Pünktlich in der folgenden Nacht ziehen die Sauen hindurch, und dann kommt der Schreibspektakel über den Wildschaden hinterher.
Nach einer guten Stunde nehme ich die Beine wieder unter dem Tisch hervor und gehe in Richtung Lopshorn den ausgefahrenen Sandweg entlang. Lange dauert es aber nicht, hier im Nadelholz sind die grauen Stechfliegen zu bissig, eine ganze Wolke folgt lautlos und gierig nach. Ich schwenke seitlich ab und gehe durch die kniehohe Heide. Die roten Blüten schwimmen bis zum Horizont in der heißen Sommerluft, Honigduft ist ringsum, und das Millionenheer der Bienen erfüllt die Weite mit ihrem sanften Summen. Alle paar Schritte raschelt eine Eidechse durch die braunen Stengel, sie haben um diese Stunde ihre große Jagd auf das Insektenvolk. Vom Heidedorf Haustenbeck rudert es breit in der Luft heran. Der Rotmilan hat seinen Horst ein paar hundert Meter vom alten Jagdschloß Lopshorn in einer breitkronigen Buche versteckt. Im tiefen Flug zeigt er die farbigen Schwingen und wirft einen dunklen Schatten über das Blütenmeer unter sich.
Den ganzen langen Sonnentag könnte ich hier gehen und noch in der Nacht dem Ziegenmelker lauschen, besonders im Frühjahr, wenn er seinen Gespenstergesang hören läßt, mit den Flügeln klatscht und im Hochzeitsflug niedrig um die Kiefern streicht.
Faul lege ich mich lang und sehe den Spinnen zu und den blanken, glänzenden Fliegen, die es immer so eilig haben und nur kurz auf meinem Rock rasten. Erst als die Schatten länger werden, ein leichter Dunst über der Ferne steht, nehme ich wieder den Sandweg unter die Füße. Als ich der Birkhenne nachsehe, die hastig abstreicht, huscht ein grüner Schatten über den Weg, ganz hinten an der Mulde mit dem Birkengestrüpp ist er verschwunden. Nach zweihundert Metern werde ich wissen, was dies auf sich hat.
Neben der dicken Kiefer schwenkt der Lauf eines Drillings auf mich, eine scharfe Stimme meldet sich: „Halt! Stehen bleiben! Wohin, wie heißen Sie?“
Seiner Durchlaucht wohlbestallter Leibjäger zu Lopshorn tritt hervor und mustert mich voll finsterem Mißtrauen. Er sieht mir an, daß ich weder den Geheimrats- noch den Hofschiachtermeistertitel mein Eigen nenne. Seit die „Bielefelder Schweinebande“ aus dem Auto zwei Hirsche wilderte, ist es mit seiner Umgänglichkeit vorbei, zumal er vergeblich fahndete bisher.
Um die Abendstunde treffen wir in der Lopshorner Gaststube wieder zusammen. Ein paar Zecher aus dem Gut kommen dazu, und so dauert es nicht lange, bis wir allesamt munter werden. Besonders der Alte weiß zu erzählen, denn er hat in Detmold bei den 55ern gedient und schildert das Kunststück, wie er aus der Unteroffiziersstube die Petroleumration regelmäßig mauste: „Wir konnten dann immer mit hochgeschraubtem Docht bei strahlender Helle auf Stube 15 sitzen, den lütten Spardocht wie die anderen hatten wir nicht nötig“, meint er mit stolzem Unterton.
Nach etlichen Runden sticht mich der Hafer, und ich sage dem Leibjäger, der nun ganz außerdienstlich bei uns hockt, er sei sozusagen die letzte bewaffnete Streitmacht der lippischen Monarchie. Bei dem Gelächter behält er ein eisiges Gesicht, kramt in der grünen Weste und stellt zwei Hochwildpatronen wie Schachfiguren neben das Glas. Der Zeigefinger sticht in den Pfeifenqualm: „Jeden, den ich beim Wildern erwische, senge ich einen solchen Brocken auf die Rippen! Ohne Anruf und Gnade. Der Ausschuß ist faustgroß und ein Arzt ganz und gar überflüssig!“

Sennegehöft. Ölgemälde von Ernst Rötteken aus dem Jahre 1907 (Lippisches Landesmuseum)

Auf diesen Schrecken trinken wir hastig und anhaltend. Als der neue Tag auf der Uhr herankriecht, denke ich an den langen Heimweg. Wie ich an der breiten Einfahrt vorbeikomme, stockt der Fuß. Die Hirsche sind weg! Die beiden steinernen Hirsche auf den wuchtigen Mauersockeln fehlen! Im Mondlicht sehe ich sie über dem Schloßhof schweben, wische die Augen, da sind sie auf dem Dach der alten Reithalle. Mir wird ganz wunderlich, und ich eile auf die Waldstraße, nehme sorglich die Mitte und marschiere, daß der graue Kalkstaub in Wolken hinter mir steht. Oben an der Mordkuhle gehe ich den Richtweg zum Heidental. Polternd und brechend geht eine Rotte Sauen ab, ein paar Steine kollern am Buchenhang. Sonst kriege ich nächtlich immer einen Mordsschrecken, wenn sie mit großem Spektakel flüchten, aber heute habe ich die vegetativen Nerven betäubt. Ganz lautlos war ich auf dem Grasweg, da hat ihnen der Nachtwind den scharfen Wacholder zugetragen.

Manchen Tag noch gehe ich durch die Kammersenne, aber dann bleibe ich gleich monatelang in der Heide. Keine einsame Pirsch ist mehr auf stillen Wegen. Wir marschieren und singen das Heckenrosenlied. Lustig sieht es aus, wenn die Leuchtspurmunition vom dürren Boden prallt und jaulend durch die Kiefern fährt. Manchmal rasten wir an der niedrigen Kuppe, die oben den Gedenkstein trägt. Hier nahm Kaiser Wilhelm vor Jahr und Tag nach dem Manöver die Parade ab. Mit allen seinen Orden saß er gar prächtig zu Pferde und war überhaupt ein grundgütiger Monarch, der seinen Untertanen das Sonntagshuhn im Topfe versprach. Was meine Generation ist, die ihn persönlich nicht kannte, verdanken wir ihm die schulfreie Siegesfeier und die gedörrte Steckrübe.

Heute nun tragen wir den grauen Rock mit dem Hakenkreuz. Die Obrigkeit liefert die Ehre und den Sold, ausreichend die Pfeife zu stopfen. An den freien Abenden schwärmen wir in die Sennedörfer aus, denn die Mädchen mögen uns, und wir sie auch.
Dann sind wir aus der Heide verschwunden, denn Deutschland soll größer werden.
Das Heckenrosenlied singen wir in Polen. —
Als wir heimkehren nach grauen Jahren, hohlwangig, kahlgeschoren und zerlumpt, spuckt uns die neue Obrigkeit auf den „Ehrenrock“. Wir seien an allem Unglück schuld — meint sie.

Die Sieger nehmen den Wald mit und lassen uns die Wurzelstöcke, im Notwinter die Stuben damit anzuwärmen. Tagsüber kreischen in den Wäldern die Sägewerke, und nächtlich fallen starke Banden mordend und plündernd in die einsamen Kotten der Walddörfer. Auf allen Rehwechseln hängen die Schlingen, und als die Bauern sie abnehmen, brennt am nächsten Tag der Wald an vier Ecken zugleich. In der Senne geht es zu wie vor dreihundert Jahren unter Pappenheims Scharen.

Wie der stetige Wind auf der Heide die einsame Fährte im Flugsand verweht, so schwinden die Jahre spurlos und sind nur blasse Erinnerung.

Der Kreuzkrug an der Gauseköte (Ansichtskarte)

Fünfunddreißig lange Jahre später sitze ich wieder im Kreuzkrug:

Der Fünfzigjährige am Nebentisch kämpft mit Messer und Gabel, säbelt vom breit überhängenden Schinken dicke Streifen ab und wirft sie dem Pudel hin, der den Rassekopf mit dem Beatleschnitt senkt und arrogant am Schinken schnüffelt. „Er mag ihn nur gekocht“, meint die zwanzigjährige Begleiterin des Dicken. Sie trägt ein hautnahes Kleid, mit dem sie oben und unten ärmliche Sparsamkeit demonstriert, dazu ein grauviolettes Haargebirge, blaue Lidschatten und karminrote Fingernägel. Sie bestellt sich einen neuen „Whisky pur für harte Männer“ und hebt aus der Riesenschachtel eine Praline, welche der Pudel mit einem kurzen Ausschlag der Stummelrute quittiert.

Wie ich aus dem Krug eile, vorbei an zwanzig blankpolierten Wagen, die dort stehen wo früher das Gattertor war, ertappe ich mich beim Selbstgespräch: „Du wirst alt und komisch“, höre ich mich. Ja, ich habe es ganz vergessen, das „Goldene Zeitalter“ ist da! Niemals war Deutschland so glückselig, denn wir haben das Huhn im Topf, den Wagen vor der Tür und für den lieben Gott die Geistlichkeit.

Der alte Sandweg nach Lopshorn zwischen den hohen Randkiefern ist nicht mehr, er wurde begradigt und hat eine feste Decke für hohe Geschwindigkeiten. Von der Heide blieb nicht viel und vom Heidedorf Haustenbeck nur ein paar Ruinen. Das dürre Land gehört dem Panzer, seine Ketten begraben das rote Blütenmeer und brechen den Ortstein unter dem Flugsand. Der König der Wälder, dessem Orgelschrei ich manche Herbstnacht am Winfeld und der Breiten Naht lauschte, ist selten geworden. Geblieben ist das Damwild mit den unköniglichen Bocksprüngen und dem dümmlichen Ziegenwedel. Die Sauen halten sich rar, denn am Nordhang der Waldkette steht eine Befestigungslinie von Jagdkanzeln, lük-kenlos und feuerbereit, mit erstklassiger Optik bestückt. Birkwild lebt schon lange nicht mehr in der Kammersenne, aber die Nachtschwalbe geistert noch, und der Milan horstet beim zerschossenen Jagdschloß. Noch immer lohnt es auf verwachsenen Pfaden still zu pirschen, denn der Verkehr brandet vorbei und bricht sich an Ausflugszielen auf den Massenplätzen.
Wenn ich über den Kammweg zur Dörenschlucht gehe, ist in der Abendzeit ein helles gleißendes Licht, gerade dort, wo früher die Heide mit den niedrigen Birken war. Eine neue „Stadt“ mit zwei Kirchen und langen Panzerhallen breitet sich aus. In der Haustenbecker Senne dröhnt dumpf der gewaltige Motorenlärm von Kettenfahrzeugen.

Dort unten singen sie wieder das Heckenrosenlied.

Qulle: Heimatland Lippe 09/1965 – Von Werner Jahnke