Angela

Blick von Norden zum Köterberg, mit Fernmeldeturm By Sönke Kraft aka Arnulf zu Linden (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Die Geschichte der Bäuerin Angela Uhl, verwitwete Falke von der „Falkenflucht“ unter dem Köterberg im Weserland, ist wahr. Sie findet sich, von der Hand eines Pfarrers nach den Akten des Geschworenengerichts zu Kassel aufgezeichnet, in dem „Schwarzen Buche“, das einem Verwundeten aus jener Gegend während des ersten Weltkrieges in einem Feldlazarett der Westfront in die Hände fiel und das er seinen Eltern in die Heimat sandte, die es getreulich zum Gedächtnis des bald danach Verstorbenen aufbewahrten.
Daraus habe ich sie, ergänzt durch das, was alte Leute mir in den Dörfern um die Flucht noch zu erzählen wussten. Der Baum, unter dem die schwarze Tat geschah, steht noch, gehegt und gepflegt von der Corveyschen Forstverwaltung, und darin, erst kürzlich von unbekannter Hand aufgefrischt, die Jahreszahl 1812, jenes Jahr, in dem Gottes Befehl an den Kaiser Napoleon erging, dass es nun genug sei.
In dem Jahr 1812 waren es sechs Winter her, dass des Kaisers Soldaten Angela zur Witwe gemacht hatten. Damals hatten sie die Hofmagd Marikka, welche mit Miststreuen beschäftigt war, während er, der Bauer, Angelas Mann, unterpflügte, unter offenem Himmel vom Acker gezerrt, die Kleider vom Leib gerissen und versucht, ihr Gewalt anzutun. Der Bauer hatte nur den Schraubenschlüssel zur Hand, mit dem man die Pflugschar bei der Umstellung befestigt. Und da er nur einer gegen drei war, übermochten sie ihn bald. Vorüberkommende fanden das Mädchen in ihrer Ohnmacht, den Bauern aber in seinem Blute, noch lebend. Als sie ihn auf der Deele hatten, vermochte er nur noch ein paar Worte herauszuröcheln, kaum verständlich, nur »dem Ohr der Liebe deutbar: „Den Uhlenhof für die Mädchen Tönies und Katterine Auge haben auf sie .“ Und, schon von jenseits der Grenze, und aus einem Licht, in dem Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges in eins verrinnen, und das die Irdischen, die es berührt, zu Mitwissern der Überirdischen, zu Vorauswissern, macht: „Nicht traurig sein, Angela, Liebling, nicht weinen, rufe dich, bald schon bald…“
Weiß wie Kalk, und schon in der hereinbrechenden Einsamkeit des Herzens, dicht an seinem Ohr, das ihre Lippen berührten, schrie Angela, bebend im Abschiedsschmerz: „Bald? Wann ist das, bald?“ Aber er antwortete nicht mehr, lächelte aber noch. Und dieses, sein Lächeln, war stehengeblieben wie bei Toten, die bald jemand nachholen, doch war es anders, dieses Lächeln, war wie das Nachleuchten auf dem Antlitz derer, die über das Letzte triumphieren.
Angelas Ehe war eine sehr glückliche gewesen, nicht voll laut jauchzendem Glück, dafür ist auf den Höfen zu wenig Zeit, aber eines stillen, steten Glückes, gegründet in der sanften Kraft, mit der seine Hände sie hielten. Nachbarskinder zweier Höfe, abseits der Heiwege aufgewachsen, waren ihre Wege beinahe zwangsläufig zwischen den Wäldern in einem verronnen. Nur ein Schatten fiel in ihre Sonne, als der jüngere und einzige Bruder Christopher Falke am Hochzeilsabend in einem unbehüteten Augenblick zu ihr trat und ihr, noch bevor Kranz und Schleier abgetanzt waren, sagte: „Musste das sein? Zwei Höfe zu einem? Hättest du mich, den Enterbten, nicht ein klein wenig liebhaben können, wo ich nur dich allein liebhabe? Als sie ihn, zutiefst erschrocken, denn auch sie hatte ihn lieb, Wenn auch auf andere Art wie den Bruder, bedeutete, niemand könne seinem Herzen zuwiderhandeln, da wandte er sich jäh von ihr. Nein, das könne man nicht, aber nun sei alles klar. Am andern Morgen war er, der Körperstarke, der ganz aus seinem Blute lebte, lebte bis zur Gewalttätigkeit, auf und davon. Erst nach Jahren hörte sie wieder von ihm. Das, was man erzählte, war Ungutes: dass er die Erbin aus dem Lippischen, die er irgendwann geheiratet, verlassen, in der Fremdenlegion diene oder schon gedient habe, und auf See, dass er-jeder Schürze anhinge, die ihm glatt genug vorkäme, indem er seine Antriebe, jähe und heiße, immer noch und immer mehr, vom Blute her empfinge.
Nach Jahren, Angelas Ältester ging schon hinterm Pfluge, stand er, Schwager Christopher, dann plötzlich wieder vor ihr.
Sie breitete gerade die Wäsche in der Bleiche. Der Bauer war mit Gespann und Gesinde draußen, die Mädchen in der Schule, sie ganz allein auf den Höfen, nur ihr drittes, noch ein Brustkind, bei ihr. Erst wollte er sie mit Gewalt in die Arme reißen, aber sie erwehrte sich seiner, wiewohl er noch mehr in seiner Kraft gestiegen war. Ohne ein Wort, wie er gekommen, ohne Abschied, ging er von ihr.
Sie sah ihn erst wieder, als sie den Bauern in die Gruft versenkten, viele Winter später. Da schritt er Tönies zur Seite, dem Anerben, der, schwächlich und ein wenig verwachsen, sich beinahe wie ein Wechselbalg ausnahm neben dem blut-starken Hünen. Wer sie so sah, hatte es schwer, sich vorzustellen, dass beide Sprösslinge eines Sippenstammes seien. Die Leute redeten von Inzucht, weil, wie noch bekannt in der Gemeinde, immer wieder einmal ein Falke eineUhl, einUhl eine Falkin geehelicht, doch lag der letzte Fall schon zwei Geschlechter zurück, und nie war es vorgekommen, dass ein Anerbe um die Hoferbin von nebenan gefreit. Das Dasein der beiden Höfe widerlegte es von sich aus.
Aber nun war auch das geschehen, und Tönies, der Schwächling, Erbe. Es schauderte Angela, wenn sie an die zukünftige Bäuerin dachte, Katterine Rebbe, eines .Hoppenplöckers Tochter vom Köterberg. Schön war das Mädchen und klug, das war unbestreitbar, aber von einer wilden, fast sündhaften Schönheit, mit heißen, fahrigen, grünschillernden Augen, und ihre Klugheit war eher voller Listen als weisheitsvoll. Man sagte, von Mutterseite hinge die Familie irgendwann und -wie mit dem Grafengeschlecht von der Oldenburg zusammen, dem Herrengeschlecht der Gegend, dessen einer, mit heißem, unsteten Blut wie der Schwalbenvogel, den das Geschlecht im Wappen trug, nach dem Recht der ersten Nacht seine Wollust bei einem eigenbehorigen Weibe gekühlt habe, und so wolle nun auch Katterine und ihr Geschlecht noch immer hoch hinaus, und so weit es anging, Herr sein.
Am Vorabend der Löfte (Verlobung) warnte Angela den Tönies, ihren Sohn: „Besser als Schönheit und Klugheit steht einem Hofe ein redliches Herz an. Du kennst ihre Mutter, die Trunkenboldin. Du weißt, ein Mann heiratet nicht nur die Frau, sondern die Sippe mit.“ Sie sah an ihm hinab bis unten hin, ein wenig verächtlich: „Du weißt, sie will nicht dich, sondern den Hof.“ Nach einer Besinnung: „Alle beide. Aber das wisse, der Uhlenhof, mein Erbanteil, verbleibt deinen Geschwistern. Du hast mich verstanden?“ „Papperlapapp“, sagte der Sohn. „Leuteschnack, das mit der Hexe und dem Schwalenberger. Natürlich, der Uhlenhof, der bleibt den Mädchen.“ Zuckte mit der schiefen Achsel und hinkte ab.

Eine Zeitlang, ein volles Jahr und noch einen Sommer lang, ging es. Die junge Frau hatte zunächst mit sich zu tun, sich hineinzufinden in die neue Rolle, die ihr von Haus aus gar wenig anstand, da sie immer nur gedient, aber noch keinmal geherrscht hatte. Als sie, es aber leidlich geschafft hatte, zur Vollkommenheit würde es ihr ja nie gereichen, da wendete sich das Blatt. Weil sie nun nicht nur in einem Haus — an Dönzen (Kammern) mangelte es ja nicht—, sondern auch in einem Haushalt lebten, gab es laufend Reibereien. Als dann das erste Kind kam, ein Junge, ergriff in wachsendem Maße die Raffsucht von ihrem Herzen Besitz. Katterines Mutter ward dieses ihr doch eigentlich gar nicht gebührenden Verdienstes wegen noch dreister und begehrlicher und stand alle Tage mit aufgehaltener Schlippe auf der Deele, weil sie ihren gesamten Anhang * jenseits der Grenze, und der war groß und durchweg arm, von den Erzeugnissen beider Höfe mitversorgte. Als Angela sie einmal deswegen zur Rede stellte und meinte, der Schwiegertochter anraten zu müssen, lieber die unverdienten Armen zu beschenken, da fing Katterine. an, heimlich bei Sohn und Gesinde wider die Altbäuerin zu hetzen. Als das zweite Kind da war, wieder ein Junge, begann sie, die Schlachtung zuzuteilen, oft genug entzog sie der Mutter ihren Anteil, missgönnte ihr die Butter auf dem Brote, stellte meist nur Zwetschensaft hin, vorenthielt ihr die Eier, schnitt nur an den Sonntagen Wurst zur Vesper auf, die Schlüssel zu Bühne und Keller ließ sie nicht aus den Händen. Angela fühlte, daß sie ihr auch ihren Eigenhof, den Uhlenbesitz, neidete, und dass sie ihn für ihren zweiten Jungen besitzen wollte. Da hielt die Altbäuerin es für an der Zeit, einen Interimswirt zu bestellen bis zu dem Tag, da Agnete, ihre Älteste, mannbar sein Goldene du. Du bist die Schönste unter den Weibern im Weserland.“ Zurückweichend vor seinem Zugriff, aber ihrer selbst wieder sicher, erwiderte sie: „Du würdest mich wegwerfen, wie die andern alle, wie den Apfel für den Durst/‘ „Nein, dich nicht. Nein. Dich habe ich von Herzen lieb.“ Er holte tief herauf Luft, seine Augen flackerten in einem wilden, schrecklichen Glanz. „Dich allein. Ich könnte dich — töten. Ich hätte es gekonnt in deiner Hochzeitsnacht. Es gab für mich nur ein entweder, oder. Entweder es zu tun oder von Hause fortzugehen. Ich ging.“ Da erschrak sie, denn sie fühlte klar, dass der bittere Ernst aus ihm sprach, und sie schwieg ihn an in einer dunklen Erwartung. „Du liebst ein Gespenst, Angela, du liebst ihn immer noch. Ha!“ stieß er heiß und leidenschaftlich hervor, „wie ich ihn hasse darum“. Aber er wagte es nicht wieder, Hand an sie zu legen.

Noch zu zwei oder drei Malen kam er zu ihr, wenn er die Leute außer Hofes wußte. Aber sie hörte ihn nicht an, so sehr sein Begehren auch auf ihrem Herzen brannte. Immer wieder trat der Tote vor sie hin, beim dritten Male sprach Christopher vor Hass: „Es soll dich noch einmal gereuen“, wandte sich jäh und schritt zornig nach der Falkerei hinüber, wo Katterine in der Einfahrt stand, sie musste gerade heimgekehrt sein, und Angela sah, dass die beiden freundlich miteinander taten, so, als hätten sie etwas zusammen.

In dem Jahre nach dieser Begegnung war in der Gegend immer mehr des Geredes und der Beunruhigung wegen der Holzdiebe und Wilderer, auch wegen der dunklen Schmugglergeschäfte, die in den Wäldern um die Grenzen vor sich gingen, besonders aber wegen d*es Anführers der Banden, Greefe hieß er, von dem das Gerücht ging, daß er ein Deserteur, vordem Fremdenlegionär sei, und dass die Gendarmen dreier Landet hinter ihm her seien wie der Teufel hinter der Seele. Er habe aber Helfershelfer unter dem Gesindel in den Dörfern, und — wenn dies erwähnt wurde, zwinkerte man.sich mit den Augen dabei zu, — die junge Bäuerin von der Falkenflucht halte es mit ihm und trage ihm heimlich die Kost hinaus.
Seit der Zeit ward auch immer offenbarer, wie sehr die Wirtschaft auf dem Falkenhof zurückging. Der Bauer, der wohl ahnen mochte, was heimlich durch sein Weib geschah, vertrank seinen Ärger. In den Krügen der Umgegend stand er tief in der Kreide. Er pflügte der Mutter Feld nicht mehr und kam seinen Verpflichtungen kaum noch nach.
Am Tage Sankt Kilian, als Bauer, Gesinde und alle Kinder nach dem Markt am Strom hinunter waren, traf Angela, die ganz ohne Arg war, die Bäuerin Katterine in der besten Stube dabei an, wie sie neben einem bärtigen Manne im Sofa saß, der hatte den rechten Arm um sie gelegt, mit der linken hielt er ihre Hände gefasst. Wie ertappte Diebe fuhren sie auseinander. Angela sagte in ihrer stillen, ruhigen Weise: „Also so schaut der Räuberhauptmann Greefe aus“, denn sie hatte gleich erkannt, dass es Christopher war. Voller Hass zischte Katterine ihr ins Gesicht: „Aus dir spricht die Eifersucht.“ Sie lachte frech: „Was ist denn schon dabei, wenn man mit seinem Ohm einmal auf dem Sofa sitzt? Zwischen uns ist das nichts Unrechtes, damit du das weißt!“ Christopher stand in voller Größe da. Er fragte: „Wirst du mich nun dem Tönies verraten?“ Angela‘ erwiderte, was er tue, habe er selbst zu verantworten, im übrigen gönne sie ihm jeden Ersatz, auch den billigsten, von Herzen.
Seitdem beschloss Katterine Angelas Untergang. Sie fühlte mit dem Urgefühl, das dem Weib in besonderem Maße gegeben ist, dass Christopher Angela liebte; das Wort Ersatz wich nicht mehr aus ihrem Bewusstsein, mit einem Hass ohnegleichen gegen die Rivalin war sie nun erfüllt, es bedurfte nur noch des gegebenen Augenblicks zur Entladung.
In der nächsten Zeit fuhr sie häufig nach Höxter hinunter und kehrte erst spät in der Nacht heim, manchmal erst am andern Tage, oft blieb sie für mehrere Tage von Hause weg.

Zu Beginn der Wurmwoche (um den 1. Mai) bat die Altbäuerin ihren Sohn um eine Unterredung. Sie erklärte, nun nicht mehr länger warten zu können angesichts der Lotterwirtschaft und der schwankenden Garantien für die Zukunft. Sie werde ihren Hof, den Uhlenhof, ihren anderen Kindern überschreiben lassen und, nachdem er die dreimalige Frist verabsäumt habe, die rückständige Rente und Gerechtsame einklagen, der Kinder wegen und des Töten, der ihr das zur heiligsten Pflicht gemacht habe. Katterine, die sogleich auf die Dönze gekommen war, hatte ein schlimmes Wort auf der Zunge, schluckte es aber hinunter, denn sie fürchtete den Rückschlag. Der Bauer, obwohl schwachen Willens und stumpfen Geistes, möchte sie verstoßen, wenn Angela ihr Geheimnis preisgebe. Als die Altbäuerin gegangen war, sagte sie zum Bauern: „Es ist nun Zeit. Du musst Schluss machen, verstehst du? Die Uberschreibung darf nicht geschehen. Sonst war alles vergebens.“ Als er sich noch weigerte, sagte sie mit Entschiedenheit: „Du betrittst meine Kammer nicht eher wieder, als bis sie unter der Erde ist. Sie oder ich, verstehst du?“ Als er ihr das Ungeheuerliche ihres Verlangens noch einmal vorstellte, stieß sie heraus: „Memme, du! Dann überlasse es doch deinem Knecht. Für ein gutes Trinkgeld tut es der Hinnerk, so kenne ich ihn.“ Und sie übersannen nun beide, wie sie es am unauffälligsten bewerkstelligen könnten. Am Ende aber musste sie, Katterine, einsehen, dass er allein, der Schwächling, zur Durchführung ihres Planes nicht hinlänglich gerüstet war.

Walpurgisabend, der ein Sonnabend war, kurz nach Vesper, es war noch hell draußen, ging Katterine in ihrem Feststaat allein den Weg nach dem Gipfel des Köterberges hinan. Die Knechte beider Höfe, die heute eher Feierabend gemacht hatten, standen, funkelnagelneue Peitschen mit überlangen Schlägen in der Hand, vor dem Tor, beratschlagend, wie sie dieses Mal den Maitag einklappen sollten. Der Berg, der Köterberg, der Blocksberg des Weserlandes, heischte immer Besonderes, und der Glaube an das Hexenwesen bewegte die Gemüter um jene Zeit kaum irgendwo noch so aus seinen dunkelsten Tiefen herauf, wie in den Dörfern seines Bannkreises. „Wo well denn bleoß iuse Frubbe up laus?“ fragte Hinnerk, und sie sahen ihr nach, noch als sie, sich heimlich umschauend, wie jemand, der eine bestimmte Verabredung oder Absicht hat, in den Grenzpfad einbog, der von der Nieser Straße steil zur Kuppe hinanstieg.
Angela,, die den ganzen Nachmittag hart gescharwerkt hatte, um das Gartenland, das an diesem Abend um sein musste, nicht von „Hexen“ zertrampeln zu lassen, ging schon früh zur Ruhe. Sie wollte um Walpurgis in der Frühe zur Messe nach Bodekeshusen hinunter. Es war eine Nacht voller. Lärmens und Unruhe, voll heimlichster Unheimlichkeiten. Die Tiere des Waldes erbebten in ihren Lagern. Hoch durch die Lüfte brauste es über die Gipfel der Erde weg wie von Geschwadern ziehender Vögel. Ab und zu fiel ein Meckern aus der dunklen Höhe wie von Ziegenböcken, auf denen die Unholdinnen zum Blocksberg ritten. Dann wieder kam es knatternd und langanhaltend von den Hängen herüber, wie von Gewittern, die von mehren Horizonten zugleich gegeneinander aufbegehrten. Als das Jüchen wilder, die Dunkelheit drohender wurden, das Peitschenklappen aber ohne Ende blieb, machten die auf den Höfen und Kotten Türen und Fenster dicht.

Angelas Fenster standen weit auf, sie schlief tief und fest. So vernahm sie nicht die Geräusche des Dunklen, das um ihre Leibzucht schlich, durch das Fenster in den Nebenraum einstieg, sich an die dünne, trennende Bretterwand kuschte, immerfort in ihre Kammer luchsend und lauernd. Nein, sie war ohne Arg, noch als sie, vom ersten Hahnenruf geweckt» sich von ihrem Lager erhob, vor die Tür trat, Wasser aus dem Brunnen hochwand und ihren Leib darin wusch. Als sie, hüllenlos wie sie war, vor den Spiegel trat, errötete sie vor ihrer eigenen Schönheit.
Da drang der erste Sonnenstrahl in den Raum, loderte auf in ihrem Haar, das aus dem Knoten fiel und wie ein Mantel aus purem Gold ihren Leib umfloß, fast bis zu den schlanken Fesseln und der hohen Frist des Fußes. Die Kammer war erfüllt vom Leuchten, ganz und gar. „Mutter, o Mutter, sind alle Mütter so schön, wenn sie nichts anhaben?“ hörte sie ihrer Jüngsten Stimme durch die graue Frühe gehen.

„Nur wenn sie Hochzeit haben“, erwiderte sie aus ihrem leuchtenden Traum, „sind sie so schön“, und schritt wiegend aus der Kraft ihrer vollen Hüften nach der Truhe hin, hob das Brautkleid heraus, warf es über, setzte das goldene Häubchen auf, legte die blausilbernen Stirnbänder um, steckte die goldene Füigranspange ins Fürtuch, die Spange mit dem Karfunkelstein, des Geliebten Brautgeschenk. „Still!“ flüsterte sie dann, „ist da nicht jemand?“ Sie horchten beide eine kurze Weile. „Mit wem hast du denn Hochzeit, Vater ist doch lange tot?“

Ach Kind, du mußt ganz still sein, hörst du? Ich mache silberne Hochzeit. Es sind doch heute fünfundzwanzig Jahre.“
„Silberne? Du bist ja gar nicht silbern, Mutter, du bist ganz golden, so golden wie die Sonne. Mutter, du bist so wie das Rapunzelein, so wie ein Märchen, so bist du.“
Die Mutter, zum Ausgang bereit, lächelte: „Ich gehe nun. Du schälst Kartoffeln, setzt sie zeitig auf, damit alles fertig ist, wenn ich heimkomme. Ich habe noch beim Notar zu tun. Schlaf erst noch!“
Sie streichelte das kleine Gesichtchen, küsste den Mund, ging zum Schrank, nahm das Geld heraus, das sie während des letzten Winters mit der Spinnerei gewonnen, langte den Rosenkranz und das Brevier vom Bord, steckte auch Nadelbüchse und Fingerhut zu sich und sagte: „Vielleicht, dass ich warten muss beim Notar, dann nähe ich dir dein Mützchen.“ Und ging.
An der Einfahrt neben der Eiche stand Tönies, blass, verstört, übernächtigt, lauthals gähnend, irrlichternd mit den Augen. „Wo warst du die Nacht?“ Er sagte: „Sie haben schon angefangen zu klappen (vorläuten). Hörst du nicht? Du musst sehr eilen.“
Sie horchten beide in die leuchtenden Lande. Angela schüttelte das flimmernde Haupt. Es war das Peitschenklappen der letzten Heimkehrer aus der Walpurgisnacht.
Unter dem Geläut der Heidelerchen, die goldene Leitern in die blaue Frühe des Himmels stellten, unter silbernen Girlanden, welche die Drosseln von Fichte zu Fichte über ihren Talweg in der Meinte hingen, auf schimmernden Teppichen von Sauerklee und Bärlauch, schritt sie schnellfüßig dahin in ihrer schwungvollen Fülle, ließ sich segnen von der Frömmigkeit der purpurnen Perlen, die, halb unbewusst, vom Rosenkranz durch ihre weißen Finger glitten. Sie schritt wie eine Braut, die zum Geliebten eilt, der im Blütenhag auf sie wartet

Ein Bauer vom Köterberg, der von der Frühmette von Bodekenhusen heraufkam, fand sie in ihrem Blut, noch körperwarm, auf der linken Hüfte und dem Gesicht liegen, den rechten Arm über den Kopf gezogen, als wenn sie schliefe, den Rosenkranz noch fest verkrampft in den Fingern. Nadelbüchse und Fingerhut lagen weiter weg. Das Leuchten, mit dem sie in den Tod geschritten, stand noch auf ihrem vom Goldhaar umflimmerten Antlitz, als der Maire von Fürstenau zur Obduktion herauf kam. Der Mörder müssten mehrere sein, meinte er, da die Schläge von hinten und von vorn mit festen Gegenständen geführt wären. Die übrigen Sachverständigen glaubten an Zufälligkeit der Tat durch einen Wilderer oder Wegelagerer, der nach Geld lüsterte.

Als sie die Tote auf der lakenüberhängten Bahre in Gegenwart des Friedensrichters auf die Deele trugen, schrie Angelika, das Kind, laut. Sie mussten sie mit Gewalt von der Toten fernhalten.
Das war am späten Nachmittag. Am andern Morgen, schon um die erste Uchte (Morgendämmerung), kamen sie herbei, Stunde um Stunde, die Mühseligen und Beladenen der Dörfer, denen sie geholfen, wo sie gekonnt, um der auf Flachsracken Aufgebahrten noch einmal ins Gesicht zu schauen, kamen wie eine Prozession, still und endlos, drei Tage lang, solange sie über der Erde stand, kamen aus Westfalen, Lippe und Hannover, aus dreier Herren Länder, die hoch über der Falkenflucht aneinander grenzten. Ihr Gesicht lächelte nicht, sie würde keinen nachholen. Aber ein Leuchten ging von ihm aus, feierlich und ernst, umklärt von der Fülle des flimmernden, von den Blutspuren gereinigten Haares, wie vom Schein der Heiligen. Bei keinem der Hinzutretenden aber brachen die Wunden auf, wie die beiden wachthaltenden Gendarmen in dem alten Glauben, dem sie noch irgendwie dunkel verpflichtet waren, wohl erwarten mochten.
Der Bauer trat nicht herzu, gebärdete sich aber all die Zeit wie irrsinnig, zerriss die Joppe, raufte das Haar, schlug mit der geballten Dickfaust sein eigenes Gesicht und drohte „mit heiserer Stimme, beide Höfe in Brand zu setzen. Wer ihn so sah, mochte wohl an die Echtheit seiner Trauer glauben, wiewohl eine solche nach allem, was war, wenig wahrscheinlich schien.
„Sie haben jahrelang in Streit mit der Toten gelebt“, leitete der Friedensrichter das Verhör ein, „neideten ihr den bescheidenen Wohlstand, Fleiß und Ordentlichkeit. Sie haben sich um die heiligste Verpflichtung herumgedrückt, den Acker verkrauten, das Heu verkommen lassen, seit Jahr und Tag die Rente nicht bezahlt. Die notarielle Verschreibung..“
„Der Bauer“, mischte sich hier der Knecht Hinnerk, unaufgefordert, in die Rede, „hatte mit der Toten noch kurz vor dem Weggang eine Unterredung, vorn am Hoftor, danach ist er ins Haus zurückgegangen. Das kann ich auf meinen Eid nehmen. Bis zur Meinte, das ist eine gute halbe Stunde. Als sie schon ausgeläutet hatten, war er noch hier.“
Als der Friedensrichter den Knecht nun ins Kreuzverhör nahm, gab er zu, der Bauer, zuerst der, und dann die Bäuerin, hätten ihn dingen wollen und dafür doppelten Lohn sowie drei Stiegen Leinen versprochen, beim zweiten Mal den Kotten unterm Holz auf Lebenszeit. Die Bäuerin habe ihm auch beide Male Zeit und Gelegenheit anempfohlen, einmal als Angela zur Kindtaufe ins Nachbardorf gemusst, die Tote sei vieler Kinder Patin, man habe überall ihren Segen begehrt. Das andere Mal, als sie durch die Dunkelheit zur Christmette gemusst habe, da habe die Bäuerin ihm die Flinte geladen in die Hand gegeben und gesagt: „Wenn du nicht schießen kannst, dann nimm die Kehrseite.“ Aber ein Knecht schlägt doch seine Bäuerin nicht tot, und solch eine, die eine Heilige gewesen, schon gar nicht.
Als Katterine ins Verhör kam, sagte sie gleich: „Ich habe mein Alibi“ Der Friedensrichter sah sie scharf an und fragte übergangslos, was sie während der Mainacht, von Vesper bis Hahnenkraht, auf dem Berg zu suchen gehabt habe. Es seien Zeugen da, die sie in der Frühe herabkommen gesehen. Darauf vermochte die Erbleichende nur unbefriedigend zu antworten. So ließ der Friedensrichter sie, dem Bauern nach, nebst ihrer Mutter, die bereit gewesen war, für das Alibi die drei Finger zu erheben, abführen.

Am Tage danach meldete sich Joseph, der Kuh junge vom Uhlenhof, beim Friedensrichter in Höxter: „Draff eck’t Seggen?“ Und sah sich unsicher nach allen Seiten um wie nach einem irgendwo verborgen lauernden Feind. Ein Mann sei um die Frühe, als er eben die Kühe zum Kamp getrieben, mit erhobener Axt von der Meinte her gegen ihn angegangen. „Soll ich dir ein Feuer anzünden? Es ist doch noch kalt so früh“, habe er gefragt. Darauf, als er verneinte, habe er ihm mit der blutbefleckten Axt gedroht: „Wenn du auch nur ein einziges Wort verlauten lässt darüber, dass du mich gesehen hast, so spalte ich dir den Schädel!“ Josephs Beschreibung entsprach ganz dem Steckbrief, der auf Christopher Greefe, den Schmuggler und Bandenführer, lautete, und so eröffnete sich der Untersuchung ein neues Feld. Was den jahrelangen Bemühungen der Sicherheitsorgane nicht gelungen war, jetzt, wo alle gern mithalfen, gelang es in kürzester Zeit. Schon am zweiten Tag nach der Bekundung des Kuhhirten, am sechsten nach der Untat, verhafteten sie ihn mitten aus seinem Rudel von Holzräubern und Schwarzgängern heraus.
Zu der Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht in Kassel waren viele, die weite, tagelange Wagenreise nicht scheuend, aus den Dörfern erschienen. Die Verhandlung nahm in dem Augenblick eine jähe, aber nicht mehr überraschende Wendung, als der Präsident den bekannten Trick anwandte und den Kuh jungen Joseph mit der blutbefleckten Axt vor den Meistbelasteten hintreten ließ.
Christophers vollblütige Wangen verfärbten sich, der starke Mann zitterte, halblaut, aber bei der atemlosen Stille, allen im Saal deutlich vernehmbar, stöhnte er auf: „Angela, o Angela!“ Nach einer Weile: „Dass ich das tat! Dass ich es gekonnt habe!“ Die Feinerfühlenden empfanden deutlich das Heraufbrechen eines Stromes der Liebe und Reue, der wohl lange unter der heißen Decke des Hasses und der Eifersucht verschüttet gewesen sein mochte. Danach vernahmen sie die erschütternde Beichte eines Lebens, das nicht nur aus der Veranlagung seines Trägers so tief ins Dunkle abgeglitten war, sondern vor allem deshalb, weil es um die Erfüllung seiner letzten Sehnsucht gekommen war, einer Sehnsucht, die schon im Herzen des Konfirmanden zuerst Platz gegriffen. Laut rief er in die gespannte Stille: „Sie war das Heilige meines Lebens schlechthin. Sie, die Tote, Gemordete, hätte allein das Dunkle, Drängende in mir zur Ruhe bringen können. So aber war ich ihm ausgeliefert auf Gedeih und Verderb. Ich verdarb.“ Er fuhr fort: „Am Ende stand die Nacht, die Nacht auf dem Berg, Walpurgisnacht, der Hexensabbat.“ Er wies auf Katterine, die unbewegt und bleich wie ein marmones Standbild hinter den Schranken stand, dämonisch schön in ihrer Blässe, aus der die weitaufgetanen Augen in einem unheimlichen grünen Lichte funkelten, ein Bild, gerahmt von der Fülle rotleuchtenden Haares: „Sie sagte: ,Da oben sind wir ganz ungestört.‘
*Sie lachte: ,Es ist ja Mainacht. Da tanzen alle Hexen — nackt. Verstehst du?‘ O, ich verstand. Sie war schön, sinnlos schön. Sie verstand zu tanzen. In ihrem Tanz trank ich mir den Mut an.“ Er lachte grauenvoll: „Die Nacht, diese Nacht war ihre Bedingung. Meine Tat die Quittung.“
•Christopher fuhr, nun ruhiger werdend, fort: „Ich hätte es wohl auch ohne das getan. Ich stieg vom Berg und schlich, nun abgekühlt wie nach einem Gewittersturm, in die Kammer, die neben der Angelas lag, um mit dem Bauern, der lauerte und luchste, das Nötige noch zu besprechen. Wir verharrten, verkauert, Auge und Ohr gespannt, bis zu dem Augenblick, wo wir ihres Weges und Zieles gewiss waren.“
Gerichtshof und Zuhörer verhielten wieder den Atem, als Christopher fortfuhr: „Dann erhob sie sich, wusch sich am Brunnen, trat vor den Spiegel. Ich erschauerte im Unterschied der Schönheit, die ich während der Nacht erlebte und der taghellen, die vor mir erschien. Ich sagte zum Bauern: ,Ich kann es nicht, nein, ich tue es nicht.‘ Aber dann tat sie ihr Brautkleid an, steckte die Brosche vor, sein Brautgeschenk. Hass und Eifersucht packten mich erneut wie mit Schraubzwingen. Ich sah ihn leibhaftig hinter ihr stehen, über ihre Schulter weglächeln. In der aus Hass und Eifersucht neugewonnenen Kraft schritt ich zu meiner Tat. Ob Sie es glauben oder nicht, man kann auch Tote hassen, und nicht weniger heiß oder eiskalt wie die Lebendigen. Als sie dann geschritten kam, über alle Worte schön, wie eine Fürstin, da kam mich, der ich hinter dem Baume auf sie lauerte, noch einmal die Schwachheit an. Sie grüßte freundlich, gar nicht erstaunt, fernher wie aus einem Traume. Was ich denn schon vorhabe, so vor Tau und Tag, wo ich mit einem Male hergekommen sei? Sie lächelte mich an, als sei nie etwas Ungutes zwischen uns gewesen. In mir aber glutete die Gier empor. Ich weiß nicht mehr, was ich erwiderte. Warf mich hin, küsste ihre Füße, den Saum ihres Gewandes, die Hände, bettelte um ein bisschen, bisschen Liebe, das sie, die Hochzeitliche, mir weigern zu müssen glaubte. Sie sagte: »Erlösen kann nicht das Blut, das wir trinken aus der Schale der Lust. Erlösen kann nur das Blut, das aus dem Kelch des Opfers quillt.“ Ich hörte nicht darauf. In mir brauste, schäumte das andere Blut, das da schrie: ,Wirf sie zu Boden. Der Bauer ist noch nicht da. Sei selig, sinnlos selig wie ein Tier, ein paar Augenblicke lang, auf daß deines Lebens letzter Hunger sich sättige.
Da sah ich Tönies, wie verabredet, aus dem Busche hervortreten, und ich packte sie nun beim Nacken und führte den ersten Hieb, unter dem sie, aufschreiend, in die Knie ging.

Du kannst wohl nicht anders‘, sagte sie, ,es ist wohl alles so bestimmt. Er hat mich gerufen, die letzte Nacht. Antonius!‘ flüsterte sie, »Antonius, ich komme ja, ich bin schon auf dem Wege, Antonius! Lieber, Liebster!‘
Tönies, ihren Sohn, der hinter ihr stand, sah sie nicht, gnädig verhüllte Gott ihr Auge, auf dass ihr das Schrecklichste, was einer Mutter widerfahren kann, nicht widerfuhr. Der Name, der verhasste Name, brachte mich von Sinnen —.“
Hier winkte der Präsident. Der Gerichtshof verzichtete, angesichts der Öffentlichkeit der Verhandlung, auf Einzelheiten.
Gegen Mitternacht, als er den Schlussstrich zog, hob der Richter noch einmal die grausame Art hervor, mit der hier ein wehrloses Geschöpf Gottes, das noch freundlich mit seinen Mördern sprach, vom Leben zum Tode gebracht worden sei. Das Verwerflichste aber erschiene ihm, dass hier die Bande der Menschheit, die zu aller Zeit von der Natur aus heilig und unverbrüchlich seien, missachtet, indem Sohn und Schwiegertochter die Mutter und der Bruder die Brudersfrau gemordet. Erschwerend komme noch hinzu, dass solches an ihrem fünfundzwanzigsten Hochzeitstage und auf dem Wege zur Andacht geschehen, damit hätten sie Gott selbst getötet. Und die Drei schritten in ihre Nacht: tief gebeugt, dumpf und stumpf, kaum noch der Beine mächtig, Tönies, der Entartete; erschüttert und gedemütigt, aber schon unter der Berührung der Gnade des Schachers am Kreuz, Christopher, der Heimkehrer; unbewegt, versteinert, wie sie all die Zeit gestanden, nur beim Verlassen des Saales hell und gell auflachend, als wenn ein Dämon, der Teufel selbst, aus ihr lache, eiskalt, wie gekühlte Eifersucht und verkochter Hass, Katterine, die Fühllose, entfesselt Gefesselte.
Und sie schritten in die Nacht, welche die längste ist, aber doch nicht so lang, wie der Präsident des Schwurgerichtshofes in seinem Schlusswort sagte, dass sie gar kein Ende nähme, und dass auch aus ihr niemand fallen könne, nicht einmal der Teufel selbst, weil sie in der Liebe ständen, die alles in allem sein wird, und in der Angela, die Heilige, ihren Mördern vergeben habe, weil sie, wie sie ihnen noch gesagt, ja nicht wussten, was sie taten.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1950, Erzählung von A. Meier-Böke