Angelika Steg, die junge Hexe vom Wulfshof

Vom Hexenturm und den seltsamen Schicksalen von Steg Henrichs Eheweib Engel aus Alt-Schwelentrup

I. Teil – Das Notabene1Anmerkungvom 15. September Anno 1668 des Joannis Reussius im alten Kirchenbuch Bösingfeldensis. — Sie glaubten an Teufel und Hexen im Sternberger Land.

Es war in den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges. Da blätterte ich häufiger in den ältesten Kirchenbüchern meiner Heimatgemeinde Bösingfeld. Besonders das älteste, kleine, in Schweinsleder gebundene Buch hatte es mir angetan. Stammte es doch aus den ersten Jahren nach dem Dreißigjährigen Kriege und brachte es zudem die ersten Nachrichten über die eigene Familie und Sippe.
Stolz erfüllte mich als Knaben, als ich zum ersten Male den väterlichen Namen auf den vergilbten Blättern des alten Kirchenbuches auftauchen sah, und Freude, wenn in den folgenden Bänden immer häufiger Namen der elterlichen Sippe mir begegneten. Wir Kinder hatten das Glück, in jenen Kriegsjahren einen sehr feinsinnigen und für geschichtliche und Familienzusammenhänge sehr interessierten Lehrer in der Person unseres Pfarrherrn Wilhelm Böke zu haben. Sein eigenes geschichtliches Interesse übertrug sich schon früh auf uns Schüler der damaligen kleinen Rektoratsahule. Er wußte uns gar viel Wissenswertes aus der Geschichte unserer heimatlichen Gemeinde zu erzählen.
Als er uns das erstemal das älteste Bösingfelder Kirchenbuch zeigte, durften wir die feingestochene Schrift seines Amtsvorgängers Joannis Reussius bewundern, der in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Kriege in dies alte Büchlein geschrieben hatte, was „während der Zeit seiner Bedienung in der Kirche Bösingfeldensis daselbsten an Kindertaufen,
Copulationen und Leichenbegängnüßen zu verrichten fürgefallen. Von Anfang Anni 1652.“ Dafür dass wir unserem Geschichtslehrer fein säuberlich die noch wenigen in unserem Flecken vorhandenen Haus- und Torinschriften der ältesten Häuser nachzogen und dann aufschrieben und ablieferten, zeigte er uns dann wohl jene ältesten Bösingfelder Kirchenbücher und Schriften.
Damals ist mir auch zum erstenmal eine Kirchenbucheintragung begegnet und in der Erinnerung haften geblieben, die ich in späteren Jahren immer wieder sinnend gelesen habe. Es war eine kleine, auf den untersten Buchrand gemachte Eintragung. Mauer- und Bodenfeuchtigkeit hatten an dieser Stelle besonders verheerend dem kleinen Buche zugesetzt, so stark, dass man an Mäuse- oder Rattenfraß glauben mochte und angeregt wurde, über die mancherlei Schicksale nachzudenken, die diesem Buch zuteil geworden sein mochten. Aber diese Zerstörungsstellen bewirkten auch, dass man die Eintragungen gerade in diesem Bereich besonders liebevoll zu enträtseln versuchte und man bei jedem Blättern immer wieder magnetisch zu ihnen herangeführt wurde.
So kam es denn, dass mein Auge immer wieder auf jene angedeutete Stelle in dem alten Folianten kam, die noch dazu gar seltsame Orts- und Familiennamen enthielt, die mit der Heimatgemeinde doch so gar nichts zu tun hatten. Dazu war in der kurzen Notiz von „Zauberei und Mordthaten“ die Rede. Dinge,- die zu allen Zeiten etwas Geheimnisvolles und Schauer-erregendes in sich bergen. Meine Phantasie hatte sie umspielt, aber nie das Geheimnis, das hinter der kurzen Nachricht schlummerte, zu enträtseln vermocht:
„Abgestorbene Anno 1668, 15. 7bris.
N.B. Habe ich Zum gericht begleitet, Steg Henrich zu Swelendorff uxor, Engel, welche wegen Zauberey und mordthaten von M. Davit mit dem Schwerd gerichtet und dan verbrand worden ist.“

Welches Schicksal verbarg sich hinter dieser vergilbenden Notiz auf dem zerfressenen Blattrand? Erst zwei Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg stieß ich zufällig im Lippischen Staatsarchiv zu Detmold, als ich unter Kriminalprozessen stöberte, auf einen Prozess, der mich an jene Eintragung erinnerte, und nun sollte sich auf einmal jene Nachricht entschleiern und ein schicksalhaftes Geschehen vor meinen Augen enthüllen. (Staatsarchiv Detmold: Kriminalakten (Hexenprozesse): S. 22.)
Wie jene Kirchbuchnotiz, so habe ich in der Folgezeit wiederholt den Prozess im Archiv gelesen, bis alle handelnden Personen mir leibhaftig vor der Seele standen und ein Stück heimatlichen Geschehens aus dem Dunkel der Vergangenheit ins helle Licht des Tages trat, das Schicksal dieser jungen „Hexe vom Wulfshofe.“, Steg Henrichs Weib.
Es ist in den letzten Jahren des zweiten Jahrzehnts nach dem Dreißigjährigen Kriege. Wieder schreitet durch die Höfe und Hütten, Weiler und Dörfer des Sternberger Landes ein böser Feind. Aber diesmal ist er nicht der Sensenmann Krieg. Und doch ist es ein ebenso schlimmer. Noch liegt in den Ohren und Gemütern der Menschen das Grauen des Großen Krieges, das sie selbst erlebt haben oder in Feierabendgesprächen auf den Bauerndielen oder in den Gesindestuben nach des Tagesarbeit aus Erzählungen und Berichten wieder aus dem Dunkel der Vergangenheit heraufklingt. Da lebt in vielen Dörfern und Gehöften wie ein flackerndes Irrlicht wieder der alte Wahn von Hexen und Zauberei auf. Oberall, wo Not und Tod, Krankheit und Seuche bei den Menschen einkehren, beginnt alsbald ein böses Raunen, Verdächtigen und Beklaffen der Mitmenschen. Hass und Neid, Gier und Rache steigen aus den Urgründen auf und umnebeln Geist und Gemüt der Menschen. Finsterste Gestalten werden seiner Herr, Misstrauen, Neid und Streit heben unter den Menschen an.
So ist es auch in dem kleinen Dorfe Schwelentrup. Zauberwahn und Hexenglaube sind hier besonders stark verbreitet. Wir sehen die Menschen Schutz suchen bei geistlichen und weltlichen Herren gegen Schäden, die ihnen böse Menschen kraft ihres Bundes mit dem Teufel angetan haben sollen. Anfangs zögert die Obrigkeit des Landes einzugreifen, dann aber sehen wir sich Hexenprozesse anspinnen und bei Henker und Holzstoß enden. Schon ist eine Hexe am Schwelentrup am 2. Juli 1667, die alte Wulfische, Berendt Wulffs Eheweib Catharina, geborene Faßen, wohnend auf dem Wulffshof in Schwelentrup, Zauberei wegen auf der Jerxer Heide bei Detmold gerichtet worden. Aber nicht genug damit. Wieder liegen die Leute Schwelentrups dem Amtmann zu Sternberg, Christoph Hillen, in den Ohren, sie von weiteren Hexen zu befreien. Es ist ihm allerlei zugetragen worden.
Diesmal soll es Steg Henrichs Weibe Engelke gelten. Diese Angelika ist der alten Wulffischen Adoptiva und hat immer mit der alten Hexe Umgang gepflogen. Allerlei Leute aus dem Dorf schieben ihr die eigene Krankheit in die Schuhe. Berend Wulff, dessen Weib durch das Feuer abgetan ist, soll zu dieser Steg Engel eines Tages selbst gesagt und sie gewarnt haben, „wann sie es könne und von seiner Frauen das Hexen gelernt habe, solle sie ein Stück Geldes nehmen und davongehen“. Schon sagt man’s ihr ins Gesicht, dass sie eine Zauberin sei, und sie verteidigt sich nicht. Dazu sind im Dorf Schwelendorff verschiedene Manns- und Weibspersonen, welche fast mit „einerlei Seuche“ behaftet, dass sie liegen, quienen, jammern und können weder leben noch sterben und meinen, „es wäre ihnen von bösen Leuten angetan“.

Burg Sternberg – Kupferstich von Elias van Lennep um 1663/66. Als Elias van Lennep seinen Kupferstich von Sternberg herstellte (1666), tagte hier oben zwei Jahre später das Peinlich Hohe Halsgericht gegen P.A. Angelika Steg aus Schwelentrup (1668). Quelle: Heimatland Lippe

Da schreibt am 2. November 1667 der Amtmann zum Sternberg, Christoph Hillen, an die „Hochgräflichen Lippischen zum Peinlichen Gericht wohlverordneten Richter und Assessoren“ und bittet sie, das Verfahren gegen die Hexe aus Schwelendorff zu eröffnen. Der Stein kommt ins Rollen. Wollen wir uns wundern, dass des Amtmanns zum Sternberg Bericht an das Peinliche Gericht in Detmold ebenso so sehr mit dem Hexenwahn durchtränkt ist wie Geist und Vorstellungswelt seiner Amtsuntertanen? Der Hexenwahn war eben allgemein und hatte als geistige Infektion viele ergriffen. Schwelentrup erscheint dazu in diesem Jahrzehnt als der reine Hexenkessel. So schreibt der Amtmann, dass er zwar gehofft, dass nachdem die alte Wulffische ihren wohlverdienten Lohn erhalten und durch das Feuer ihres Lebens beraubt sei, „das Laster in etwa gestillet sei, aber es scheine aus allem, dass noch von ihren „Consorten und Mitgehül-fen“ noch übrig sei, verschiedene Mannsund Weibspersonen, so nicht in ihr Hörn blasen wollen, ein nach dem andern so zurichten, daß sie gehen, quienen, jammern und elendiglich gebärden, wogegen auch kein Medicus Mittel finden, sondern nachgeben müssen, dass es „böser Leute Vergiftung sei“.
Nachdem der Amtmann einige Indizien dargelegt, bittet er im Namen der gesamten Dorfschaft Schwelentrup die „gnädige Herrschaft in Detmold, doch weitere Verordnung zu erlassen, damit des Teufels Reich und die Bosheit nach Möglichkeit müsste ausgerottet, gestraft und die Gemeine gestillet werden, sonsten weiter Unheil unter den Leuten daraus entstehen dörfe.“ Unter den Verdachtsmomenten hebt Hillen vor allem hervor, dass Steg Engel die Pflegetochter der verbrannten alten Wulffischen sei, sie habe sie von Kindesbeinen an bei sich gehabt, habe auch bekannt gegen andere, Angelika das Zaubern neben anderen gelehrt zu haben. Das weise auch die Urgicht der hingerichteten alten Wulffin aus.
Als des Amtmanns Bericht in Detmold eingeht, muss Sekretarius Joan Justo Reinecker einen Extractus der „Urgicht“ der hingerichteten Wulffischen anfertigen. Es heißt darin: „dass sie uff dem Tanze gesehen Engel Steg Henrichs Weib in Schwelentrup, welcher sie das Zaubern in der Bettkammer für sechs Jahren gelehrt.“ Solche Urgichten, ratifizierte letzte Bekenntnisse von Zauberinnen kurz vor der Hinrichtung, galten als besonders belastend und wurden fast immer aus den Opfern des Hexenwahns vor ihrer Hinrichtung oder in der Folter herausgequetscht, um die Lehrmeister der Hexentänze und der Zauberei sowie auch die Teilnehmer an den Hexensabbaten festzustellen, „ad eruen-dos socios“, hieß es einmal in einem Hexenprozess. Meist zogen die Urgichten dann einen Rattenschwanz gegen „Complicen“ oder „Rottgesellinnen“ der Hexen -bacchanale nach sich.
Der Prozess gegen Engeln, Steg Henrichs Eheweib aus Schwelentrup spielt sich ab zwischen dem 2. November 1667 und dem 15. September 1668. Außer den Gerichtsund Amtspersonen begegnen uns mit dem engsten Kreis der Peinlich Angeklagten im ganzen 59 Personen. Eine stattliche Zahl, ganz Schwelentrup hängt wohl mehr oder weniger drin. Angelika Steg ist noch jung, 27 Jahre alt, seit 1664 mit Steg Henrich verheiratet, der ungefähr 30 ist. Vor ihrer Verheiratung auf Wulffs Hof wohnend, ist sie nach der Hochzeit auf Henrich Stegs Stätte gezogen. Wie kam Engel nach Schwelentrup auf Wulffs Hof, zu dem Besitzer Berndt Wulff? Steg Engels Mutter ist auf der Arensburg gestorben, als Engel 2 Tage alt war. Die Mutter ist Berendt Wulffs Schwester. Berndt hat Engel gleich nach der Geburt auf den Hof nach Schwelentrup geholt und aufgezogen. Berndt Wulff, der Oheim, wird ihr Pflegevater. Er ist zur Zeit des Prozesses, „bei die 70 Jahre alt“. Seine Frau, geborene Catha-rina Faßen, die „alte Wulffin“, eröffnet den Reigen der Schwelentruper Hexenprozesse und wird auf der Jerxer Heide am 2. Juli 1667 verbrannt, nachdem man sie zuvor erdrosselt hat. Steg Engels leiblicher Vater war ein Leinweber und Krieger gewesen, hat zweimal im Dreißigjährigen Krieg das Fähnlein verlassen und ist deswegen zum Galgen verurteilt, aber jedesmal wieder durch Geld gelöset.
Als Angelika auf dem Wulffshof aufwächst, lebt dort mit ihr zusammen auch die leibliche Tochter der alten Wulffin mit Namen Agneta. Sie ist 12 Jahre älter als Angelika und hat Arndt Hördemann geheiratet, der als Interimswirt auf den Wulffshof gekommen ist und sich auch Wulff nennt. Die junge Hördemann-Wulffsfamilie hat 8 Kinder gehabt. Vier Kinder sind ihnen kurz hintereinander abgestorben und die andern vier „quienen“. Als der Prozess schwebt, ist Arndt Hördemann-Wulff 44, seine Frau Agneta 39 Jahre alt. Die alte Wulffin, die als erste den Hexentod erleidet, mochte offenbar die Nichte „Angelika“ lieber leiden als die leibliche Tochter „Agneta“ mit den vielen Kindern. Das furchtbare Krankheitsleid in der Hördemann-Wulffs-Familie ist eine wahre Katastrophe und führt sehr wesentlich mit den Tod Steg Engels herauf, neben dem allgemeinen Hexenwahn.
Die Eingabe des Sternberger Amtmanns Hillen wurde zusammen mit der Urgicht der „alten Wulffin“, d. h. dem Extractus aus derselben, der wie oben berichtet, Engel der Zauberkunst und Teilnahme an Hexentänzen bezichtigte, von dem Peinlichen Landesherrlichen Halsgericht zu Detmold durch einen Boten an die Juristenfacultät zu Rinteln gesandt am 30. November 1667.
Die Rechtsgelehrten der Juristenfakultät der Universität Rinteln werden über den unterbreiteten Fall um ihre „rechtliche Meinung“ gebeten, „in specie aber, ob wider Steg Henrichs Weib, daferne die vorhandene Indicia probirt werden sollten, tortura platz haben könne“.
Schon nach knapp 8 Tagen, am 7. Dezember 1667, antworten „Decanus Senior und andere Doctores der Juristen Facultät bey der Universität Rinteln“, dass sie den Bericht und beigefügten Extract „mit gebührendem Fleiß verlesen, colegialiter wolerwogen und berichten für recht, dass Inquisitin Steg Henrichs Engel sehr graviret und der Obrigkeit schuldig, auf dieselbe specialius zu inquiriren, deswegen Inquisitin ans Ambt zu fordern und zu befragen.“ Rintelns Rechtsgelehrten geben dem Peinlichen Gericht 27 Fragen an die Hand. Man erkennt aus ihnen, dass auch die Rechtsgelehrten hexengläubig sind und dem Anklagematerial durchaus Glauben schenken und ernsthaft zur Verhandlung zerlegen. Von einer Ergründung der eigentlichen Ursachen all der Krankheitsfälle in Schwelentrup hören wir auch nicht ein Wort. Hexentum und Zaubernkönnen wird einfach als existent hingestellt. Es begegnet auch ihnen in ihren Vorstellungen der Teufel, weil sie an ihn glauben. An was man glaubt, das begegnet einem. Wer dazu ‚wie Angelika Steg bei einer hingerichteten und dazu verwandten Hexe aufgewachsen ist und mit ihr bis zur Verhaftung umgegangen ist, bei dem besteht die Beklaffung zu Recht, und so werden von Rinteln nur Fragen anheim gegeben über Art und Weise der Lehre und der Zauberkünste. Die „Krone“ der 27 Universitätsfragen ist die letzte: „Ob sie P.A. nicht müsse bekennen, dass sie selbst völlig überzeuget, daß sie hexen könne?“ Es ist die reinste Suggestivfrage. Unwahrheiten sollen durch Zeugengegenüberstellungen widerlegt werden, von Angesicht zu Angesicht. P.A. Antwort sollen fleißig verzeichnet und was sonst bei der Confrontation „fürgehet!“ Es soll dann ferner ergehen, „was rechtens ist“.
Am 24. Januar 1668 begeben sich der Commissarius Dreyer als Advocatus Fisci nebst dem Secratrio criminalis nach Sternberg, um dort eine Spezialbefragung bei den Zeugen durchzuführen, die bei diesem Verhör zunächst unvereidigt bleiben. Am ersten Tag werden 6, dann am nächsten noch 14, an beiden Januartagen also 20 Zeugen gehört.
Es sind dies: 1. Arndt Hördemann oder Wulff, 2. Agneta Wulffs, seine Frau, 3. Frantz Wulff, der P.A. Mutter ist seine Schwester (Onkel der P.A.), 4. Johan Lüeking oder Schaffmeister, 5. Jasper Ehlebracht, 6. Berndt Wulff, Inquisita ist seiner Schwester Tochter (Onkel der P.A), 7. Arndt Ehlebracht, 8. Bek Cord, 9. Johan Meier, sonst Schlingk Johan, 10. Hanß Gödeke, 11. Steffen Sieker von Bösingfelde, 12. Henrich Brede, genannt Schnitker, 13 .Trieneke Schnitker, Bredens Frau, 14. Annke, Schnitker Trienekens Tochter, 15. Knop Anneke, 16. Ilsche, Grote Hansens Tochter, 17. Ilsabein, Linnen Hermans Frau, 18. Trienke, Steg Jaspers Wittibe, 19. Liesabeth, Thies Wulffs Wittibe, 20. Trieneke, Berendt Wulffs Magd.
Da alle vorstehenden Zeugen später in der Hauptverhandlung auftreten, sollen ihre einzelnen Erzählungen und Bekundungen auf jener Prozeßstufe betrachtet werden. 14 Fragen werden den Zeugen vorgelegt. Worauf beziehen sich diese?
Ob Steg Engel Eltern, Großeltern oder sie selbst wegen Zauberei oder andere Laster berüchtigt? Ob nicht Inquisita Vieh und Leute oder Hemden gesegnet oder sich sonsten zu Krankheiten an Menschen und Vieh zu heilen gebrauchen lassen? Welchen Umgang und welche Gesellschaft pflegte P.A.? Mieden die Nachbarn sie? Machten sie ihr Vorhaltungen? Verteidigte sich P.A.? Eiferte und befeindete sie die Ankläger? Bezichtigten Kranke die P.A. als Urheber ihrer Krankheit? War sie nicht berüchtigt, selbst die Zauberkunst erlernt zu haben, und wollte sie nicht selbst diese Kunst wieder andern beibringen? „Ob nicht Inquisita hiebevoren mit einigen der Zaubrey verdächtiger Sachen als Schmiertöpfen, Nachttänzen umbgangen und deswegen berüchtigt?“ — (Schmiertöpfe zum Einreiben für die Hexenfahrten).
Aus den Bekundungen der Zeugen entnehmen wir manches über die Herkunft und Lebensschicksale der angeklagten Steg Engel. Sie ist bei der justifizierten alten Wulffischen von Kindesbeinen an auferzogen und bis zu ihrer Verheiratung mit Steg Henrich auf Wulffs Hof geblieben. Ihre beiden Oheime Berendt und Frantz berichten ausführlich darüber, wie die Engel auf den Wulffshof in Schwelentrup gekommen sei. Die beklagte Engel — im Volksmund so genannt — heißt eigentlich Angelika und ist ihre Nichte. Ihre Mutter war auch eine Wulff. Berendt Wulff, der 70jährige Mann, der auf der Jerxerheide bei Detmold wegen Zauberei am 2. Juli 1667 hingerichteten alten Wulffinnen geb. Catharina Faßen, berichtet über Peinlich Angeklagte (P.A.): „Inquisita sei seiner Schwester Tochter. Ihre Mutter sei gestorben, wie Inquisita 2 Tage alt gewesen, der leibliche Vater aber vorhin, und hätte er Zeuge die Inquisitam von der Arenspurg geholet, wie sie 5 Tage alt gewesen und sieter dann, bis sie sich verheiratet, bei sich gehabt, hätte dieselbe zur Schule gehalten und das Weben lernen lassen“.
Zwischen der gerichteten alten Wulffinnen und Steg Engel liegen also keine Blutverwandtschaft vor, jene war nur die Pflegemutter der Angeklagten. Aber schon das führte zum Verdacht. Neben parentum mores begegnet uns suspecta educatio. Und wie war es mit Engels leiblichem Vater? Hanß Gödeke, der beide Eltern gekannt hat, berichtet: „Der Vater wäre einmals von dem Fähnlein gelaufen, deswegen sie ihn hätten aufhenken wollen.“ Der 63-jährige Oheim Frantz Wulff bekundet: „Inquisitae Mutter sei Zeugens Schwester gewesen, ihr Vater hätte viel mit den Kriegern zu schaffen gehabt, deswegen die Leute ihn nicht gern leiden wollen.“
Der 44jährige Arndt Hördemann, welcher Agneta Wulff, die leibliche Tochter der alten hingerichteten Wulffin, geheiratet hat und nun mit seiner kranken Familie auf dem Wulffshofe als Schwiegersohn der alten Berendt Wulff sitzt, bezeugt: „Der Inquisitae Vater sei zu zweemalen wegen Ausreißens von dem Galgen.“ Dieser Arndt Hördemann ist übrigens der Hauptbelastungszeuge in beiden Prozessen, sowohl gegen die alte Wulffische als auch gegen Steg Engel. (Quelle: St.A. Detmold, Kriminalgerichtsakten Nr. F. 2 (Hexenprozesse). Er ist ein geschlagener Mann. Von seinen 8 Kindern sind ihm schon 4 gestorben. Wie früher der alten Wulffischen, so gibt er jetzt deren Pflegetochter Angelika, genannt Steg Engel, die Schuld am Tod der verstorbenen und dem Siechtum der noch lebenden vier Kinder. Dazu kommt, daß die Wulffische die aufgezogene Nichte Angelika und Pflegetochter Angelika „besser leiden konnte als ihre eigene leibliche Tochter Agnete“, Arndt Hördemanns Frau. Das bezeugen sowohl Jasper Ehlebracht als auch Bek Cord als Zeugen, jener sagt, die alte Wulfinn habe „Engel mehr aestimieret als Agneta“ und dieser, sie habe Engel sowohl „in Kleidung als auch sonsten mehr Gutes getan als ihrer eigenen Tochter Agneta“. Bek Cord sagt außerdem, Engels Vater habe oft „den Krieg verlaufen“ und habe deshalb viel Geldes geben müssen.
Wir hören hier das Grauen des langen Dreißigjährigen Krieges nachklingen, kam doch Steg Engel im letzten Jahrzehnt nach Schwelentrup. Als man ihr den Hexenprozess macht Anno 1668, ist sie 27 Jahre alt, muss also Anno 1641 von der Arensburg bei Steinbergen im Wesergebiet ins Sternberger Land gebracht worden sein, als sie erst 5 Tage alt war.
Doch zurück zum Ablauf des traurigen Prozessgeschehens. Das was die Zeugen bekunden, bringt das Peinliche Halsgericht in 19 „angebliche“ Tatsachen zusammengefaßt zum Versand nach Rinteln.

Grundriß der Burg Sternberg I Zeichnung von Emil Zeiß aus dem Jahre 1869 Der Grundriß von Zeiß zeigt links neben dem äußeren Burgeingang das ehemalige Gefängnis, in dem vermutlich P.A. Angelika Steg eingekerkert saß. Quelle: Heimatland Lippe

Wieder wird die Juristenfakultät im Schreiben vom 27. Juni 1968 um Rat gefragt. Schon am 15. Mai desselben Jahres haben „sämtliche Bewohner des Dorfes Schwelendorff“ ein Schreiben nach Detmold gerichtet und um Beschleunigung des Prozesses gebeten, „damit ferneres Unglück durch das Laster der Zauberei verhütet werde“. Es geht auch bereits toll im kleinen Dorfe her. Das ganze Dorf ist wie ein Hexenkessel, einer bezichtigt den andern mit dem Laster der Zauberei. Selbst im Beiwesen des Bauerrichters Frantz Schoeffen zu Schwelentrup ist es zwischen Catharina Schnitkerinck und Henrich Brandts Frau, der Engel Steinhagen, zu einem Geschimpfe gekommen: „Due Hetze, hast meinem Kinde vergeben“ (vergiftet) hat Catharina Schnitkerinck die Engel Steinhagen „beklafft“. In einem Schreiben vom 9. März 1668 bittet Henrich Brandt um Schutz und Bestrafung. Die Klage wird ans Gogericht verwiesen.
Die Universität Rinteln konnte auf allen Prozessstufen um Rat gefragt werden. Im Schreiben vom 27. Juni 1668 wollte das Lippische Peinliche Halsgericht zu Detmold eine Rechtsbelehrung und sein Urteil darüber erlangen, ob nach Durchsicht der bis jetzt über Steg Engel vorliegenden Akten — dieselben liegen der Universität zur Begutachtung bei — eine Verhaftung am Platz sei und nach nochmaliger Inquisition zur Tortur geschritten werden könne.
Am 7. Juli 1668 befasst sich Rinteln ein zweites Mal mit Steg Engels Prozess. Decanus Senior und andere Doctores der Juristen Facultät befinden, „dass die in protocolle inquisitionis enthaltenen Indicia ad capturam alsobaldt, und wan die indicia in ein „libell“ gebracht, die inquisita darauf respondiret undt die bißhero ohne aidt verhörten Zeugen ihre aydliche Kundtschaft außzusagen angehalten worden undt bey dem vorigen verpleiben, auch ad torturam sufficientia sein“. Nach diesem Urteil kann Detmold die Verhaftung Angelica Stegs verfügen und der Prozess alsbald ins Hauptstadium treten. Es ist grauenhaft zu sehen, dass selbst höchste wissenschaftliche Instanz, die Rechtsfacultät einer benachbarten Universität dem Zauber- und Hexenwahn jener Zeit erlag.
Am 10. Juli 1668 verfügt Nevelin Til-hen D. für die Gräfl. Lipp. Zum Peinl. Gerichte verordneten Richter und Assessores die Verhaftung Steg Engels. Der Verhaftungsbefehl ergeht an Amtmann Christoph Hillen zum Sternberg im Namen des Hochgebornen Grafen und Herrn, Herrn Simon Henrichen, Grafen und Edlen Herrn zur Lippe. Dem Amtmann wird anbefohlen, Engel ins Gefängnis auf Schloß Sternberg bringen zu lassen, Aufsicht so durchzuführen, dass sie „nicht aussteigen noch entrinnen, noch sich selbst einiges Leid, wie es dann unterweilen bei solchen Leuten die Erfahrung gibt, zufügen, noch sonst jemand zu derselben kommen und Unterredung halten können, es geschehe dann entweder in Amtmanns oder in des Amtschreibers Krügers Präsenz und Gegenwart.“ Dem Amtsdiener wird weiter anbefohlen auf Steg Engels Wort und Gebärden fleißig acht zu geben und nach Detmold zu berichten. Speis und Trank darf Inquisitae nicht aus deren Behausung oder von den Ihrigen verdachtshalber ausgefolgt werden, sondern sie muß wie andere Gefangene vom Amt damit versorgt werden. Mit diesem Verhaftungsbefehl Nevelins Tilhens D. vom 10. Juli 1668 schließen die Akten der Vorverhandlung contra Engel.

II Teil Anklage und Hexenprozeß gegen Angelika Steg aus Alt-Schwelentrup

Als die genaue Anklageschrift — das „Libell“ — verfasst ist, wird der Hauptgerichtstermin auf den 18. Juli 1668 angesetzt. Das Peinliche Hohe Halsgericht tagt zu Sternberg. Es heißt in dem Protocollum:
„Der Freygraff Johannes Schmackpfeffer in omnibus suis clausulis et punctis ein Peinliches Hohes Halsgericht geheget und gespannen.“ Der Fiscalis als Peinlicher Amtsankläger übergibt seine Anklageschrift, das „Libell“. Der Verteidiger oder Defensor bittet um Zulassung seiner Person. Dem wird stattgegeben. Er muss geschehen lassen, dass der P. A. die articulierte Klage vorgelesen wird, wird sich aber seine „Defensionales“ vorbehalten. Die Anklagematerie ist in unserem Prozess in 61 Artikel zerlegt, jeder beginnend mit „Wahr dass“. Was die Angeklagte auf die einzelnen Punkte antwortet, wird in einem Protokoll aufgeschrieben, allerdings meist sehr kurz. Immer wieder kehren die Worte der P.A.: „Negat“, „Nescit“ und „Affirmat“.
Wessen klagt nun das „Libell“ Steg Engel an? Wir fassen die 61 Punkte zusammen in 14.

1. P.A. „habe das abscheuliche Laster der Zauberei gelernet, mit dem Teufel einen Bund gemacht und vermittelst dieses Bundes Menschen und Vieh Schaden zugefügt.“ Das sei in geistlichen und weltlichen Rechten verboten (Art. 1 u. 2). Den Gerichtsherren ist damals immer gegenwärtig bei der Anklageerhebung und Durchführung des Gerichts:
Schon im Alten Testament heißt es 2. Moses 22, 18: Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. Anno 1484 ist erschienen die Bannpulle Papst Innocenz‘
VIII gegen Zauberei und Hexentum, 1487 der „Hexenhammer“, die Systematisierung des Hexenwahns. 1532 die „Carolina“, C.C.C. Kayser Karls V. u. des Heiligen Römischen Reiches Hochnotpeinliche Gerichtsordnung.

2. P. A. sei von Kindesbeinen bei Berendt Wulffs Weibe, einer verbrannten Hexe, aufgewachsen, „bis sie zum Manne gekommen“. Diese Umgebung und der Wulffinnen Feuertod hat auch Engel in den Verdacht gebracht. Sie hat dazu selbst den Verdacht gestärket. Als eine andere Hexe aus Schwelentrup, Schoff Anneke, zu Detmold gefänglich gesessen, hat Engel unter den Leuten sich erkundigt, ob man auch sie für eine Hexe halte (Artikel 3-5).

3. „Ehrliche Leute“ haben die alte Wulf finne gemieden, seit sie verdächtig war. Nicht so Steg Engel. „Täglich hat sie sich zur Wulffinnen ins Haus gesellet, mit ihr leiblich Gespräch gehalten“, ja sich gar mit solchem Weibe alleine hinauf auf eine Bohne gesetzet und daselbst eine gute Weile ein Gespärch gehalten“. Darum habe Schmitt Hansen Frau auch aus der Wulffinnen Hause herausziehen wollen, wo sie wohnte. Dazu hat auch Berendt Wulffs Weib „die Engel wehrter gehalten als ihre eigene leibliche Dochter Agneta“ (Artikel6 u. 7).

4. Die alte Wulffinne ist von ihrem Schwiegersohn Arndt Hördemann beschuldigt, ihm und seiner Frau Agneta sowie ihren Kindern Schaden an Leib und Leben zugefügt zu haben, „also dass vier gestorben, vier weitere aber noch schwach wären“. Nun ist — so sagt der Fiscalis als Ankläger — „Vermutung vorhanden, dass P.A. Steg Engel zu solcher Bezauberung besagter Eltern und deren Kinder geholfen“. Während damals die alte Wulffinne als Großmutter Hördemanns Kinder wartete — „unterm Schein solcher Wartung aber ihre Bosheit verübet“ — ist P. A. zu diesem Weibe ab und zu gegangen. Ja, sie hat sogar neben der Wulffinnen von Hördemanns einige auf dem Schöße gehabt ! ! (Art. 8—11).

5. Als die Wulffische als Hexe beklafft (angegeben und verleumdet), ist Steg Engel „ganz kleinmütig geworden“. Beim Wurzeljäten ist sie weinend angetroffen worden, wie sie über die Verdächtigungen ihrer Pflegemutter weinte, ängstlich über deren bevorstehende Verhaftung. Die Leute sagen ihr ins Gesicht, sie müsse sich auch noch verteidigen, d. h. reinigen von dem Verdacht der Zauberei. „Ach, dass ich doch schon tot wäre!“ Dieser Ausruf wird ihr als Verdachtsmoment ausgelegt! (Art. 12 bis 15).

6. Linnen Hermanns Frau hat einstmals zu P.A. Steg Engel gesagt: „Ihr seid von der alten Wulffischen auferzogen. Da dieselbe euch etwas Böses gelernt, wäre es besser, dass sie euch ins Wasser geworfen hätte.“ Engel habe darauf ihren Kopf zwischen die Hände genommen (in ihrer seelischen Not) und hätte „zu schreien angefangen“. Eines Tages ist auch eine Frau in Steg Engels Haus getreten. Da trifft sie den alten Berendt Wulff und Steg Engel in trüben Gedanken, sitzt doch die alte Wulffinne in Detmold in Haft. Die eintretende Frau hat beide gefragt, warum sie so betrübt beieinander säßen. Da hat die P.A. Engel geantwortet:’„Ihr wäre bange für ihren Vater (Berendt Wulff meinend) und ihrem Vater (Pflegevater) wäre bange für sie, P.A.“ Auch diese Äußerung wird als Verdacht angekreidet. Steg Engel weiß eben, in welch tragisches Schicksal ihr Leben eingesponnen ist und dass es kaum ein Entrinnen aus dem Hexenkessel Schwelentrups gibt. Kann es da wundern, dass sie eines Tages in das Haus ihres Pflegevaters, des alten Berendt Wulffen, gelaufen kommt und verzweifelt ausruft: „Sie wollte, dassman sie in ihrer zarten Kindheit ins Wasser geworfen hätte, wie man sie aus dem Schaumburgischen ins Lippische über die Weser geholet!“ (Art. 16—19).

7. Als Steg Engel wegen Arndt Hördemanns Kinder in den Verdacht der Zauberei geraten, haben wahrscheinlich die Leute sie aufgefordert, sich zu verteidigen. Selbst Berendt Wulff, ihr eigener Pflegevater, hat zu ihr gesagt: „Daferne sein Weib, sie das Zaubern gelehret, würde dieselbe auch gewiss auf sie bekannt haben“ (im letzten Verhör vor ihrem Flammentode). Der alte Berendt Wulff glaubt also auch daran, dass sein hingerichtetes Weib die Kunst des Zauberns besaß und sie an Engel weitergeben konnte (Art. 20—21).

8. Seit die alte Wulffinne verhaftet war. hat sich Engel hin und wieder entschuldigt, sie sei keine Hexe. Henrich Breden, genannt Schnitker, der ihr einst vorgehalten, sie sei an Hördemanns Bezauberung schuld, hat sie gesagt: „Sie wollte sich woll baden lassen, aber man wollte ja in Detmold niemand baden!“ Nun, wer schon die Wasserprobe begehrte, der war gewiss in den Augen des Anklägers verdächtig (Art. 22—23).
Henrich Breden und seine Frau Trienecke haben auch „triftigen“ Verdacht, dass P.A. Steg Engel ihrer Tochter Anneken vergeben, sie vergiftet habe. Jene haben Engel wiederholt ermahnet, doch von der alten Wulffin zu lassen. Engel hat es auch angelobet, aber nicht gehalten, „sondern ist stehenden Fußes wieder zu dieser Wulffischen gegangen“. Engel habe auch wegen des „Fürhaltens“ den Bredens einen „heimlichen Hass“ zugeworfen. Darum habe sie auch aus Hass, als die Eltern Bredens einst abwesend, die Tochter gebeten, bei ihr zu schlafen. Als aber abends das Mägdlein über die Schwelle des Stegschen Hauses getreten, „sei ihm ein unnatürlicher Frost angeschossen, bald darauf aber sich einige Schmerzen in der Schulter merken lassen. Dieses Mägdleins Affekt sich ferner also regulieret, dass es aus der Schulter nach dem Herzen gezogen und ums Herze große Bangigkeit bekommen, an der Wiedergenesung von „Verständigen“ gezweifelt worden, endlich der Affekt sich also geschicket, dass er bisweilen nachgelassen und also per intervalla sich herfiirgetan und eingestellet, im Affekt dem Mägdlein zumute worden, als wenn ihm was Lebendiges umbs Herze“. Im heftigen Affekt habe das Mägdlein geschrieen und gesagt, „dass sie darauf leben und sterben wolle, dass sie nirgends ihr Elend her hätte als von Steg Engel“ (Art. 24—36).

Die alte Kirche zu Hillentrup. Sie wurde 1899 abgebrochen und durch eine neue ersetzt. Getuschte Federzeichnung von Emil Zeiß aus dem Jahre 1863. Quelle: Heimatland Lippe

9. Annekens Mutter kriegt nun Linnen Hermans Frau auf die Beine. Die muss Steg Engel bitten, zu kommen, damit „sie sich solchen Verdachtes frei machen möge“. Aber Engel beteuert ihre Unschuld der Botin gegenüber. Wiederholt sagt Mutter Breden der P.A. ins Gesicht: „Du Hexe, komme und tue es meiner Dochter wieder ab!“ Einstmalen sei auch Engel zu dem Mägdlein gekommen und hätte es „bereden“ wollen, weil es keinen Appetit gehabt, „von ihr der P.A. Milch und Käse, welche sie schicken wolle und worein sie Salvey getan, zu essen“. Wie legt nun der Amtsankläger diese Hilfsbereitschaft und ihren Besuch aus? „Von diesem Anbieten die Zugegengewesenen geurteilet, daß P.A. etwa ihrer Meinung nach fürgehabt, den Affekt dem Mägdlein wieder „abzutun“ (Art. 32—42).

10. Verdächtig ist auch, dass Steg Engel zu allen Anklagen stille geschwiegen und auf das Mädchen Anneke angeblich einen heimlichen Hass gehabt. Einst hat Breden Anneken — sie ist zur Zeit des Prozesses 24 Jahre alt, also nur 3 Jahre jünger als Steg Engel — in Steg Engels Diensten Leinen gewebet und gewirket. Wie aber Engel „ins Gespräch gekommen“, d. h. im Dorf beklatscht und als Hexe verleumdet, dass sie hexen könne, sei Anneke „stillschweigend aus dem Dienst der P.A. gegangen und habe das Webertau stehen lassen“. Auch schon vorher haben sich beide öfter über Zauber- und Hexengerüchte unterhalten (Art. 43—47).

11. Engel soll auch Steg Jaspers Tochter „vergeben“ haben. Als diese in „Ohnmacht darniedergelegen“, ist neben andern Leuten auch Engel umhergestanden. Die Kranke hat ihr das Gesicht zugewendet, gewinket, sie bei der Hand ergriffen und gesagt: „O du!“ Als aber P.A. geantwortet: „Woh wilten mit der Hand hin? Diese kranke Person nicht weitersprechen können.“ Die Kranke hat auch während der Krankheit und auch sonsten Steg Engel nicht um sich leiden können und dieselbe gar scheu angesehen: Welch Wunder, wenn alle Welt in Schwelentrup sie als „Hexe“ beklafft (Art. 48—51).

12. Nicht genug mit diesen Vergiftungs-Famen. Steg Engel soll auch Thiesen Wulf-fen vergeben haben. Einst soll Thies Wulff sich gegen Engel und ihren Mann geweigert haben, „einige Loiren Linnen auf der Legge völlig zurecht machen zu helfen“. Da soll Engel gedräuet haben, sie wollte ihm solches ihr Lebtage nicht vergeben. Es sind auch noch weitere Spannungen da. Engel habe auf Thies einen Groll gehabt, weil er „ihrem Manne zu Gefallen wider die Schnitkerin am Gohgericht nicht habe zeugen wollen, und ihr, der P.A. Ehemann dannenhero als ein unbegründeter Angeber selbsten „gebrüchet“ werden“ (Art. 52—54).

13. Steg Engel habe auch ihre Drohworte wahr gemacht, indem sie Thies Wulff in Ungelegenheit zu stürzen ver sucht hätte, indem sie fälschlich angegeben, „Thies hätte in ihrem Hause zween gewissen Männern nachgeredet, dass sie dem Schafmeister einige Schafe als „Wehrwulff“ gebissen hatten“. — Bald darauf sei Thies Wulff erkrankt. Auf seinem Totenbette habe er seiner Frauen und seinen Brüdern sich eröffnet, dass ihm Steg Engel ein Leid angetan. Als Steg Engels Mann Henrich den Thies habe besuchen und ihn wegen der Verdächtigung zur Rede stellen wollen, habe Thies gesagt, er solle ihn zufrieden lassen, sein Weib wäre eine Hexe (Art. 55—57).

14. Dazu kommt, dass, wie schon zu Anfang unserer Abhandlung dargelegt, Eltern und Erziehung Engels ein geheimnisvolles Dunkel umwittert. „P.A. soll von keiner guten Art, der Vater zweimal als Fahnenflüchtiger vom Galgen gelöset sein.“ Engel soll das Zaubern von der alten Wulffischen, ihrer Pflegemutter, gelernt haben, und Berendt Wulffs Weib hat bekannt und ist beständig drauf gestorben, dass sie vor sechs Jahren es bei ihr in der Bettekammer gelernet habe. Durch das ganze Amt gehen die Gerüchte von ihren „Zauberstücken“ (Art. 58—61).
Nach diesem „Libell“ des Amtsanklägers bittet er um Bestrafung der Peinlich Anklagten und falls die P.A. leugnen sollte, „wenigstens dieselbe mit scharfer peinlicher Frage zu belegen“.
Aber die Verhängung der Tortur auf Ansuchen des Fiscalis wird vom Peinlichen Gericht abgeschlagen und ihm aufgegeben, zur eingehenderen Begründung seiner Anklagepunkte, die entsprechenden Zeugen vorzuschlagen. Dem Verteidiger wird die „defension“ verstattet, die Angeklagte zu voriger Heft verwiesen.
Am 28. Juli 1668 schlägt der Ankläger seine Zeugen vor, und am 29. Juli übergibt der Verteidiger seine Verteidigungsschrift. Jener benennt 22, dieser 8 Zeugen.
In 45 Artikeln weist der Defensor die Haltlosigkeit der Anklage nach und vor allem darauf hin, was für Steg Engel spricht: Sie war eine Waise und ist an Kindesstatt auf dem Wulffshofe aufgewachsen, hat sich jederzeit arbeitsam und fromm verhalten. Ihr jetziger Ehemann, „indem er gesehen, wie fein und hübsch dieselbe zur Arbeit und sonsten gegen jedermann freund- und dienstlich sich angelassen, zu derselben, ob sie schon als eine arme Waise verlassen gewesen, und dannenhero wohl gar nichts oder wenig und was sie nur mit sauerer Arbeit erworben, pro dote ihm zubringen können (10 Thaler), eine eheliche Affection bekommen“.

Kupferstich von Elias van Lennep um 1663/66. [So sah der Flecken Bösingfeld aus, als Pastor Jobannes Reussius von der Hinrichtung der P.A. Angelika Steg zurückkam und als N.B. des 15. Septembris Anno 1668 seine Eintragung ins Kirchenbuch machte]. Quelle: Heimatland Lippe

Vor vier Jahren, also Anno 1664, hat Steg Henrich die Engel geheiratet und auf seinen Hof genommen. Wenn sie eine Zauberin gewesen, hätte er sie nicht geheiratet, „sondern würde solch conjugium mit beyden Händen von sich gestoßen haben“. Engel ist dem Steg Henrich eine treue Gehülfin gewesen und hat „ohnnötige und suspecte conversationes gemieden“. Vor der alten Wulffischen Verhaftung, ihrer Pflegemutter, ist auch nie um fEngel das Gerücht der Zauberei gewesen. Nie ist vernommen, dass Engel diesen oder jenen hat bezaubern wollen, ist nur Berendt Wulff, aber nicht der Wulffin blutsverwandt, ist bei den Pflegeeltern in schwerer und sauerer Arbeit aufgewachsen und hat es „nach erreichter mannbarer Jahre ehrlich und ehelich zu einem Manne gebracht“. Was die Bezauberungsgeschichten anginge, sie seien nicht facta, sondern fama. P.A. habe Henrich Breden Tochter nicht mit mediante veneno vergeben, sondern mit Mutter und Tochter Breden „vor dem Argwöhn vermeintlicher Zauberei“ in guter Freundschaft gelebt.
Das „Accidens malum“ habe bei Anneke Breden eine natürliche Ursache: Etliche Tage hintereinander habe Anneke ungewöhnliche Arbeit wie „Flachsschwingen“ vorgenommen. Davon entstehe leicht ein „böser Fluss“. Zudem sei inzwischen das Mägdlein „restituiert“, den verwichenen Pfingsten sei es auf Linnen Hermans Hochzeit gewesen, habe gegessen und getrunken, getanzt und gesprungen. — Was die Sache mit Thies Wulff betreffe, so seien zwar zwischen Steg Henrich und Thies „Missverständnisse“ vor Zeiten gewesen, der Streit sei aber damals beigelegt. Als Steg Henrich den Thies auf seinem Sterbebette einstmals besucht, habe sich der Kranke „rotunde vernehmen lassen, gestalt er mit Henrichen und den Seinigen „wenig zu tun“, kennete sie vor ehrliche Leute, und habe folgends seine Aussage mit einem Handschlag befestiget.“

Soweit die Verteidigung. Nun bekommt der Zeugenlader Arbeit. Consistorial-Pedell Herman Schlüter muss zunächst die 22 Zeugen des Fiscalis laden, dann die Zeugen des Defensors. Die Vernehmung der Zeugen findet zu Göttendorff am Freitag, dem 31. Juli, und Sonnabend, dem 1. August 1668 statt. Als Advocatus Fisci tritt auf Herr Procurator Fiscalis Hermanno Cramern, als Verteidiger begegnet uns Herr Procurator Defensoris Pfranß Caspar Barckhaußen. Bei dem Termin am 31. Juli 1668 zu Göttentrup müssen alle den Zeugeneid leisten, nur Trineke Krusekopfs (13 Jahre) und Pastor Philippus Stivarius bleiben davon verschont. Es treten als Zeugen auf (In Klammern Alter der Zeugen):

Steffen Sieker (45)
Jasper Ehlebracht (46 ohngefähr)
Frantz Wulff (63)
Steg Henrich, P.A. Ehemann, (30 ohngefähr)
Liesabeth Thies Wulffs Wittib (24)
Knop Anneke (36)
Ilsche, Linnen Herms Frau (52)
Henrich Brede (50)
Catharina, Henrich Bredens Hausfrau, die Schnitkerin (60)
Anneke, Henrich Bredens Stieftochter (24)
Hanß Gödeke (bei die 50)
Berndt Wulff (bei die 70)
Trieneke Berndt, Wulffs Magd (ohngefähr 20)
14. Arndt Ehlebracht (48) 15.Bek Cordt (54)
Arndt Hördemann gen. Wulff (44)
Agneta Wulffs, Hördemanns Frau (39 Jahre alt ohngefähr)
Johan Lüdeking alias Schafmeister (41)
Trieneke, Steg Jaspers Wictibe (50 Jahre alt ohngefähr)
Stieneke Krusekopfs (13)
Tönnies Wulff (29)
Ehrn Phillipus Stivarus, Pastor zu Heiligendorf (Hillentrup). (Philippus Stivarius war von 1656 bis 1686 Pastor zu Hillentrup und der Nachfolger Stephanis.)

Die ehemalige Niedere Mühle in Hillentrup. Bleistiftzeichnung von Carl Dewitz (1882)
Quelle: Heimatland Lippe

Die vorstehenden Zeugen sagen teils belastend, teil unbestimmt zu den einzelnen Anklagepunkten aus. Die Antworten der Zeugen beleuchten grell die Situation, den allgemeinen Hexenglauben in Schwelentrup und manches Volkskundliches. Zum Thema Vater der P.A. berichtet noch Hanß Gödeke, daß „durch Geld Berendt Wulf die Jiberation‘ zuwege gebracht, nahdemalen der P.A. leibliche Vater als ein ausgerissener Soldat bis nach Hameln gebracht worden“. Er sei Soldat und Leineweber gewesen. Zur Vergiftungsgeschichte Anneke Bredens berichtet Anneke selbst, dass in der dritten Woche die Eltern von dem Herrn Pastor zu Heiligendorff Medicamente geholet und gebraucht. Der Pastor wirkt in der Gegend auch als Arzt und berichtet zu dieser Geschichte, dass er des Mädchens Krankheit zuerst als „Schorbuck“, dann aber als Vergiftung angesehen und hält trotz Zwischenfragen des Verteidigers daran fest, „weilen der Schade allein mit Medikamenten wider Gift curiert werden können und die Wirkung des Giftes sich eröffnet“.
Auf Antrag des Verteidigers werden am 2. Verhandlungstag, am 1. August 1668 zu Göttendorff folgende Zeugen „mit dem gewöhnlichen Zeugeneide würklich beladen“, damit sie „mittels desselben Kundschaft wissender Wahrheit von sich geben“:
l.Frantz Wulff (65)
Liesabeth Thies, Wulffs Wittibe (24)
Linnen Herman (50)
Ilsche, Linnen Hermans Frau (52)
Catharina, Henrich Bredens Frau (60)
Anneke, Henrich Bredens Stieftochter (24)
Steg Henrich, P.A. Ehemann (30 Jahre alt ohngefähr)
8.Berndt Wulff (bei die 70 Jahre alt) Letzterer Entlastungszeuge berichtet, daß er Steg Engel zehen Taler als Brautschatz mitgegeben habe. Er selbst und nicht seine hingerichtete Frau sei Steg Engels „mit Blutsfreundschaft verwandt“ gewesen.

Am 8. August übergibt der Verteidiger nochmals eine Verteidigungsschrift, um die Unschuld seiner Mandantin Engel nachzuweisen. In dieser teils deutsch, teils lateinisch abgefassten Schrift weist der Defensor nochmals auf den guten Ruf der Angeklagten hin, der erst nach der Verhaftung der alten Wulffinnen Einbuße erlitten habe. Trotz des geringen Brautschatzes — P.A. habe „pro dote“ 10 Tahler mitbekommen — habe Steg Henrich Engel „in Ansehung dero dexterität“ geehlicht, und Engel sei demselben „constante matrimonio“, eine getreue Gehülfin gewesen. Dass die Angeklagte mit der alten Wulffen „conversiret“ und in deren hohem Alter „in Signum grati animi“ möglichst an die Hand gegangen, auch deren „statum post capturam condoliret“ und bisweilen darüber wehmütig geworden, sei ihr doch wohl nicht zu verdenken, da sie bei ihr „a. teneris annis“ an Kindesstatt auf Wulffs Hofe „educiret“. Aus solchem Umgang sei keineswegs zu schließen, dass nun P.A. auch der Zauberei verfallen sein müsse, sonst müssten ja auch „der verbrannten Wulffischen leibliche Tochter und noch lebender Mann mit der gleichen Zauberbrühe begossen sein“. Seufzend ruft der Verteidiger aus: „O du elende und bezügliche fame, die du so viel Menschen mit deinen falschen Einbildungen zur Peinlichen Bank führest, wie willst du doch immer mehr dich und deine Adhaerenten, so dir so simpliciter anhangen, schützen und manuteniren und defendiren!“ — Mit keinem Jota sei die Anklage, dass P.A. Menschen und Vieh „vergeben“, erwiesen. Anneke Breden sei von Engel so doch nur deswegen fortgegangen, weil sie ihr eigen Garn habe weben wollen. Niemand habe Engel den Einkauf oder Umgang mit Gift nachgewiesen noch dass sie gegen irgendeinen der Zeugen zauberwirkende Drohworte ausgestoßen habe.

III. Teil Das große Peinliche Halsgericht tagt auf Burg Sternberg

Aber das Drama nimmt seinen Fortgang. Die Prozessakten werden sogar zu der Juristenfakultät einer zweiten deutschen Universität versandt, um ein Gutachten zu erlangen. Diesmal an die Juristenfakultät in Marburg. Nachdem sie am 9. 7 bis 1668 zurück sind, werden sie in Gegenwart des Fiscalis und Defensors zu Detmold geöffnet. Decanus und andere Doctores der Juristenfacultät zu Marburg erkennen zu recht:
— — — „dass Peinlich Beklagte Steg Engel, umb mehrerer Erkundigung der Wahrheit willen, mit peinlicher scharfer Frage zu belegen, und vermittelst derselben, auf die von ihr abgestandene Articul der Peinlichen Anklage zu befragen sey“. Das Urteil Marburgs wird am 11. September 1668 zu Sternberg verkündet und unter Vorsitz des Freygrafen Schmackpfeffer ein zweites Peinliches Halsgericht abgehalten.
Über den Ablauf der Tortur, dieses Schandmals mittelalterlicher Gerichtspflege, werden wir eingehend durch das dabei abgefasste Protokoll unterrichtet. In ihn ist das ganze Grauen dieses Prozesses eingefangen. Nur satanswütige Torturherren und eine hexengläubige Zeit vermochten aus diesem jungen 27jährigen Weibe solch ein Destillat herauszufoltern. Doch folgen wir dem Torturbericht:
Am 11. September 1668 wird P.A. Steg Engel „zur Peinlichen Bank geführt“. Sie wird fleißig ermahnt, die Wahrheit gütlich zu sagen. Auf die allgemeine Frage, ob sie zaubern könne, beruft sich Engel „auf das Wasser“. Durch die Wasserprobe als Gottesurteil sollte sich ihre Unschuld herausstellen. Man geht aber nicht darauf ein.
Weil sie gesagt hat, sie könne nicht hexen, wird der Scharfrichter hereingefordert. Der muss ihr die Peinlichen Folterinstrumente vorzeigen, um ihr Schrecken zu bereiten, und sie ermahnen zu bekennen, dass sie zaubern könne. Als der Scharfrichter „ihr die Augen zubinden wollen, hat sie bekennet, dass sie von ihrer Mohme oder Mutter Catharinen, Berendt Wulffs Frauen, so wegen Hexerei hingerichtet (ihre Pflegemutter), in der Cammer vor etwa sechs Jahren es gelernet“.
Mit was Manieren, Worten und Gebärden sie die Zauberei gelernet?“ fragt der Amtsankläger. Engel schweigt. Da ergreift sie der Scharfrichter und bindet ihr die Augen zu. Nun bekennt sie, „auf Begehren der Wulffischen hätte sie Gott den Herrn verschweren und drei Schritt zurücktreten müssen“. Als Engel in ihrer Aussage stockt, werden ihr Daumenschrauben angesetzt, aber bald wieder losgemacht. Nun sagt Engel weiter aus, „die ged. Wulf fische hätte ihr einen Bräutigamb angestellet zu heiraten, worauf sich nach dero mit obigen Ceremonien gelernter Zauberei eine Mannsperson mit schwarzen Kleidern, auch schwarzem Hute mit Federn, zum Freier eingestellet, ihr einen güldenen Ring, welchen sie in den Kasten geleget, hiernach aber verloren, präsentieret. Diese Mannsperson häte sich Cord Gröne genennet, und nachdeme sie sich ihm zu eigen geben müssen, bei ihr geschlafen und Unzucht mit ihr getrieben, welches Werk nicht also wie mit ihrem jetzigen Manne beschaffen, sondern ganz kalt gewesen. Der Congreß wäre ihr auch nicht wohl bekommen, sie hätte davon eine Maus, so weiß gewesen, zur Welt gebracht.“

Das Peinliche Gericht fragt Steg Engel „weiter, ob sie nicht Menschen und Vieh „vergeben“ und Schaden zugefügt? Sie „affirmat“ – sagt ja – und bekennt eine Anzahl „Vergiftungsuntaten“, besonders als man ihr nochmals „die Daumenschrauben appliciret“. Das Gift — „schwarzes, grünes oder graulichtes Kraut“ — habe sie von dem Abgesandten des Teufels, ihrem Buhlen, erhalten. Sie habe vergiftet eine schwarze Katze, einen schwarzen Hund von 4 oder 5 Jahren, der Berendt Wulff gehört habe; Arndt Hördemanns Tochter Trienen Liesabeth habe sie schwarzes Kraut aufs Butterbrot gestreut. Ihr Buhle habe sie dazu gezwungen. Das Mägdlein sei 4 Jahre alt gewesen. Das Kindes Mutter habe sie oft im Dorf herabgesetzt, ausstreuend, sie, Engel, sollte von Berndt Wulff mehr genossen haben als sie selbst.
Vergangenen „Maitag“ hätte sie der Schnitkerschen Tochter Anneken (Breden) mit grünem Kraut vergeben. Das Mägdlein sei aber nicht gestorben, sondern krank geworden. Umb Mitsommer vorigen Jahres habe sie der 22 Jahre alten Steg Jaspers Tochter Agneten „vergeben“ mit „grawlichten Krauth“, so sie ihm aufs Butterbrot gestreut. Ihr Buhle habe sie dazu genötigt, Steg Jaspers Frau ihr auch einstmals abgeschlagen, eine Schere zu leihen. — Auf Anstiften ihres Buhlen habe sie weiter mittels eines Butterbrotes, auf das sie Giftkraut geschmieret, dem Linnen Hermen zu Schwelentrup ein „weißes Borchschwein“ vergiftet, vor 2 oder 3 Jahren dem Arndt Korff efnen schwarzen Hund, weil der sie immer habe beißen wollen. Auch dem Schlingk Johan habe sie vor 4 oder 5 Jahren ein weißes Borchschwein vergeben, weil Schlingk Johans und Berendt Wulffs Leute sich miteinander gestritten.
Die Peinlich Angeklagte wird über die einzelnen Klagpunkte vernommen. Es treten immer wieder, wie in allen Hexenprozessen, Suggestivfragen auf. Sagt die Angeklagte mal nein, so steht im Protokoll dahinter: „Wann man sie aber peinigen sollte, so wollte sie lieber ja sagen.“ Das erhellt schlagartig die Situation, und es kann nicht wundern, dass Steg Engel sowohl den Tod von Steg Jaspers Tochter auf sich nimmt als auch den Tod von Thies Wulff, den Engel mit braunem Kohl vergeben haben will.
Neben dem Bündnis mit dem Teufel und den im Auftrag des Satans verrichteten Untaten spielten in den Hexenprozessen eine große Rolle auch die Bekenntnisse der P.A. über ihre Hexentänze und satanischen Feiern. Auch im Prozess gegen Steg Engel interessieren sich die Torturherren eingehend dafür, zumal ihnen diese Komponente im Prozess meist wieder mit der Angabe der „Rottgesellinnen“ und „Complicen“ den Stoff zu neuen Hexenprozessen lieferte. Steg Engel bekennt in der Tortur, dass sie „alle Monat einmal in der Wochen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag auf dem Tanze erscheinen müssten“.
Als sie zögert, den genauen Ort des Tanzes anzugeben, werden ihr die Hände auf den Rücken gebunden und ihr eine Beinschraube angesetzt. Nachdem man sie losgelassen, sagt Engel: „uff einem Orte bei Bredens Felde unten am Dorfe Schwelendorff“. Jetzt gesteht sie auch auf die Frage der Richter ihre Tanz- und Rottgesellinnen:

  1. Schoeff oder Knop Anneke, hätte gekocht,
  2. Poll Henrichs Fraw Anneke,
  3. Linnen Hermann,
  4. Der alte Thies Wulff, Berendt Wulffs Bruder,
  5. Die Schnittkerin Trieneke,
  6. Henrich Bredens Fraw, Schoff Jasper,
  7. Bauernrichter und Dessen Fraw Anneke,
  8. Hanß Humbke zu Heiligendorff,
  9. Des Mutter die alte Holßcherin,
  10. Arndt Holscher, deren Sohn,
  11. Ließke Ritters,
  12. Anna Sophia, des alten Pastoris Stephani zu Heiligendorff Tochter, mit welcher der vorige sub Nr. 8 Hanß Humbke getanzet,
  13. Herman Krögers Fraw Anneke zu Schwelentrup,
  14. Die alte Pöttersche, daselbsten,
  15. Groß Hanßens Sohnes Frantzes Fraw Anneke dasselbsten,
  16. Die Wittibe Dubbersche Liesebeth auch daselbsten,
  17. Die jetzige alte Krögersche zu Humfeldt im Oberen Kruge,
  18. Die Leibzüchtersche uff Noltens Hofe zu Humfeldt,
  19. Vorged. alten Dubberschen Tochter Agnete zu Schwelentrup. Es wären noch mehr aus Humfeld auf dem Tanze, ihr aber unbekannt gewesen.
  20. Groß Hanßen Selbsten, welcher uf einer Violin uf dem Tanze gespielet.

Uff dem Tanze hätte sie Bier, welches Linnen Herman mit einem Karp von Lüdenhausen geholet, wie auch Rindfleisch, Speck und Würste, welche Schoff Jasper dahin befordert, sodann Branntwein, welchen Arndt Holscher hin geschaffet, zum besten gehabt.“
Soweit das wörtliche Torturprotokoll. Wir hören, die Hexen lebten nicht schlecht auf ihrem Bacchanal. Und das alles glaubten satanswütige und teufelskranke Torturherren und schrieben «es getreulich auf, was die gemarterten Opfer in ihrer Not — meist nicht mehr ganz bei Sinnen — aussagten, um weiteren Qualen zu entgehen, oftmals aussagten, was ihnen mehr oder weniger das Gericht einsuggerierte.
Auf die Frage, wem sie die Zauberkunst wiedergelehret, antwortet Steg Engel:
22. „Steg Jaspers Tochter Marieken vor ungefähr vier Jahren, mit den Ceremonien, wie sie es selbsten von der alten Wulffischen gelernet, welches in ihrem Hause in der P.A. Stuben, wie dieselbe bei ihr gedienet, geschehen, und sie dazu durch einen Freier veranlasst, worauf sein Buhle, welcher Henrich geheißen, sich eingestellet, ihm einen Ring uf die Hand gegeben und darnach auch Unzucht damit getrieben.“
„Des Hortmeiers Tochter Anneke hätte sie auch mit vorigen Ceremonien, wie dieselbe bei ihr gewebet, das Zaubern in der alten Wulffischen Hause gelehret, hatte sich nunmehr im Lande Braunschweig uf dem Multhauffen verheiratet.“
„Item Schlingk Johans Tochter zu Schwelentrup Annen Catharinen für dreien Jahren in ihrem der P.A. Hause.“
Aus dem Vorstehenden sehen wir, dass Steg Engel in der Tortur 24 andere „Complicen“ beklafft. Mit diesen Aussagen wird die Tortur abgeschlossen und die Angeklagte ermahnt, „ daferne ihr noch etwas einfallen würde, daß sie solches hier-nächst bei der Ratification ihrer heutigen Bekenntnis offenbaren sollte“. Engel sagt ferner, dass ihre gemachten Angaben wahr, „wollte drauf leben und sterben und das Nachtmahl des Herrn darauf empfangen“. Sie bittet auch, der Pastor möge zu ihr kommen. Sie fleht inständig, dass sie mit dem Schwert möge hingerichtet werden.
Einen Tag nach der Tortursitzung auf Sternberg übergibt Engels Verteidiger in Detmold ein Gnadengesuch am 12. September 1668. Er bittet, „die P.A. mit dem Schwerte zu begnadigen und dass der Cörper möchte zur Erden verstattet werden“. In dem Gnadengesuch heißt es: „Wann nun, Gnädiger Graf und Herr, Justitia zwar erforderte, dass ged. Miserrima et ä Diabolo Seducta persone Engeil, poenam veneficis dietatam ordinariam, et in art. 109 Const.Carol. satis expressam luiren müßte, jedoch hierbei gnädig zu bedenken, dass 1. Ged. Engell, als eine junge Mensche von der hingebrandten Wulffischen so erbärmlich wider Willen seduciret, und 2. ohne einige Tortur und ultro delictum nicht allein confitiret, sondern nunmehr mit sehr heißen und bußfertigen Tränen dero begangene Sünde büßete, dabenebenst 3. das leidige Zauberlaster nicht lange gekannt und überdeme 4. eine junge und bei 27 Jahren stehende Person, ihr auch billige Gnade widerfahren könnte.“ — Auf dieses Gnadengesuch begnadigt Graf Simon Henrich sie zum Schwerte, ihr Körper aber soll verbrannt werden.
Am 14. September 1668 wird die P.A. nochmals über das in der Tortur aufgesetzte Protokoll verhört. Steg Engel ratificiert dasselbe, einiges aber corrigiert sie und fügt auch noch einiges hinzu:
„Die Maus, so sie von dem Congreß mit dem Buhlen zur Welt gebracht, hätte sie aufgetrücket, davon hernacher genommen und Vergiftung getan, der Buhle hätte ihr etwas dazu gebracht, zweimal hätte sie geboren mit etwas Schmerzen.“
„Berndt Wulffs und Erndt Korffs Hunde hätte sie nicht ,vergeben. Der Schnitkerschen Tochter könne sie es nicht wieder »abtun*. Auch Thies Wulff hätte sie nicht vergeben. Vor 7 Jahren hätte sie das Zaubern erlernet. — Grote Hanß hätte nicht gespielet, sondern (bei dem Mahl und Tanz der Hexen) geleuchtet, uf dem Kopfe gestanden und das Licht s.v. im Hindern gehabt. Negat, dass sie Steg Jaspers Tochter Marieken das Zaubern wieder gelehret.“
Wenn irgend etwas, so waren es diese letzten Korrekturen ihres Torturgeständnisses, die dem Gericht die Augen hätten Öffnen müssen. Aber es waren eben in jener Zeit alle dem Zauberwahnsinn erlegen. Wer in diesen Hexenkessel geraten, hatte nur einen Wunsch, als P.A., recht bald zu sterben, um nicht noch größere Torturmartern erleiden zu müssen.

 

Burg Sternberg. Tordurchblick vom äußeren zum inneren Burghof. Foto: Knese

Das geht so recht aus einem Brief hervor, den Amtmann Hillen von Sternberg am Tage vor Engels Hinrichtung an den Sekretär des Peinlichen Gerichts, an Herrn Johan Justo Reineckern in Detmold gerichtet hat. Der Brief ist am 14. September 1668 in Göttendorf abgefaßt:

„Vorgestern bin ich mit dem Pastori zum Bösingfelde bei inhaftierter Person gewesen, hat dieselbe gewaltig getröstet, sie auch hat sich äußerlich Ansehn nach sehr bußfertig bezeiget. Wie ich nun endlich ihr auch zugeredet, sie würde ja bei ihrer gestrigen Aussage und Bekenntnis beständig wohl verpleiben, hat sie geantwortet: Ja. Eins aber hatte sie nicht getan. Als ich sie nun fragte, was das wäre, geantwortet, Thies Wulffen, dem hätte sie nicht vergeben. Wie ich nun gesagt, das müsste ich den Peinlichen Gerichtsherren schreiben, dass sie mit Meister David (dem Scharfrichter aus Lemgo) alsdann nochmals wiederkämen und sie von neuem befragten, da hat sie darauf gesagt: O, nein, och nein, ich mügte es nicht tun. Als ich nun gefragt, worümb sie denn dasselbe nun leugnen wollte, sagte sie, Thies wäre ihr naher Verwandter, darümb wollte sie nicht gern haben, daß es die Freunde wissen sollten, es wäre aber wahr.“ Weiter schreibt füllen über Steg Engel in seinem Brief: „P.A. schickt und präpariert sich also beständig und bußfertig zum Tode, bittet gar sehr um Begnadigung des Schwertes, sagt, dass andere noch viel mehr Übles getan hätten und noch tun würden und ihr nachfolgen müssten. Die Responsion über die Corpora delicti sind hierbei und erwarte ich die Herren diesen Nachmittag. Jetzt schreibe ich noch an Meister David, dass er morgen zeitig frühe zum Sternberg sei und dass er sein Schwert mitbringen sollte.“
Dieser Brief wie das ganze Gerichtsverfahren zeigt noch einmal so recht, dass es fast unmöglich war, aus dem Netz des Peinlichen Gerichts zu entrinnen. Dieses sah es nur als seine Aufgabe an, die P.A. zum Geständnis zu bringen. Die Angeklagte hatte schon Zauberei und Hexentum an sich als nicht existent beweisen müssen, um aus dem Hexenkessel wieder befreit zu werden. Und so ereilt denn auch Steg Engel, diese junge Frau in der Blüte ihres Lebens, unschuldig ein grausames Geschick. Am 15. September 1668 tritt unter des Freigrafen Joannes Schmackpfeffers Vorsitz wieder das Peinliche Gericht zusammen, um das Todesurteil verkünden und vollstrecken zu lassen.
Vor der Hinrichtung werden der Angeklagten 8 Punkte der Urgicht vorgelesen, die Engel alle mit „Affirmat“ = Ja bekräftigt. Dieser „Extractus Articulorum der Urgericht“ lautete:

1. „Wahr dass in Gottes Heiigem Worte, beeden geist- und weltlichen Rechten bei zeitlicher und ewiger Strafe die Zauberei, sich mit dem Teufel in Bündnis zu lassen, auch Menschen und Vieh zu vergeben ernstlich verboten.

2. Wahr dass, Peinlich Angeklagtinne Engeil, Steg Henrichs in Schwelentrup Eheweib, wider solche Gebote Gottes, auch gemelte Rechte gröblich versündiget,

3. indem sie, wie wahr, vor sieben Jahren von einer namhaft gemachten Person mit gewöhnlichen Gebärden und Worten solche verfluchte Zauberkunst gelernet, von Gott dem Herrn abgefallen und sich dem leidigen Teufel ergeben.

4. Auch, wie wahr, einen gewissen namhaft gemachten Buhlen bekommen und mit demselben Schande und Unzucht getrieben.

5. Wahr, solche verfluchte Zauberkunst henacher einige namhaft gemachte Personen gelehret.

6. Ferner wahr, daß sie Peinlich Angeklagte mittels der Zauberei Menschen und Vieh vergeben, daß einige durch solche Vergiftung auch gestorben.

7. Item wahr, P.A. sich auf den verfluchten Zaubertänzen finden lassen und andere namhaft gemachte Personen gesehen und gekennet, auch davon Bekenntnis getan.

8. Endlich wahr, dass P.A. obige Bekenntnis, außerhalb würklicher Pein würklich bekräftiget und wiederholet, das Heilige Nachtmahl empfangen, auch annoch beständig dabei zu verharren und darauf zu leben und zu sterben entschlossen.“

Nachdem die Angeklagte auf die 8 Punkte mit „ja“ geantwortet, ist das Todesurteil veröffentlicht. Es hatte folgenden Wortlaut:
„ In Peinlichen Sachen Unseres Fiscalis und Peinlichen Ambtsanklägers an einem, entgegen und wider Engelin, Steg Henrichs Eheweib aus Schwelentrup Peinl. Angeklagtinnen am andern Teil, Zauberey und Vergiftung, in Actis angezogen, betreffend, wird von Uns Simon Henrichen, Grafen und Edlen Herrn zur Lippe hiemit zu Recht erkannt, daß Peinl. Angeklagtin wegen obiger Laster ihr Selbsten zu wohlverdienter Strafe, andern aber zum abscheulichen Exempel mit dem Schwerte vom Leben zum Tode hinzurichten sei, wie sie dann von Uns hiemit darzu verurteilet und condemnirt wird. Von Rechts wegen.“
Nach der Verlesung dieses Todesurteils wurde die P.A. dem Scharfrichter Meister David übergeben, dem die Execution anbefohlen. Nachdem Engel mit dem Schwert enthauptet, wurde ihr Körper mit Feuer verbrannt.
Das tragische Geschehen ist beendet. Als Joannis Reussius — der Kirchherr von Bösingfeld — der Steg Engel im Gefängnis besucht und auf ihrem letzten schweren Gang zur Gerichtsstätte begleitet hatte, am 15. September 1668 von der Hinrichtung in sein Pfarrhaus zurückkehrte, machte er in das alte Kirchenbuch jene Eintragung, die uns als Schüler schon die Phantasie beunruhigt hatte und nun durch unseren Prozessbericht noch einmal in seiner schrecklichen Größe vor die Seele getreten ist.
Aus dem Dunkel und der Ferne der Zeit rollten vor unserem Auge Handlungen ab, die sich durch ihre unfassbare Bestialität selbst der Kritik der Zivilisation entziehen und außerhalb jenes Raumes stehen, in denen Menschen sich menschlich begegnen. Vom Kriminalgericht selbst überliefert, dürfen sie nicht verschwiegen werden, soll das entstellte Antlitz dieser Zeit farbig und blitzhaft erhellt uns gegenwärtig werden. Alle die eifernden Personen des ganzen kleinen Dorfes Schwelentrup im Amte Sternberg sowie die agierenden Personen des Peinlichen Gerichts sind aus dem Dunkel der Vergangenheit ins Licht des Tages getreten, ihnen begegnete der Teufel, weil sie an ihn glaubten, und was man glaubt, begegnet einem.
Satans Reich auf Erden zu zerstören und das Reich des Lichts zu errichten, eiferten sie. Aber in ihrem Streben brachen sie ein in den Frieden eines Dorfes und das Glück und die Ruhe der Familien. Wahnvorstellungen von Zauberei und Hexentum hatten auf ihr Denken, Fühlen und Wollen Einfluss genommen. Während sie selbst fanatisch eiferten, das angeblich durch die Hexen und ihre Untaten zerstörte Gleichgewicht der menschlichen Gesellschaft wiederherzustellen, entfernten sie sich immer mehr vom Recht, der Natur und Vernunft. Unnatürliche Gewalten, dämonische Vorstellungen hatten von ihnen Besitz genommen. Der Teufel, den sie in anderen verfolgten, ritt sie selbst, und zwar meist alle in den Hexenverfolgungen uns begegnenden Personen, die Bauern und Landleute, Ankläger und Richter, Rechtsgelehrten und Doktore, Männer und Frauen.
Diese Erkenntnis vermittelt uns auch dieses traurige Lebensschicksal der 27jährigen Angelika Steg aus Schwelentrup. Sie war auch ein Opfer des Hexenwahns, der hervorwuchs aus menschlicher Einfalt und Unwissenheit, aus der Verkennung der Natur und ihrer Gesetze, aus religiösem Wahn und verirrter Leidenschaft. Sie wollten ihn ausrotten den Teufel mit Feuer und Schwert. Aber Satan hatte sie alle, Amtmann und Bauerrichter, Universitätsdoktore und Gerichtskommissare, Büttel und Henker, Zeugen und Hexen, Männer und Frauen.

Es ist uns, als hätten wir beim Studium unseres und anderer Prozesse jener Zeit aus den gilbenden Blättern das Lachen des Mephistopheles über all die Eifernden gehört, die sich für ihn bemühten:

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. Lass nur in Blend- und Zauberwerken dich durch den Lügengeist bestärken, so hab ich dich schon unbedingt.
…Goethe

Heimatland Lippe 1971: Von Louis Knese