Auf den Spuren der Hugenotten in Lippe

Auswanderung der Hugenotten aus Frankreich. 1566, Jan Antoon Neuhuys

Im Lippischen Kalender 1951 hat Karl Meier, Lemgo, uns an die zeit erinnert, wo auch in Lippe Hugenotten einwanderten. Wir haben also nicht nur heute ein Flüchtlingsproblem in unserem Lande. Vielmehr suchten nach der Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahr 1685 die Hugenotten Frankreichs unter unter unsäglichen Leiden und Gefahren heimlich die Grenze zu gewinnen, um sich in Holland, England, der Schweiz und Deutschland niederzulassen. Man sah auf den Straßen unseres Landes große Scharen von Flüchtlingen . Frankreich verlor von seinen 8 Millionen Einwohnern, von denen ein Viertel reformiert waren, gegen einen halbe Million seiner besten, gewerbebefleißigten und gebildetsten Bürger und zerstörte dadurch die Blüte seiner Industrie. Rechtlos und schutzlos waren sie im Frankreich Ludwig XIV. der totalen Staatsmacht ausgeliefert. Sie erfuhren, wie Gemeindemitglieder und Prediger öffentlich beschimpft und mit Kot beworfen wurden. Der Götze des Machtwahns duldet ja weder damals noch heute irgend etwas oder irgend jemand neben sich. Aber die vertriebenen sangen den Hugenottenplan: „Gott führt durch Dunkelheiten sein Volk auf sichern Pfad . . .“

Heimatlos und doch geborgen

Alle Lebensbedingungen wurden ihnen in der Heimat abgeschnitten. Aber sie gingen ihren Weg ohne Märtyrerpose. Es liegt etwas Selbstverständliches in all den beigebrachten Zeugnissen. Die Hugenotten gingen ihren Weg auch mitten in Versuchungen und Erniedrigungen ganz unbekümmert. Sie lassen ihre Klage nicht vor Menschen, sondern nur vor Gott laut werden und bitten ihn , daß die Früchte der Geduld und Beständigkeit in der Trübsal reifen möchten. Sie gehen ihren Weg in der Gwißheit, daß das Gericht allen Menschenhänden entnommen ist, auch ihren Peinigern und Quälern. Aber gerade diese verloren viel.

Verfolgung der Hugenotten nach Romeyn de Hooghe
I. Auf einem Podest, gebildet aus Lanzen, aufgelegt auf die gebeugten Rücken von Hugenotten, beobachtet ein Jesuit, wie ein Dragoner fünf Hugenotten mit einer Kette zusammenbindet. Dazu gehört eine nackte Frau. Im Hintergrund sieht man ein Schiff, das die Angeketteten aufnehmen soll. Im Vordergrund rechts wird ein Protestant kopfüber in einen Brunnen geworfen, um den herum ein Feuer brennt.

Was verlor Frankreich mit den Hugenotten!

Was wird aus einem Lande, welches im Lauf von zwei Jahrhunderten hunderttausende seiner besten und tüchtigsten Bürger von sich stößt? Es hat dadurch die Keime zu einer Erneuerung aus dem Evangelium vernichtet und sich von dem Lebensstrom der Revolution abgeschlossen. Frankreich ging der Revolution entgegen. Aber die Vertriebenen, welche die Straße des Martyriums zogen, haben nicht weniger als 65 neue Industrien in Deutschland eingeführt. Sie haben neue Dörfer und Städte geschaffen, zerstörte Orte wieder aufgebaut, das am Ende des 17. Jahrhunderts recht bescheidene Berlin in eine elegante Hauptstadt verwandelt. Auf dem Berliner Denkmal Friedrichs des Großen sind die Namen von neun preußischen Generalen französischer Herkunft eingemeißelt. Die Disziplin, welche die Hugenotten mit nach Brandenburg brachten, ist die Grundlage des preußischen Heeres geworden. Es wurde wesentlich geprägt durch seine zahlreichen hugenottischen Offiziere.

Das Edikt von Potsdam

Unter den deutschen Fürsten war damals der Große Kurfürst der erste, der sich energisch der Flüchtlinge annahm. Er bot ihnen durch das Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685 ein Asyl in seinem Lande an. Infolgedessen ließen sich in Berlin, das nur 15 000 Einwohner zählte,gegen 7000 Flüchtlinge nieder, und hin und her in Brandenburg entstanden Kolonien der Hugenotten. Das Land war durch den Dreißigjährigen Krieg entvölkert und verarmt. Nun hob sich durch die neuen Siedler die Kultur. Einer der ersten, welcher diese Verdienste erkannte und geschildert hat, ist ein Lipper gewesen: Chr. Wilhelm von Dohm, geboren 1751 zu Lemgo. Als preußischer Staatsmann widmete er im 5. Bande seiner „Denkwürdigkeiten“ den Hugenotten eine Abhandlung. Er schildert den großen geistigen und materiellen Gewinn, welche Brandenburg durch ihre Einwanderung erhalten hat.

“Zuflucht in unserem Lande . . „

Aber auch Lippe hat von der Aufnahme der Vertriebenen großen Gewinn gehabt. Graf Simon Henrich lud die Flüchtlinge in sein Land ein. Die öffentliche Einladung ist vom 26. November 1685 datiert. Der Geist der Bruderliebe weht durch das Edikt. Der Graf bietet den Vertriebenen völlig freie Ausübung ihres Glaubens an. Sie sollen befugt sein, ihren Gottesdienst in jeder Kirche des Landes zu halten. Sie sollen nach Belieben Handel und Gewerbe treiben, in Zünfte eintreten und Grundeigentum erwerben. Der Graf verspricht ihnen ferner Wohnungen, Baumaterial, Geräte für ihre Gewerbebetriebe und Vorschüsse an Geld und Getreide. Sie sollen vorläufig zwölf Jahre lang von allen staatlichen Abgaben befreit sein. Die Frau des Grafen, Amalie geb. Burggräfin von Dohna, nahm herzlichen Anteil an dem Schicksal der Verfolgten. Sie war am Genfer See in der Lehre Calvins erzogen. Ein Hugenotte, Pierre Paget, war der Erzieher ihres Sohnes Friedrich Adolf. Er schildert in seinen Briefen an die Gräfin die Drangsale seiner Glaubensgenossen. Zum Beispiel erwähnter, daß der Gerichtshof zu Rouen zahlreiche Familien, welche nach Holland auswandern wollten, plötzlich habe verhaften lassen, um die Männer auf die Galeeren und die Kinder in die Klöster zu bringen.

Kollekten und Sammlungen

Scharenweise strömten die Flüchtlinge nach Lippe, teils um sich dauernd in Lemgo, Lippstadt, Detmold, Horn und Varenholz niederzulassen, teils, um weiterzuziehen nach Carlshafen, Celle, Bremen, Magdeburg und Berlin. Die Gräfin Amalie stellte sich an die Spitze des Liebeswerkes. Pfarrer und Bauernrichter sammelten bei der durch den Dreißigjährigen Krieg selbst arm gewordenen einheimischen Bevölkerung die Gaben für die Flüchtlinge ein. So kamen 1100 Taler zusammen, über welche die Gräfin eigenhändig Buch führte. Auch sorgte sie durch einen Aufruf an die Frauen des Landes für Betten, Kleider und Wäsche. In Lemgo, wo es nach dem Kriege viele unbenutzte Häuser gab, wurde ein eigener Kommissar ernannt, um für die Unterkunft der Hugenotten zu sorgen.

Auswirkung für Lippe

Die Eingewanderten waren größtenteils Gewerbetreibende, z.B. Handschuhmacher, Drechsler, Perückenmacher, Weber, Brauer usw. Sie bildeten in Lemgo eine besondere Gemeinde, die sich um den Prediger Pierre Brassi scharte. Auch in Detmold bildete sich eine Gemeinde, deren Prediger Jean de Portal den Gottesdienst in der früheren Klosterkirche, damals schon Aula des Gymnasiums, an der Schülerstraße hielt. Jean de Portal ist es auch gewesen, der 1714 den Grafen Christoph Ludwig zur Lippe heimlich mit Anna Susanne Fontanier getraut hat. Detmold erlebte unter dem Grafen Freidrich Adolf mit der Anlage der Neustadt und der Ausführung der Friedrichstaler Bauten in baulicher Hinsicht einen Glanzzeit. Insofern war es ein geeigneter Platz für die Niederlassung der Hugenotten, die neben Gewissensfreiheit uch Arbeitsgelegenheit suchten, Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß wir immer wieder auf ihre Spuren stoßen. Viele freilich sind weitergewandert, als sie merkten, daß sie für ihre feinen Woll- und Seidenstoffe, ihre eleganten Hüte, Handschuhe, Perücken und die Erzeugnisse ihrer Strumpfwirkerei sowie Kattundruckerei in Lippe nicht genügend Platz fanden. In Minden und Hameln dagegen bildeten sich reformierte Gemeinden, die noch heute bestehen. Noch mehr brachten es die Kolonien in Berlin, Magdeburg, Kassel, Frankfurt a. M., Stettin usw. durch ihre Industrie und ihre geistig hervorragenden Persönlichkeiten zu großer Blüte. Adalbert v. Chamisso, Theodor Fontane und manche anderen Schriftsteller sind französischer Herkunft.

Heutige Spuren in Lippe

In den alten Kirchenbüchern finden sich z. B. noch folgende Namen: Prochet, Lanigue, Francois, Gillot, Fontaine, Beaufort, Posserat. Der Schneidermeister Pacquet in Detmold ist ein Vorfahr unseres 1951 verstorbenen Heimatschriftstellers August Wiehmann. Der Name kommt übrigens auch in der Hugenottenkolonie zu Minden vor. Als sich Gräfin Amalie nach dem Tode ihres Gemahls 1697 nach Schloß Varenholz zurückzog, folgten ihr dorthin einzelne französische Emigranten. Noch heute lebt dort die Familie La Cour, deren Vorfahren aus der Gegend von Lyon in Frankreich stammten. Sie stifteten seiner Zeit die Zinnkanne, die bis heute bei den Abendmahlzeiten in Hohenhausen benutzt wird. Manchmal haben sich französische Namen auf eigentümliche Weise in deutsch klingende verwandelt: aus La Porte soll Pörtner, aus René Renne und Gaintelair Günkel geworden sein. Der Uhrmacher Déjean, der in unserer Jugend in Detmold tätig war, stammt dagegen nicht aus Frankreich, sonder aus der Schweiz. Dagegen geht die Familie Vialon in Horn auf hugenottischen Ursprung zurück. Auch geistig bedeutende Männer stammen von den Hugenotten ab, wie z. B. Generalsuperintendent Credé, dessen Sohn lange Jahre erster Staatsanwalt in Detmold war und noch im Gedächtnis vieler Lipper lebt. Pierre Boyer reichte 1714 dem Grafen Friedrich Adolf eine Denkschrift ein betr. Anlage einer Lohgerberei, Färberei und Walkenmühle, wozu der Graf den Grund und Boden liefern solle. Für den Absatz der Fabrikate solle u. a. ein Weg nach Erder angelegt werden, um die Schiffsverbindung mit Bremen und Amsterdam zu eröffnen. Der Plan kam aber nicht zur Ausführung.

Franzoen und Türken

Jean Pierre Jenin hielt, von Hanau kommend, am 26. April 1705 seine Probepredigt und kam nach Schötmar. Seine Gemahlin war eine geborene Katarina Varlut. Er starb 1718 in Schötmar. Seine Söhne und Enkel haben über 100 Jahre als Pfarrer in Heiligenkirchen, Hillentrup, Stapellage, Lieme und Lipperode gewirkt. Matthias Jenin zu Heiligenkirchen (1730 – 1760) verheiratete sich mit der Tochter eines türkischen Ehepaares, Hassan und Kattira, welche in ihrer Jugend im Türkenkriege bei der Eroberung von Neuhäusl 1685 gefangengenommen worden waren. Der Lippische Graf Georg brachte sie mit nach Lippe, wo sie auf dem Schloß evangelisch erzogen wurden. Nach dem Detmolder Kirchenbuch wurden sie am 7. Mai 1693 getauft, wobei Hassan den Namen Simon Friedrich Sternberg und Kattira den Namen Henriette erhielt. Übrigens ist in einer längeren Eintragung im Sterbeverzeichnis von Heiligenkirchen 1756 bei dem Tode der gewesenen Türkin Kattira vermerkt, daß sie 1685 von dem Grafen Otto von Brake ins Land gebracht sei, von dem sie Graf Simon Henrich übernommen habe. Am 5. September 1697 wurde Simon Friedrich Sternberg, damals Wachtmeister, mit Herietta auf hochgräflichen Befehl kopuliert. Die Familie Jenin ist im Mannesstamm mit Friedrich Wilhelm Ludwig Daniel Jenin, von 1820 -1828 Pastor zu Stapellage, erloschen. Dieser hatte sich am 19. Juli 1804 mit Friederike Amalie, Tochter des Amtsmeiers zu Wistinghausen, verheiratet, die aber schon am 28. März 1807 kinderlos starb. Weibliche Nachkommen der Familie Jenin leben noch in der Familie Thorbeke. „So sehen wir“, bemerkt Archivar Falkmann, „ wie durch ein wunderbares Geschick von den französischen Ketzerverfolgungen und den Türkenkriegen Fäden in Lippe zusammenlaufen und französisches und türkisches Blut sich vereinigt“, und, fügen wir hinzu, durch Vermischung mit deutschen Blute germanisiert wird.

Das Geheimnis des Glaubens

Die Hugenotten wußten sich in eine gewalsame Zeit hineingestellt, um der Ehre Gottes zu dienen. Darin liegt das Geheimnis ihrer Kraft und Zähigkeit. Wie an dem Reformationsdenkmal in Genf Varel, Calvin, Beza und Knor an einer Mauer nebeneinander stehen und Calvin aus ihnen nur dadurch hervorragt, daß er die Haltung eies unter schwerer Last Gebeugten einnimmt, so haben auch die Hugenotten zusammen gestanden.

Quelle: Lippischer Kalender 1952 – Von Werner Lohmeier, Varenholz