Aus dem Tagebuch eines Blomberger Lehrers (1813-1871)

Albert Anker Die Dorfschule um 1848 Kunstmuseum Basel

Bücher sollte man wohl verschenken, aber möglichst selten verleihen, denn allzuoft wird ein verliehenes Buch als „Geschenk“ betrachtet und findet dann nicht so leicht von selbst zu seinem Besitzer zurück. Das Buch, von dem hier berichtet werden soll, brauchte 40 Jahre, um zu seiner Besitzerin, Fräulein Lucie Textor in Blomberg, überraschend doch noch zu­rückzukehren. Fräulein Textors Großvater hatte es zwischen den Jahren 1843 und 1871 geschrieben, und es liegt nun vor uns, ein wenig vergilbt und aus dem Bund geraten, aber recht gut leserlich, denn Friedrich Textor war Lehrer und befleißigte sich als solcher einer ordentlichen Handschrift. Fein säuberlich hat er in fast dreißig Jahren seines Lebens aufgezeichnet, was er für wert hielt, festgehalten zu werden, teils zum eigenen Nutzen, teils wohl auch, um seinen Nachfahren zu überliefern, was zu seiner Zeit von Wichtigkeit gewesen war.

Das Tagebuch beginnt mit umfangreichen Auszügen aus medizinischen Abhandlungen über die Heilung fast aller vorkommenden Krankheiten, von der Augenschwäche bis zum Gliederreißen. Es folgen eine ausführliche Anleitung zur Bienenzucht (Textor war begeisterter Imker) und zur Obstbaumpflege, eine kuriose Anleitung, wie tief ein neu anzulegender Brunnen gegraben werden müsse, Mittel gegen den Fiausschwamm, gegen die Holzfäule, gegen Fliegen und Mäuse, gegen Sperlinge auf Kirschbäumen (zerschnittene Knoblauchzwiebeln), gegen Hühneraugen und Blattläuse, ein Geheimmittel zur Fuchskirre usw. usw. . . , meistens wohl Auszüge aus Tageszeitungen oder Zeitschriften. Dann kommen Abhandlungen über die Naturlehre (Physik), von den Eigenschaften der Körper bis zur Elektrizität und Photographie, darunter eine Deutung der Sternschnuppen: „Sie heißen so, weil es so aussieht, als fielen sie wie Lichtschuppen von den Sternen herab. Doch kommen sie aus dem Dunstkreis der Erde. Wahrscheinlich ist es, daß die schleimige Materie derselben mit brennbarer Luft gefüllt sich zu bedeutender Höhe erhebt, durch electrisches Feuer entzündet wird und dann herunterfällt.“ Wir haben gut lächeln heute! Wichtig für Textor als Lehrer waren die halbjährlich an das Konsistorium einzureichender Berichte über seinen Unterricht. Wir finden sie in seinem Tagebuch wieder und erfahren aufschlußreiche Einzelheiten über die Unterrichtsgegenstände und Lehrmethoden seiner Zeit.

Die Schulstraße in Blomberg. Um 1930

Textor muß ein humorvoller Mensch gewesen sein, denn er hat sich einige zum Teil deftige Anekdoten notiert, von denen eine hier wiedergegeben sei: „Herr Pastor Arnold in Heiden kam auf einer kleinen Reise nach Lieme bei Hörstmar durch eine Lehmgrube, in der sich Kinder mit dem Bau einer Kirche beschäftigten. Nun, Kinder, was macht ihr da? Wui bugget ne Kerken. Was soll das denn werden? De Tauren. Und dieses? Die Kanzel. Wollt ihr denn keinen Pastor auf die Kanzel machen? Jo, wüt mol seuen, wenn er nauen betten Schuiten öwwer blifft . . . !“

Und vielleicht noch diese: „Ein Soldat klagt über Kopfweh. Der Arzt verordnet ein Klistier. Ich glaube, der Kerl ist verrückt, rief der Patient, mir fehlts im Kopfe, und er will den Hintern kurieren!“ Ob Textor solche Anekdoten auch im Unterricht verwertet hat, möge dahingestellt bleiben.

Johann Friedrich Textor wurde am 10. April 1821 als Sohn eines Schneidermeisters in Detmold geboren. Als Fünfzehnjähriger wurde er zu Michaelis 1836 in das Lehrerseminar in Detmold aufgenommen und erhielt seine Ausbildung als Lehrer und Organist durch den tüchtigen Seminarinspektor Adolf Dresel sowie den späteren Professor Dr. C. Weerth. Zuerst als Nebenlehrer, dann als Hauptlehrer war er in Hummersen und seit 1848 bis zu seinem Tode 1882 als Lehrer und Organist in Blomberg tätig. Hier leitete er die sogenannte Organistenschule (Volksschule für Mädchen). Daneben gab es in Blomberg die Kantorschule (Volksschule für Jungen) und die Rektorschule sowie zeitweise eine Töchterschule. Im Jahre 1846 heiratete er in Blomberg die Tochter eines Detmolder Küsters, Henriette Elisabeth Becker, die ihm zwei Söhne und sechs Töchter schenkte. Mit diesem Jahre 1846 beginnt auch seine von ihm so genannte „Kurze Chronik“, die uns besonders interessant erscheint, enthält sie doch seine persönlichen Notizen über sein Leben, seine Familie, sein Einkommen, seine Reisen und Schulausflüge, über Witterungsverhältnisse, Brandkatastrophen, Mißernten, Hungerjahre, immer wieder und jährlich von neuem die Erfolge und Mißerfolge seiner Bienenzucht, nicht zuletzt aber über die ihn tief erregenden politischen Verhältnisse seiner Zeit, die nicht weniger unruhig war als die unsrige. Vor allem lag ihm die Schulreform in Lippe sehr am Herzen, ein Thema, das auch uns Heutige noch fortwährend beschäftigt. Textor war mit Leib und Seele Lehrer, aber ebenso tüchtig war er als Landwirt und mußte es sein, denn sein schmales Gehalt reichte nie aus, seine große Familie zu ernähren.

Im folgenden nun einige Auszüge aus Textors Tagebuch, das so beginnt: „Kurze Chronik des Lehrers Lriedrich Textor seit seiner Verheiratung mit Elisabeth Becker. Im Jahre 1846, den 15. April, fand die Trauung vorgenannter Eheleute in der Rector-Wohnung zu Blomberg durch den zweiten Pastor Wilhelm Werth daselbst statt. Das Jahr selbst war in Beziehung auf Lruchtbarkeit des Bodens ein mittel- mäßiges, trotz der den ganzen Sommer anhaltenden Dürre. Doch entstand schon früh, im October und November außerordentliche Theurung.“ Lreudig bemerkt er dann im Lebruar 1847, daß ihm Serenissimus in Rücksicht auf die gegenwärtige Teurung 15 Rth. Gehaltszuschuß gewährt hat, was immerhin 10% seines 150 Rth. betragenden Jahresgehaltes ausmachte. Man schrieb ihm von Detmold, daß es einer Aufforderung zur dankbaren Anerkennung dieser landesväterlichen Fürsorge
(wohl) nicht bedürfen werde. 1848 vermerkt er: In diesem Jahr scheinen die Auswanderungen nach Nordamerika noch viel umfangreicher zu werden, als voriges Jahr, wo etwa tausend Personen (aus Lippe) ausgewandert sind. Vielleicht hat er selbst manchmal an Auswanderung gedacht, zumal ein Schwager nach New Orleans gegangen war, allerdings auf der Reise Schiffbruch erlitt und nur mit knap- per Not gerettet werden konnte. Sein Bruder ging später nach St. Louis im Staate Missouri. Die Märzrevolution von 1848 muß Textor sehr erregt haben, denn er berichtet mehrfach über die große Aufregung im Volke und später über die Tatsache, daß reaktionäre Bestrebungen überall im Laufe der Zeit auftauchten, schließlich Preußens Nationalversammlung gewaltsam aufgelöst und eine Verfassung oktroyiert wurde. Man kann unschwer herauslesen, auf welcher Seite er stand.

Textors persönliche Verhältnisse betreffend fiel in diesem Jahre 1848 eine wichtige Entscheidung. Auf seine Bewerbung hin wurde ihm vom Blomberger Magistrat die Organistenstelle angeboten, und er trat diese Stellung mit Lreuden an, verbesserte sich doch sein Gehalt auf nunmehr 220 Rth. Es ist vielleicht interessant, einmal festzustellen, wie sich das Gehalt eines städtischen Lehrers jener Zeit zusammensetzte. Textor erhielt 142 Rth. als Schulgeld von seinen Schülern, das zu dieser Zeit zum Glück nicht mehr vom Lehrer selbst eingezogen werden mußte, 4 Rth. aus dem Klosterfonds, 25 Rth. aus der Stadtschulkasse, 13 Rth. aus der Generalschulkasse (Konsistorialkasse), 1 Rth. Examensgebühren, 10 Rth. aus der Stadtkasse, je 8 Rth. aus der Kirchen- und Armenkasse. Dazu erhielt er die Nutzung von etwa 3 Scheffeln Land und zwei Gärten, freie Hude für eine Kuh, ein Rind und ein Schwein und freie Mast für ein oder zwei Schweine; für das Begleiten eines Chorals bei der Kopulation eines Brautpaares durfte er 4 Mariengroschen berechnen. Als Lehrer brauchte er keine Steuern zu entrichten, außer einer Brunnenabgabe von 10 Silbergroschen, und außerdem war er vom Wehrdienst freigestellt. Wie man im übrigen damals den Lehrerberuf einschätzte, kann man an einer Bemerkung erkennen, die in Lritz Platenaus plattdeutschem Bühnenstück: „Et renket sick olles in“ der Bauer Nöckeimann seiner Tochter Berta vorhält, die einen Lehrer heiraten will: „Wenn diu früjjen wutt, denn eunen Kerl, de wat an den Loiten hät. Eck kann mui denken, worümme de Kerl Scheolmester worn ess: Suin Aule hät teo der rechten Tuit inseuhn, dat in den Jungen nicks ornlickes innesatt!“

Blomberg. Im seligen Winkel um 1900

Textor war also mit Glücksgütern nicht gerade gesegnet und mußte mit seiner Hände Arbeit das heranschaffen, was ihm sein eigentlicher Beruf nicht einbrachte. Es ist deshalb kein Wunder, daß er in seiner Chronik immer wieder über Witterung, Bodendüngung, Korn- und Viehpreise und natürlich über seine Immen und deren jährliche Reisen in die Senne berichtet. Aber auch erfreuliche Dinge erwähnt er am Rande, darunter Ausflüge mit seinen Schulmädchen zum Hurn, zum Winterberg oder zum Norderteich, mit seiner Familie nach Polle zu einer Dampferfahrt bis Hameln, sowie eine große Reise nach Hamburg und Bremerhaven, die er mit seinem Freunde Kaufmann Mische unter- nahm. Bei all dem läßt ihn sein Interesse an den politischen Ereignissen in seinem Vaterlande nicht los. 1863 schreibt er: „In Schleswig-Holstein wird in diesem Monat (November) ein neues Schauspiel aufgeführt. Sachsen, Hannoveraner, Preußen und Österreicher besetzen es mit Okkupationstruppen. Ob es infolge des mit Dänemark zum Kriege kommt, wird die Folge lehren. Im allgemeinen zeigt die öffentliche Meinung wenig Hoffnung, daß Schleswig-Holstein durch die Bundestruppen vom dänischen Joche frei werde“. Recht patriotische Worte, und groß die Freude., als Dänemark dann doch besiegt wird. Die Teilnahme von Lippern am Preußisch-Österreichischen Kriege bereitet ihm dann allerdings doch viel Kummer; den bei Kissingen gefallenen Major Rohdewald hat er wohl persönlich gekannt. Als die lippischen Soldaten am 16. September 1866 zurückkehren, schreibt er: „Mancher freilich kehrt nicht wieder, und das hoffende Vater- oder Mutterauge sieht vergeblich dem Gebliebenen entgegen“. Begeistert ist er dann wieder vom Ausgang des Krieges von 1870/71: „Am Sonntag Nachmittag (dem 29. Januar) kam die Nachricht, Paris habe kapituliert, was natürlich die sämtlichen Bewohner in die freudigste Aufregung brachte. Abends Illumination, Glockengeläut, Gesang und Musik auf dem Markte und nicht enden wollendes Schießen mit den Böllern und anderen Geschützen. Am 30. Januar abends die Knaben (mit) Fackelzug und Gesang“.

Zwei Jahre zuvor war Textor von schweren Schicksalsschlägen heimgesucht worden. Im Alter von erst 43 Jahren starb kurz nach der Geburt des achten Kindes seine Frau „still und Gott ergeben. Was Gott tut, das ist wohlgetan, hatte sie we- nige Stunden zuvor gesagt. Ihr Andenken bleibe ungetrübt, denn sie war mir eine liebevolle Gattin und den Kindern eine treue, sorgsame Mutter.“

Ein viertel Jahr später starb in Detmold seine Mutter und tags darauf seine jüngste Tochter. Seine tiefe Religiosität ließ ihn auch dieses Unglück überwinden: So stehe ich auf einmal wieder am Rande zweier Grüfte, welche die Gebeine mir so theurer Entschlafenen aufnehmen sollen. Gott, Deine Hand züchtigt mich hart, doch was Du thust, ist wohlgetan, und welche des Herr lieb hat, die züchtigt er.

Laß mich sie und alle meine Lieben einst wiederfinden in der Schar Deiner Seligen. Amen!“

Erst zehn Jahre später heiratet Textor ein zweites Mal, und zwar eine Tochter des Gastwirts Müller vom Langen Steinweg (heute Kaiserhof). Ob diese späte Ehe glücklich war, vermögen wir nicht zu sagen. Es war jedenfalls nur eine kurze Zeit, die ihm bis zu seiner Abberufung aus dieser Welt noch blieb. Am 10. 2. 1882 starb er nach einem sicherlich erfüllten Leben an einer Lungenentzündung. Wir glauben, daß es Friedrich Textor wert ist, in der Erinnerung der Blomberger fortzuleben. Mögen diese Zeilen ein wenig dazu beitragen.

NB.: Frl. Textor hat sich freundlicherweise bereit erklärt, das Tagebuch ihres Großvaters dem Blomberger Stadtarchiv zu überlassen, so daß die Aufzeichnungen der Heimatforschung auch weiterhin zur Verfügung stehen.

Von H.-W.Rolf