Aus den Briefen eines wandernden lippischen Handwerksgesellen

Titelbild: Was willst du werden? Bilder aus dem Handwerkerleben. Berlin : Winckelmann [c. 1880].

Heinrich Uhmeier wurde 1857 in Barntrup geboren. Sein Vater Ludwig Uhmeier starb schon 1859 im Alter von 44 Jahren, gerade als er nach dem Brande von 1858, der einen großen Teil Barntrups in Schutt und Asche gelegt hatte, mit dem Neubau eines stattlichen Hauses (heute Untere Straße 1) begonnen hatte. Die Mutter Elise Uhmeier, geb. Dieckmeyer, wohnte zunächst mit ihren drei Kindern im Elternhaus, dem alten Posthaus. Der älteste Sohn Louis war — wie üblich — als Hoferbe vorgesehen; Heinrich, der jüngste, sollte Tischler werden. Dieser Plan wurde auch beibehalten, als der ältere Bruder im Krieg 1870/71 blieb und die Mutter 1873 starb. Die Vormundschaft für Franziska und Heinrich Uhmeier übernahm der Mann einer Cousine, Dr. Theopold, der als „der alte Rat“ bis heute in Barntrup und Umgebung gerühmt wird.

Heinrich Uhmeier machte seine Lehre in der schon damals angesehenen Tischlerei Beneke in Detmold durch. Er erinnerte sich später noch gern dieser Zeit, „dort habe ich in der Lehrzeit schönere Sachen gemacht, wie (ich) sie nachher gesehen habe“ (1. September 1878). — Wie alle Handwerksgesellen damals, musste er auf die Wanderschaft gehen. Weil die Regelung von Vormundschafts- und Besitzverhältnissen und auch seine Militärpflicht gelegentlich seine Anwesenheit in Barntrup verlangte, konnte er nicht so weit in die Welt hinaus, wie er sich gewünscht hätte. Während sein Freund Fritz Lüdeking, bald sein Schwager, später Gründer eines Dampfwalzen- und Straßenbaubetriebes, vom Oberrhein bis Dresden Deutschland und vielleicht auch die Schweiz kennenlernte, beschränkte sich Heinrich Uhmeier auf das Gebiet zwischen dem Harz und dem Rhein, mit dem er allerdings auch mindestens zwischen Mainz und Düsseldorf Bekanntschaft machte.

Was seine Berichte bis heute lesenswert macht, ist also nicht, dass er Außergewöhnliches zu erzählen hatte, wohl aber, dass er seiner Schwester, mit der er sich besonders eng verbunden wusste, sehr anschaulich aus seinem Alltag berichtete. Über den Anfang der Wanderschaft wissen wir nichts Genaues. Die ersten Briefe haben wir aus Düsseldorf.

Düsseldorf, 19. August (1877):

„Ich bin am Montagmorgen um 9 Uhr mit der Bahn fortgefahren und kam abends 6 Uhr in Düsseldorf an. Des Abends saß ich auf der Herberge, es kam ein Lehrling hierher und frug nach einem Schreiner. Ich ging am Dienstagmorgen hin und bin des Mittags angefangen zu arbeiten. Es war wohl der einzige Meister, welcher einen suchte, in der ganzen Stadt. Ich hatte noch gar keine Lust zum Arbeiten; ich wollte schon, wie ich Arbeit angenommen hatte, doch wieder weiter reisen, doch dachte ich: ,Wer weiß, wann es wieder passt?‘, weil die Geschäfte überall schlecht gehen, und fing an. Es gefällt mir bis jetzt noch ganz gut, ich bekomme die Woche 5 Thaler Lohn. Es sind unser drei Gesellen und ein Lehrling da.

Ob ich hier dauernde Arbeit habe, weiß ich noch nicht. So wie es mir gefällt, werde ich auch bleiben. Ich möchte nach Fritz, aber ich weiß nicht, ob da Arbeit ist. Es (ist) hier schön, eine große Stadt. Es ist kein einziger Bekannter hier, und es wird mir doch zuweilen langweilig, trotz des Gewühls in (den) Straßen. Der Rhein fließt auch hier an der Stadt vorbei, aber Weinberge und sonstige Naturschönheiten sind hier nicht. Auch sind hier die Leute alle katholisch, und werde (ich) wohl manchen Feiertag kriegen, denn mein Meister ist auch katholisch. Bei seinem Schwiegervater schlaf ich, und bei ein Kaufmann (habe ich) das (?) Mittag- und Abendessen, mittags 5 Sgr. (Silbergroschen), abends 3 Sgr. Das übrige halte ich mir alle selbst. Des Morgens kauf ich mir für 4 ch (Pfennig) gemahlenen Kaffe und des Nachmittags auch. Die Meisterin schüttet koch(endes) Wasser darauf, dann wird er getrunken, natürlich schwarz, denn die Milch (ist) hier teuer und auch verdünnt. Wir machen hier meistenteils Bauarbeit, aber das kommt aus ganz andern Augen wie bei Meister Schelp. Hier wird nicht schlechtes Holz verarbeitet wie da, und (es) muss alles so sauber sein, als wenn es poliert werden soll. Der Meister ist gebürtig aus Salzkotten, zwei Stunden von Paderborn. Er hat 17 Jahre gereist und ist ein geschickter Mann und, soweit wie ich ihn kenne, auch ganz gemütlich. . . . Mein ganze(s) Geld bekomme ich jeden Sonnabend auf Heller und Pfennig ausbezahlt, welches die Hauptsache ist. Den 5(.) September ist hier große Kaiserparade. Denn werde ich den Kaiser, wenn ich noch hier bin, auch noch wohl mal sehn. … Es sind hier im Logis noch 3—2 Tischler und ein Metalldreher, alle gute Kerls, aber auch katholisch. Das Essen ist soweit ganz gut, aber so schmackhaft wie (es) in Barntrup war, ist es nicht.“

Am 4. September ist dann die Parade vor dem Kaiser ausführlich beschrieben.

Im Winter 1877/78 ist Heinrich Uhmeier auf der Baugewerkschule in Holzminden. Sie hatte offenbar einen guten Ruf, denn 300—400 besuchten sie, einige von ihnen schon über 30 Jahre alt (Brief vom 14. Okt.).

In Uhmeiers Kammer schlafen z. B. 5 Sachsen, 2 Holsteiner und 2 Rheinländer (Brief vom 24. Nov.). Unterbringung und Verpflegung waren ähnlich wie in einer Kaserne.

Holzminden, H.Oktober (1877):

„Es gefällt mir bis jetzt ganz gut hier. Wir bekommen hier ganz gutes Essen, dreimal Fleisch die Woche, jeden Mittag Bouillonsuppe, welche sehr gut gekocht ist. Die Kost wird nur zuviel verachtet.“ . . . Butter und Brot mußte auch hier jeder selbst einkaufen … „Die Butter kostet hier 14 Sgr., und denn schmeckt sie noch nicht mal. . . . Es sind hier zwei Kasernen, eine neue und eine alte; ich bin in der alten. Diese ist grade der Schule über. .. . Jeder hat seine Nummer von der Bettstelle, ich habe 250. Aber das Bett ist nicht viel wert, denn es ist ein Strohsack und eine Decke. Die 2 ersten Nächte habe ich gar nicht geschlafen, denn das Lager war mir zu hart, und ich fror auch. Jetzt bin ich es schon so ziemlich gewohnt, und ich schlafe schon besser. Wir haben hier 2 Zimmer, diese sind nur durch eine Wand getrennt, ein Türloch ist darin, aber keine Tür, also sind die Zimmer so ziemlich in eins. Auf jedem Zimmer liegen 10 Mann, die Bettstellen sind alle in eins, sie sind nur durch ein Brett getrennt; wir müssen von einen Ende hinein. Sie sind auch sehr schmal, so dass man ganz gerade liegen muss.“

Ein „Schulrock“ wurde gestellt, er sah aus „wie mein heller grauer Rock, gerade so gemacht mit Sammetkragen, nur daß der Schulrock aus englischen Leder ist“. — Weiter erzählt Uhmeier: „Bleifedern, Dinte, Federn, Papier bekommen wir von der Schule geliefert, aber Pinsel, Reißnägel und Tuschnäpfchen müssen wir selbst kaufen.“ Ein Reißzeug kostete 19 Mark.

„Von morgens 7 Uhr haben wir Unterricht bis 6 Uhr abends. Mittwochs und sonnabends bis 4V* Uhr. Wir müssen hier tüchtig aufpassen.“

Gearbeitet von Heinrich Uhmeier zu seiner eigenen Hochzeit 1890 Heute im Besitz der Familie Uhmeier-Landwehr-Weißsieker, Barntrup

Holzminden, 24. November (1877):

„Wir haben sehr viel Arbeit. Ich stehe jetzt jeden Morgen um 5½ Uhr auf, dass ich um 6 Uhr in der Klasse bin, denn kann ich noch bis 7 Uhr zeichnen oder rechnen, denn im Rechnen muss ich mich noch sehr üben, denn es sind hier viele, die voriges Jahr schon die vierte Klasse besucht haben, und auch schon das Gymnasium bis Tertia oder Sekunda durchgemacht haben, viele können ganz ausgezeichnet rechnen.“

Als das Semester zuende geht, taucht die Frage auf, was nun werden solle.

Holzminden, 9. März 1878:

„Du scheinst auch sehr bekümmert um mich zu sein, weil ich noch keine Arbeit wieder habe. Ich bin es freilich auch, denn die Geschäfte gehen überall schlecht. Und wenn ich sollte wieder lange laufen müssen, und besonders noch jetzt bei so schlechter Witterung, das machte mir kein Vergnügen. Von hier aus haben schon viele Schüler an ihre Freunde geschrieben, die in größeren Städten arbeiten, ob dort vielleicht Arbeit wäre, diese haben aber auch keine erfreuliche Nachricht wieder erhalten. Wenn ich kann deshalb in der Nähe Arbeit bekommen, werde ich wohl nicht auf die Reise gehen.“

Im Sommer 1878 ist H. Uhmeier dann in Obernkirchen, von dessen Größe, Glashütten, Bergwerken und Steinbrüchen er erzählt.

Obernkirchen, 18. August 1878:

„Ich wohne hier dicht an der Grenze, denn es ist das letzte Haus von Obernkirchen. Ich brauche keine 10 Schritte zu gehen, so bin ich im Bückeburger Lande, wo die vielen preußischen Bauern sind. Da habe ich immer mein Vergnügen an, wenn die sonntags hier in die Kirche gehen mit ihren merkwürdigen Anzügen.“

Nach einigen Bemerkungen über die schöne Lage und Aussicht des Hauses und einen Besuch in Bückeburg fährt er fort:

„Ich bekomme hier 1½ Thlr. Lohn die Woche, es ist sehr wenig, aber er wollte nicht mehr geben, die Zeiten sind sehr schlecht. Ich mache jetzt 11 Stubentüren mit 4 Füllungen, auf(s) Stück. Weil wir es sehr eilig haben, fang (ich) schon um 5 Uhr morgens an. Wieviel ich für eine Tür bekomme, weiß ich noch nicht, denn ich konnte mich noch nicht mit den Meister einigen, er bot mir 2 Mark; 3 Mark wollte ich haben. Ich habe erst gestern dabei angefangen. Vor 2 Jahren haben die Gesellen für so eine Tür 5 Mark 50 ch bekommen, und jetzt 2 Mark! So kannst Du (Dir) einen Begriff machen, wie die Geschäfte gehen. Es ist mir diese Zeit schon recht gereut, dass ich die Tischlerei erlernt habe. Was (hat es) W. Lüdeking gemütlich gegen mich! Der braucht sich lange nicht so zu quälen und verdient mehr wie ich . ..“ (W. Lüdeking hatte eine Kaufmannslehre durchgemacht). Über die Meisterin weiß Heinrich Uhmeier nicht viel Gutes zu sagen. Er nennt sie eine „Katze“ und sagt: „Sie ist lange in Bremen und Hannover gewesen, und dann ist die Arbeit meistenteils davon ab.“

Obernkirchen, 1. September 1878:

„Es ist hier jetzt ebenso wie bei Schelp, nur dass ich jeden Sonntag meinen Lohn bekomme und dass wir mehr Holz haben. Das Essen ist auch lange nicht mehr so gut, wie es die ersten 14 Tage war; denn da gab es jeden Tag Fleisch oder Speck und jetzt nur 2 oder 3 mal die Woche, und denn sind es noch meist alle Knochen und Sehnen. Und die schwere Bauarbeit machen von 5 Uhr morgens bis abends, solange es hell ist! Ich kann Dir sagen: wenn ich des Morgens aufstehe, so kann ich kaum die Arme so hoch lieben, dass ich meinen Kittel und Weste anziehe. Wenn ich erst am Arbeiten bin, so gibt es sich. Die ganzen Nachbarn wundern sich, dass ich so lange hier aushalte. Sie fragen jetzt nicht mehr soviel wie anfangs, denn die anderen Gesellen sind alle wegen der Frau fortgegangen. Der Meister ist noch immer sehr gut, er darf aber kein Wort sagen, sonst hat er die Frau am Halse. . .. Sie sitzt jetzt auch des Mittags, wenn wir essen, in der Küche und zählt jeden Löffel, den man in den Mund sticht. Wenn Du die Esserei hier sähest, Du verwundertest Dich im höchsten Grade. Der Meister und ich sitzen hier in einer Ecke am Küchenschrank und essen, denn (ein Tisch?) steht hier nicht in der Küche, der Lehrling sitzt am eingemauerten Kessel gleich bei der Tür und die Frau auf der Wasserbank am Gossenstein und mustert uns anderen. Der Lehrling kriegt seine 2 Teller vollgefüllt, und denn ist es Feierabend, ob er satt ist oder nicht, das ist einerlei. Der Meister und ich bekommen einen Teller aufgefüllt, und steht noch eine kleine Terrine vor uns, für jeden noch ungefähr einen ordentlichen Teller voll. Wir essen immer reine aus, aber mehr wird nicht geholt, ob wir satt sind oder nicht.. . (Die Schilderung geht noch viele Zeilen weiter.)

Über die Verhältnisse im allgemeinen schreibt Uhmeier in demselben Brief: „Am Sonntag war ich nach Hannover zur Ausstellung. Da war es wunderschön. Ich möchte es Dir wohl auch gönnen, dass Du das mal sähest. … Ich habe auch F. Wöhrraann dort getroffen, er sagte auch, dass in Hannover keine Arbeit wäre, bei seinen Onkel hätten sich diese Zeit schon verheiratete Meister, welche schon früher 4—5 Gesellen gehabt hätten, angeboten als Gesellen wieder zu arbeiten, hätten aber keine Arbeit erhalten, weil alle Bänke besetzt wären.“

Nach einigen Wochen ist Uhmeier wieder aufgebrochen.

Sohlingen, 6. Oktober (1878):

„Meine Reise war: von Obernkirchen über Rinteln bis Hameln in einem Tage. In Hameln war (ich) bei vielen Meistern, konnte dort aber keine Arbeit bekommen. Es regnete sehr des Vormittags, so dass ich bei dem Umherlaufen in der Stadt durchgeregnet war. Nachmittag(s) ging ich fort bis Bodenwerder, dort ist eine schöne Gegend, da kann man die Weser mit dem Rhein vergleichen.

Gearbeitet von Heinrieb Uhmeier für seine Schwester Franziska zu deren Hochzeit 1880 Heute im Besitz von Elise Lüdeking, Barntrup

Mittags ging ich von Bodenwerder nach Holzminden, von Holzminden nach Stadtoldendorf, von dort über Gandersheim nach Seesen. Schade, dass ich die Adresse von Frau Schütz ihren Eltern nicht wusste, sonst hätte ich können dort mal fechten. Hier in dieser Gegend geben die Leute lieber (als) am Rhein. Ich habe, wenn es irgend ging, immer in einer Dorfwirtschaft übernachtet. Da bekam ich meistenteils abends etwas Essen und hatte ein reines, gutes Bett und morgens Kaffee und brauchte nicht soviel (zu) bezahlen wie auf einer Herberge. Einmal habe ich aber auch auf Stroh im Stall geschlafen, denn es waren keine Betten da, und bis zur nächsten Stadt hatte ich noch 3 Stunden zu gehen. Ich schlief aber ganz gut, man muß sich an alles gewöhnen.“

In Seesen hat er wohl auch keine Arbeit gefunden. So ging es weiter.

„Ich bin am Montag von Seesen fortgemacht und wollte wieder näher nach dem Lippischen zu machen und dort wieder Arbeit nehmen. Ich bin über Osterode und Nordheim gemacht und wollte amMittwoch-abend in Höxter sein, ich erhielt hier aber um 9 Uhr schon Arbeit. Der Meister hatte mich nämlich vorbeigehen sehen und rief mich an, was ich für ein Geschäft hätte, ich könnte, wenn ich Lust hätte, bei ihm arbeiten. Ich habe auch (am) Nachmittag schon angefangen. Ich dachte: ,ich will man arbeiten, es ist doch besser wie laufen‘. Ich muss erst mal sehen, wie mirs gefällt hier. Ich bin ja nicht gebunden, ich kann mir aber erst wieder einige Rthlr. wieder verdienen. Ich arbeite nicht beim Meister im Hause, sondern bei einem Bauern. Da habe ich eine Hobelbank un(d) Werkzeug; ich mache dort einen Schrank und denn noch 2 Stubentüren. Die Kost habe ich bei den Bauer, schlafen tue ich beim Meister. Hier gibt es aber ganz anders was zu essen wie in Obernkirchen; hier ist mir das Frühstück lieber wie dort das ganze Tagesessen, denn ich bekomme ein ganzes Brot vorgelegt, 1 Pfd. Butter, 1 Mettwurst und einige Schinken und Käse. Ich kann davon essen, was und wieviel ich Lust habe, und die Leute sind auch ganz freundlich. . . . Sohlingen ist ein großes Dorf nahe bei Uslar (½ Stunde). Das ist eben nicht schön, aber die Umgegend ist schön. Das schadet aber auch allen nicht, wenn es mir sonst gut gefällt.“

Hier bleibt er einige Zeit.

Sohlingen, 20. Oktober (1878):

„Es gefällt mir hier bis jetzt noch gut, hier im Dorfe ist freilich nicht viel los. Mein Nebengcselle hat aber viele Bücher; da setzen wir uns abends in die Stube und lesen.“

Sohlingen, 22. Dezember (1878):

„Ich bin jetzt ein fetter Junge geworden hier bei den Bauern. Ich habe mich noch nicht gewogen, aber ich glaube, 154 Pfd. werde ich wohl wiegen; denn meine Rippen, die man am Pfingsten durch Rock, Weste und Hemd fühlen konnte, fühlt man jetzt nur noch auf der bloßen Haut.“

Sohlingen, 1. Januar 1879:

„Ich komme zwar etwas spät mit meiner Gratulation, Du wirst mir dieses aber wohl gütigst verzeihen, denn wir haben schon seit 3 Wochen in einem Dorfe gearbeitet, welches eine Viertelstunde von hier gelegen ist. Wir arbeiten meistenteils bis 8 Uhr abends, weil wir morgens beim Lichtwerden erst anfangen. Es wird daher spät, bis wir zu Hause kommen, und ich habe denn auch keine Lust mehr zum Schreiben. Wir haben dort eine Wirtschaft eingerichtet. Wir haben Türen (und) Fenster in 4 Zimmer (gemacht) und im Tanzsaal Fußboden gelegt. Wir hatten es dort sehr gut in Essen und auch in Trinken, denn die Wirtschaft war schon im Betrieb, und die Leute waren sehr freundlich. Gestern abend sind wir dort fertig geworden. Wir haben daher dort bis 3 Uhr heute morgen Sylvester gefeiert. Es ist nur eine Dorfwirtschaft, aber es waren doch 50 Personen dort, von 16 bis 60 Jahren waren die Männer dort versammelt. Sie waren auch alle sehr aufgeheitert. Um 3 Uhr gingen die Jungen fort zum Neujahrschießen. Ich sollte auch mit, aber ich hatte keine Lust und zog es vor, zu Hause zu gehen. Hier wurde auch gestern abend das Neujahr gesungen. Da gehen immer etwa 6 junge Leute zusammen und singen vor den Türen und sammeln auch dabei Eier, Würste und Geld, auch der Nachtwächter und (die) Hirten gingen gestern in jedes Haus, bliesen einige Töne auf ihren Hörn und sangen das Neujahr. Gestern Abend gab es auch Schnaps, Zucker und Honigkuchen in einer Schüssel; dieses wurde mit Löffeln gegessen. Das wirst Du auch noch wohl nie gegessen haben?“

Mit der humorvollen Schilderung einer Treibjagd, wobei alle immer vorbeischössen, „obgleich mitunter 6 dieser gewaltigen Nimrodsjäger ihre todbringende Büchse auf ein gehetztes Tier zugleich abgeschossen haben“, endet dieser letzte Brief, den wir von der Wanderschaft haben.

Was brachte nun eine solche Wanderschaft dem Gesellen? Gewiss manche Beschwerlichkeiten, auch wenn größere Strecken schon mit der Bahn zurückgelegt wurden und größeres Gepäck immer mit der Bahn geschickt wurde. Der Geselle lernte sehr verschiedene Verhältnisse kennen, sowohl im beruflichen Bereich wie im persönlichen — was eben damals noch wenig geschieden war. Er war meist ganz auf sich gestellt (Uhmeier zitiert einmal (18. Aug. 1878) seinen Freund W. Lüdeking: „Es ist kein fühlend Herz in meiner Nähe“). Er musste manche schwierige Situation ganz selbständig meistern, musste sich aber sehr oft auch völlig unterordnen. Lassen wir zum Schluss noch einmal Uhmeier selbst sprechen: In Holzminden schreibt er am 9. März 1878: „Der Unterricht könnte noch 10 Wochen dauern, wenn das Essen und auch das Kasernenleben auch etwas schlecht ist. Man muss das gewohnt werden. Wenn man aber auf der Reise ist und man hat kaum ein Stück trocken Brod und des Abends auf der Herberge zwischen lauter wildfremden Menschen, das kommt doch ganz anders wie hier. Es ist immer gut, wenn man alles mit durchmacht; denn kann man sich später in alles finden.“

Die Briefe befinden sich im Besitz von Frau Else Lüdeking, Barntrup

Vergessene Wörter und Buchstaben wurden in Klammern eingefügt.

Quelle: Heimatland Lippe 07/1970 – Von Dr. G. Angermann

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