Aus den Jugenderinnerungen alter Lipper

Die schönen alten Volkslieder

„Maikäfer flieg!“ sangen wir, als wir die Braker Kinderschule im alten schönen Fachwerkhause an der Wiembeckerstraße besuchten und, zu zweien an die Hand gefaßt, mit der „Kindertante“ Koch den ersten Ausflug zum Graswege hinauf unternahmen.
Auch in den Familien wurde viel gesungen. In der Grünebohnenzeit kamen Nachbarn, Verwandte und Bekannte zum Bohneneinmachen zusammen. Waschkörbe, Mollen und Wannen voll waren abzuziehen, zu schnippeln oder zu brechen und dann in großen Steintöpfen einzukneten, denn Weckgläser kannte man damals nicht. Da mußten wir Kinder Fäden ab- ziehen, die Erwachsenen schnippelten über Daumen und Maus die Scheiben hauchdünn, die Mutter knetete ein.
In froher Runde wurde geklöhnt, alte Dorfgeschichten feierten Auferstehung, Streiche der Dorforiginale waren Tagesgespräch, vor allem aber lernten wir die von Generation zu Generation überlieferten schönen alten Volkslieder mitsingen: „Im schönsten Wiesengrunde“, „Morgen muß ich fort von hier“, „Zu Straßburg auf der Schanz“, „Aus der Jugendzeit“ usw. usw. Es fehlte auch nicht das „Met der grauten frechen Schniuden“. Diese Nachbarschaftshilfe wiederholte sich, wenn der Weißkohl zu Sauerkraut eingepökelt, die Zwetschen zu Mus verarbeitet, die Kartoffeln gepflanzt und geerntet wurden: immer half ein Nachbar dem anderen, und immer wieder erklangen die alten Volkslieder.
Sie wurden auch gepflegt in den Tabakfabriken, denn Brake war ja einmal das Dorf der Tabakarbeiter, wo in sieben
Filialen auswärtiger Zigarrenfabriken eine muntere, fleißige Arbeiterschar beschäftigt war. Schon von weitem hörte man aus den Fabriken die alten vertrauten Weisen erklingen.
So gingen die Volkslieder mit uns ins Leben hinaus und blieben in uns bis ins Alter hinein. Wir hören sie kaum noch, das Zeitalter des Jazz schuf andere Rhythmen. Hoffen wir, daß Schulen und Gesangvereine hier ihre Aufgabe erkennen: dieses wertvolle Volksgut vor dem völligen Verschwinden zu bewahren.

Willi Deppe

Viehzucht im alten Lemgo

In meiner Jugendzeit, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, war Lemgo noch eine Ackerbürgerstadt. Am 1. oder 2. Mai wurde Kram- und Viehmarkt abgehalten. Die Nachfrage nach jungen Schweinen, Ferkeln und Stangen, war jetzt groß, war doch jetzt wieder Grünfutter genug da. Oft konnte die Nachfrage nicht ganz befriedigt werden. Aber wer kein Schwein bekommen hatte, vertröstete sich auf den „alten Maitag“; denn dann, am 12. Mai, fand im benachbarten Brake ein Viehmarkt statt. Fast in jedem Hause wurden Schweine zur Mast gehalten, eins, zwei oder auch drei. Eins davon wurde dann oft als fettes Schwein zum Schlachten verkauft, dann hatte man gleich das Geld zum Ankauf neuer Tiere. In den wohlhabenden Bürgerfamilien wurde damals viel mehr Schlachtwerk verzehrt als heutzutage. In vielen Handwerkerhäusern wurden auch Kühe, zum mindesten aber Ziegen gehalten. So hatte man für Äcker und Gärten gleich den nötigen Dünger. Für die „kleinen Leute“, die kein eigenes oder gepachtetes Land hatten, säten einzelne Landbesitzer Klee aus und verpachteten dann das Kleeland meistbietend in kleineren Parzellen. Die Nachfrage danach war immer groß.

Bei günstigem Wetter war schon vor Mai in den Gärten allerlei gesät und gepflanzt, aber auch die noch nicht bestellten Beete mußten vor Maitag wenigstens umgegraben sein. Noch immer spukte in den Köpfen der alte Hexenglaube, und man meinte, die nicht umgegrabenen Gärten würden den Hexen zu Tanzplätzen dienen.

 Fr. Sauerländer

Der große Pfefferbusch

Meine erste Kindheitserinnerung ist der „Große Pfefferbusch“, ein Seidelbast, der an der Südseite unseres Wohnhauses stand. Der Stamm mochte in Fußhöhe wohl eine Spanne dick sein, und darüber wölbte sich eine Kugel von gut eineinhalb Meter Durchmesser. In jedem Frühjahr, oft schon, wenn der Winter noch einmal mit Frost und Schnee zurückkehrte, erglühte der Busch in herrlichstem Rot. Das war dann, mit den Schneeglöckchen um die Wette, ein Blühen und Duften ohnegleichen, und ein Summen von den vielen Bienen, die hier einen reichgedeckten Tisch fanden! Als wir Geschwister einmal an den Masern erkrankt waren, mußte unsere Mutter das Kammerfenster schließen; denn der Duft war in der warmen Frühlingssonne betäubend. Wir wohnten damals in der alten Leibzucht des Meierhofes Nr. 3 in Bistrup. Doch in meinem 12. Lebensjahr mußten wir die Wohnung räumen, und ich mußte, zu meinem großen Schmerz, das Tal meiner Jugend verlassen. Das alte Haus wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Der Garten meiner Kindheit wurde ganz umgestaltet, und der alte Pfefferbusch stand im Wege. Er wurde ausgerodet und außerhalb des Gartens an eine windkalte Stelle gepflanzt. Noch einmal hat er sich dort mit seinem prächtigen Frühlingskleide geschmückt, doch dann ist er gestorben. Niemals habe ich einen solch prächtigen Blütenbusch wieder gesehen.

Simon Albert, Nalhof

Quelle: Heimatland Lipp2 05/1962

Ein Kerl flog auf dem Eisen

Es war an einem Sonntagmorgen, als Malchen zu ihrem Manne sagte: „Diu steuhst mui hür blauß in’n Wege, kannst diu nich mol uppet Feild gohn un no den Vützebaunen küiken?“
Fritze steckte seine Pfeife an, nahm den Ziegenheiner aus der Ecke, rief den Rüen und machte sich auf den Weg. Als er ein bißchen gegangen war, wurde der Hund unruhig, er knurrte und bellte. Fritze beruhigte ihn: „Och, Spitzken, wat hast diu denn blauß? Wui sind hür doch man gannß olleine uppen Feile.“
Aber der Hund hörte nicht auf zu kleffen. Fritze sah sich um. Was er aber da erblickte, davor blieb ihm der Atem stocken und er schluckte vor Schreck eine ganze Ladung Tabakdampf hinunter. Er war keiner von der forschen Sorte und so sprang er schnell in das Bohnenfeld und blieb dort schön sachte stehen. Auf dem Wege hinter dem Roggenfeld kam eine hohe hagere Gestalt – wie eine Hexe auf dem Besen fliegend – auf ihn zu. Fritze war ganz verdattert und murmelte: „Och, Herrgott, vergiw mui, de Duiwel es do!“
Das Gespenst kam immer näher, stand mit einem Male vor Fritze und sprach: „Guten Tag. Wo ist denn hier der Weg nach Detmold?“
„Herrgott, sui mui gnaidig!“
„Aber, Mann, sprechen sie doch keinen Unsinn! Zeigen sie mir lieber den Weg nach unserer Hauptstadt!“
„Denn gohr seu man jümmer lüike iut, denn kommt seu an de Strote no Jerxen, rechts afbeugen un seo stracks no Deppel!“
„Vielen Dank auch!“
„Nicks teo danken!“ stotterte Frittken.
Ehe er sich versah, sprang der Kerl auf das eiserne Gestell, das er bei sich hatte, und flog durch die Luft auf und davon.
Frittken guckte ihm so lange nach, als er ihn sehen konnte. Dann lief er nach Hause, so schnell ihn die Beine tragen konnten.
„Malchen“, rief er schon von weitem, „Malchen, wat es mui passeuert!“
„No, Kerl, denn mol heriut dornet. Hast diu wier wat Dummet anrieht?“
Nun fing Fritz an zu erzählen: „Eck häbbe eunen Kerl seuhn, de sadt up eunen uisern Gestell. Heu ging nich, heu stund nich, heu flaug up den Gestelle gannß sachte dür de Luft. Wat dat wesen es, do kann eck mui keunen Vers van maken.“
„Och“, sagte seine Frau, „eck gläuwe, dat sali wal van Püipers Kunnen iut Deppel euner wesen suin. Eck häbbe hört, de maket niu jümmer söcke Extratouren an’n Sunn-dagmorn up düssen nuijjemeodsken Kratiuers, düssen Ve-lodzepeds.“
„Och seo“, sagte Frittken ganz tiefsinnig und ihm fiel ein Stein von seiner schwachen Seele.

Quelle: Lippe Anno dazumal Band II

Der sture Lipper

Die Geschichte liegt wohl schon Jahrhunderte zurück, ich hörte sie in meiner Jugend, und der sie damals erzählte, den deckt nun schon lange der Rasen.

Fährt da zur Winterszeit eine Kutsche mit feinen Herrschaften durchs Lipperland, und Hansherm, ein baumstarker lippischer Bauernjunge, sitzt auf dem Kutscherbock. Im Pferdebruche, dem großen Eichenwalde zwischen Langenholzhausen und Möllenbeck, springen plötzlich vier wilde Kerle hinter den Bäumen weg. Einer greift den Pferden in die Zügel, die andern drei plündern die Kutsche aus, nehmen den Herrschaften die Geldbörsen ab und ziehen ihnen die dicken Siegelringe von den Fingern. Derweil sitzt Hansherm stur und steif auf seinen Bock, als ginge ihn das ganze Treiben nichts an.

Als dann aber alle wertvolle Habe in den Schnappsäcken der Räuber verschwunden ist, schreit einer der Herren wütend die Kerle an: „Alles habt ihr Halunken mir nun abgenommen, aber nun tut mir auch den Gefallen und klopft dem Kutscher, diesem faulen Tölpel, mal tüchtig das Fell!“

Lachend zerren die Banditen unsern Hansherm vom Bock und fangen an, ihn mit ihren Knüppeln zu verwallacken nach Strich und Faden. Doch da reckt sich Hansherm auf. „Seo, jetz es’t ober geneog!“ brüllt er, packt mit jeder Faust einen der Räuber am Genick und schlägt ihnen die Köpfe zusammen. „Dat se bedußt wörn!“ erzählte mein Gewährsmann, den Dritten kriegt er am Hosenboden zu fassen und haut ihm den Kopf an den nächsten Baum, daß auch der zur Erde sackt. Der Vierte aber läßt die Pferde los und rennt wie wild in die Nacht hinein. „No“, spricht Hansherm zu den Herren, die mit offenen Mäulern dastanden, „niu soiket man jiue Packebirn teohaupe, un denn künt wiu ja woider feuern!“ — „Du dummer Kerl!“, wird er da von den Herren angeranzt, „warum hast du dich denn nicht gleich zur Wehr gesetzt?“ — „Och“, meint Hansherm dröge, indem er auf seinen Kutscherbock klettert, „eck moßte doch örst warm wem!“

Quelle: Heimatland Lipp2 05/1962 – Von W. Süvern

Der falsche Napoleon

Anfang der 1860er Jahre herrschte in Bad Meinberg eine große Aufregung: Der Kaiser der Franzosen, Napoleon III., war auf ganz kurze Zeit eingetroffen. Ein oder zwei Tage hatte er in dem Bad geweilt und war nur selten zu sehen gewesen. Geradezu revolutionierend wirkte die Anwesenheit des Kaisers auf die Bewohner von Meinberg nicht allein, sondern auch auf die Umgebung und besonders auf die Det- molder, die auch damals gar zu gern als „lichtferje Deppelske“ dahingestellt wurden. Französische Lehrbücher wurden in Massen verkauft, man mußte sich doch präparieren; denn wenn einem der „Empereur“ einmal unversehens in den Weg lief, dann würde er es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn man rief „Vive l’Empereur“, oder aber etwas familiärer „Bon jour, mon ami!“

Napoleon reiste dann wieder ab und stattete auf der Weiterreise den Externsteinen einen Besuch ab, wo er sich in dem dortigen Fremdenbuche verewigte. Der Besuch bildete aber noch lange, lange Zeit das Tagesgespräch, und besonders in Detmold.

Hier hatten vergnügte Seelen herausgefunden, daß ein braver Schneider, der nachmalige Hofschneider Gustav Ewe „Unter der Wehme“ dem französischen Kaiser sehr ähnlich sah, und bald hatte dieser denn auch den Spitznamen Napoleon weg.

In schönster blauer Montagslaune im folgenden Jahre kam nun diese vergnügte Gesellschaft auf den Einfall, die Meinberger aufzuziehen. Der Vorschlag, der da gemacht wurde, fand allgemeinen Beifall.

In den Wirtschaften in Meinberg gab es am folgenden Montag ein großes, freudiges Staunen. Fremde, gutgekleidete Männer hatten Wohnungen für Napoleon und sein Gefolge bestellt. Auf die Frage, wann der Kaiser denn käme, hatten die Quartiermacher erwidert, daß Napoleon augenblicklich im Schlosse zu Detmold weile und daß er gewünscht habe, ganz allein von Detmold nach Meinberg zu Fuß zu gehen, da er ein leidenschaftlicher Fußgänger sei.

Der ganze Ort war durch die Nachricht in eine ungeheure Aufregung geraten. Die Männer hatten ihre schwarzen, schon glänzenden Röcke noch einmal abgebürstet und die borstigen Zylinder auf die rübölglän- zenden Haare gestülpt und warteten, an der Spitze der Vorsteher und der Bade-Inspektor, auf das Erscheinen des Kaisers. Weißgekleidete Jungfrauen mit Rosensträußen in den Händen waren ebenfalls zusammengetrommelt. Alles fieberte vor Erwartung.

Napoleon saß während dieser Zeit auf einer Bank am Wege und wartete auf das Kommen der Stunde, wo er sich den Meinbergern zeigen sollte.

Die Ungeduld der Wartenden in Meinberg hatte bereits den Höhepunkt erreicht, als endlich von fern eine Gestalt auftauchte, die lebhaft an den Besuch des vergangenen Jahres erinnerte. Höchst elegant, den glänzenden Seidenhut auf dem Kopfe, ein Stöckchen mit goldenem Knopf schwingend, kam die Gestalt immer näher, und schon schickte sich die ebenfalls versammelte Jugend an, zu rufen: „Wuiv, Lampe, Röhre“, das sollte nämlich „Vive l’Empereur“ bedeuten, als einer von den Quartiermachern den Leuten zurief: „Seid um Gotteswillen ruhig, der Kaiser ist bei schlechter Laune!“ So ging denn der Empfang der gallischen Majestät sehr ruhig zu. Niemand sprach ein Wort, und die Mühe des Lehrers, im letzten Augenblick einige Begrüßungsworte auf französisch zu lernen, war vergeblich gewesen.

Aber das Unglück schreitet schnell. Als der Festzug, Napoleon in großer Haltung voran, hinter ihm die Bade- und Ortsvertretung, und weiter die gesamte Bevölkerung, alt und jung, Frau, Mann und Kinder, um eine Ecke des Kurparks bog, stand dort wie von ungefähr ein Detmol- der Gespann. Und das war die Ursache zu Napoleons Sturz! Der Kutscher des Gespanns sah mit großer Aufmerksamkeit dem Festzug entgegen, und als Napoleon schon längst an ihm vorbei war — Napoleon war etwas blasser geworden und war schneller gegangen, als er den Kutscher sah — fragte er einen der Folgenden, wo dann nun Napoleon sei.

„Da vorn geht er ja!“ war die Antwort. „Der erste mit dem Zylinder und dem Stock mit dem goldenen Knopf!“

Da fing der Kutscher an zu lachen, zu ladien, daß ihm das Wasser aus den Augen kam. Napoleon hörte das durchdringende Lachen hinter sich, warf einen kurzen, angstvollen Blick auf den Kutscher und setzte sich darauf noch mehr in schnellere Bewegung. Als er jedoch hörte, wie der Kutscher unter fortwährendem Lachen rief: „Was, das soll der Kaiser Napoleon sein? Das ist ja der Schneider Ewe aus Detmold!“ hei, da kam Leben in ihn. Mit gewaltigen Sätzen rannte er los, den Zylinder in der Hand. Wie ein Hirsch nahm er Hecken, Zäune und Gräben und ward nicht mehr gesehen. Auch auf die Quartiermacher hatten die Worte des Kutschers sehr belebend gewirkt. Sie folgten dem Beispiel des Pseudo-Empereurs und rannten, was das Zeug halten wollte, in die Richtung auf Detmold zu. Gelaufen ist damals die Majestät mit Gefolge bis zum Dreierkruge, wo der „blaue Montag“ in üblicher Weise zu Ende geführt wurde. Die Meinberger haben lange Zeit nicht schlecht geschimpft über die „lichtferijen Deppelsken“, die sogar unter Vorschiebung eines gekrönten Hauptes mit ihnen Schindluder gespielt hatten. Lange Zeit durfte sich auch kein Detmolder in Meinberg blicken lassen, um die leckeren Rinderwürste anläßlich des großen Wintermarkttages in Meinberg zu verzehren.

Quelle: Heimatland Lippe 1983 –  Unbekannter Autor