Aus den Jugenderinnerungen alter Lipper

Der alte Ziegenhirt

Der alte Ziegenhirt von Blomberg, wie er in seiner Jugend zweimal zehn Silbergroschen auf Einmal verdient hat. Das war so zugegangen: Im Jahre 1848, als er noch ein junger, flinker Kerl war, der von enger Brust und rauher Luft nichts wußte, war Abends nach 10 Uhr der Hausknecht von dem alten Theopoldschen Gasthause gekommen, und hatte so lange an der Thür geklopft, bis sich unser Ziegenhirt die Augen rieb und ans den Federn kroch. Fremde Offiziere waren zu Pferde gekommen und etliche ihrer Kameraden waren auf dem Gutsschlosse jenseits der Berge, 1½ Stunde durch den Wald, geblieben. Nun sollte noch ein Brief zu ihnen gebracht werden. „Wollt Ihr den Brief wegbringen nach Barntrup, nach dem Hofe? Es giebt zehn Silbergroschen dafür. — In der Nacht? — Ja. — Ist der Akkord schon gemacht? — Ja. — Nun, denn gieb den Brief her, ich will mich anziehen.” Und fort ging’s in die klare Nacht. Die hohen Bäume im Walde waren voll Reif, der Mond hell, der Wald dunkel. Der Wald ist zu Ende und bald steht der flinke Bote vor dem Schloß. Das ganze Schloß erscheint den Augen, die solchen Lichterglanz nicht gewohnt, wie von Feuer brennend. Jedes Fenster hell erleuchtet. Der Bote tritt ein, ein Diener nimmt den Brief ab und bringt dem Boten ein großes Butterbrod und ein Glas dampfenden Wein. Dazu ist es ganz warm im Zimmer und war doch so groß und hoch. Nach einer viertel Stunde kommt der Diener zurück und bringt einen Brief zur Rückantwort, dazu zehn Silbergroschen baar. Das hatte also in dem Briefe gestanden, sonst hätten es die Herrn aus dem Schlosse doch nicht so genau getroffen! Zurück gehts durch die kalte Nacht· Der Brief mußte nur noch schnell abgeliefert werden und dann wieder in das warme, wohlverdiente Bett. Der Weg war gemacht und die zehn Silbergroschen verdient. Aber noch nicht, das Gasthaus war inzwischen schon geschlossen und alles dunkel. Lange mußte der Bote klopfen, denn schon damals hatten die Hausknechte einen guten Schlaf; endlich kommt er aus der großen Thür, nimmt den Brief in Empfang und giebt zehn Silbergroschen und macht die große Thür wieder zu.

„Da habe ich doch den lieben Gott gebeten, er möchte mir jede Nacht einen Brief nach Barntrnp überweisen.” Das hat nun, soviel bekannt geworden ist, der liebe Gott nicht gethan, aber aus dem flinken jungen Mann, der sich den kalten Weg in der Nacht nicht verdrießen ließ, ist durch Gottes Gnade ein alter Großvater geworden, kein Rothschild, aber soviel hat er doch bekommen, daß er in alten Tagen über Winter in der warmen Stube bleiben konnte, ohne daß ihn Nahrungssorgen quälten, und seine Frau konnte daneben sitzen und spinnen und die Enkelkinder spielten um seine Knie herum und wenn im Frühjahr die Sonne wieder schien und das Gras an zu wachsen fing, ging er trotz seines Alters und weißer Haare und engen Brust immer noch mit seinem flüchtigen Ziegenvolke auf den Buhnerberg.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1893 – Unbekannter Autor

Was Gutes aus Lemgo

Hatte mal der alte Milchmann zu erzählen, dem die Beine schon steif wurden, daß er sich erst rasten mußte, ehe er Nachmittags eine leichte Arbeit, Besen-Binden und dergl. anfangen konnte. Ja, wenn in Lemgo noch alle Leute zu ebener Erde wohnten! Aber die Treppen! Was ein junger Kerl ist, der fragt da nicht viel nach, aber die alten Briefträger und der alte Milchmann! Welche Leute sind zwei und einige sogar drei Treppen hoch zu wohnen. Das ist eine Tour. Aber immer brauchte er doch nicht in die Höhe. Wenn er Morgens um 6 nur in die Hausthür kam, daß es klingelt, und er kuckte die Treppe hinauf, so kam das Mädchen auch schon mit dem Topfe herunter. Wenn sie doch nicht gerade auf dem Boden oder bei den Betten oder sonstwo ist, so hörte sie die Hausthür und nahm dem alten Manne den Weg gerne ab. Die hatte aber auch einen alten Vater zu Hause und wer das hat, der hat eher Nachgedanken. Und so waren noch etliche in der Stadt und das war schön von den Lemgoschen und schöner als die ganze Mittelstraße voll Guirlanden, wenn sie Schützenfest feiern· — In Basel wohnte vor Jahren ein Student aus Lippe bei einer Wirthsfrau, die hatte um die Zeit, wenn der alte Briefträger kam, einen langen Bindfaden aus dem Fenster hängen, unten mit einer blechernen Klammer. Die Frau saß dann im Sommer bei offenem Fenster und nähte und strickte und wenn der alte Briefträger die Straße herunterkam, so brauchte er nicht erst an der verschlossenen Thür zu schellen (denn da sind die meisten Hausthüren noch bei Tage verschlossen), brauchte nicht erst zu warten und Treppen steigen, sondern klammerte eine Zeitung oder Brief fest und die Frau zog ihren Bindfaden herauf.

Das sind die kleinen Gefölligkeiten und Liebesbeweise, über welche sich auch alte Leute im Stillen freuen.

Quelle: Lippischer Dorfkalender1893 – Unbekannter Autor

Zwei Erzählungen aus dem Leben der Fürstin Pauline

Es leben nicht viel Menschen mehr im Lande, welche die Fürstin Pauline gekannt haben, und in wenigen Jahren werden auch die Letzten unter den Alten, die sie noch gesehen haben, dahin sein. Ich selbst habe sie auch nicht mehr gesehen, aber in meiner Jugendzeit war die Erinnerung an die hohe Wohlthäterin unseres Landes noch überall lebendig. Die damals im mittleren und höheren Lebensalter standen, hatten ja mit derselben zusammen gelebt, und jedermann wußte Von ihr zu erzählen. Wie vieles habe ich damals gehört das die Menschenfreundlichkeit, Gerechtigkeit und Geistesstärke der Regentin kennzeichnete. Möglicherweise hatte sich hier und da schon die eine oder andere Legende über sie gebildet. Es hat mir hernach oft leid gethan, daß ich nicht von dem Gehörten einiges niedergeschrieben habe. Man hat in der Jugend keine Vorstellung davon, daß solche Sachen später einmal von Interesse sein können. Meine erste Erinnerung reicht in das 5. oder 6. Lebensjahr zurück. Damals sollten in dem elterlichen Hause neue Bilder in der Wohnstube aufgehängt werden. Bis dahin war die Stube geschmückt gewesen mit Stahlstichen. die in schwarzpolierten Holzrahmen eingefaßt waren, wie das dem Geschmack im Anfang dieses Jahrhunderts entsprach. Es war Mode geworden, an deren Stelle die Bilder mit vergoldeten Leisten einzurahmen. Ich ergriff um dabei zu helfen, ein kleines Bild, das abseits stand, um es auch mit auf den Boden zu tragen, doch als ob ich ein großes Unrecht hatte begehen wollen, wurde mir zugerufen »Aber Kind, das bleibt hier. Das ist ja das Bild der Fürstin Pauline.« Und das Bild hat seinen Ehrenplatz behalten. obwohl seit der Zeit die Bilder noch mehr als einmal gewechselt sind.

Fürstin Pauline zur Lippe, 1801 Johann Christoph Rincklake (1764–1813)

Von dem, was ich in späteren Jahren hörte, und was ich erzählen will in Nachfolgendem, will ich die Quellen angeben, um zu zeigen, dass es sich um thatsächlich vorgekommene Ereignisse handelt Die erste Geschichte hat mir der Botaniker Lehrer Echterling erzählt, und dieser hatte sie aus dem Munde des Rektors am Detmolder Gymnasium, Köhler. gehört Köhler war s. Z. ein bekannter Botaniker, ihm zu Ehren ist eine Pflanzengattung Köleria benannt. Mit dem jungen Echterling, dessen Liebe zur Pflanzenkunde ihn veranlaßte, diesen vielfach zu sich heranzuziehen, durchstreifte er oft unser Land, und da hat er ihm einst erzählt, was er kurz zuvor selbst erlebt hatte. Die Fürstin Pauline liebte es, nach des Tages Last und Arbeit die Männer, welche ihr bei der Regierung des Landes halfen und die ihr sonst wert waren, um sich zu sammeln, und dann wurden ernste Gespräches geführt Köhler hatte die Bedeutung des Blumenstaubes und die Art der Befruchtung der Pflanzen erklärt. Als er geendet hatte, fragte die Fürstin: »Den Staub, wie nennt man den auch sonst?“ Augenscheinlich hatte sie den wissenschaftlichen Ausdruck Pollen im Sinn. Ein Offizier unseres Bataillons aber — leider ist mir dessen Name entfallen —- hatte bei der Ermahnung des Staubes gewiß mehr an seinen Exerzierplatz gedacht als an die Blumen und antwortete laut auf die Frage der Fürstin: ,,Durchlaucht, man nennt ihn auch Müllm.« Die ganze Gesellschaft begann über diese originelle Auskunft in ein lautes Gelächter auszubrechen, doch die Fürstin sah mit so ernstem Gesicht um sich. dass das Lachen sofort verstummte. Sie nahm bald darauf, nachdem der Offizier mit irgend einem Auftrage fortgeschickt war, Gelegenheit, mit großer Entschiedenheit zu erklären, daß sie nie und nimmer zulassen könne, daß ein Mann in ihrer Gegenwart verlacht werde, der sich durch Treue und Gewissenhaftigkeit auszeichne und der sich in den beendeten Feldzügen solche Verdienste um das Land erworben habe; nicht der Wille, sondern die Möglichkeit und Gelegenheit habe ihm gefehlt, sich wissenschaftliche Bildung zu verschaffen.

Die zweite Geschichte habe ich gehört von dem Mechanikus Striegling in Blomberg Derselbe war von Haus aus Schlossermeister, erhielt aber seiner Geschicklichkeit wegen von der Fürstin Pautine den Titel Mechanikus. Er ist dadurch weiter bekannt, daß er eine Zeitlang Münzmeister war und die lippischen Heller schlug, dieselben tragen die Anfangsbuchstaben seines Namens, St. Striegling also erzählte Einst war die Fürstin von Detmold nach Schieder gekommen, um dort für einige Zeit ihren Aufenthalt zu nehmen. Die Dienerschaft bemerkte bei der Ankunft, daß der Schlüssel zum Sekretär der Fürstin vergessen war. Man konnte damals noch nicht telegraphieren, ja der Zustand der Wege gestattete nicht einmal in der Nacht jemand nach Detmold zu senden, um das Vergessene holen zu lassen, so kam denn bald nach Mitternacht ein Bote nach Blomberg und forderte den Mechanikus Striegling auf, nach Schieder zu kommen, um das Sekretär zu öffnen. Es wurde ihm dabei auf das Bestimmteste gesagt, die Arbeit müsse vor 5 Uhr gethan sein, da sich die Fürstin bald nach der genannten Stunde an die Arbeit setzen werde. Striegling ist pünktlich in Schieder und tritt leise ins Zimmer, nachdem er seine Schuhe ausgezogen, die Fürstin aber ist schon wach und erfährt nun sofort die Ursache des frühen Kommens, sie bemerkt dabei, das; Striegling seine Schuhe trägt und befiehlt ihm diese einzuziehen, als jener antwortet, dieselben seien sehr beschmutzt, wiederholt sie den Befehl mit den Worten, daß sie nicht dulden könne« daß ein Mann in Strümpfen vor ihr stehe, den sie seiner Tüchtigkeit wegen schätze. Nachdem das Schloß des Sekretärs bald geöffnet war, lies; sich die Fürstin in ein sehr eingehendes Gespräch über das Spritzenwesen des Landes ein. Striegling war damals Spritzenmeister für das ganze Land und wurden die Spritzen damals in Blomberg gemacht, er legte der Fürstin u. a. dar, daß das Spritzenwesen dadurch leide, das; man lederne Schläuche verwenden müsse, die so leicht brüchig würden. Als die Fürstin fragte, warum man denn nicht gewebte

Schläuche habe. antwortete Striegling, dieselben seien zu teuer, und die Herstellung derselben sei ein Geheimnis. er glaube aber, wenn er einmal dahinreisen, wo sie gemacht würden, um selbst solche Schläuche zu kaufen, so werde er doch die Fabrikationsart leicht kennen lernen, Die Fürstin ging sofort zu dein eben geöffneten Sekretär und entnahm demselben das nötige Geld für die Reise und zum Anlauf einiger Schläüche. Die Reise hatte den gewünschten Erfolg, schon nach einigen Monaten konnten der Fürstin, wie sie es verlangt hatte, Proben der in Blomberg gewebten Schläuche vorgelegt werden. Das ist ein Beispiel davon, wie die treffliche Frau sich um das Kleinste kümmern, und wie sie sogleich bereit war thätig einzugreifen, wenn es das Wohl des Landes erforderte.

Sollten diese Mitteilungen die Veranlassung werden, daß noch mehr Erinnerungen an die große Wohlthäterin unseres Landes aufgezeichnet werden, so würde mich das sehr freuen. Es ist Zeit dazu, denn auch das Geschlecht, das aus zweiter Hand schöpfte, wird vergehen und dann allein die schriftlichen Quellen überbleiben Es wäre doch sehr zu wünschen, daß wir endlich eine ausreichende Lebensbeschreibung der vortrefflichen Fürstin und Regentin bekämen, und könnte man vielleicht noch das Eine oder Andere benutzen, was bis dahin nur in der Erinnerung aufbewahrt ist.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1895, Unbekannter Autor

Zwei Schlänger Jungen beim Stabe seiner Majestät

Es ist Mitte Juli 1903. Der Deutsche Kaiser Wilhelm II. kommt zur Besichtigung zweier Kavallerie-Divisionen in die Senne. Kriegervereine, Schulen und sonst viele Menschen von weit und breit sind schon am Tage vorher in Schlangen und anderen Orten zuammengekommen, um den Kaiser und die farbenprächtigen Reitertruppen zu sehen. Für die Schlachtenbummler ist von der Platzkommandantur die Anweisung ergangen, bis um fünf Uhr früh die Taubenhöhe östlich der Bielefelder Poststraße beim ehemaligen Dorf Taubcnteidi erreidit zu haben. Wer später die Platzgrenzcn berühre, würde wegen der Gefahr des Überreitens zurückgewiesen.

Mein Freund Fritz und ich, beide zwölfjährig, halten uns nicht an diese Anweisung. Auf der Winnighöhe stand ein etwa zehn Meter hohes Holzgcstcll, das zu Orientierungszwecken eine Windmühle markieren sollte. Dieses war von seiner Spitze aus einige Meter mit Brettern verschalt. In die Spitze dieses Gestells klettern wir beide hinauf. Mit einem lockeren Brett machen wir uns hier einen bequemen Sitz. Durch die Fugen haben wir einen weiten Überblick über den Übungsplatz. Die vielen berittenen Gendarmen, die später gerade den Platz nach Verdächtigen absuchen, entdecken uns nicht. Bald zeigen hohe Staubwolken den Aufmarsch der Truppen an. Gegen sieben Uhr galloppiert der kaiserliche Stab, mit dem Kaiser an der Spitze, aus der Richtung Taubenteich kommend, in großer Entfernung an dem auf der Taubenhöhe versammelten Publikum vorbei, direkt auf unsere Höhe zu. Die Leute, die den Kaiser sehen wollen, sind sehr enttäuscht. Wir aber freuen uns, daß sich der Kaiser mit seinem Stabe direkt unter uns aufstellt und von hier die Besichtigung abhält. Wir sehen das Treiben bei dem hohen Stabe und die Reiterübungen sehr gut. Später entdecken uns sich langweilende Offiziere. Man hat unsere staubigen Beine baumeln sehen. Wir müssen von unserem luftigen Beobachtungssitz herunterkommen und werden mit Gelächter und ulkigen Fragen empfangen. Parademäßig sehen wir ja auch wohl nicht aus. Schuhe und Strümpfe haben wir über die Schultern gehängt, vom staubenden Sennesand sind wir angesichts der Juliwärme schwarz wie die Neger. Fürsorglich gibt man uns belegte Brötchen. Man wirft uns auch einige Münzen zu. Bevor die nachfolgende Parade vor S. M. beginnt, bekommen die Gendarmen, die uns nicht gerade wohlgesonnen betrachten, den Befehl, uns zu den übrigen Zuschauern zu begleiten. Unterwegs meint der Gendarm, wir hätten Glück gehabt, daß man uns vorher in der Windmühle nicht entdeckt habe, eine tüchtige Portion ungebrannte Holzasche wäre uns sicher gewesen. Mit großem Geschrei nimmt uns das Publikum auf. Alle sind neidisch auf uns, daß wir mit dem Kaiser gesprochen haben, den sie nur als einen Nebelstrich im Vorbeireiten sahen.

Immer wieder haben wir uns dieses gemeinsamen Erlebnisses erinnert und von Herzen darüber gelacht, mein Freund Fritz Hille (gest. 1956) und ich.

Quelle: Heimatland Lippe Mai 1963 – Von Adolf Schäferjohann

Der falsche Napoleon

Anfang der 1860er Jahre herrschte in Bad Meinberg eine große Aufregung: Der Kaiser der Franzosen, Napoleon III., war auf ganz kurze Zeit eingetroffen. Ein oder zwei Tage hatte er in dem Bad geweilt und war nur selten zu sehen gewesen. Geradezu revolutionierend wirkte die Anwesenheit des Kaisers auf die Bewohner von Meinberg nicht allein, sondern auch auf die Umgebung und besonders auf die Det- molder, die auch damals gar zu gern als „lichtferje Deppelske“ dahingestellt wurden. Französische Lehrbücher wurden in Massen verkauft, man mußte sich doch präparieren; denn wenn einem der „Empereur“ einmal unversehens in den Weg lief, dann würde er es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn man rief „Vive l’Empereur“, oder aber etwas familiärer „Bon jour, mon ami!“

Napoleon reiste dann wieder ab und stattete auf der Weiterreise den Externsteinen einen Besuch ab, wo er sich in dem dortigen Fremdenbuche verewigte. Der Besuch bildete aber noch lange, lange Zeit das Tagesgespräch, und besonders in Detmold.

Hier hatten vergnügte Seelen herausgefunden, daß ein braver Schneider, der nachmalige Hofschneider Gustav Ewe „Unter der Wehme“ dem französischen Kaiser sehr ähnlich sah, und bald hatte dieser denn auch den Spitznamen Napoleon weg.

In schönster blauer Montagslaune im folgenden Jahre kam nun diese vergnügte Gesellschaft auf den Einfall, die Meinberger aufzuziehen. Der Vorschlag, der da gemacht wurde, fand allgemeinen Beifall.

In den Wirtschaften in Meinberg gab es am folgenden Montag ein großes, freudiges Staunen. Fremde, gutgekleidete Männer hatten Wohnungen für Napoleon und sein Gefolge bestellt. Auf die Frage, wann der Kaiser denn käme, hatten die Quartiermacher erwidert, daß Napoleon augenblicklich im Schlosse zu Detmold weile und daß er gewünscht habe, ganz allein von Detmold nach Meinberg zu Fuß zu gehen, da er ein leidenschaftlicher Fußgänger sei.

Der ganze Ort war durch die Nachricht in eine ungeheure Aufregung geraten. Die Männer hatten ihre schwarzen, schon glänzenden Röcke noch einmal abgebürstet und die borstigen Zylinder auf die rübölglän- zenden Haare gestülpt und warteten, an der Spitze der Vorsteher und der Bade-Inspektor, auf das Erscheinen des Kaisers. Weißgekleidete Jungfrauen mit Rosensträußen in den Händen waren ebenfalls zusammengetrommelt. Alles fieberte vor Erwartung.

Napoleon saß während dieser Zeit auf einer Bank am Wege und wartete auf das Kommen der Stunde, wo er sich den Meinbergern zeigen sollte.

Die Ungeduld der Wartenden in Meinberg hatte bereits den Höhepunkt erreicht, als endlich von fern eine Gestalt auftauchte, die lebhaft an den Besuch des vergangenen Jahres erinnerte. Höchst elegant, den glänzenden Seidenhut auf dem Kopfe, ein Stöckchen mit goldenem Knopf schwingend, kam die Gestalt immer näher, und schon schickte sich die ebenfalls versammelte Jugend an, zu rufen: „Wuiv, Lampe, Röhre“, das sollte nämlich „Vive l’Empereur“ bedeuten, als einer von den Quartiermachern den Leuten zurief: „Seid um Gotteswillen ruhig, der Kaiser ist bei schlechter Laune!“ So ging denn der Empfang der gallischen Majestät sehr ruhig zu. Niemand sprach ein Wort, und die Mühe des Lehrers, im letzten Augenblick einige Begrüßungsworte auf französisch zu lernen, war vergeblich gewesen.

Aber das Unglück schreitet schnell. Als der Festzug, Napoleon in großer Haltung voran, hinter ihm die Bade- und Ortsvertretung, und weiter die gesamte Bevölkerung, alt und jung, Frau, Mann und Kinder, um eine Ecke des Kurparks bog, stand dort wie von ungefähr ein Detmol- der Gespann. Und das war die Ursache zu Napoleons Sturz! Der Kutscher des Gespanns sah mit großer Aufmerksamkeit dem Festzug entgegen, und als Napoleon schon längst an ihm vorbei war — Napoleon war etwas blasser geworden und war schneller gegangen, als er den Kutscher sah — fragte er einen der Folgenden, wo dann nun Napoleon sei.

„Da vorn geht er ja!“ war die Antwort. „Der erste mit dem Zylinder und dem Stock mit dem goldenen Knopf!“

Da fing der Kutscher an zu lachen, zu ladien, daß ihm das Wasser aus den Augen kam. Napoleon hörte das durchdringende Lachen hinter sich, warf einen kurzen, angstvollen Blick auf den Kutscher und setzte sich darauf noch mehr in schnellere Bewegung. Als er jedoch hörte, wie der Kutscher unter fortwährendem Lachen rief: „Was, das soll der Kaiser Napoleon sein? Das ist ja der Schneider Ewe aus Detmold!“ hei, da kam Leben in ihn. Mit gewaltigen Sätzen rannte er los, den Zylinder in der Hand. Wie ein Hirsch nahm er Hecken, Zäune und Gräben und ward nicht mehr gesehen. Auch auf die Quartiermacher hatten die Worte des Kutschers sehr belebend gewirkt. Sie folgten dem Beispiel des Pseudo-Empereurs und rannten, was das Zeug halten wollte, in die Richtung auf Detmold zu. Gelaufen ist damals die Majestät mit Gefolge bis zum Dreierkruge, wo der „blaue Montag“ in üblicher Weise zu Ende geführt wurde. Die Meinberger haben lange Zeit nicht schlecht geschimpft über die „lichtferijen Deppelsken“, die sogar unter Vorschiebung eines gekrönten Hauptes mit ihnen Schindluder gespielt hatten. Lange Zeit durfte sich auch kein Detmolder in Meinberg blicken lassen, um die leckeren Rinderwürste anläßlich des großen Wintermarkttages in Meinberg zu verzehren.

Quelle: Heimatland Lippe 1983 –  Unbekannter Autor

Der sture Lipper

Die Geschichte liegt wohl schon Jahrhunderte zurück, ich hörte sie in meiner Jugend, und der sie damals erzählte, den deckt nun schon lange der Rasen.

Fährt da zur Winterszeit eine Kutsche mit feinen Herrschaften durchs Lipperland, und Hansherm, ein baumstarker lippischer Bauernjunge, sitzt auf dem Kutscherbock. Im Pferdebruche, dem großen Eichenwalde zwischen Langenholzhausen und Möllenbeck, springen plötzlich vier wilde Kerle hinter den Bäumen weg. Einer greift den Pferden in die Zügel, die andern drei plündern die Kutsche aus, nehmen den Herrschaften die Geldbörsen ab und ziehen ihnen die dicken Siegelringe von den Fingern. Derweil sitzt Hansherm stur und steif auf seinen Bock, als ginge ihn das ganze Treiben nichts an.

Als dann aber alle wertvolle Habe in den Schnappsäcken der Räuber verschwunden ist, schreit einer der Herren wütend die Kerle an: „Alles habt ihr Halunken mir nun abgenommen, aber nun tut mir auch den Gefallen und klopft dem Kutscher, diesem faulen Tölpel, mal tüchtig das Fell!“

Lachend zerren die Banditen unsern Hansherm vom Bock und fangen an, ihn mit ihren Knüppeln zu verwallacken nach Strich und Faden. Doch da reckt sich Hansherm auf. „Seo, jetz es’t ober geneog!“ brüllt er, packt mit jeder Faust einen der Räuber am Genick und schlägt ihnen die Köpfe zusammen. „Dat se bedußt wörn!“ erzählte mein Gewährsmann, den Dritten kriegt er am Hosenboden zu fassen und haut ihm den Kopf an den nächsten Baum, daß auch der zur Erde sackt. Der Vierte aber läßt die Pferde los und rennt wie wild in die Nacht hinein. „No“, spricht Hansherm zu den Herren, die mit offenen Mäulern dastanden, „niu soiket man jiue Packebirn teohaupe, un denn künt wiu ja woider feuern!“ — „Du dummer Kerl!“, wird er da von den Herren angeranzt, „warum hast du dich denn nicht gleich zur Wehr gesetzt?“ — „Och“, meint Hansherm dröge, indem er auf seinen Kutscherbock klettert, „eck moßte doch örst warm wem!“

Quelle: Heimatland Lipp2 05/1962 – Von W. Süvern

Ein Kerl flog auf dem Eisen

Es war an einem Sonntagmorgen, als Malchen zu ihrem Manne sagte: „Diu steuhst mui hür blauß in’n Wege, kannst diu nich mol uppet Feild gohn un no den Vützebaunen küiken?“
Fritze steckte seine Pfeife an, nahm den Ziegenheiner aus der Ecke, rief den Rüen und machte sich auf den Weg. Als er ein bißchen gegangen war, wurde der Hund unruhig, er knurrte und bellte. Fritze beruhigte ihn: „Och, Spitzken, wat hast diu denn blauß? Wui sind hür doch man gannß olleine uppen Feile.“
Aber der Hund hörte nicht auf zu kleffen. Fritze sah sich um. Was er aber da erblickte, davor blieb ihm der Atem stocken und er schluckte vor Schreck eine ganze Ladung Tabakdampf hinunter. Er war keiner von der forschen Sorte und so sprang er schnell in das Bohnenfeld und blieb dort schön sachte stehen. Auf dem Wege hinter dem Roggenfeld kam eine hohe hagere Gestalt – wie eine Hexe auf dem Besen fliegend – auf ihn zu. Fritze war ganz verdattert und murmelte: „Och, Herrgott, vergiw mui, de Duiwel es do!“
Das Gespenst kam immer näher, stand mit einem Male vor Fritze und sprach: „Guten Tag. Wo ist denn hier der Weg nach Detmold?“
„Herrgott, sui mui gnaidig!“
„Aber, Mann, sprechen sie doch keinen Unsinn! Zeigen sie mir lieber den Weg nach unserer Hauptstadt!“
„Denn gohr seu man jümmer lüike iut, denn kommt seu an de Strote no Jerxen, rechts afbeugen un seo stracks no Deppel!“
„Vielen Dank auch!“
„Nicks teo danken!“ stotterte Frittken.
Ehe er sich versah, sprang der Kerl auf das eiserne Gestell, das er bei sich hatte, und flog durch die Luft auf und davon.
Frittken guckte ihm so lange nach, als er ihn sehen konnte. Dann lief er nach Hause, so schnell ihn die Beine tragen konnten.
„Malchen“, rief er schon von weitem, „Malchen, wat es mui passeuert!“
„No, Kerl, denn mol heriut dornet. Hast diu wier wat Dummet anrieht?“
Nun fing Fritz an zu erzählen: „Eck häbbe eunen Kerl seuhn, de sadt up eunen uisern Gestell. Heu ging nich, heu stund nich, heu flaug up den Gestelle gannß sachte dür de Luft. Wat dat wesen es, do kann eck mui keunen Vers van maken.“
„Och“, sagte seine Frau, „eck gläuwe, dat sali wal van Püipers Kunnen iut Deppel euner wesen suin. Eck häbbe hört, de maket niu jümmer söcke Extratouren an’n Sunn-dagmorn up düssen nuijjemeodsken Kratiuers, düssen Ve-lodzepeds.“
„Och seo“, sagte Frittken ganz tiefsinnig und ihm fiel ein Stein von seiner schwachen Seele.

Quelle: Lippe Anno dazumal Band II

Der große Pfefferbusch

Meine erste Kindheitserinnerung ist der „Große Pfefferbusch“, ein Seidelbast, der an der Südseite unseres Wohnhauses stand. Der Stamm mochte in Fußhöhe wohl eine Spanne dick sein, und darüber wölbte sich eine Kugel von gut eineinhalb Meter Durchmesser. In jedem Frühjahr, oft schon, wenn der Winter noch einmal mit Frost und Schnee zurückkehrte, erglühte der Busch in herrlichstem Rot. Das war dann, mit den Schneeglöckchen um die Wette, ein Blühen und Duften ohnegleichen, und ein Summen von den vielen Bienen, die hier einen reichgedeckten Tisch fanden! Als wir Geschwister einmal an den Masern erkrankt waren, mußte unsere Mutter das Kammerfenster schließen; denn der Duft war in der warmen Frühlingssonne betäubend. Wir wohnten damals in der alten Leibzucht des Meierhofes Nr. 3 in Bistrup. Doch in meinem 12. Lebensjahr mußten wir die Wohnung räumen, und ich mußte, zu meinem großen Schmerz, das Tal meiner Jugend verlassen. Das alte Haus wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Der Garten meiner Kindheit wurde ganz umgestaltet, und der alte Pfefferbusch stand im Wege. Er wurde ausgerodet und außerhalb des Gartens an eine windkalte Stelle gepflanzt. Noch einmal hat er sich dort mit seinem prächtigen Frühlingskleide geschmückt, doch dann ist er gestorben. Niemals habe ich einen solch prächtigen Blütenbusch wieder gesehen.

Simon Albert, Nalhof

Quelle: Heimatland Lipp2 05/1962

Die schönen alten Volkslieder

„Maikäfer flieg!“ sangen wir, als wir die Braker Kinderschule im alten schönen Fachwerkhause an der Wiembeckerstraße besuchten und, zu zweien an die Hand gefaßt, mit der „Kindertante“ Koch den ersten Ausflug zum Graswege hinauf unternahmen.
Auch in den Familien wurde viel gesungen. In der Grünebohnenzeit kamen Nachbarn, Verwandte und Bekannte zum Bohneneinmachen zusammen. Waschkörbe, Mollen und Wannen voll waren abzuziehen, zu schnippeln oder zu brechen und dann in großen Steintöpfen einzukneten, denn Weckgläser kannte man damals nicht. Da mußten wir Kinder Fäden ab- ziehen, die Erwachsenen schnippelten über Daumen und Maus die Scheiben hauchdünn, die Mutter knetete ein.
In froher Runde wurde geklöhnt, alte Dorfgeschichten feierten Auferstehung, Streiche der Dorforiginale waren Tagesgespräch, vor allem aber lernten wir die von Generation zu Generation überlieferten schönen alten Volkslieder mitsingen: „Im schönsten Wiesengrunde“, „Morgen muß ich fort von hier“, „Zu Straßburg auf der Schanz“, „Aus der Jugendzeit“ usw. usw. Es fehlte auch nicht das „Met der grauten frechen Schniuden“. Diese Nachbarschaftshilfe wiederholte sich, wenn der Weißkohl zu Sauerkraut eingepökelt, die Zwetschen zu Mus verarbeitet, die Kartoffeln gepflanzt und geerntet wurden: immer half ein Nachbar dem anderen, und immer wieder erklangen die alten Volkslieder.
Sie wurden auch gepflegt in den Tabakfabriken, denn Brake war ja einmal das Dorf der Tabakarbeiter, wo in sieben
Filialen auswärtiger Zigarrenfabriken eine muntere, fleißige Arbeiterschar beschäftigt war. Schon von weitem hörte man aus den Fabriken die alten vertrauten Weisen erklingen.
So gingen die Volkslieder mit uns ins Leben hinaus und blieben in uns bis ins Alter hinein. Wir hören sie kaum noch, das Zeitalter des Jazz schuf andere Rhythmen. Hoffen wir, daß Schulen und Gesangvereine hier ihre Aufgabe erkennen: dieses wertvolle Volksgut vor dem völligen Verschwinden zu bewahren.

Willi Deppe

Viehzucht im alten Lemgo

In meiner Jugendzeit, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, war Lemgo noch eine Ackerbürgerstadt. Am 1. oder 2. Mai wurde Kram- und Viehmarkt abgehalten. Die Nachfrage nach jungen Schweinen, Ferkeln und Stangen, war jetzt groß, war doch jetzt wieder Grünfutter genug da. Oft konnte die Nachfrage nicht ganz befriedigt werden. Aber wer kein Schwein bekommen hatte, vertröstete sich auf den „alten Maitag“; denn dann, am 12. Mai, fand im benachbarten Brake ein Viehmarkt statt. Fast in jedem Hause wurden Schweine zur Mast gehalten, eins, zwei oder auch drei. Eins davon wurde dann oft als fettes Schwein zum Schlachten verkauft, dann hatte man gleich das Geld zum Ankauf neuer Tiere. In den wohlhabenden Bürgerfamilien wurde damals viel mehr Schlachtwerk verzehrt als heutzutage. In vielen Handwerkerhäusern wurden auch Kühe, zum mindesten aber Ziegen gehalten. So hatte man für Äcker und Gärten gleich den nötigen Dünger. Für die „kleinen Leute“, die kein eigenes oder gepachtetes Land hatten, säten einzelne Landbesitzer Klee aus und verpachteten dann das Kleeland meistbietend in kleineren Parzellen. Die Nachfrage danach war immer groß.

Bei günstigem Wetter war schon vor Mai in den Gärten allerlei gesät und gepflanzt, aber auch die noch nicht bestellten Beete mußten vor Maitag wenigstens umgegraben sein. Noch immer spukte in den Köpfen der alte Hexenglaube, und man meinte, die nicht umgegrabenen Gärten würden den Hexen zu Tanzplätzen dienen.

Fr. Sauerländer

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