Aus der Baugeschichte des Schlosses Varenholz

Schloss Varenholz

Das Gemäuer der alten Stammburg der Herren von Vornholte ist längst abgetragen, doch in Lehens- und Kaufverträgen, Pfandverschreibungen und anderen Urkunden ist von der unteren und oberen Burg, von alten und neuen Häusern, Türmen, Toren und Ställen in Varenholz die Rede. Ob alle diese früheren Bauten im Bereich des heutigen Schlosses oder auf dem jetzigen Wirtschaftshofe gestanden haben, ist nicht sicher zu sagen. Aber v/o hier die Spitzhacke der der Greifer das Erdreich aufreißen, treffen sie auf imponierende Fundamente früherer Steinbauten. Von ihnen ist außer den alten Steinen, die man bei Neubauten ja meist wieder verwandte, nichts mehr da.
Im Jahre 1323 hatte der lippische Edelherr Simon I. den Vornholtern die Burg mit zwei Kämpen abgekauft, um die Kämpe zu befestigen und ein Schloß darauf zu bauen. In der Folgezeit haben dann die Adelsgeschlechter, die als lippische Burgmannen in Vornholte einzogen, ihre Wohnsitze hier aufgebaut. Reste der alten lippischen Burg, Mauern, Türme und Tor, auch Wälle, Gräben und der später noch oft genannte Knick, eine undurchdringliche Dornenhecke, waren noch vorhanden, als Varenholz 1563 aus dem Pfandbesitz der Familie de Wendt in die Hand des lippischen Grafen zurückkam.

Lageplan von Schloß Varenholz 3. = Wohnturm, b = südw. Langhaus, c = Torhaus, d = Windeltreppe, e = Backhaus, f = Querhaus, g = nordöstl. Langhaus, h = Zwinger. Mit Genehmigung des Verlages Aschendorff, Münster, entnommen aus Sonnen, „Die Weserrenaissance" 3. Auflage.

Lageplan von Schloß Varenholz 3. = Wohnturm, b = südw. Langhaus, c = Torhaus, d = Windeltreppe, e = Backhaus, f = Querhaus, g = nordöstl. Langhaus, h = Zwinger. Mit Genehmigung des Verlages Aschendorff, Münster, entnommen aus Sonnen, „Die Weserrenaissance“ 3. Auflage.

Vom heutigen Schloß stand damals schon der gotische Wohnturm (a) in der Westecke, ein wuchtiger, schmuckloser Bau mit hohem Steildach. Vielleicht ist er das 1427 erwähnte neue Steinwerk des Burgmanns Heinrich von Callendorp oder das zur gleichen Zeit erbaute steinerne „Mois-haus“ des Edelherrn Simon IV. zur Lippe.
Wahrscheinlich ist auch das südwestliche Langhaus (b) ins 15. Jahrhundert zu datieren. Allerdings sind das Fachwerk des
Obergeschosses, wie auch das der Innen-hofwand, spätere Umbauten (s. unten). Nach Auskunft von Herrn Domänenpächter Block haben sich bei neueren Umbau-arbeiten im Erdgeschoß noch Reste ehemaliger Pferdeställe gefunden.
An das Langhaus (b) schließt sich das ein Stockwerk höhere Torhaus (c) an, dessen steiler Giebel an der Südseite durch waagerechte Gesimse viermal gegliedert ist. Die Schmuckformen der Fensterumrahmungen, spätgotische Gardinenmuster, finden wir auch an der Burg zu Aerzen aus dem Jahre 1539 und, etwas abgewandelt, am Gartenhaus des Münchhausenho-fes in Rinteln aus dem Jahre 1565. Das Torhaus des Varenholzer Schlosses wurde im Jahre 1542 erbaut, wie aus der Inschrift im Innern eines Fensters hervorgeht. Bauherr war Simon de Wendt, der Pfandherr des Varenholzer Schlosses. Nach einem taten- und verdienstvollen Leben starb er im 36. Lebensjahre am 12. Juni 1548. In seinem vom gleichen Tage datierten Briefe an Graf Bernhard VIII. zur Lippe bat er u. a., betreffs seines neuen Gebäudes zu Varenholz seine Mutter nicht ohne Entgelt zu entsetzen.
Vom Jahre 1565 an liegen genaue Rechnungen vor über die gesamten Bauten des lippischen Grafenhauses. Aus ihnen gehen die Namen der Baumeister hervor, die von da an am Schloß und am Wirtschafts-hofe in Varenholz tätig waren. Es sind:

Hans tom Rade (Rahden), Baumeister
von Blomberg
Hermann Wulff, Maurermeister
aus Lemgo
Iggenhausen Voßhagen, Zimmermeister
aus Lemgo
Johann Bierbaum, Maurermeister und
Steinhauer aus Salzuflen

Innenhof mit Erker

Aber nicht nur die Namen, sondern das ganze Baugeschehen ist chronologisch festgehalten.
Bis auf den Neubau einer Scheune handelt es sich zunächst um Reparaturarbeiten an den herrschaftlichen Bauten zu Varenholz. Diese Scheune, die Meister Hermann Wulff mit acht seiner „Knechte“ im Herbst 1569 begann und 1572 nach Fertigstellung des Giebels beendete, trägt auf dem Scheitel eines zugemauerten Torbogens sein Meisterzeichen und darüber die Wappen Simons VI. und seiner ersten Gemahlin. Die große Scheune brannte im vorigen Jahre aus, doch die mächtigen Umfassungsmauern sind erhalten.

Von 1572 an wird nun das Schloß wieder hergerichtet und großzügig umgebaut. Meister Wilhelm Brautlecht, der Ziegelmeister aus Lemgo, liefert viele tausend Mauersteine, wahrscheinlich für das Fachwerk des südwestlichen Langhauses (b). Meister Hermann Wulff macht aus eigen gehauenen Steinen Kamine, Schornsteinaufsätze und Treppenstufen „in seines gnädigen Herrn Gemach“, im Butterkeller und im Backhause.
Die Jahreszahl 1582 am Wappenstein über der Toreinfahrt ist wohl das Abschlußjahr der Umbauarbeiten am Torhause. Graf Simon VI. hat sich in Varenholz oft längere Zeit aufgehalten. Die junge Gräfin Ermgard kränkelte schon bald nach der 1578 vollzogenen Eheschließung, und die Ärzte hielten das Klima in der offenen Weite des Wesertales für die Kranke am zuträglichsten.
Doch die Umbauarbeiten gehen weiter bis über 1590 hinaus. Meister Iggen-hausen, der Zimmermeister, baut 1590 noch eine Windeltreppe in Fachwerk (d) vor dem alten Wohnturm, nachdem ein ungenannter Meister, wahrscheinlich Wulff, mit drei Knechten 42 Tage lang das Fundament dieses Turmes gelegt hatte.

Eine Rechnung, die den Abschluß der Umbauarbeiten vermeldet, lautet: „Der Maurermeister v(on) Blomberg M(eister) Johan Rahde hat zween Ausluchte uffn Steinwerke, item zwei Dohre und zwei Schorrensteine gefertigt und gehauen . . .“ Die beiden Ausluchte können nur die an der Innen- und Außenseite des alten Wohnturmes (a) sein. An beiden finden sich nun aber die gleichen Steinmetzzeichen wie am Torhause von 1542. Und neben dieser Zahl befindet sich ein Meisterzeichen, das wir unter den Unkairknechten in Petershagen, Detmold und Obernkirchen linden. Wir wissen nicht, wem es zugehört, es ist aber möglich, daß es das Zeichen des Baumeisters Hans tom Rahde aus Blomberg ist.

Zwerchgiebel am Querhaus

Die Rechnung von 1591/92 gibt uns Kunde vom Beginn der Arbeiten an dem herrlichen Renaissance-Neubau, der den geräumigen viereckigen Innenhof des Schlosses nach Norden hin abschließt. „Ausgabgeldt den Arbeitsleuthen deß neuwen Gebauwes zu Varenholze so im Namen Gottes den 28. May angefan-gen . . .“ Den Namen des Meisters Johan Bierbaum aus Salzuflen erfahren wir erst in der Rechnung von 1592/93. Baumeisternamen bedeuteten damals noch nicht viel.
Die Abrechnungen mit Meister Bierbaum wiederholen sich nun jährlich bis 1599/1600; ebenso mit Tönnies Eickmann, dem Steinbrecher vom Bückeberge, der seinen vorzüglichen Haustein für die qualitätsvollen Steinhauerarbeiten an Giebeln, Portalen, Fenstern und Kaminen liefert; mit Meister Hinrich Grabben, dem Zimmermeister, der die Balken aufs Gemach legt und den Dachstuhl zurichtet; mit den Meistern Adam und Kurt Melcher, den Steindeckern aus Höxter, die das Dach mit den berühmten Höxterplatten decken. In der Rechnung von 1597/98 erfahren wir auch, daß Johan Bierbaum die Wappen Simons VI. und seiner zweiten Gemahlin, Elisabeth von Schaumburg, selbst gehauen hat. Auch die übrigen Steinmetz-arbeiten an dem schönen Erker des Innenhofes werden wahrscheinlich von seiner Hand sein.
Sieben Jahre lang hat Meister Bierbaum mit seinen Gesellen am Varenholzer Schloß gearbeitet. Beim Abschluß des Bauvertrages oder Weinkaufs erhielt er zum Schmause noch ein Stoppelschweinchen.
Zunächst ist die Steilböschung an der Nordwestseite, nach dem alten Knick hin, befestigt worden, wobei der 4—8 m betragende Höhenunterschied zwischen der Basis der Außenwand und dem Innenhofe auszufüllen war. Die Außenmauern sind hier 1,60 m dick. Im Kellergeschoß der Nordwestseite befanden sich der Butterkeller und die Backstuben, nach denen dieser Teil des Schlosses das Backhaus (e) genannt wurde. An seinem Portal finden wir neben dem Meisterzeichen Bierbaums die Jahreszahl 1594, an seinem Giebel die Zahl 1595.

Portal in der Ostecke mit Büste des Grafen Simon VI.

Wahrscheinlich ist an verschiedenen Stellen des großen Gebäudekomplexes gleichzeitig gearbeitet worden, wird doch schon 1596 der dem Backhaus gegenüberliegende Gebäudeteil. „das Querhaus nächst der Schmiede“ (f), fertig, das sich vom gotischen Bau des Torhauses (c) durch seine Quergesimse deutlich absetzt. Die Fenstergewände an diesem Bau sind ohne Schmuck, Ein Juwel aber, das in seiner künstlerischen Qualität dem Innenhof-erker entspricht, ist der zierliche Zwerchgiebel im Dach, ein Staffelgiebel mit Band- und Rollwerkfüllungen, Pilastern und schmuckvollen Fensterumrahmungen. Die Steinfigur eines Ritters, unter der die Rose des Bauerherrn prangt, krönt das Giebelchen.
Im Jahre 1599 wird dann auch der wuchtigste und schönste Teil des ganzen Schlosses, das Langhaus der Nordostfront (g), vollendet, und Meister Bierbaum meißelt sein Zeichen in den Schlußstein des Erkers im Innenhof. Der Schmuck der Innenhofseite des Renaissancebaues ist von verhaltener Schönheit. Neben dem Erker sind die Fenstergewände und die Portale zu rühmen, sind sie doch im Bereich der Weserrenaissance ohne Beispiel. Das Portal in der Ostecke ist gekrönt von der Steinbüste Simons VI.

Die breit gelagerte Außenseite der Nordostfront steht in Schönheit und sicherer Gelassenheit da, flankiert von den beiden mächtigen „Zwingern“ (h). Die zwei Hauptgiebel neben ihnen und die drei kleineren Zwerchgiebel dazwischen tragen den charakteristischen Schmuck der Weserrenaissance.
Mit Recht ist Schloß Varenholz als eine besonders kostbare Schöpfung der Weserrenaissance gerühmt worden. Doch es ist wohl auch heute noch so, wie Dr. A. Neukirch 1939 in seinem Werk „Die Schlösser Niedersachsens“ schrieb: „Von der Bedeutung und Existenz des Schlosses Varenholz, das … als eine der großartigsten Leistungen der Renaissance in Niedersachsen angesehen werden muß, weiß die große Mehrheit selbst in der engeren Heimat nichts!“

Quelle: Heimatland Lippe, 03/1963 – Von Friedrich Pahmeier

Schloss und Internat Varenholz
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