Aus der Geschichte des alten „Pulverberghauses“ in Bösingfeld

Titelbild: Blick auf Bösingfeld, Extertal, Nordrhein-Westfalen, Deutschland. In der Bildmitte die Pfarrkirche. Urheber:Bdk, Creative-Commons-Lizenz

Wie aus alten Akten des Staatsarchivs Detmold hervorgeht, ist Meister Cordt Möller oder Curt Müller an anderer Stelle auch Curdten Pulvermacher oder kurz der „Pulvermacher“ genannt, der Erbauer des schon viel erwähnten Bauernhauses auf dem Pulverberge, um den unsere Jugenderinnerungen kreisten. Ihm verdankt die Anhöhe, darauf das schöne Fachwerkhaus steht, den Namen „Pulverberg“ und alle seine späteren Hausbewohner im Volksmunde den Beinamen „Pulvermann“.

Es ist im Dreißigjährigen Krieg, als Cordt Möller und Catrina Bunte Anno 1628 das Haus mit der schönen Giebelfront erbauen. Wenn sie über die Toreinfahrt zur großen Diele den Leitspruch setzten „Friede ernehrt, Unfriede verzehrt, an Gottes Segen ist alles gelegen“, kamen diese Worte nicht von ungefähr, lagen doch bereits die zehnjährigen Erfahrungen und Erlebnisse eines langen Krieges hinter ihnen.

Anno 1621 war der 22jährige Herzog Christian von Braunschweig mit 13 000 Mann durchs Extertal und das nördliche Lippe gezogen und hatte auch Bösingfeld berührt. Damit wurde der Reigen der Kriegswirren eröffnet, der auch den Flecken Bösingfeld heimsuchte, lag doch der Ort im Bereich des Festungsdreiecks Rinteln, Hameln und Lemgo. Wurde der alte, einst blühende Marktflecken auch nie selbst belagert, so blieb er doch nicht verschont von Durchmärschen, Einquartierungen, Requirierungen und Auferlegung von Contributionen an Geld und Naturalien, die selbst nicht 1648 mit dem Kriegsende aufhörten, sondern sich noch viele Jahre fortsetzten. Zwar bewahrte die Grafschaft Lippe Neutralität, aber kaiserliche, schwedische, katholische und protestantische Truppen sogen das Land aus und vernichteten den Wohlstand der Bauern und Bürger.

Als im Herbst 1623 seine Excellenz Graf Johann von Tilly durch das Land zog, wurde auch Bösingfeld heimgesucht. Die Schadenslisten geben Kunde davon. Großkötter und Krüger Tönnies Krull errechnete 574 Taler, Vogt Arndt Röhr 119, die Witwe des Holzförsters Henrich Knese 417 ½ Taler, der Krämer Arndt Bartram 220 Taler, Kornaufkäufer Hermann Renter 209 Taler, um nur einige zu nennen. Besonders gefährdet waren in den unruhigen Kriegsjahren die Bewohner abseitsliegender Siedlungen und kleiner Gehöfte, die gern von umherstreunenden dunklen Trupps überfallen und ausgeplündert wurden. Sie lagerten häufig oberhalb der Keiske am „Taternborn“ und kamen über den Rosselberg oder extertalaufwärts oder sie strolchten von der Scharbke aus bach- abwärts heran. Die geängstigten Bewohner suchten dann Zuflucht mit ihrem Vieh in den bergenden Wäldern oder in der Nähe
durch Tore geschützter Flecken.

So kommt es dann, daß Anno 1626 der Pulvermacher Cordt Möller bei dem lippischen Landesherrn einen Consensbrief anstrebt zur Verlegung seiner Pulvermühlen vom „Niedernholz“ näher an den Flecken Bösingfeld. Bisher hat seine Pulvermühle nahe an der Braunschweigischen Gegend und am Hellwege gelegen, wo er sich bei den jetzigen Kriegsunruhen nicht mehr sicher fühlt. Cordt Möller wendet sich an den Amtmann von Sternberg, bei dem Grafen zu erwirken, „daß ihm möge vergönnet werden, selbige Mühlen angezogener Ursachen wegen nahe bey das Flecken Bösingfeld zu legen, ohne jemandes Schaden oder Nachteil“.

Der Amtmann hat den Platz mit dem Pulvermacher besehen und für gut befunden — es ist offenbar, so will uns scheinen, der Platz, da die heutige sog. „Gerberei“ liegt — und legt dem Grafen den Verding der Mühlen vor, „damit der arme trop seine Kost mit ihm haben könne“. Wie aus späteren Akten hervorgeht, ist dem Möller unter dem 24. July 1626 der erbetene Consens erteilt worden.

An die Erteilung des Pulvermühlenprivilegs sind allerlei Bedingungen geknüpft:

  1. Die Pulvermühle darf zu keiner Mahlmühle verändert werden.
  2. Alles Pulver, welches der Pulvermacher siedet, wie auch den Salpeter darf er niemand anders in oder außerhalb der Grafschaft Lippe anbieten als zuerst der Landesherrschaft zu feilem Kaufe.
  3. Der Zentner Stück- oder Musketenpulver soll 17 Currante Thaler kosten.
  4. Pulvermacher Cordt Möller verpflichtet sich, jährlich an die Rentkammer zu Sternberg wegen des Wasserfalls 2 Thaler zu erlegen.

Als genau zwei Jahre nach der Consenserteilung der Pulvermacher ein Wohnhaus vor Bösingfeld erbaut, da setzt er unter den Leitspruch und die Erbauernamen auch das Datum 28. July 1628. Des Pulvermachers Privileg wird vom Grafen noch erweitert, nämlich „zu besserem Auskommen und zur Portsetzung seiner Nahrung“ mit der Berechtigung, in seinem Hause Bier zu brauen, solches auszuzapfen und zu verkaufen. Er hat dafür ans Amt Sternberg die gebührende Tranksteuer und Accise zu entrichten.

Es lag für den Pulvermacher Möller, der seine Mühle unten an den Hagenbach gebaut hatte und für die Wasserbenutzung zwei Taler zahlen mußte, nahe, sein Wohnhaus in der Nähe seiner Arbeitsstätte zu errichten. Wenn zur Zeit der Schneeschmelze dem Pulvermacher das Hochwasser der Asche zu schaffen machte, wird sich sein Blick gerichtet haben oben auf die anschießende Anhöhe des Fleckenrückens, wo damals eine Scheuer stand, und es wird
in ihm der Wunsch aufgestiegen sein, gerade dort auf der sicheren vorspringenden Höhe, die Schutz gewährt gegen Wassersnot und eine gute Sicht nach maordierendem Gesindel in den unsicheren Zeiten des großen Krieges, sein Haus zu haben. Und so erfahren wir denn, daß Cordt Möller mit seiner Ehefrau Catrina Bunte mitten im Dreißigjährigen Kriege auf der Höhe des Berghanges eine Wohnstätte bauen und damit dieser Stelle für spätere Zeiten den Namen „Pulverberg“ verleihen.

Der Hausbau geht nicht ohne Kollisionen ab. Schon Anno 1626 berichten Akten von dem Unterfangen. Fleckenbürger, Nachbarn und der Pastor erheben Einspruch gegen das Vorhaben des Pulvermüllers, eine Scheune zu einer Wohnstätte umzugestalten. Noch einen Tag vor der Haushebung, als das Gebälk schon fertiggezimmert, protestieren Vorsteher und Bürger gegen den Bau. Die einen sehen ihre Gemeinschaftsrechte geschmälert, weitere befürchten Gefahren aus der Pulverbereitung und Lagerung, und noch andere werden bei ihrem Protest geleitet worden sein von Leuten, denen das Bierbrauprivileg ein Dorn im Auge war: „zu mehrerer Betrachtung er seines Handwerks ein Pulvermacher ist, und allda ein Truckenhaus das Kraut trocken zu machen, wie auch daneben Bier zu schenken und Krugh zu halten, anstellen wolle, welches wenn es das Unglück und Fahrlässigkeit anzündete, das gantze Fleck in noth und gefahr bringen sollte“, heißt es in den Akten.

Zu zwei verschiedenen Malen verbieten ihm die Vorsteher den Hausbau, da dort „von alters hero“ niemals ein Haus gestanden, sondern nur eine Scheuer, auch ein „Bronnen, der von mennniglich gebrauchet werden könndte“. Schließlich werden die streitenden Parteien ans Amt geladen, wobei der Pulvermacher erinnert wird, „seine dieses Bawens halber habende Bewilligung anzuspringen“. In Detmold kommt es am 3. July 1628 zu einem Vergleich, der die Lage der Wohnstätte festlegt. Die „Gemeine“ bewilligt dem Pulvermacher Curten das Haus „zwischen dem jetzigen Garten und der Pulvermühlen am Asmisser Wege gegen den alten Deich aufzurichten und gleich andern Einwohnern der Gemeine Gerechtigkeit und Tracht zu genießen oder zu tragen“. Aber er und seine Erben und Besitzer solchen Hauses sollen kein Vieh außer dem Flecken „auf der Gemeine“ halten.

Pulverberghaus oben auf dem Hang und die Mühle unten am Bach haben nun in den zwei Jahrzehnten zwischen 1628 und 1648 vielerlei in den Kriegsläuften erlebt von dem fahrenden Kriegsvolk, das oben in der Schenke auf dem Berg einkehrte oder einfiel. Der alte Privilegbrief über die Pulvermühle, Braugerechtigkeit und Ausschank gehen dem Cordt Möller in den Kriegswirren verloren, und er bittet und erhält Anno 1642, 1646 und 1650 eine Bestätigung der alten Rechte. Als der alte Pulvermacher am 18. Februar 1652 verstorben, erhält sein Sohn Henrich eine weitere Bestätigung der alten Privilege, worin es heißt „als welcher außerhalb dem Schlagbaum zum Bösingfelde wohnet vor dem Flecken.“

Vater und Sohn haben in dem heutigen Grönewaldschen Hause auf dem Pulverberg gewohnt, dessen Torinschrift genau den Erbauer und seine Ehefrau angibt. Catrina Bunte war ein Sproß der altein- gesessenen Familie der „Bunten“, welche wie die Stuckenberg, Wißmann, Kenter, Knesen u. a. von Malzgeld und Burgfest-, Michaelis- und Hofgerichtsschatz, Hühner- und Grasgeld, Jagden und Brieftragen befreit waren und nur ordentliches Monatsgeld und angelegte Schatzgelder zu bezahlen brauchten und sich bei Streitigkeiten selbstbewußt immer wieder auf ihre alten Freiheiten durch Privilege beriefen. Bei Differenzen mit Amtleuten und Vögten wachten sie scharf über ihre verbrieften Freiheiten, wenns um Wallbauten und Ausbesserungen bei der Burg Sternberg oder Festung Detmold ging. So entzogen sich Anno 1683 zehn Bösingfelder, darunter der „Pulvermacher“, Forleberg, Kenter, Knese u. a. den befohlenen Arbeiten bei Fopshorn, und man konnte ihnen nichts anhaben, weil sie Befreiung von diesen Arbeiten nachwiesen, „seiend in possessio libertatis und von dergleichen Servituten frey“.

Als die Gräfin Catharina zur Fippe dem Pulvermacher Cordt Möller im Jahre 1642 das Pulvermacher-Bau- und Schankprivileg erneuert, wird dem Privileginhaber auferlegt, daß er und seine Erben künftig auf die Festung Detmold den dritten Teil des Pulvers als „Klein-Scheiben-Pulver“ liefern sollen, das aber gleich berechnet werden soll wie das Stück- oder Musketenpulver. Nach dem Tode Cordt Möllers führt sein Sohn Henrich die Pulvermühle weiter und auch die Bierschenke, zu der seit 1645 auch der „Branntweinzapf“ als Privileg für zehn Jahre gekommen ist. Bei Ausbietung dieses begehrten Privilegs ist es zwischen dem Pulvermacher Möller und seinen Konkurrenten zu einem starken Wettlauf ge- kommen, worüber der damalige Amtmann zum Sternberge Ernst Meierhoff berichtet: „Bei Antretung einer Bedienung Anno 1645 auf Michaelis haben verschiedene um den Branntweinzapf angehalten, und ist dann derselbe damals uf gn. Befehl, bey Anzündung eines Stückes Fichtes dem, welcher, ehe es erlöschte, am meisten bieten würde, zugesagt, und als unter solcher Handlung Caspar Bunte und andere jährlichs 6 Thaler geboten, hat der Pulvermacher beim Ausbrennen des Fichts noch einen Orththaler mehr verheißen und weilen man es in den betrübten Kriegsjahren nicht höher bringen können, ist er demselben laut Amtsprotocoll zugeschlagen“.

Durch Heirat kam die Mühle später in den Besitz der Familie Freund. Bernd Freund aus Füdenhausen hatte 1669 in Bösingfeld die Witwe des Pulvermachers Bödeker geheiratet, und 1676 erwähnen die Akten, daß der Sagenschneider und Pulvermacher Bernd Freund um einen Eichbaum bat zur Ausbesserung seiner Pulvermühlen zu Bösingfeld, damit er „untadelhaftes Pulver dem gräflichen Hause liefern könne“.

Um diese Zeit dürfen wir uns den Hagen noch nicht so aufgeteilt vorstellen, wie wir ihn heute haben, sondern etwa wie noch um 1800 herum: Weite Flächen waren mit Weiden und Bleichen, andere mit Eichbeständen bedeckt, hier und dort schützende Knicks und Hecken, und so gingen auch zur Zeit, da die Pulvermacher lebten, sicherlich Hagen, Pulverberg und die Grundstücke, darauf die eigentliche Pulvermühle damals und heute das Gerbereigebäude stehen, unmittelbar ineinander über, vielleicht nur durch einen Triftweg geschieden. Ein Teich war auch damals schon vorhanden, der das Wasser des Krebsbaches sammelte, der vom Frevertsberg kommt, und vielleicht auch die Wasser des Hagenbaches aufnahm, die Pulvermühle damit zu treiben.

Der Erbauer des Pulverberghauses hat sicher in seiner Mühle und in der Schenkstube seines Wohnhauses manch erregendes Erlebnis während des langen Krieges hinter sich bringen müssen. Als 1633 Hameln von hessischen und schwedischen Truppen mehrere Monate belagert wurde und kaiserliche Truppen zum Entsatz heranrückten, kam es am 28. Juni bei Hessisch-Oldendorf zu einer Schlacht, in der die Kaiserlichen durch die Schweden eine
große Niederlage erlitten. Bei diesen kriegerischen Auseinandersetzungen lag Bösingfeld im Bereich der streitenden Mächte, die sich auch im Flecken Bösingfeld einquartierten, requirierten und randalierten.

Das Pulverberghaus in Bösingfeld. Foto: Rumpe

Im Hamelner Krug im Oberflecken und in der Pulverbergschenke auf der Westhöhe kam es oft zu Schlägereien mit Soldaten, die hier würfelten, tranken und rücksichtslos lärmten und Wirt und Wirtsfrau unter Druck setzten. Da haben sicher Cordt Müller und seine Frau Catrina manche bangen Augenblicke gehabt, besonders als kaiserliche Truppen auf der nahen Scharbke gelegen und bei Bauer Gottschalk im Keller drei eingemauerte Totenköpfe von Soldaten entdeckt hatten, von denen man schauerliche Geschichten raunte. Auf den Totenschädeln sollten noch die Haare gesessen und die inzwischen verstorbenen Scharbker Bauern Totenköpfe „bei dem Molcke“ gebraucht haben. Eine böse Zeit, drei Jahrzehnte Krieg hatten Freund und Feind verroht und vertiert und jede Menschlichkeit sterben lassen.

Auch in den späteren Jahren des Dreißigjährigen Krieges hatten die Bewohner des Extertales und der Sternberger Berge unter durchziehenden und umherschweifenden Truppen zu leiden, besonders als im Jahre 1638 zweimal kurz hintereinander die Schweden die Kaiserlichen in Lemgo belagerten. Da hielt sich die Soldateska an den Bauern und Bürgern schadlos und ließ den Krieg den Krieg ernähren. Speck und Schinken waren begehrte Beute, dazu Bier und Schnaps in den Krügen und auf den Bauernhöfen. In Bösingfeld kamen der Hämelsche Krug und die Pulverbergleute gar oft in Bedrängnis, als die Männer des Fleckens zu Schanzarbeiten fortgezogen. Da waren Schlägereien mit Soldaten an der Tagesordnung.

Als am 23. Mai 1646 die Schweden die Stadt Lemgo erobert hatten, lagerten in den folgenden Jahren längere Zeit schwedische Truppen in Bösingfeld. Da entwichen viele Bauern von ihren Höfen, zogen bettelnd umher oder nahmen selbst Kriegsdienste an. Noch vier Jahre nach dem Kriegsende lagen im Flecken Bösingfeld die Besitzungen von 6 Halbspännern, 8 Großköttern, 3 Kleinköttern und 15 Hoppenplöckern „wüste“. Von manchen hieß es beim Tode, daß sie von Almosen gelebt, nichts hinterlassen hätten als „pure armuth“. Und waren doch in dem einst wohlhabenden Marktflecken noch Anno 1635 sechs Bäcker vorhanden gewesen, die Brot nach Lemgo lieferten. Diese schweren Kriegsjahrzehnte also hat auch der Pulvermacher Cordt Möller zusammen mit seiner Ehefrau Catrina mit durchgemacht. Er mag manchmal sinnend unter seinem Haustorbogen gestanden und die Inschrift gelesen haben: „FRIEDT ERNEHRT UNFRIED VERZEHRT AN GOTTES SEGEN IST ALLES GELEGEN.

Gar vieles könnten auch die folgenden Generationen und Bewohner des Pulverberghauses und der Mühle unten am Bach berichten. Die Feudalzeit hatte die Pulvermühle geschaffen, die dem lippischen Grafen in Detmold Pulver für einen gewissen Preis zu liefern hatte. Mit der fortschreitenden Entwicklung des dörflichen Gemeinwesens und dem Heraufkommen des gewerblichen Bürgertums hängt es zusammen, wenn wir in späteren Jahrhunderten die Pulvermühle zu einer Flachsbokemühle und danach zu einer Lohmühle sich entwickeln sehen. Im Jahre 1803 wird die Bokemühle durch eine große Wasserflut gänzlich zerstört, nachdem sie viele Jahrzehnte eine Rolle gespielt hatte bei der Garn- und Linnenbereitung. Nach jener Flut bleibt die Bokemühle Jahrzehnte unbenutzt, Wellen, Räder und Mühlwerkzeuge verfallen. Anno 1837 bescheinigt Untervogt Grönewald — ein Vorfahr der heute das Pulverberghaus schon meherere Generationen in Besitz habenden Familie der Grönewalds — daß die frühere Pulver- und jetzige Bokemühle nunmehr leer und unbenutzt stehe und von der jetzigen Besitzerin verkauft werden solle, wogegen aber der Fleckenvorstand protestiere, „da Haus und Mühle auf der Gemeinheit gelegen sei“. Um diese Zeit hat Haus und Mühle die Witwe Warthling inne.

Der Streit endete damit, daß Witwe Warthling für 1838 den Wasserfallscanon bezahlt an die Rentkammer, da sie nicht auf die Mühlenkonzession verzichten will, zumal sie hofft, „es werde künftig die Mühle fraglich wieder in Betrieb gesetzt werden können, und es werde bei Fortdauer der Gerechtsame um so leichter sich ein Käufer für die ganze Stätte finden“. Dieser Wunsch sollte in den nächsten Jahren in Erfüllung gehen. Anno 1840 kauft Mendel Frankenstein von der Witwe Warthling die Bokemühle und legt darin eine Lohmühle an mit Wohnung und zahlt dafür 1 Reichstaler Gebühr jährlich an die Rentkammer. Aus unserer Jugendzeit entsinnen wir uns noch des Endstadiums dieser Lohgerberei unten am Bach, all der Dinge, die beim Gerbungsprozeß eine Rolle spielten und unsere Phantasie erregten und ein gewisses Gruseln, die manchmal noch blutigen Rohtierhäute, die auf Stangen am Fuß des Pulverberges hingen, die Ballen von Eichengerbrinden und in den Kellergewölben die großen runden Gerbbottiche, in denen Rindshäute in Gerbsäften sich zu Leder wandelten. In dieser Zeit bekam die Mühlenanlage am Bach den Namen „Gerberei“ und hat ihn im Volksmund noch heute. Als die Gerberei einging, entstand in dem großen Gebäude eine Zigarrenfabrik. Als sie verlegt wurde, richtete man in den großen Kellerräumen der Gerberei vorübergehend eine Schweinemästerei ein. Im ersten Weltkrieg ging dann die Gesamtanlage „Gerberei“ in den Besitz des Landwirts Vehmeier über, der bis dahin oben im Flecken wohnte, seine Ländereien aber vorwiegend an der Exter damals liegen hatte und somit durch den Erwerb der Gerberei seinen Hof näher an sein Land verlegte. Und wir dürfen wohl sagen, daß durch diese frühe Hofaussiedlung aus dem alten Fleckensiedlungskern das Schicksal der alten Pulver-Boke-Loh- und Gerbermühle in ein zweckmäßiges Stadium geriet.

Außer dem alten Pulverberghaus, in dem nun schon viele Generationen Gronewalds wohnen, und dem Namen „Pulverberg“ erinnert nur wenig mehr an die alte Zeit. Vater Julius und sein Sohn Heinrich Grönewald führen noch heute in Weiterentwicklung des alten „Sagenschneiderberufes“ das Zimmereigewerbe und eine blühende Bautischlerei fort, und es ist eine Freude, bei Neu- und Umbauten im Flecken Bösingfeld und Extertal den „Grönewald-Leuten“ zuzusehen, wie sie in vorbildlicher Solidität ihr Gewerbe in handwerklicher Tradition betreiben, dabei festgefügt und regelrecht die Balkenlagen legend und die Dachsparren errichtend und zudem — wenn möglich — wieder zur Verschönerung und zum Schmuck bei Umbauten alter Bauernhäuser die alten Torbogen-Sprüche und Wappen in Stücke Fachwerks in die neuen Häuserfronten einbauend. Als alte Bösingfelder Fleckenbürger wissen sie um das Prinzip: Tradition und Fortschritt gehören zusammen, gutes ehrwürdiges Altes und zukunftsträchtiges Neues!

Das Auf und Ab der Jahrhunderte hat über vieles einen Schleier gebreitet. Und wenn in schönen Sommertagen der Wanderer am Fuß des Pulverberges dahinzieht und wohlgefällig die sauberen Gebäude des Vehmeierschen Bauernhofes streift, so wird er kaum ahnen, daß seine Füße wandeln auf historischem Boden Alt-Bösingfelds, daß das Klappern der Schrotmühle am Hagenbach — jener Mühle, die heute dem Bauer das Korn fürs Vieh schrotet — nur fortsetzt in organischer Folge jenes Rauschen und Klappern der alten Pulver-, Boke- und Lohmühle, die einst hier standen und dem Wissenden aus dem Lauf der Jahrhunderte zutönen. Manches hat das Walten der Natur und die Hand des Menschen in alle Winde verweht, aber noch immer grüßen die bemoosten Höxterplatten des Pulverberghauses ins Tal als Zeugen einer fernen Zeit.

Mag der Wanderer, der ins Flecken einschreitet, sich heute noch freuen an den schönen Ornamenten der unteren Querbalken im Giebel oder den einzigartigen Holzfüllungen des Ständerwerkes dieses alten Hauses und sinnend lesen: „FRIEDT ERNEHRT UNFRIED VERZEHRT AN GOTTES SEGEN IST ALLES GELEGEN, Cordt Möller, Catrina Bunte, Anno 1628, 3. July“, er wird nicht ahnen, daß hier auf der Pulverberghöhe einst reisende Kauf- und Handelsleute einkehrten, um sich von der Krugwirtin ein Glas Hämelsches oder Bösingfelder Bier reichen zu lassen durch das viereckige Fenster an der linken Dielenseite. Sich hier erholend und stärkend von langer Fahrt, bevor der Postwagen aus dem Flecken sie weiterführte nach Kassel, haben sie vielleicht auch unter den knorrigen Eichen geruht und ins Hagental hinabgeschaut zur Mühle und so ein Stück stillen Friedens dieses Fleckenwinkels mit sich genommen auf die weitere Reise.

Quelle: Heimatland Lippe 09/1969 – Von Louis Knese