Auswandererschicksale in Amerika

Ankunft in New York

Vor einiger Zeit erhielt ich einen Stoß alter Briefe, der sich im Nachlass einer alten Frau gefunden und den die Angehörigen zur Verfügung gestellt hatten.
Auswanderer, Amerikafahrer aus dem kleinen Ort Graben, Gemeinde Eschenbruch, haben einst diese Briefe geschrieben, und ihre Schicksale sind für viele lippische Auswanderer typisch gewesen. Bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist mancher über den großen Teich gegangen, doch setzte die gewaltige Auswandererflut erst im Hungerjahr 1847 ein und hielt in den mageren fünfziger Jahren unvermindert an. Je nach den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Deutschland und den USA an- oder abschwellend, ist diese Flut erst gegen Ende des Jahrhunderts mählich verebbt.
Der Bauer Budde in Graben verkaufte sein Kolonat, Haus und Garten kaufte Familie Helms für 605 Taler. Im Oktober 1848 trat Budde mit seiner Frau und zwei Söhnen, dem 21jährigen Heinrich und dem 15jährigen Ernst, die große Reise an, nachdem Friedrich, der älteste Sohn, und zwei mit den Bauernsöhnen Niedermeier und Heide verheiratete Töchter bereits in dem Staate Illinois eine neue Heimat gefunden hatten. Ernst Budde, der alle seine Geschwister überlebte, schildert als alter Mann in zwei Briefen aus den Jahren 1899 und 1901 seine Schicksale. Hier einige Auszüge:
„Die alte Heimat, wo wir als Kinder gespielt haben, hat noch immer Anziehungskraft für uns. Oft kommt es mir vor, als ob es nicht möglich sei, dass wir schon über 52 Jahre von dort fort sind. Wir sind am 23. Oktober 1848 dort vom Graben fortgegangen. Es war an einem Sonntag, als wir aufbrachen, um unser Glück in einer neuen Welt zu suchen. War das nicht Blindheit und Unverstand? O, wie blind waren wir, hat meine selige Mutter oft gesagt. Aber unsere Augen wurden Gott sei Dank in Amerika geöffnet. Der alte Vater Sommers und Ernst haben uns nach Bückeburg gebracht. Von da benutzten wir die Eisenbahn bis nach Bremen, und von dort sind wir mit einem kleinen offenen Boot nach Bremerhaven geschwommen.
Dort mussten wir über drei Wochen warten; denn es waren so viele Leute da, dass nicht genug Schiffe vorhanden waren. Da sind wir zwei Schiffe zurückgeschoben, ehe wir an die Reihe kamen. Auf dem dritten Schiff kamen wir endlich unter. Aber dieses Schiff war noch nicht fertig. Wir sind dann doch aus dem Hafen herausgezogen, um Hafensteuer zu sparen. Noch etwas über drei Wochen lagen wir auf der Weser. Wir konnten das Land sehen, durften aber nicht aussteigen“.

Einschiffung deutscher Auswanderer

Dieses wochenlange Warten auf einem Weserkahn im November muss für die Familie furchtbar gewesen sein. Die Auswanderer nahmen damals große Mengen an Mundvorrat mit auf die Reise: Mehrere Säcke mit hart gedörrtem Brot, Würste, Speck, Schinken, große Beutel mit Graupen, Grütze und Hülsenfrüchten. Eine Kochgelegenheit wird auf dem Prahm gewesen sein, so dass man in dem mitgenommenen „Imptepott“ auch das Mittagsmahl bereiten konnte. Dem Schreiber sind von all den Nöten und Beschwerden der Reise anscheinend vor allem die Sorgen und Seufzer der Mutter im Gedächtnis geblieben. Auch von der folgenden Seereise berichtet er nur wenig:

„Endlich ging es fort. Weitere sechs Wochen waren wir auf See, bis wir endlich Anfang Februar über New York bis Buffalo gekommen waren“.
Andere Auswanderer jener Jahre haben die Leiden und Schrecken der Reise auf den Segelschiffen ausführlicher beschrieben, so die 17jährige Anna Berkemeyer aus Augustdorf:
„In Bremerhaven haben wir lange gelegen und kamen dann auf das englische Schiff. Da ging unser Leiden los, es ist gar nicht zu beschreiben. Es waren auf dem Schiff bei die 500 Menschen und war so eng und voll. Wir vier Kinder mussten in einer Koje schlafen, und die Eltern haben die kleine Jette mit in die Lade genommen. Es war gut für die erste Zeit, dass wir viel Hartbrot und Speck mithatten, sonst hätten wir wohl verhungern müssen. Es war auch ein großer Sturm, da sind wir alle ganz krank gewesen und meinten, wir müssten sterben. Aber nachher der Durst war noch schlimmer. Da sind so viele gestorben. Jeden Tag wurden die Leichen in die See geworfen. Das Schiff hatte nicht genug Frischwasser mit, darum sind so viel gestorben“.
In New York erreichte die Familie Budde das neue Land, doch die Reise ging weiter nach Nordost bis nach der Mündung des St. Lorenz-Stroms, dann diesen hinauf bis zu den Niagarafällen. Im Landtransport kam man nach der großen Stadt Buffalo am Eriesee. Zur Fahrt über die großen Binnenseen Nordamerikas musste ein anderes Schiff bestiegen werden, war doch das nächste Ziel die Stadt Milwaukee am Michigansee.
„In Buffalo waren die großen Docks völlig zugefroren. Eisenbahnen gab es damals noch nicht, so mussten wir bis zum Frühjahr dort bleiben. Ihr Lieben, Ihr braucht nicht zu denken, dass dies mit trockenen Augen geschrieben wird. Wir haben härtere Zeiten in Buffalo gesehen als in Deutschland. Es war in der Stadt keine Arbeit zu bekommen. Wenn wir 50 Meilen weit aufs Land gegangen wären, hätten wir vielleicht Arbeit bekommen können. Wir verstanden das aber nicht, und außerdem konnten wir kein Englisch sprechen. Endlich brach das Eis auf. Dann haben wir noch eine Woche gewartet, bis wir endlich in Milwaukee eintrafen.
Von dort sind es 90—100 Meilen bis Illinois, wo unsere Schwäger Niedermeier und Heide und mein Bruder Friedrich waren. Dann haben wir einen Fuhrmann gedingt, der wußte, wo Rokron lag. Dem haben wir 20 Dollar geben müssen. Meine Eltern hatten aber nur noch 5 Dollar. Dann hat Adolf Kleinsorge 5 Dollar dazugetan, und Heinrich Heide hat uns 10 Dollar geborgt. So konnten wir den Mann bezahlen, und wir begannen das neue Leben mit 10 Taler Schulden. Wir hatten weder Haus noch Herd, aber der liebe Gott hat uns den Sieg gegeben über alle Hindernisse dieser Welt.
Als wir nach Rokron kamen, hatten meine Schwäger schon bei einem deutschen Bauern einen Platz für einen Knecht für 40 Dollar ausgemacht. Da war ich aber froh, von 5 deutschen Talern auf 40 Dollar! Seine Frau war Engländerin, da hatte ich eine gute Gelegenheit, die englische Sprache zu erlernen. Es hat keine drei Monate gedauert, da konnten sie mich nicht mehr in Englisch verkaufen. Ihr werdet sicherlich denken: Das war aber ein Knecht, 15 Jahre alt! Aber für das, was ich zu tun hatte, war ich groß genug. Es war der schönste Platz, den ich je gehabt habe. Der Hof lag an einem dichten Holze, die Schweine liefen das ganze Jahr im Holze herum, nur wenn sie fett gemacht werden sollten, wurden sie eingesperrt. Sie waren alle gezeichnet, und jeder Bauer hatte sein eigenes Zeichen. Morgens und abends haben wir die jungen Schweine zum Fressen herangelockt. Das hättet Ihr sehen sollen, wie sie aus den Büschen herauskamen! Wir warfen ihnen gewöhnlich ein halbes Büschel Korn oder Mais heraus. Die Schweine, die fett gemacht werden sollten, bekamen soviel Korn, wie sie fressen wollten. In ein paar Minuten waren die Schweine gefüttert, das war auch meine Arbeit.
Die Kühe liefen herum, wo sie wollten, die Kälber ließ man saufen, bis sie 5-6 Monate alt waren. Sie wurden aber zu Hause gehalten, so dass die Kühe immer heimgekommen sind. Wenn die Kälber entwöhnt waren, kamen die Kühe nicht mehr heim, und ich musste sie holen oder suchen. Manchmal dauerte das zwei Tage. Das Land war meist Prärie oder Grasland, nur 70 Acker waren unter dem Pflug, und nur zwei Arbeitspferde waren da, die konnte ich in ein paar Minuten füttern.
Sie bekamen Hafer oder Korn und Heu, es gab nichts zu schneiden. Auch das Pflügen und Eggen hab ich besorgt, nur beim Kornbepflügen hat der alte Mann mit geholfen.
Ich war drei Jahre bei diesem Manne, er hat jedes Jahr 10 Dollar zugelegt, so dass ich in den drei Jahren 150 Dollar verdient habe. Dazu bekam ich jedes Jahr noch ein Paar neue Stiefel und ein Wollkleid.
Danach habe ich mich als Ochsentreiber verdingt für 10 Dollar pro Monat. Ich musste vier Joch Ochsen treiben, alle in einer Reihe vor einem Brechpflug. Nach zwei Monaten war ich es aber müde geworden, die Ochsen in dem langen oder nassen Grase zu suchen. Ich bin darauf zu einem englischen Bauern gegangen und habe gefragt, ob er mich brauchen könnte. Er sagte ja und wollte mir für einen Monat 10 Dollar geben. Ich sagte ihm, ein Monat wäre zu kurz, ich wollte drei Monate für je 9 Dollar schaffen. Er sagte „All right!“ Dann habe ich zwei Jahre bei ihm gearbeitet. Als ich den letzten Winter bei ihm war, bin ich 9 Wochen in die englische Schule gegangen. Ich war im 20. Jahr, da habe ich mich richtig geschämt, zwischen solch kleinen Kindern zu buchstabieren. Ich habe aber tüchtig studiert, bis die neun Wochen um waren und bin von dem ersten Lesebuch bis in das dritte gesprungen.
Im nächsten Jahre im Sommer habe ich mich zu einem andern Bauern verdingt für monatlich 12 Dollar, anschließend drei Monate wieder bei einem andern. Da bekam ich Lungenfieber; es war immer, als wenn der Atem aufhören wollte. Da ist der Bauer zu einem Doktor gegangen, aber dieser Arzt konnte mir gar keine Linderung verschaffen. Der Bauer dachte auch, ich müsste sterben und fragte mich, ob er nicht einen Arzt holen solle. Ich sagte ja, es würde ja doch bald mit mir aus sein, wenn ich nicht Hülfe bekäme. Der Arzt machte gleich an beiden Armen einen Aderlaß, das hat mir gleich etwas geholfen.
In dem einen Arm war das Blut ganz dick. Der Arzt fragte dann meinen Boss, wer ich denn wäre, er müsste sechs Meilen weit kommen, und denn noch in der Nacht, so dass er auch etwas dafür bekäme. Der Bauer hat darauf gesagt, er solle nur sein Bestes tun, mir wäre alles recht, und ich hätte Geld. In einer Woche konnte ich wieder aufstehen; der Arzt forderte nur 14 Dollar. Den 2. Tag holten mich mein Vater und Bruder Heinrich im Schlitten mit Ochsen heim. Ich war ganz mit Federbetten zugedeckt, so dass ich gar nicht merkte, wie kalt es draußen war.
Wir haben sechs Jahre in Illinois gewohnt, dann in Iowa. Im Herbst 1878 sind wir dann nach hier, nach Kenesaw Adams County im Staat Nebraska gezogen.

Deutsche Auswander unter Deck auf dem Auswandererschiff „Samuel Hop“

Es scheint nur eine kurze Zeit zu sein, seit wir von dort fort sind, und es würde meine größte Freude in dieser Welt sein, den alten Graben noch einmal zu sehen. Aber daraus wird nichts mehr. Ich würde schon vor vielen Jahren nach dort zu Besuch gekommen sein, aber ich fand niemand, der mitging. Auf See werde ich sehr krank, wenn das Schiff tüchtig wackelt. Schon oft habe ich geträumt, dass ich aus der See an Land geschwemmt wäre. Wenn ich dann das Land erreichte, hatte ich nur Hose und Hemd an, hatte keine Schuhe, keinen Hut, kein Geld. Wohl ein Dutzendmal habe ich das geträumt, und dann wollte ich immer Geld leihen, aber die Leute trauten mir nicht. Es waren nur Träume, aber ich habe es für einen Schiffbruch ausgelegt.
Nun will ich schreiben, warum ich aus Iowa und von meiner Freundschaft ausgezogen bin. Vor 22 Jahren (1877) besuchten meine Frau und ich ihre Eltern und Brüder, die hier in Nebraska wohnten. Es war damals noch eine ganz neue Gegend, und das Land war spottbillig. Die wilden Indianer waren durch die Obrigkeit vertrieben, so dass hier ein ganz sicheres Wohnen war. Es war hier ein rechtes Babel, eine wunderbare schöne Ebene. Es hat mir hier so gut gefallen, dass ich gleich 480 Acker (NB: 1 acre = 40,5 a) festgemacht habe für 3 Dollar pro Acker, in 10 Jahren zu bezahlen mit 6 % Zinsen, bis es bezahlt war. Als ich heimkam, habe ich meinem Schwager geschrieben, er solle noch 120 dazu kaufen für 4 Dollar pro Acker, und als ich dann nach hier kam, habe ich noch 40 Acker dazugekauft, 7 Dollar pro Acker. So hatte ich für mich 640 Acker, davon 480 in einem Stück. Jeder meiner drei Buben erhielt davon, wenn er 21 Jahre alt war, 160 Acker. Im Staat Iowa war das Land zu teuer, um für sie Heimaten zu kaufen.
Im Herbst 1878 habe ich meine schöne Heimat in Iowa für 475 Dollar pro Jahr verpachtet und bin mit Sack und Pack 400 Meilen weiter westwärts gezogen. Wir hatten einen ganzen Eisenbahnwagen voll Maschinen und Hausgerätschaften. Wir selbst sind mit drei Wagen gefahren, jeder von zwei Pferden gezogen und hinten zwei junge Pferde angebunden. Wir waren 17 Tage unterwegs. Wenn es Nacht wurde, haben wir da, wo wir Wasser und Heu bekommen konnten, gekämpt, Feuer angemacht und gekocht und gebraten. In unserem Wagen haben wir geschlafen. Es waren noch zwei Wagen bei uns, so dass wir uns nicht zu fürchten brauchten. Meine Familie konnte 17mal schießen, bevor sie wieder laden musste, die anderen konnten 11 mal schießen. Die Hunde waren abends so müde, dass sie kaum gebellt haben, wenn jemand vorbeikam.
Am 6. September kamen wir hier an. Alles Land war von einem Ende zum andern mit Gras bewachsen. Man fand keinen Stein und auch keine Rute, um damit ein Kind zu schlagen. Kein Haus, keine Fruchtäcker waren weit und breit. Damit wir überwintern konnten, mussten wir notdürftig Ställe und ein Haus bauen. Heu haben wir noch gemacht, wo wir wollten. Die beiden ältesten Buben und der Knecht haben noch 218 Acker gepflügt, ehe es zu frieren begann, und ich hatte schon im Sommer 250 Acker umpflügen lassen für 2 Dollar je Acker. Das muss im Mai oder Juni geschehen, sonst fault das Gras nicht.
Im nächsten Sommer haben wir 2254 Bushel Weizen, 1700 Hafer, 1300 Mais oder Korn geerntet und für 1 Bushel (NB: 1 Bushel = Scheffel = 36 Liter, etwa 30 kg) 80 Cent bekommen. Das war gut für hiesige Gegend. Ich habe für 1300 Taler verkauft, den Hafer und das Korn haben wir so ziemlich alle für unsere Pferde behalten. Im nächsten Jahr regnete es bis zum 28. Mai aber nicht, so dass wir nur 1510 Bushel bekommen haben. Ihr seht daraus, es ist nicht alles Gold, was glänzt.
Ich habe auch Schwierigkeiten gehabt, aber der Herr, dem wir treu zu dienen suchen, hat uns immer zurechtgeholfen. Als wir noch in Iowa und noch nicht so sehr vermögend waren, habe ich zwei gute Pferde durch Kolik verloren, von 75 Frühjahrsferkeln gingen 60 an der Cholera ein, dazu 5 fette Schweine von 300 Pfund. Durch eine Bürgschaft verlor ich über 500 Taler. Meinem 2. Sohn war der Hüftknochen aus dem Gelenk gesprungen, das hat mich 500 Dollar gekostet. Ich bin mit ihm auf der Eisenbahn herumgereist, der eine schlug dies, der andere jenes Hospital vor. Schließlich habe ich zu meiner Frau gesagt: Was haben wir von unserm Gelde, wenn der Junge ein Krüppel bleibt! Wir wollen zur berühmtesten Stelle in Amerika gehen, lass es kosten, was es will. So bin ich mit ihm 500 Meilen weit nach Indianapolis gezogen. Dort haben sie versprochen, ihn für 300 Dollar zu kurieren, dafür wollten sie, wenn es nötig wäre, ein ganzes Jahr an ihm herumkurieren. Sie haben ihn auch kuriert, soweit es möglich war, haben ihn jeden Morgen in eine Rekkemaschine getan, bis das Bein dann zuletzt eingesprungen ist.
Unsere älteste Tochter wohnt in Minnesota, 400 Meilen von hier, unsere zweite Tochter wohnt 45 Meilen von hier, dort wohnt auch die jüngste Tochter. Der zweite Sohn ist auf der Reise nach Oklahoma zu seinem Lande, der älteste geht Mitte Januar fort. Er schafft alles mit der Eisenbahn hin. Der jüngste bleibt noch zwei Jahre, danach sind wir ganz allein. Der Platz, auf dem wir hier wohnen, ist schon der zweite Platz, den ersten hier habe ich für 5000 Dollar wieder verkauft, auch den Platz in Iowa habe ich verkauft.
Ich und meine Frau haben im Sinn, auf diesem Platze zu bleiben, bis wir verkaufen können. Ich habe alle Weideplätze für mich behalten, dazu 5 Acker Land und das Obst, damit ich etwas zu tun habe. Ich halte jetzt noch 2 Pferde, 2 Kühe, 10 Schweine und etwa 120 Hühner. So haben wir es jetzt gut, brauchen nicht viel zu tun und können Gott dienen unter unserm eigenen Feigenbaum nach unserer Gewissensüberzeugung.
Ich will etwas Geld in den Brief legen, Ihr könnt es verteilen, 2 an Sommers und 3 für Dich. Viele Grüße von mir und meiner Frau. Schreibt bald wieder und wartet nicht so lange wie ich.
Ernst Budde“

Von dem älteren Bruder, Heinrich Budde, liegen aus den Jahren 1882—1898 mehrere Briefe vor. Auch er hatte durch Fleiß und Sparsamkeit in Amerika sein Glück gemacht. Er hatte sich wie sein Bruder Ernst zusammen mit seinen Eltern zunächst im Staat Illinois angesiedelt. Nach sechs Jahren war dann die Familie nach dem Staat Iowa umgesiedelt. Der Vater starb früh, aber die Mutter hat noch lange in Heinrichs Familie gelebt. Gedenkend der kargen Einkommensverhältnisse in der alten Heimat, haben die Buddes immer einige Dollar in die Briefe gelegt. „Die Mutter schickt Euch neun Dollar“ schreibt Heinrich an die Familie Büngener am 2. 6. 1882, „um sie an Christian Kleinsorgen seine Kinder auf dem Hagen zu verteilen. Einen Taler (Dollar) sollst Du haben für Deine Mühe. Mutter sagt, dies wäre wohl das Letzte von ihr, sie ist 84 Jahre alt. Sie lässt Dich und Deine Frau grüßen, auch die ganze Freundschaft und auch die Nachbarn . . . Liebe Freunde, ich habe immer im Sinn gehabt, noch einmal zu Besuch nach dort zu kommen. Aber es wird wohl nur ein Wunsch bleiben. Ich bin alt und ziemlich gebrechlich. Am 12. Mai (1883) wurde ich 56 Jahre alt. Wir erfahren alle Neuigkeiten, wie es im allgemeinen dort hergeht, nur nichts von unserm Heimatorte. Wir lasen auch, dass die Fürstin an Lungenentzündung gelitten hat und lesen auch öfter von Pyrmont.
Liebe Freunde, Ihr habt im letzten Brief geschrieben, dass auch aus Eurer Gegend mehrere Leute auswandern. Es hat mich schon immer gewundert, dass nicht mehr Leute aus unserer Gegend kommen. Es kommen hier immer Leute aus Deutschland an, aber nicht aus unserer Heimat. Wenn bei Euch Leute Lust haben, nach Amerika auszuwandern, so sagt ihnen, sie sollten hierher kommen. Sie können hier ihr Glück finden. Es ist eine gute Gegend, und ich will ihnen gern zurechthelfen. Ein guter Knecht verdient hier 18—22 Taler (Dollar) monatlich mit Beköstigung, wenn er die Arbeit versteht. Die Mägde verdienen hier 2—3 Taler die Woche. Amerika ist groß, und das Land ist noch billig zu haben. Wenn jemand eine eigene Heimat haben will und hier ein paar Jahre schafft und sparsam ist, kann er bald was haben. Wenn also Leute von dort auswandern wollen, können sie diesen Sommer noch kommen. In drei oder vier Wochen können sie hier sein, so schnell geht das jetzt. Aber das Wichtigste ist doch, für die Ewigkeit zu sorgen, auf dass wir eine gute Heimat im Himmel haben.“
Im Jahre 1886 schrieb Heinrich Budde: „Jetzt sind es schon über zwei Jahre, dass unsere Mutter gestorben ist. Sie ist dort droben und wartet, bis wir kommen. Ich bin in diesem Frühjahr von meinem Bauernhof weggezogen in die Stadt, weil die Arbeit für mich zu hart war. Belle Plaine hat jetzt 2 500 Einwohner, ist eine kleine Geschäftsstadt und hat 2 Eisenbahnen. Ich habe mir hier ein Haus und 10 Acker Land für 2 500 Dollar gekauft, halte mir 4 Kühe, 2 Pferde und ein paar Schweine und Hühner, so dass ich mir das Leben etwas leichter als auf der Farm machen kann. Wir haben hier gute Schulen und 4 Kirchen. In unserer Kirche wird jeden Sonntag zweimal gepredigt, und jeden Mittwoch haben wir Gebetsversammlung, so dass wir für unser Seelenheil schaffen können. Vier von unseren Kindern gehen noch in die Schule, der Schulbesuch ist hier vom 5. bis 21. Lebensjahre, jährlich 6—8 Monate. Jeden Sonntagmorgen ist Sonntagsschule, wo die Kinder in Bibel und Katechismus unterrichtet werden. Zwei meiner Kinder sind verheiratet, der Älteste ist 27 Jahre alt und hat 3 Kinder. Er wohnt auf einer Farm von 240 Acker.
Liebe Freunde und Nachbarn Büngener! Ich schicke Euch 5 Taler für die Armen bei Euch. Nimm davon für Deine Mühe und verteile das Übrige nach Deinem Gutdünken …“

Heinrich Buddes letzter Brief datiert vom 22. 2. 1898. Auch er ist erfüllt von Liebe und Sehnsucht nach der alten Heimat: „Ich kann mir den alten Graben und alle Nachbarn noch so gut vorstellen, als wenn ich dort vor zwei Wochen gewesen wäre. Lieber Freund Heinrich Büngener! Sei doch so gut und schreibe mir mal einen guten Brief von Euch und den Nachbarn und wie es dort und in der ganzen Umgegend ist. Sicherlich hat sich dort alles stark verändert, denn es sind schon 50 Jahre, seitdem wir ausgewandert sind. Es ist nur noch eine kurze Frist, dann müssen wir diese Zeit mit der Ewigkeit vertauschen.“
Heinrich Büngener starb am 21. 1. 1899. Bruder Ernst berichtete den Freunden ausführlich von der Beerdigung, zu der er 400 Meilen weit von Nebraska hergereist war. „Die Reise kostete uns über 50 Dollar.“ Lange Jahre hatten sich die Brüder nicht gesehen, Heinrich hatte den sehnlichen Wunsch gehabt, „meine Frau und ich sollten ihn doch noch einmal besuchen, ehe er sterben müsste. Wir hatten uns auch ganz darauf eingerichtet, dass wir im Herbst hinfahren wollten . . “
Alte vergilbte Briefe in ungelenker Schrift und in einer Orthographie, wie sie der kärgliche Unterricht einer einklassigen Dorfschule in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Schreibern vermittelt hatte. Aber wir müssen Hochachtung empfinden vor diesen Menschen, die keine Entbehrungen, keine Mühen gescheut und sich durch Fleiß, Strebsamkeit und Sparsamkeit emporgearbeitet hatten und erfüllt waren von einem unerschütterlichen Gottvertrauen. Die Familie Budde, die sich später Buddy nannte, breitete sich aus im neuen Lande, machte den großen Treck gen Westen mit zu neuem Land und neuer Arbeit. Sie war, mit dem Psalmisten zu sprechen, „wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringet zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht, und was er macht, das gerät wohl!“
Aus alten Briefen mitgeteilt von Wilhelm Süvern

Quelle: Heimatland Lippe 01/1970
Das Auswandererhaus-Bremerhaven

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