Bad-Meinberg – ein altes lippisches Heilbad

By Daniel Brockpähler (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Krankheiten durch Heilmittel, die die Natur bot, zu bekämpfen, ist so alt wie die Geschichte der Menschheit, wie die Erkenntnis von den Krankheiten überhaupt. Jahrtausende liegen zwischen dem primitiven Heilschatz babylonischer und ägyptischer Ärzte und dem therapeutischen Rüstzeug des modernen Arztes.
Ein Heilmittel hat aber durch alle Zeiten seine Geltung zu behaupten gewusst: Die Badekur. Nicht immer hat sie im Wandel der Zeiten bei gewissen Krankheitszuständen im Vordergrund gestanden, oft trat sie lange Zeit in den Hintergrund, zuweilen war sie Gemeingut aller, manchmal galt sie als das bevorzugte Heilverfahren besitzender Klassen, immer aber war, bleibt und ist sie ein wichtiges Heilmittel aller Zeiten und Völker.

So haben die großen deutschen Ärzte des Mittelalters, an ihrer Spitze Paracelsus, dann schon eine Lehre geschaffen, die die Badekur für alle folgenden Zeiten in das Rüstzeug der ärztlichen Kunst einbaut. Aus ihr entsteht im späten Mittelalter eine deutsche Badekultur, die sich bis zu frommen Wallfahrten zu den heilenden Quellen auswächst.
Der dreißigjährige Krieg unterbricht mit seinen Seuchen und Epidemien, die im Gefolge der alles verheerenden Kriegsfurie über die deutschen Lande rasen, die Entwicklung. Aber noch sind die Folgen des Krieges nicht völlig überwunden, da regen sich schon wieder die Menschen und suchen die alten Quellen auf, um mit ihrer Hilfe die Wunden zu heilen.
Dies ist auch die Zeit, in der Bad Meinberg in das Blickfeld der Geschichte tritt. 1676 besucht der lippische Hofmedicus Andräas Cunäus die Quelle zu Meinberg und erwähnt sie in seinem „Kurzen Unterricht“ über das Verhalten bei der Ruhr. 1678 aber liegt ein weiterer Beweis über das Vorhandensein einer gefassten Quelle in Meinberg vor, da nach einer Handwerker-Rechnung, die heute noch im lippischen Archiv liegt, die vorhandene Quellfassung völlig erneuert wird. Bei der soliden Bauweise unserer Vorväter aber muß schon viele Jahrhunderte vorher die Quelle bereits gefasst worden sein.
Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts reißen die Berichte über die Meinberger Quelle nicht mehr ab. Sie rückt in das Interesse des Landesherrn. Dem Grafen Simon Henrich zur Lippe (1649—1697) wird berichtet, dass die Zahl der „wilden Badegäste“ von Jahr zu Jahr wächst. Sein Nachfolger trägt sich bereits mit dem Gedanken, Meinberg zum „Curort“ auszubauen. Aber erst Graf Simon August geht an die Verwirklichung dieser Pläne. 1762 beauftragt er seinen Hofmedicus Dr. Trampel mit einer Untersuchung der Quelle. 1763 erhält der Amtmann Behmer zu Hörn den Auftrag, sich um den anscheinend Ärgernis erregenden Badebetrieb an der Quelle zu kümmern, wobei aber hervorgehoben wird: „Dem sicheren Vernehmen nach soll sich eine ziemliche Anzahl von Patienten bey dem Meinber-ger Brunnen und Bad befinden und solchen mit Nutzen gebrauchen“. Im gleichen Jahre übergibt der Arzt in Hörn und Freund Amtmann Behmers, Dr. Dettmer, dem regierenden Grafen eine „Brunnenliste“ mit über 200 Namen, von ihm behandelter Kurpatienten und wird daraufhin zum ersten Meinberger „Brunnenarzt“ bestellt.

Dr. Johann Erhard Trampel. Quelle: Heimatland Lippe

Anfang Januar 1766 ist es dann soweit, dass Dr. Trampel dem Grafen Simon August eine umfassende Eingabe mit Planzeichnungen des gräfl. Oberamtmanns Niemeyer aus Horn vorlegt. Er erhält den Auftrag zum Ausbau des neuen „Curortes“, in dem dann schon am 1. Juli 1767 die erste Kursaison beginnt.
Zu Beginn des Jahres 1767 befand sich der Brunnen mitten zwischen Äckern und Wiesen. Jetzt wird die Anlage eines Kurparks vorgesehen, zu dem die Grundstücke erworben werden, und der schließlich in der heute noch vorhandenen quadratischen Form mit seinen Kreuzalleen entsteht. Im Schnittpunkt der Alleen liegt ein hölzerner Badehausbau von einem „pagodenähnlichen“ Aussehen, der 1842 dem heutigen Brunnentempel weicht, wobei so leicht vergessen wird, dass der jetzige Brunnentempel mit seiner Säule, die das Schauglas für die Darstellung der Kohlensäure trägt, tatsächlich früher Badehaus war; denn im Innern befand sich ein schachtartiger Ausbau, auf dessen Grund die Kohlensäure austrat und den Schacht füllend den Kurgästen dazu diente, auf oben angebrachten amphitheatralisch angeordneten Bänken so tief zum Baden in das Gas einzutauchen, wie es verordnet war.
Als erster beginnt Dr. Trampel selbst mit dem Bau eines Logierhauses. 1769 baut er den ersten Teil des späteren Kurhauses „Zum Stern“, dem 1772 der linke Teil folgt, während die Verbindung der beiden Teile zu einem geschlossenen Ganzen durch einen Saalbau bereits 1773 erfolgt, und der „Stern“ das Gesicht bekommt, das er noch heute den Kurgästen zeigt. 1799 endlich kaufte die Regierung den ganzen Gebäudekomplex, nachdem Dr. Trampel, der sich in eine Hofintrige gegen den Fürsten eingelassen hatte, fluchtartig Lippe hatte verlassen müssen und 1793 nach Pyrmont übergesiedelt war.
Als erster Regierungsbau wird 1770 das fürstliche Logier- und Assemble‘ehaus inmitten des Kurparks, die heutige Badeverwaltung, aufgeführt. In dem saalartigen Erdgeschoss des Gebäudes finden Veranstaltungen für die Badegäste statt, während das obere Geschoss Sommersitz für die fürstliche Familie und Wohnung des Badkommissars wurde. Hier spielte auch seit 1776 das erste Kurorchester, zu dem das Hoboistenkorps des Königlich Großbritannischen und Kurfürstlich Braunschweig-Lüneburgischen Regiments verpflichtet wurde.

Ansicht von Meinberg 1774. Quelle: Heimatland Lippe

1775 ließ die Regierung ein Haus als „Herrschaftliches Haus zum Logis für die Brunnengäste“ bauen. Es führt seit 1782 den Namen „Kurhaus Rose“. Der Kostenanschlag sieht, der Absonderlichkeit wegen sei es hier vermerkt, die Verwendung von Material vom Abbruch der Meierei in Oesterholz und des Thurnschen Wagenschuppens und Schweinestalles in Horn vor. Zur gleichen Zeit etwa entsteht als erster Privatbau in der Nähe des Bades das Helwingsche Haus, das von dem Inhaber der Meyerschen Buchdruckerei in Lemgo, dem Regierungsrat Helwing, errichtet wurde, und den älteren Kurgästen noch seines Anstrichs wegen als „Rotes Haus“ bekannt ist und gegenüber dem heutigen Haupteingang lag. Es wurde erst im Jahre 1953 wegen Baufälligkeit abgerissen, nachdem es zuvor lange Jahre eine sehr beachtliche und angesehene Rolle als Hotel gespielt hatte. Ebenfalls im Jahre 1775 wird das Ballhaus, der jetzige Sternsaal, durch den Kriegsrat Faber und den Rittmeister von Flögen erbaut und 1777 von der Regierung übernommen. Der Saal erhält bis auf die 1959 erneuerte Decke seine heutige Gestalt, der 1898 die Veranda vorgebaut wurde.
Die Bäder wurden zunächst im Brunnentempel, der bald zu diesem Zweck zwei Anbauten erhielt, abgegeben, wenn nicht das Wasser zum Baden in Eimern in die Häuser geholt und dort erwärmt wurde. Die dabei benutzten Badewannen waren aus Stein. Eine davon ist heute noch im Kurpark am Ausgang zur „Rose“ zu betrachten. Da mit dem Bau des Ballsaales am „Stern“ die Säle im fürstlichen Logierhaus überflüssig wurden, verlegte man die Bäder in das zum Badehaus umgebaute Erdgeschoß des heutigen Verwaltungsgebäudes. Hier und in dem 1906 errichteten Anbau wurden noch bis zum Jahre 1952 alle Kohlensäurebäder, sowohl Wasserbäder wie Trockenbäder, abgegeben, bis sie nach der Errichtung des neuen Rosebades und mit der Verlegung des Lesesaals aus dem Sternbad zum Verwaltungsgebäude in die beiden Badehäuser wandern und den Raum für die Kurgastanmeldung und den Lesesaal freigeben konnten.

Die erste Kurliste.
Quelle: Heimatland Lippe

Außerdem wurde aber schon 1827 das neue „Russische- und Schlammbadehaus“ in der Verlängerung des „Sterns“ gebaut, das 1912 und 1930 erweitert wurde und sein heutiges Aussehen zur Parkseite erhielt. 1875 wird das erste Rosebad gebaut, das 1895 vergrößert und 1911 erneuert wird, aber schließlich 1951 dem Neubau des Rosebades weichen muss.
Das neu aufgebaute Bad entwickelt sich sehr schnell und erwirbt sich einen so guten Ruf, dass in allen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erscheinenden Schriften über die deutschen und europäischen Bäder das Bad nicht fehlt. Ihren Höhepunkt finden diese Berichte in der „Praktischen Übersicht der vorzüglichsten Heilquellen Deutschlands nach eigenen Erfahrungen“ von D. Christ. Wilh. Hufeland, dem damals wohl berühmtesten deutschen Arzt aus Berlin. Er beschäftigt sich eingehend mit Meinberg und schreibt: „Ich würde es solchen Kranken — (mit großer Reizbarkeit der Nerven) — um so mehr empfehlen, da auch der ländlich freundliche Charakter des Thals und die Abwesenheit der geräuschvollen Badewelt es für diese Klasse doppelt wohltätig machen.“
Aber auch die Meinberger Ärzte sind nicht müßig. In vielen wissenschaftlichen Schriften berichten sie über ihre Erfolge und Erfahrungen. 1770 erscheint als erste dieser Schriften die „Beschreibung der Meinberger Mineralquellen“ von Dr. Trampel, die schnell Verbreitung erlangt und schon 1778 in dritter, stark erweiterter Auflage vorliegt. In dieser Beschreibung gibt Dr. Trampel die erste Darstellung der Therapie der trockenen Kohlensäurebäder, wenn er sie auch noch Schwefeldunstbäder nennt, und schafft damit eine noch immer gültige Grundlage für die Behandlung von Kranken mit dem Kohlensäuregas. 1836 veröffentlicht der Hof rat Dr. Piderit eine Schrift, in der er die Bedeutung des Kurmittels Kohlensäure eingehend herausstellt. Beide Schriften, sowohl die Trampels wie die Piderits erscheinen, neben den späteren Arbeiten des Geheimrats Dr. Weßel zu Beginn dieses Jahrhunderts, noch heute in den Literaturverzeichnissen aller wissenschaftlichen Abhandlungen, die sich mit der trockenen Kohlensäure beschäftigen. 1832 aber veröffentlicht der Salzufler Apotheker Dr. Brandes zusammen mit dem Medizinalrat Dr. Kemper einen großen Bericht über die Meinberger Quellen, der in fast allen medizinischen Bibliotheken zu finden ist.

Das innere des Brunnenhauses 1778. Quelle: Heimatland Lippe

Im übrigen beschäftigen sich schon Piderit und dann auch Brandes mit dem seit 1820 für Meinberg neuen Kurmittel, den Moorbädern. Dem Brauche der damaligen Zeit entsprechend werden sie, wie heute noch in anderen Bädern, als Schwefelschlammbäder bezeichnet.
Mit der Einführung der Moorbäder in die Kurmittelformen des Bades beginnt eine ganz neue Zeit für Meinberg. Allmählich gewinnt das Moor die größere Bedeutung, bis es schließlich, als es um die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts stiller wird um Bad Meinberg, das Hauptkurmittel darstellt, und man in der Zeit vor dem letzten Kriege allgemein nur noch von dem Moorbad Meinberg spricht. Die Kohlensäurebaderei wird etwas stiefmütterlich behandelt und bleibt im Hintergrund, bis in den Jahren 1951 und 1956 in der Südostecke des Parks die große Mofette (Kohlensäuregasquelle) erbohrt wird, die aus einer Tiefe von 277 m das chemisch nahezu reine Kohlensäuregas mit einem Druck von 25 Atmosphären entströmen lässt. Zur Zeit wird eine neue Mofette zur Sicherung des Bestandes gebohrt.
Ja, es wird stiller um Bad Meinberg. Nach den vielversprechenden Anfängen erreicht es erst im Jahre 1900 zum ersten Mal die Zahl von 1000 Kurgästen. Es
wird ein stilles, versponnenes Dasein für das Bad. Ein ganz bestimmter Kreis von Kurgästen, das gute und solide Bürgertum, hat das Bad mit seinem behäbigruhigen Charakter für sich eingenommen, hütet es mit aller Liebe und lässt es zu einem wahrhaften Familienbade des Industriegebietes werden. 1908 wird aus dem bis dahin Fürstlich Lippischen Bade eine Aktiengesellschaft, die nach einem ersten Auftrieb vor dem ersten Weltkrieg, nach diesem nur noch ein Verdienstobjekt in ihm sieht, es langsam zurückgehen läßt, bis nach der Inflation der junge Freistaat Lippe zugreift und das Bad als Staatsbad wieder in seine Obhut nimmt.
Und eine neue Zeit für Bad Meinberg kommt herauf. Ein physisch und psychisch zerschlagenes Volk blickt nach dem zweiten Weltkrieg hoffnungslos in die Zukunft. Und rafft sich auf. Der Marsch zum sogenannten „Deutschen Wirtschaftswunder“ beginnt. Trotz aller Errungenschaften der modernen Medizin hat die Zahl der chronisch erkrankten Menschen nicht ab- sondern zugenommen. Es fehlen Heilmittel, die neben ihrer chemischen oder physikalischen Wirksamkeit eine Behandlung des ganzen Menschen sichern.

Teilansicht des Moorlagers am Stinkebrink. Quelle: Heimatland Lippe

In diese Lücke stellt sich neben anderen deutschen Heilbäder auch Bad Meinberg.
Gerade die auf seinen natürlichen Kurmitteln, der Kohlensäure und dem Moor, beruhenden Heilanzeigen: Herz-, Nerven-, Kreislauf-, Frauenkrankheiten und die rheumatischen Krankheitsformen, sind es, die im Vordergrund des Abwehrkampfes stehen.

Sind es in der Zeit vor dem Kriege rund 3200 Menschen, die im Jahre nach Meinberg zur Kur kommen, so schnellen diese Zahlen nach dem Kriege in einmaliger Weise hoch.

1947 sind es 6 200 Kurgäste
1950 sind es 8 605 Kurgäste
1951 sind es 9640 Kurgäste
1952 sind es 10944 Kurgäste
1955 sind es 18 436 Kurgäste
1959 sind es 26935 Kurgäste
1960 sind es 27 860 Kurgäste
1966 sind es 32 644 Kurgäste

Wir können heute mit Stolz feststellen, dass es nicht eine Nachkriegskonjunkturerscheinung war, die die kranken Menschen hoffnungsfroh nach Meinberg kommen ließ, sondern dass es der gute Ruf von der Wirksamkeit der Kurmittel ist, der den Namen des Bades immer weiter trägt. Es ist der Dank der Menschen, denen geholfen werden konnte, die Meinberg zu rühmen wissen.
Aber dem Bade brachte dieser Krankenzustrom auch seine Sorgen. Die alten Kureinrichtungen reichten nicht aus. So sah sich der Landesverband Lippe als Besitzer des Bades veranlasst, in den Jahren 1951 und 1952 ein neues Badehaus, das Rosebad, zu errichten, das das erste seiner Art in allen deutschen Bädern nach dem Krieg war. Es wurde so groß angelegt, dass es der für Bad Meinberg noch zu erwartenden Zahl von Kurgästen, die man auf 10 000 bis 12 000 Kurgäste im Jahre schätzte, in einwandfreier Form gerecht werden konnte.

Wir können heute mit Stolz feststellen, dass es nicht eine Nachkriegskonjunkturerscheinung war, die die kranken Menschen hoffnungsfroh nach Meinberg kommen ließ, sondern dass es der gute Ruf von der Wirksamkeit der Kurmittel ist, der den Namen des Bades immer weiter trägt. Es ist der Dank der Menschen, denen geholfen werden konnte, die Meinberg zu rühmen wissen.
Aber dem Bade brachte dieser Krankenzustrom auch seine Sorgen. Die alten Kureinrichtungen reichten nicht aus. So sah sich der Landesverband Lippe als Besitzer des Bades veranlasst, in den Jahren 1951 und 1952 ein neues Badehaus, das Rosebad, zu errichten, das das erste seiner Art in allen deutschen Bädern nach dem Krieg war. Es wurde so groß angelegt, dass es der für Bad Meinberg noch zu erwartenden Zahl von Kurgästen, die man auf 10 000 bis 12 000 Kurgäste im Jahre schätzte, in einwandfreier Form gerecht werden konnte. Aber die Entwicklung ging darüber hinweg. Die oben angegebenen Zahlen reden eine deutliche Sprache.
Erneut trat an den Landesverband Lippe die Aufgabe heran, wieder zu helfen. Er hat sich trotz großer Bedenken und Sorgen dem nicht entzogen, sondern den Auftrag zum Bau neuer Kurmitteleinrichtungen gegeben, die in dem 1960 fertiggestellten Sternbad und im Parkbad, in dem alle die Kur unterstützende Nebenkurmittel untergebracht sind, sich darstellen. Wieder ist Bedacht darauf genommen, dass die Forderungen der Bäderwissenschaft aber auch die Forderungen der Wirtschaftlichkeit, denn das Bad muss sich ohne Zuschüsse selbst tragen, in neuzeitlichster Form erfüllt werden.

Kurhaus Stern. Quelle: Heimatland Lippe

Kurhaus Rose. Quelle: Heimatland Lippe

Neue Wandelhalle. Heimatland Lippe

Aber die Entwicklung ging darüber hinweg. Die oben angegebenen Zahlen reden eine deutliche Sprache.
Erneut trat an den Landesverband Lippe die Aufgabe heran, wieder zu helfen. Er hat sich trotz großer Bedenken und Sorgen dem nicht entzogen, sondern den Auftrag zum Bau neuer Kurmitteleinrichtungen gegeben, die in dem 1960 fertiggestellten Sternbad und im Parkbad, in dem alle die Kur unterstützende Nebenkurmittel untergebracht sind, sich darstellen. Wieder ist Bedacht darauf genommen, dass die Forderungen der Bäderwissenschaft aber auch die Forderungen der Wirtschaftlichkeit, denn das Bad muss sich ohne Zuschüsse selbst tragen, in neuzeitlichster Form erfüllt werden.
Besonders das Bewegungsbad muss erwähnt werden, weil unter den Nebenkurmitteln gerade die Gymnastik im Wasser zur Unterstützung der Kur inzwischen eine solche Bedeutung erlangt hat, dass nicht mehr länger daran vorbeigegangen werden konnte. Für die Ärzte aber bietet sich dadurch eine wesentliche Erweiterung der von ihnen gepflegten Kombinationstherapie, die dem gewünschten Kurerfolg stark zugute kommt.
Die Eigenart der Kur, die frei ist vom Zwang der klinischen Behandlung, die den Menschen hineinstellt in eine neue Umwelt und die von ihm die Energie verlangt, nur der Gesundheit zu leben, sie facht die natürlichen Abwehr- und Aufbaukräfte an und reißt den erkrankten und übermüdeten Organismus aus seiner Resignation heraus. Sie wendet sich nicht nur an die äußeren Formen der Krankheiten, sondern erfasst den ganzen Menschen. Parks, Musik, mancherlei Darbietungen lockern auf, lenken ab, geben der Seele neue Beschwingtheit und lassen den ganzen überreizten Menschen wieder zur Ruhe in sich selbst kommen. Non curatur, qui curat! Wer Sorge trägt, wird nicht geheilt! Darum wurde in Meinberg schon von jeher Wert gelegt auf die Pflege der Anlagen und der Musik, der der Landesverband Lippe durch den Neubau des Kursaales mit seinen 750 Plätzen im Jahre 1955 eine ansprechende, kultivierte Unterkunft bot, die heute bei schlechtem Wetter zum Kurkonzert oder bei anderen künstlerischen Veranstaltungen eine froh bewegte Menge in sich versammelt.

Der Kursaal wurde in Verbindung mit der Wandelhalle aus dem Jahre 1927, die außerdem 1965 durch einen Anbau erweitert wurde, errichtet. Daneben aber ist es die nun zwei Jahrhunderte gepflegte Gastlichkeit der Hotels und Fremdenheime, die offenen Herzen ihre Gäste aufnehmen und ihnen halfen, ihre Gedanken nicht mit der Sorge um das leibliche Wohl zu belasten.
Eins aber verdient zum Ende besonders herausgestellt zu werden. Es gehört zu den kleinsten unter den deutschen Ländern, dies Land Lippe, in der Erkenntnis seiner Verpflichtung dem deutschen Volk gegenüber aber gehört es zu den ganz großen und kann vielen zum Vorbild dienen. Von den Kurgästen, die im Jahre Bad Meinberg aufsuchen, stammen nur 6% aus dem Gebiet des ehemaligen Landes Lippe. Alle übrigen kommen aus dem Bundesgebiet. Stillschweigend erfüllt dieses Land das Gebot der Gastlichkeit und folgt der inneren Verpflichtung, die es aus dem Besitz so wertvoller, natürlicher Heilmittel gegenüber dem ganzen deutschen Volke empfindet. Großartig ist eine solche Leistung und umso höher zu bewerten, als es sich bei den beiden lippischen Bädern, Salzuflen und Meinberg, um zwei Bäder handelt, die in ihren Einrichtungen und Erfolgen mit an vorderster Stelle unter den deutschen Heilbädern stehen. Denn wenn von der Pflege der Volksgesundheit gesprochen wird, dann werden in deutschen Landen die lippischen Heilbäder Salzuflen und Meinberg mit hoher Anerkennung genannt.
Ein weiter Weg durch zwei Jahrhunderte hat das Gesicht dieses Bades geprägt. Ruhig und bescheiden will es seine Aufgabe erfüllen, fernab von jenem Hauch der großen Welt. Was 1815 Hufeland zu rühmen wußte, die „Abwesenheit der geräuschvollen Badewelt“ drückt 20 Jahre später
der Brunnenarzt Dr. Piderit so aus: „Brunnen- und Badeörter sind zunächst Heilanstalten für Kranke, nicht so sehr Vergnügungsörter für Gesunde. Die Freuden der Kurgäste sollen hervorgehen aus dem Gefühl wiederkehrender Gesundheit und neu erfrischter Lebenskraft. Wo dies Gefühl herrscht, da ist das Gemüt für Freude empfänglich und findet sie leicht“. Das aber ist das Geheimnis von Meinbergs gutem Namen und soll es auch bleiben.

Quelle: Heimatland Lippe 07/1967