Barntrup im Dreißigjährigen Krieg

Johann Anton Eismann 1656 [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Zur Zeit des Grafen Otto erlebt auch sein Paragial1Ein besonders ErbrechtGebiet Lippe-Brake die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, die auch an Schloß und Stadt Barntrup nicht spurlos vorübergehen. Zuerst rückt 1621 Herzog Christian zu Braunschweig und Lüneburg mit einer „Armada von Soldaten zu Fuß und zu Pferd“ an die Weser vor und fällt in die Grafschaft Lippe ein….
Dann kommt 1624 Feldmarschall Tilly nach Lippe. Graf Simon, der Landesregent, und Otto, der Braker Paragialherr, zogen 1622 von Amthaus zu Amthaus, von Vogtei zu Vogtei und haben die Untertanen gemustert, mit Musketen und Büchsen versehen und in Ordnung gebracht, damit sie dem Feinde gebührlich begegnen möchten.
Sie selber aber haben sich durch freundliche Empfänge und Heereslieferungen das Wohlwollen der feindlichen Truppen zu erringen versucht, damit Christian und Tilly ihr Kriegsvolk in die angrenzenden Länder führe, in die Grafschaft Schaumburg diesseits der Weser, nach Ärzen, Pyrmont, Waldeck und in die angrenzenden Länder. Als Christian von Braunschweig das zweitemal über die Weser ins Lippische vordringt und von Levin von Donop, dem Drosten von Blomberg, 4000 Laib Brot, 5000 Himbten2Altes Braunschweiger Hohlmaß, dessen Eichung auf den Originalhimbten von 1567 zurückgeht. Gebräuchlich für Getreide, dessen Gewcht je nach Feuchtigkeit und Verunreinigung unterschiedlich ausfiel. Ein Himbten Roggen entspach 1750 etwa 46 Braunschweiger Pfund, ein Sack Getreide waren etwa 6 Himbten.Habern, und 50 Faß Bier fordert, kommt Graf Otto selbst nach Blomberg und in des Rittmeisters Quartier und reitet mit ihm nach Bardendorf zur Burg und bestellt daselbst eine große Anzahl an Brodt und Habern, welches sogleich nach der Hämelschenburg geführt wurde. Er selbst aber mahnt den Drosten zu Barntrup, mit „Herzog Christian von Braunschweig nach Gebühr fürzugehen, damit die lippischen Länder verschonet, Land und Leute Gnad erlangt…“

Der obere Hof in Barntrup, rechts vermutlich das Ostertor. Kupferstich von Elias van Lennep 1663

Der obere Hof in Barntrup, rechts vermutlich das Ostertor. Kupferstich von Elias van Lennep 1663

Mit viel diplomatischen Geschick und persönlichem Kontakt zu den großen Feldherren des Dreißigjährigen Krieges steuert er sein Land durch die Fährnisse und Schrecken des Krieges. – Besonders das flache, ungeschützte Land hatte durch Requirierungen zu leiden. Als von Hameln her General Graf von Pappenheim durch unser Gebiet auf Lemgo zu rückte, traf im Schloß Brake am 3. Februar 1632 bei Graf Otto die Nachricht ein, dass in Sonneborn und Barntrup mehrere feindliche Regimenter lagerten und man nicht aus noch ein wisse. Graf Otto hatte vorher alle seine Drosten und Amtleute angewiesen, die Bevölkerung aufzufordern, in den Wäldern Schutz zu suchen. Aber durch die Länge des Krieges und die vielen Durchzüge und Überfälle war der Widerstandswille erlahmt. Auf der herrschaftlichen Burg in Barntrup  residierte damals Stats von Wulfen, ein sehr selbständiger Mann – auch dem Grafen Otto in Brake gegenüber. Es herrschte Mangel und arge Not, dazu lag Barntrups Burg inmitten der sich jahrelang hinziehenden Auseinandersetzungen um die Städte Lemgo, Minden, Hameln und Höxter. Als sich 1647 sehr viele Schwedenvölker Barntrup und anderen Orten nahen, läßt Graf Otto über Drost Staches von Wulfen wiederum ermahnen, aus dem Flecken zu wegzuweichen und die Sachen an wohlverwahrte Orte zu bringen. Aber sie hörten nicht darauf, geben an, es sei Wintertag, wüssten mit den ihrigen nirgends zu bleiben, hätten das Korn in den Häusern und andernorts nichts zu leben. Sie bitten stattdessen, in dem Schreiben des drosten an Graf Otto, dass „derselbe uns mit guter „Salvaguardie“3Die Sauvegarde (auch Salvaguardia) hieß bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine Schutzwache für einzelne Personen, Häuser, Korporationen und sonstige Anstalten in Feindesland.von der Hauptarmee beordern möchte“.

Einer der hier ansässigen Edelleute, Franz Christoph von Kerßenbrock, erlebte kurze Zeit später zusammen mit Nolterus Clausing in Münster (1648) die feierliche Friedensverkündung. Die beiden lippischen Vertreter sollten bei den kaiserlichen und schwedischen Gesandten die besonderen lippischen Anliegen vertreten, wie Aufschub und Erlass der Kontributionen4In der Neuzeit vom Fürsten eines Landes erhobene Sondersteuer, insbesondere zur Finanzierung des Militärs.und Lieferungen, Verschonung mit weiteren Einquartierungen und Wiederherstellung der lippischen Rechte in den Klöstern Cappel (bei Lippstadt) und Falkenhagen. Auf die Schilderung des historischen Ereignisses antwortete die lippische Regierung in einem Empfehlungs-schreiben an ihre Sondergesandten: „Dem Allerhöchsten sei ewig Lob, Preis und dank gesagt, dass der so lang desiderirte liebe Friede nun dermaleins ist verabhandelt und geschlossen. derselbe wolle uns auch nach seinem gnädigen Belieben bald desselben wirklich genießen lassen und die hoch bewerte Leute aus dem großen Elend und jammer erretten.“ (Kittel, Geschichte des Landes Lippe. Kön 1957, S. 109).

Nach dem großen Krieg

Der unselige Dreißigjährige Krieg hatte Barntrup arg mitgenommen. Einquartierungen, Plünderungen hatten es heimgesucht, dazu eine Feuersbrunst im Jahr 1636 bei der die Kirche und viele Häuser ein raub der Flammen geworden waren. Aber die herrschaftliche Burg am Osttor und das adelige Schloß der Familie Kerßenbrock hatten diese schreckliche zeit überlebt. Auf der Burg residierte noch Drost Stats von Wulfen und sorgte in den Nachkriegsjahren dafür, dass Graf Otto von Brake das ihm zustehende Mastgled aus den herrschaftlichen rechten pünktlich bekam. Hude und Mast bewegten in damaliger Zeit das wirtschaftliche Leben. Im Jahre 1653 hören wir, dass zwei Schweinehirten zehn Wochen hindurch für 20 Taler Lohn die herrschaftliche Schweineherde von 160 „Schweinheuptern“ hüten, davon 75 „freie“, d.h. nicht zahlende, und 85 „zahlende“, von denen der Paragialgraf  in „Brake“ je Stück 1 Taler kassierte. In dem Flecken sprach man von „Burgschweinen“ und „Flecken“- oder „Zahlschweinen“. Die Mastrechnung von 1653 weist aus, dass Drost von Wulfen allein 60, die beiden Pastoren von Barntrup und Sonneborn, der gräfliche Richter, der Sonneborner Bauernrichter, der Holzförster je zwei, die Küster zu Sonneborn, die beiden Schweinehirten sowie auf gräflichen Befehl die alte Pastorsche und der Küster je ein Mastschwein frei hatten. Wir können uns vorstellen, dass schon vor dem Masteintrieb eifrig Nachrichten ausgetauscht wurden, wieviel Eichel- und Buchernte man zu gewärtigen habe. Auch aus dem Braunschweigischen wurden in manchen Jahren bei uns zahlende Schweine eingetrieben. Zu dieser Zeit der vorwiegenden Naturalwirtschaft, waren die Kellerräume der Burg nach der langen Hungerszeit des Krieges immer gutbestückt und gerüstet für Besuch aus dem Lande und der Nachbarschaft, ja aus weiter ferne.

Am 9. Oktober 1703 kehrte auf der Burg, damals „Amtshaus“ geheißen, König Carl III. von Spanien ein [livicon name=“sign-in“ htmltag=“span“ size=“15″ color=“#3a7cba“ hovercolor=“#208CD5″ animate=“true“ loop=“false“ eventtype=“hover“ onparent=“false“ duration=“500″ iteration=“2″ link=“http://heimat.lippe-owl.de/ein-koniglicher-einzug/“ target=“_self“]. Wir wissen aus einem Bericht, dass der König mit 16 Personen, 460 Vorspannpferden und 46 Wagen anlangte und „auf dem Amtshaus“ logieret hat, der ganze Weg dahin – von Hameln kommend – mit Fackeln und Lichtern erleuchtet gewesen und dabei vom Landesausschuss und Bürgern paradiert worden, des folgenden Tages aber zu Detmold eingekehret „. – Gebäude und Hof der weiträumigen herrschaftlichen Burganlage konnten also zu dieser Zeit allerlei Gäste aufnehmen. Fünf Jahre später nach Carls III. besuch ging es wieder hoch her auf dem Amtshaus und in der Stadt. Im Juli 1708 suchte Ihro Majestät von Portugal Barntrup heim. da gab’s viel Vorbereitungarbeit. Allein 700 Vorspannpferde mussten bereitgestellt und der weg für die königliche Majestät hergerichtet werden. Auch dieses Ereignis brachte viel Unruhe in den damaligen kleinen Flecken und Arbeit bei den katastrophalen Wegeverhältnissen.
Als das paragium Brake-Lippe mit dem Tode des Grafen Ludwig Ferdinand 1709 erlosch, ließ der regierende Landesherr aus Detmold sofort Brake und die erledigten Ämter dieser paragiallinie „hinwiederum in possession nehmen“, dadurch Bückeburgs Ambitionen zuvorkommend. Auch die frühere Burg, jetz schon „Amtshaus“ in Barntrup, wurde besetzt. Schon am 16. August 1709 forderte die Gräfl. Lipp. Reg. Kanzlei den Amtmann zu Barendorf auf, die auf dem „Schloß zu Barntrup“ sich noch befindlichen Soldaten wieder nach Detmold zu senden. Amtmann Krieger wird befohlen, mit Fleiß wie bisher das Schloßtor zu bewahren, während die Bürger die übrigen Tore bewahren sollen. Schloß und Tore spielten noch das ganze 18. Jahrhundert hindurch eine Rolle für die Sicherung des Fleckens. Abends wurden die Tore geschlossen, auch während des Gottesdienstes. Als Lieutenant von Heyderstadt den Barntrupern befiehlt, die Tore bei Tag und Nacht zu bewachen, fragen am 12. März 1755 Bürgermeister und Rat an, wie sie es mit den „Torwachen“ halten sollen. Soll man auch den durchreisenden Passagieren die Tore sperren, „indem die Herrstraße und passagie von Blomberg durch die Stadt nach Bückeburg geht?“ Die Landeskanzlei in Detmold antwortet: „die Verordnung beziehe sich keineswegs auf durchreisende Passagiere, sondern nur auf fremde Truppen oder bewehrte Mannschaft, auch die Wacht bei Tag und Nacht zu kontinuieren, jedoch mit dem Bescheid, dass keine Passagiere bei Tag angehalten werden.“
Zu dieser Zeit hatte sich das Schloß zu einem Amtshaus — im Volksmund kurz „Burg“ oder „Oberer Hof“ — mit seinen vielen Wirtschaftsgebäuden und den anschließenden Hofgärten, die das große rechteckige Areal im Osten und Norden umrundeten, als „Holzhof“, „Schäferhof“, „Baumhof“ und „Meierhof“ zu einer ansehnlichen Meierei oder Domäne entwickelt. Es fanden um einzelne Flurstücke zwischen Landesherrschaft und den von Kerßenbrocks mancherlei Verkäufe und Austauschhandlungen statt zwecks Arrondierungen auf beiden Seiten. Noch Mitte des vorigen Jahrhunderts führte ein großes Eingangstor von der Mittelstraße auf den Burghof, der ringsum von Wirtschaftsgebäuden umsäumt war. Das Brennereigebäude, so vermutet man, mag den Oberrest der alten herrschaftlichen Burg im Kern erhalten haben, das spätere Herrenhaus noch die Reste des Schlosses, das Elias van Lennep 1663 auf Kupferplane stichelte. Kornhaus, Stallungen, Schäferei- und Backhaus diente der Meierwirtschaft. Die Meiereipläne von 1765 und 1832 lassen der Phantasie Spielraum. Erwiesen ist, dass das Backhaus auch eine Zeit lang als Gefängnis diente und Zigeuner und Diebe darin von Schützen bewacht wurden. Auf dem Burggelände befanden sich auch ein Teich und ein Brunnen. Jener ist später zugeworfen, dieser zugemauert worden. Alte Barntruper Bürger wissen noch von dem Brunnen zu erzählen, der nach Bürgermeister Johmann eine beachtliche Tiefe gehabt haben muß. Als im Juni 1858 ein großer Brand die Stadt heimsuchte, 50 Häuser zerstörte und 84 Familien obdachlos machte, sind auch die meisten Burggebäude eingeäschert, nur eine Scheune blieb erhalten. Zu dieser Zeit war das eigentliche Meiereigelände als Domäne schon nach Sevinghausen verlegt und hatte auch den Namen „Burg“ mitgenommen und bis heute im Volksmund bewahrt.
Bis zur Neubildung der Großgemeinde gehörte sie nach Sonneborn. Bei der Verlegung 1830 tauschte die damalige Rentkammer, heute Domänenverwaltung des Landesverbandes) mit mehreren Bürgern Grundstücke aus. Einige Jahre vor dem Brand hatte schon Max von Kerßenbrock den Burghof gekauft. Ein Grundstück von ca. lVi ha überließ von Kerßenbrock der Stadt für 30 000 Mark. Die Stadt vereinzelte das Gebiet dann an Bauinteressenten. Einen Teil erwarb die Familie Steneberg und errichtete auf dem Gelände eine moderne, weiträumige Tabak- und Zigarrenfabrik, die später mit guten Erzeugnissen den Namen weit über Barntrups Grenzen hinaustrug und in den besten Jahren 300 bis 400 Arbeitern Beschäftigung gab und den ersten Industriezweig in unserer Stadt entwickelte.

Quelle: „600 Jahre Stadt Barntrup 1376 – 1976“, zu beziehen unter http://heimatverein-barntrup.com/