Barntrup im Wandel der Zeit

Windmühle auf dem Saalberg bei Barntrup. Aquarell von Emil Zeiß 1869

Splitter und Fakten geschichtlicher Vorgänge aus einigen Gebietsteilen unserer neuen Großgemeinde Stadt Barntrup

Unsere Kurznachrichten aus älterer geschichtlicher Zeit sollen zeigen, daß auch eine lange historische Entwicklung unseren neuen Raum mit geprägt hat.

Schon aus der Mittel- und Jungsteinzeit sowie Bronzezeit besitzen wir Fundstücke aus unserem Gebiet. Es sind Äxte, Beile und Hacken aus Granit, Gneis, Kieselschiefer und Feuerstein, glatt geschliffen, zum Teil durchbohrt, die aus der Jungsteinzeit stammen. Aber auch aus der vorhergehenden Periode wurden bei Beilenbruch Klingen, Messerchen, Schaber, Kratzer, Pfeilschneiden und Spitzen von mittelsteinzeitlichen Menschen gefunden, die damals an einem heute verlandeten Teich bei Wülfentrup wohnten. Eine reich verzierte Hammeraxt mit konischen Nacken fand man im Frettholz. Aus der Bronzezeit stammen die sieben Steinhügelgräber bei Herborn am Saalberge und das große Grab auf dem Blomenstein oberhalb Sommersell. Das eine 1928 geöffnete und untersuchte Hünengrab von Herborn ergab ein vollständiges Skelett mit 32 Zähnen, dazu eine Gewandnadel. Das königliche Grab von Sommersell-Blomenstein mit einem
Durchmesser von 16 m und 1 m hohen Steinpackungen brachte ans Tageslicht außer einer Fibel mit geschwollenem Hals ein reich verziertes Absatzbeil des westeuropäischen Typs, zu dem eine einzigartige Schaftzwinge gehört. Alle Funde wurden im Lippischen Landesmuseum Detmold Abt. Vorgeschichte sichergestellt. Außer den Steinhügelgräbern bei Sommersell und Herborn finden sich in unserem Gebiet noch Erdhügelgräber im Krähenholz, auf der Gaffel und im Frettholz, die z. T. bei Siedlungsvorhaben zerstört wurden. Gefundene Tonscherben von Totenurnen traten auch südwestlich des Großen Laufnacken am Haidknapp zutage bei Anlage eines Forstweges. Alte Gräber häufen sich oft an alten Fernverkehrswegen und weisen auf prähistorische Zeit, so an der Gaffel (Hameln-Blomberg), Frettholz, Haidknapp (Lemgo-Pyrmont), Teut (Humfeld-Alverdissen-Ärzen).

Geräte der Jungsteinzeit aus Bega, Humfeld, Marksberg, Hohensonne, Asmissen, Sibbentrup und Barntrup. Quelle: Heimatland Lippe

Zu allen Zeiten war der Osten unserer neuen Gemeinde altes Grenzgebiet. In Karolingischer Zeit verlief hier bei Sonneborn die alte Gaugrenze zwischen Wethi-und Tilithigau, die später zur kirchlichen Einteilung genommen wurde. So kam es, daß Sonneborn und Alverdissen mit den Extertalgemeinden zum Bistum Minden abgegrenzt wurden, während der Wethigau zu Paderborn kam. Die heutige Ostgrenze unserer Gemeinde ist zugleich Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und deckt sich fast mit einer uralten Grenzziehung aus dem 13. Jahrhundert. Das Gebiet um Ärzen, das dem Grafen Hermann von Everstein gehörte, berührte hier die Herrschaft Graf Heinrichs von Sternberg, und man legte durch einen Vertrag vom 5. Juni 1226, am Bonifatiustag, die Grenze fest, unter Zuziehung von 12 Altsassen auf beiden Seiten. Sie kommt von der Weser und führt über Posteholz und weiter „hinter dem Boldenkoven hinauf an die Kirche zu Reyne, wieder herunter in den Reyner Bach, hinter dem Molenberge her nach der Linde zu Dudenßen“ nach Reher und Grießem… die Bußen-Grund herab bis an die Emmer.“ Noch heute können wir diese schon über 700 Jahre alte Grenze bei Dudenhausen, hinter Kropsheide und im Hegerholz verfolgen, und es könnte reizvoll sein, am „Tag des Baumes“ hier mit den Schulen und Oberförster Linneweber einen uralten Schnadgang zu machen und so Gegenwart und Vergangenheit zu verknüpfen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das alte Bauern-und Kirchdorf SONNEBORN zwischen dem knickreichen Saalberg und Knabberg, ein Reihendorf im schmalen Tal, das sich von Norden nach Süden erstreckt und hier auf die alte Kölner oder Brabanter Heerstraße mündet, auf der im 17. Jahrhundert einmal Einkäufer bis tausend Hammel westwärts trieben, die sie auf Osterröden, Wierborn und Mönchshof eingekauft hatten. Kirchspiel Sonneborn blieb nur klein und mußte deshalb seelsorgerisch von auswärts mit versorgt werden. Abseits vom Verkehr, auf mageren Hangböden mit nur geringen Wirtschafts- und Lebensmöglichkeiten, verdoppelt sich die Bevölkerung nur im Ablauf von drei Jahrhunderten und wurde dann wieder rückläufig.
Die Christianisierung scheint von der Weser aus erfolgt, Ärzen die Mutterkirche und Ohsen das Archidiakonat gewesen zu sein. Da aber Sonneborn zur Grafschaft Sternberg gehörte, wünschten die Stern-berger durch Schenkungen Sonneborn an ihre Grafschaft und später an Lippe zu binden. In den Archidiakonatsverzeichnis-sen von Minden und Paderborn ist Sonneborn nicht aufgeführt.
Die älteste Urkunde über Soneborn ist vom Jahre 1381. Am 22. September 1381 (Tag Mauritii) „schenken Graf Heinrich V. von Sternberg und sein Sohn Johann drei Kotten zu Bega, welche bisher von einer Nonne des Klosters Lemgo als Leibgedinge besessen, ihnen aber jetzt heimgefallen sind, der Kirche zu Sonneborn, wofür der Kirchherr jährlich drei Memorien für sie und ihre Vorälteren, des Abens Vigilien, des Morgens Messen, an bestimmten Tagen halten sollte.“
Schaut man heute vom heckenreichen Saalberg oder Knabberg aus auf die Talsiedlung Sonneborn hinab, gewahrt man, daß sich die Häuser des alten Ortskernes um die Kirche schmiegen, wie die Küken um eine Henne, und der alte Kirchturm, quadratisch und sehr massiv, erzeugt den Eindruck einer aus alter Zeit stammenden Wehrkirche, in der die Sonneborner in Notzeiten einmal Schutz und Zuflucht suchten. Der Turm stammt sicher noch aus der Entstehungszeit. Betritt man das Kirchenschiff, das zwar jünger als der Turm ist, wird einem durch die tiefherabgezogenen Kreuzgratgewölbe und die romanischen Gewölbenkonsolen ein archaisches Raumgefühl vermittelt, als steige man in eine Krypta, eine eigenartige Stimmung entsteht, beschützend, ernst und feierlich wird einem zumute.
Die Geschichte der Kirche und des Ortes Sonneborn ist eng verwoben mit dem Rittergeschlecht der von Kerßenbrocks. Die Außenseite der Kirche zeigt das Kerßenbrocksche Wappen mit der Jahreszahl 1518. Im Jahre 1524 wurde der größte Teil des Kirchspiels Sonneborn durch den Grafen Simon V. an die von Kerßenbrocks verpfändet und als „Gerechtigkeit in Sunneborne“ im Depositum des Kerßenbrockschen Hausarchivs erwähnt in den Jahren 1537, 1551 und 1564.
Im Jahre 1564 löste Graf Hermann Simon zur Lippe und Pyrmont Spiegelberg den an die Kerßenbrocks verpfändeten Teil Sonneborns wieder aus, der vier Jahrzehnte Pfandobjekt war. Das hatte sowohl eine lokale als auch landesherrliche Bedeutung. Bernhard VIII., der Vater Simons VI., hatte in einem Teil seines Landes als Paragialherr seinen Bruder Hermann Simon eingesetzt, zu dessen Paragialbesitz die Grafschaft Sternberg gehörte. Durch Heirat Hermann Simons mit der Gräfin Ursula von Pyrmont Spiegelberg war er zugleich Herr dieser Länder. Durch den Tod Hermann Simons Anno 1576 und das frühe Absterben seines Sohnes Philipp 1583 fiel der Paragialbesitz Sternberg wieder an Graf Simon VI. von Lippe zurück, damit eine gefahrvolle Teilung des Landes beendend.

Evangelische Kirche Sonneborn

Die Sonneborner Kirche birgt zwei kunsthistorische Schätze. Da ist einmal der schon über 600 Jahre alte, von Gertrud von Bega gestiftete Abendmahlskelch mit den gotischen Majuskeln im Fuß des Kelches: „DOMINA GERTRUD DE BEGA ISTUM CALICEM DEDIT“. — Ferner die im Kircheninnern wiederentdeckten, vorreformatorisdien Fresken. Als vor einigen Jahren die Alverdisser, Barntruper und Sonneborner Kirchen — es sind die Kerngebiete unseres neuen kommunalen Raumes — im Innern restauriert, stilgerechter, einfacher und dem Empfinden unserer Zeit nach Klarheit und Echtheit angepaßt wurden, entdeckte man in Sonneborn unter dem Deckenanstrich und an den Wänden Malereien von großer Vollkommenheit, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament und Illustrationen aus dem Katechismus Luthers darstellen.
Graf Hermann Simon hat diese Fresken malen und sein und seiner Gemahlin Wappen anbringen lassen, nachdem er 1564 Patron des Kirchspiels geworden war. Wahrscheinlich hat hernach Simon VI. die Fresken überpinseln lassen, nachdem er zur reformierten Lehre übergetreten war. „Cuius regio eius religio“. 1538 hatte sich nämlich auch in Lippe die Reformation durchgesetzt und an zwei Generationen geformt und dann den Sonneborner Kirchenfresken lutherischen Geist eingeatmet.
Wie heute das alte Wappen der Gemeinde mit „Sonne“ und „Born“ auf den großen Quell- und Bornreichtum des oberen Humme- und Begatales hinweisen, so scheint man sich auch schon in alter Zeit Gedanken gemacht zu haben über die Bedeutung des Namens. In der Kirche befindet sich ein alter Christuskopf aus der Zeit der frühen Romanik, der umgeben ist von einem Strahlenkranz. Zu allen Zeiten haben sich die urwüchsigen und festfreudigen Sonneborner verbunden gefühlt mit Sein und Ewigkeit und dem Ausdruck gegeben in den Inschriften ihrer Glocken. Die älteste Glocke aus dem Jahre 1527 trägt die Inschrift: „Mara yok heit, got latt yes geneiten.“ Und die neue Glocke von 1928 läutet ins Tal aus dem Geist des Angelus Silesius: „Das Sonneborn der Zeit zum Sonneborn der Ewigkeit.“
Nach ihrem Herkunftsort tragen einige Pastöre den Namen Sonneborn in die Lande, so 1334 Presbyter Johann von Sunnen-borne als Zeuge bei einer Altarstiftung in St. Johann in Lemgo, 1464 Jakob Sune-born als Kirchherr in Barntrup, der ein Stück Land an Gerke Werpup verkauft. Zur Zeit Simons VI. erlebt Sonneborn eine Kirchenrevolte, als man Luthertum und Calvinismus vereinigen wollte. Schon 1602 gab es Spannungen, als Frauen aus Sonneborn nach Löwensen bei Marienmünster gepilgert und dort dem Heiligen Patroklus, dem Patron der dortigen Kirche, geopfert hatten. Wie am Braker Hofe sollten auch in Sonneborn Bilder und Kruzifixe entfernt, die Oblaten abgeschafft und das natürliche Brotbrechen beim Abendmahl eingeführt werden. Da gab es Sturm gegen die calvinistischen Eiferer. Die Sonneborner protestierten beim Pastor und läuteten mit den Kirchenglocken zum Aufruhr.
„Die Sonneborner müßten immer die Ersten sein, sagten die Braunschweiger!“ meutern die einen, „Der Pastor soll solange warten, bis die Barntruper auch so weit sind. Sie wohnten an der Grenze!“ drohen die andern. Gräfliche Beamte erscheinen und verhören die Rädelsführer am Ort: Meyer, Hase, Budde, Sluter, Storok. Der Aufstand ergreift das ganze Dorf. Auch der Patron des Dorfes, Rab von Kerßenbrock und seine „Meier“, sind auf ihrer Seite. Das Ende: Nicht nur die Rädelsführer, auch ihre „Konsorten“ und Bundesgenossen werden mit Strafe belegt, jene mit 80, diese mit 120 Taler, darunter auch die Eigenbehörigen. Da gehen die Wogen hoch! Die Protestanten zerfallen unter sich, lang klingt die Erregung nach. Wie’s auslief? Das Ende liegt im Dunkel.

Schwere Zeiten bringt der Dreißigjährige Krieg für Sonneborn. 1636 plündern die Schweden „wie Heiden und Türken“ und rauben den Abendmahlskelch. Die Bewohner fliehen in den Elkenberg und ins Obere Bodenholz und Hegerholz. Gestalten ä la Grimmelshausen geistern durchs Land. Der Krieg muß den Krieg ernähren. Einmal schwemmt das Kriegsvolk einen Feldgeistlichen ins Dorf, der sich dort niederläßt. Schon vorher ist einer als Kirchherr eingesetzt, der sich im Blomberger Becken an Bauernrequisitionen beteiligt hat. Drost von Wulffen hat ihn trotzdem mit Willen des Braker Paragialgrafen eingesetzt. Das ist dem Detmolder Landesherrn zu viel, und er läßt dem von Wulffen sein Vieh pfänden. Es war kein Wunder, daß Pastor Stivarius, als er 1645 nach Sonneborn kam, eine „ausgepowerte Gemeinde“ fand, „die meisten waren gewichen“, von 74 Kolonaten noch 48 vorhanden. Auf kargem Boden und bei kärglichen Ernten waren die Kinder in der Landwirtschaft stark eingespannt, waren oft „bejahrte Subjekte“, ehe sie Unterricht und Erziehung sporadisch genossen. Pfarre, Kirche, Schul- und Küsterhaus waren in einem kläglichen Zustand. Es war damals ein Dorf an der Grenze! Eine zwar alte, aber keine gute alte Zeit!

Geblieben sind die reizvolle Landschaft mit dem Naturschutzgebiet, die gute alte Kirche mit den denkwürdigen Fresken, aber neu bringt Sonneborn in die beginnende kommunale Ehe: Ein neues Pfarrhaus, eine Schule, einen Kindergarten, eine Wasserleitung, ein gutes Wegenetz und verkoppelte Ländereien und dazu eine blühende Küchenmöbelfabrik und vieles mehr.
Wenden wir uns nun dem Flecken ALVERDISSEN zu, einer planmäßigen Gründung der Grafen von Sternberg, vorübergehend Residenz der Paragialherren von Lippe-Alverdissen, später Sitz des Amtsgerichts und der Amtsgemeinde Sternberg-Barntrup.

Alverdissen: Aquarell von Emil Zeiß (1872)

„Alwert, kumm in’t Hius, wüi witt no’n Hettberge un Holt halen!“ hörte ich einmal einen Vater „am Bruchwege“ seinem Jungen zurufen, als mich als Schüler vor 50 Jahren mein Richtweg von Bösingfeld über die Scharbke durch Alverdissen zur Bahnstation in Barntrup führte. Da haben wir die Namenserklärung des Ortes: AIwert = Albert, Sippe der Alberts, Albertinger, Siedlung Albertinghausen, woraus dann Alverdissen entstand. Aber sicher wohnten schon früher in der Bronzezeit hier im Quellgebiet der Exter wie am Herborn und am Waldrand des Blomensteins bronzezeitliche Siedler.
Genaueres hören wir über Alverdissen durch die Sternberger Edelherren. Auf ihren Ritten hatten sie die Stadt Lemgo kennen gelernt und wünschten, in ihrer Herrschaft auch stadtähnliche Flecken zu haben, und so legten sie nach dem Modell Lemgos gleich dreimal Flecken im oberen Exter- und Begatal an, dabei vielleicht schon vorhandene Kleinsiedlungen zu geschlossenen Anlagen vereinend.

Es entstanden Bösingfeld, Alverdissen und Barntrup, alle drei nach demselben rundlinghaften Dreistraßenschema, im Kern heute noch vorhanden. Es ist, als habe der Sternberger Graf und sein Siedlungsplaner, von Lemgo durch die Sternberger Waldungen heimreitend, den dortigen Stadtplan der Lipper in sein Herrschaftsgebiet projiziert, nur hier umgekehrt als in Lemgo. Durch die elliptischen Gebilde der alten Kernsiedlungen führt eine Mittelstraße, von der sich sichelförmig zwei Nebenstraßen abzweigen und am Ortsausgang wieder vereinen, Nord- und Südstraße in Bösingfeld, Obere und Untere Straße in Barntrup und Vordere und Hintere Straße in Alverdissen.
Schwer durchdringliche breite Knicks aus Dornen, Wildrosen, Hainbuchen und Baumbeständen gewährten den Bürgern Schutz in den mittelalterlichen Fehden. Es waren teils natürliche, teils künstliche Befestigungen, welche die Flecken umwehrten und für die Hauptstraße Durchlässe für dicke eichene Bohlentore hatten, die abends und bei Gottesdiensten geschlossen wurden.
Heute sind da im Laufe der Zeit Knickgärten entstanden, wo damals Hägen und Landwehren schützten. Nur die Volkserinnerung hat in Flurnamen jene Bedeutungen übermittelt. So spricht man in Alverdissen von „oben und unten vor dem Torteich“, vom „Mente- und Torteich“, die von zwei im SW vor dem Ort entspringenden Quellbächen gespeist werden, die als Exter Alverdissen von drei Seiten umfließt. Auch das alte „Bruch“ bildete einen guten Schutz. — In Barntrup erinnert „Ostertor“ und „Niederes Tor“, „Hinterm Hagen“, „Inner Lammert“ oder „Lammertsbach“ u. a. an jene ferne Zeit.
Im Nordostwinkel, den die Exter bildet, hat sicher auch das älteste Sternberger Grafenschloß in Alverdissen gestanden, das 1386 in einer Urkunde erwähnt wird und 1424 samt dem Flecken in der Lippe-Schaumburger Fehde zerstört wurde. Die Burgen aller drei Sternberger Flecken lagen an der Nordostseite. Erst 1461 wurde dieses erste, im Jahre 1424 zerstörte Schloß in Alverdissen wieder aufgebaut und an Gerke Werpup verpfändet. „Slot un Wigbelde“ heißt es in der Urkunde. Dieses zweite uns urkundlich bekannte Schloß, ein „Steinwerk“, hat 200 Jahre gestanden. Dann ließ es Graf Friedrich Christian, ein Paragialherr und Bruder des lippischen Landesherrn, dem es wohl nicht mehr gut genug war oder zu verfallen, abreißen und 1662 ein neues Schloß bauen. Es ist das dritte Schloß auf dem nach Norden etwas abgeböschten Riedel inmitten der weiten Alverdisser Mulde.
Dies alte Schloß steht noch. Ursprünglich war es dreistöckig, zwei massive Stockwerke, darüber ein Fachwerkbau, der Anno 1927 abgetragen wurde, nachdem schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Turm in der Mitte abgebrochen wurde. Eine Inschrift in der NO-Ecke kündet: „Anno 1662 den 7. Juny had Graf Fridrich Christian G.Z.S.L.S. unter dieser Ecke den ersten Stein gelegt.“

Schloss Alverdissen – Foto: Grugerio, 2012

Das Alverdisser Schloß ist das einzige der Sternberger Schlösser, das noch eine Vorstellung vermitteln kann, wie solche Anlagen, „Steinwerke“, wohl ausgesehen haben mögen, wie sie auch in Barntrup und Bösingfeld standen. Nicht allzu groß waren sie, mußten doch damals zu gleicher Zeit an drei Orten die „Steinwerke“ zusammen gefahren und errichtet werden. Ungefähr 100 Jahre haben die Grafen der Linie Lippe-Alverdissen dieses Schloß genutzt, bis Anno 1777. Da zog der Alverdisser Graf nach Bückeburg, das Schloß wurde Wohnung des Bückeburger Amtmanns. Im Jahre 1812 kaufte die Fürstin Pauline das Paragium Alverdissen zurück, und 1814 zog ein Sternberger Amtmann in das Schloß. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als Justiz und Verwaltung getrennt wurden, bot sich das Schloß als Gerichtsgebäude an und nahm das Amtsgericht auf, das nun 1969 das Gebäude einer neuen Verwendung überläßt, da seine Aufgaben den Amtsgerichten Lemgo und Blomberg zugeordnet wurden.
Als in unserer Jugendzeit Pastor Böke uns an der Bösingfelder Rektoratsschule den Erdkunde- und Geschichtsunterricht erteilte, streute er in seine Theorien viele heimatkundliche Wanderungen ein. Es ging zu Fuß hin und zurück bis Lemgo oder ins Schwalenberger Land nach Elbrinxen. Immer war dabei auch ein Besuch Alverdissens. Wir haben damals noch die langen, alten Meiereigebäude gesehen, den Tordurchgang zum Schloßhof, vor allem das Gefängnis, das sog. „Hundeloch“, wo Bummler und kleine Verbrecher nächtigen oder ihre kleinen Vergehen sühnen mußten. Hinter dem Pförtnerhause zeigte er uns die Stelle, wo einst der „Schandpfahl“ für zänkische Weiber gestanden hatte. Wir durften dann auch in den terrassenförmig ansteigenden Schloßgarten, wo Pastor Böke es nie unterließ, eine Grotte zu zeigen, die aus den Steinen eines früheren alten Kamins errichtet war. Darunter befand sich ein Stein mit der tiefsinnigen Inschrift: „Passando il male, sperando il bene, la vita passe, la morte viene.“ (Im Dulden des Übels, im Hoffen des Guten vergeht das Leben, her kommt der Tod.) Der tiefere Sinn hat uns in jenen Jahren weniger beeindruckt als der Wohlklang der italienischen Laute. Heute befindet sich der Stein wieder im Eingangsflur des Schlosses und erinnert an höfische Zeit. Die Wirtschaftsgebäude sind dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen, einige abgerissen, die Ländereien hatte schon 1801 der Flecken übernommen.
Werfen wir nochmals einen Blick in die Geschichte, so stellen wir fest, daß sich schon 1370 die Bewohner Alverdissens „Bürger“ nennen. Sie haben einen Rat, Bürgermeister und Gemeinheiten und fungieren mit Bösingfeld und Barntrup zusammen gewissermaßen als die Stände der Sternberger Grafen. Daher und aus einer gewissen löblichen Sparsamkeit mag der gewisse Bürgerstolz der Fleckenleute stammen. Am 1. August 1370 „geloben eidlich die Räthe und Gemeinheiten zu dem Besinkvelde, zu Bernynktorpe und Alverdissen, daß sie alle von ihrem Herrn, Grafen Heinrich (V.), Junker Simon, Dechanten zu Paderborn, und Junker Johann Graf von Sternberg dem Grafen Otto von Schaumburg besiegelten Briefe treulich leisten und halten wollen unter Beifügung ihrer ,Stede‘ Siegel. D. 1370 to sunte Peters daghe in der Erne ad vincula.“ In dieser Urkunde von 1370 führt Alverdissen einen achtstrahligen Stern im Wappen mit der Umschrift „S.opidi in Alverd.“
In späteren Urkunden wird von Alverdissen nur vom „Weichbild“ gesprochen, denn die Träume zu größerer kommunaler Entwicklung haben sich nicht verwirklicht. Die Bevölkerung im oberen Exer- und Begatal war zu schwach, um gleich drei Siedlungen den Start zur Stadt zu ermöglichen. Dazu lagen sie zu nahe beieinander und verkehrsmäßig ungünstig. Die Sternberger Grafen starben auch schon Anfang des 15. Jahrhunderts aus und hatten nur 175 Jahre ihr Herrschaftgebiet inne, und die ehemalige Grafschaft wechselte häufiger den Herrn: Sternberger, Schaumburger, Lipper, Paragial- und Pfandherren folgten aufeinander.

Mißgünstig waren dabei die anderen lippischen Altstädte darauf bedacht, andere neue Anwärter auf Stadtentwicklungen und Privilegien niederzuhalten und sie in den Status der „Amtsansässigkeit“ zu drücken. So durch das siebzigjährige Privileg von 1568.
Ein wichtiges Jahr für unser Gebiet und für Alverdissen war das Jahr 1405. Da ging die Grafschaft Sternberg als Pfandbesitz in die Hände der Edelherren zur Lippe über, nachdem sie vorübergehend ab 1377 schaumburgisch gewesen war. Auch die Lipper verschafften sich Geld und Einkünfte durch Verpfändungen. 1410 verpfändeten sie an Henning und Friedrich von Reden gegen eine Forderung von 850 Florinen „Stadt und Schloß Alverdissen mit allem Zubehör, Ghülden und Unghülden, Gerichten und Ungerichten“ … Es ist dies die zweite Verpfändung Alverdissens.
Wir können insgesamt sechs Pfandinhaber von Schloß und Flecken Alverdissen feststellen: 1396 Friedrich de Wend, 1410 Henning und Friedrich von Reden, 1461 Gerke Werpup, nachdem das Schloß vier Jahrzehnte wüst gelegen, 1474 Friedrich von Exterde, 1514 Simon Werpup, ein Sohn Gerkes. Bei letzteren ist die Pfandsumme recht hoch: 1000 Florinen. Um diese Zeit haben die Werpups eine bedeutende Stellung in Alverdissen inne und sie im Zusammenhang mit der Auflösung des Augustinerinnenklosters Ullenhausen ausgebaut. Als nämlich im 16. Jahrhundert die Landesherren die Pfandinhaber ablösten und ihre landesherrliche Gewalt auszubauen begannen, löste Simon V. im Jahre 1557 die Pfandschaft Johann Werpups, der der sechste Pfandinhaber war, ab und bekam Alverdissen mit Schloß zurück. Dafür bekamen die Werpups Ullenhausen und bildeten aus dem Klosterein Rittergut, das die Werpups bis 1704 in Besitz behielten.
Glanz und Höhepunkt genoß der Flecken Alverdissen als Residenz der Lippe-Alverdisser Grafen zwischen 1662 und 1777. Wie kam es dazu? Graf Simon VI. vererbte durch letztwilliges Testament seinen nachgeborenen Söhnen nicht Geld, sondern Landesteile, und so bekamen Anno 1613 die vier Söhne als Paragialherren einzelne lippische Ämter und bezogen daraus ihre Einkünfte: 1. Simon VII. regierte Detmold, Varenholz, Breda, Sternberg, Hörn, Oesterholz und Billinghausen. Er sollte als ältester Sohn auf Grund des pactum unionis von 1368 und der Bestätigung von 1593 und des Erbvertrages von 1597 die Oberhoheit des lippischen Gesamtlandes behalten. 2. Graf Otto erhielt die Ämter Brake, Blomberg und Barntrup; 3. Graf Hermann erhielt Schieder und Schwalenberg. Als er schon 1620 starb, erbten Graf Otto das Amt Schieder, Graf Simon VII. Amt Schwalenberg. Graf Philipp bekam Geld; 4. Graf Philipp erhielt 1613 die Ämter Alverdissen und Lipperode und wurde Gründer der Linie Lippe-Alverdissen. Er wurde außerdem der Stifter des späteren regierenden Hauses Schaumburg-Lippe mit Bückeburg als Residenz. Wie kam es dazu?

Elisabeth, die Schwester Simons VII., Ottos und Philipps war vermählt mit Graf Hermann von Schaumburg. Beider Sohn Otto starb 1640, und Elisabeth erbte das Land. Sie schenkte ihrem jüngeren Bruder Philipp die ihr zugefallene Grafschaft Schaumburg. Bei Friedensschluß des 30-jährigen Krieges (die feierliche Friedensverkündigung erlebten 1648 als lippische Vertreter Christoph von Kerßenbrock und Nolterus Clausing, die bei den kaiserlichen und schwedischen Gesandten die lippischen Interessen vertraten) wurde die Erbsituation so geregelt, daß Philipp nur einen Teil des ehemaligen Schaumburg erhält, nämlich das Land Schaumburg-Lippe. Den Rest bekam Hessen, es stellte Erbansprüche und für aufgewandte Kriegslasten Entschädigungsansprüche. So entstanden 1648 aus den Ämtern Bückeburg, Stadthagen, Hagenburg, Arensburg und einem Teil von Sachsenhagen die neue Grafschaft Schaumburg und als zweites Stück das restliche hessische Schaumburg. Nun ist Philipp als Erbe von Schaumburg seinem Bruder in Detmold ebenbürtig und gleichrangig. Hatte es schon vorher allerlei Streit zwischen den Paragialherren gegeben, so wuchsen jetzt die Spannungen noch mehr.
Philipp von Lippe-Alverdissen hatte zwei Söhne. Der eine hieß Friedrich Christian, den wir schon als Erbauer des Schlosses von 1662 kennen, der andere Philipp Ernst. Nach Philipps Tode, des ersten Paragialherrn von Alverdissen, erbt Friedrich Christian die Grafschaft Schaumburg. Er überläßt seinem jüngeren Bruder Philipp Ernst das Paragium Alverdissen. So entstehen durch diesen Erbvorgang aus dem ehemaligen Lippe-Alverdissen: 1. Lippe-Alverdissen (das alte Paragium) und 2. Lippe-Bückeburg (das Erbe Grafschaft Schaumburg). Graf Philipp Ernst erwirbt 1700 den Sobbenhof in Uhlental und legt dort eine Meierei an, die er zu Ehren seiner Gemahlin Dorothea, einer Prinzessin von Holstein-Beck, „Dorotheenthal“ nennt. Zeitweilig residiert er auch hier. Im Jahre 1777 erlischt die Linie Lippe-Bückeburg, und es erbt die jüngere Linie Lippe-Alverdissen. Philipp Ernst verlegte seinen Wohnsitz nach Bückeburg und regierte dort von 1777 bis 1787. Ins Alverdisser Schloß zieht ein Bückeburger Amtmann.
Berge von Akten künden von den mancherlei Spannungen zwischen dem eigentlichen Landesherren und dem Paragialherren sowie später zwischen den nun gleichrangigen gräflichen Herren in Detmold und Bückeburg, Streitigkeiten, die den Alverdisser Fleckenbürgern manche Unruhe bereiteten und erst endeten, als 1812 die Fürstin Pauline für 25 000 Taler das Amt Alverdissen zurückkaufte und das Paragium erlosch, und nun hatten die Fleckenbürger wieder nur einen Herren über sich, dem sie dienen konnten.
Auf unseren heimatkundlichen Wanderungen durchs Extertal haben uns vor Jahrzehnten unser damaliger Lehrer Tippenhauer und Pastor Büke auch ans Mausoleum, den Totenkeller zwischen Kirchturm und Kirchenschiff in Alverdissen geführt, um mit uns den verzwickten genealogischen Zusammenhängen einer Alverdisser Grafenlinie nachzuspüren. Ein schweres Unterfangen! Behalten haben wir damals, daß hier lippische Grafen und ihre Familienmitglieder ruhten — neun, wie eine Öffnung des Totenkellers Anno 1921 in Gegenwart eines Vertreters der fürstlichen Familie aus Bückeburg ergab — die verwandt waren nicht nur mit den reichen Schaumburger Fürsten, sondern auch mit dem fernen Königshaus in Dänemark. Hatte uns damals der Anmarsch extertalaufwärts über Ullenhausen, das alte Nonnenkloster mit erster urkundlicher Erwähnung von 1264, nach Alverdissen geführt zu dem Mausoleum, dem Schloß, damals Amtsgericht und Gefängnis, sowie Mente- und Torteich, so gings zurück den alten „Kerkweg“ über Reine nach Bösingfeld.
Zur Kapelle oder Kirche in Reine waren auch die alten Alverdisser gepilgert, als sie noch keine eigene Kirche hatten, oder auch nach Ullenhausen zur Klosterkapelle. Erst 1511 wird eine eigene Kirche für Alverdissen erwähnt und zuerst von Bösingfeld kirchlich betreut. Am mittelalterlichen Kirchturm finden wir die Jahreszahl 1555 und den Sternberger Stern und die lippische Rose als Doppelwappen. Anno 1842 wurde das Kirchenschiff abgebrochen und erneuert und 1951 erfolgte eine gründliche Neuorientierung im Innern mit dem Ziel, nach Entfernung einer gotischen imitierten und Anbringung einer neuen flachen Holzdecke durch Klarheit und Einfachheit die Kirchbesucher zur Kanzel im Ostchor bei der Predigt zu lenken. Man hat bei den Ausschachtungsarbeiten Grabsteine der Wer-pups wieder aufgefunden und im Innern des Schiffs aufgestellt. Sie schmücken jetzt sinnvoll die Kirche und erinnern an vergangene ständische Zeiten und ihre Grundherren.

Nicht immer war das Leben der Flekkenbürger eitel Honigschlecken im Spannungsfeld zwischen Landes-, Paragial  – und Grundherren. Der Bückeburger Amtmann im Alverdisser Schloß war nah und konnte schnell eingreifen, ehe der Sternberger Amtmann für Detmold schützte. Um die seltsamsten Dinge stritt man sich, um Kanzelabkündigungen und Fürbittgebete. Wem gebührte die Ersterwähnung, wenn die Landesmutter und die Gräfin von Lippe-Alverdissen zu gleicher Zeit Mutterfreuden entgegensahen? Darf der „Hof in Alverdissen“ die kirchliche Schnatgrenze abgehen und sich orientieren? Wie ist’s mit dem kirchlichen Glockengeläut beim Ableben gräflicher Persönlichkeiten? u. a. Höhepunkt der Spannungen liegen zwischen 1765 und 1770. Da entstehen beinahe kriegerische Verwicklungen zwischen dem „Alverdisser“ und „Detmolder Hof“. Was geschah?

Pastor Müller war Anno 1769 auf der Alverdisser Amtsstube zwangsweise vorgeführt worden und hatte sich in Detmold beschwert. Detmold schickte 30 Soldaten und 1 Kapitänleutnant. Darauf setzte der Al
verdisser Hof die Bürgermeister und Lohn
herren in Arrest, um sie zur Raison zu
bringen. Der Vetter aus Bückeburg schickte
dem Alverdisser Hof 100 Mann und 2 Kanonen Verstärkung und zwar aus
 Blomberg, welches damals wie Schieder
Anno 1709 nach Absterben der Braker
 Paragialherren bückeburgisch geworden
 war, Lippe hatte Amt Brake und Stern
berg 1709 und später durch den Stadtha-gener Vergleich von 1748 erhalten. Protest
der Lipper, daß Bückeburger Truppen
durch Amt Barntrup nach Alverdissen 
vorrückten! Das Reichskammergericht wird
bemüht und gibt beiden Parteien nachein
ander Recht. Die Bückeburger besetzten
die beiden Fleckentore, den Zugang zum
Schloß, die Schlagbäume und Brustwehren.
Hauptquartier der Bückeburger ist die Burg, die Detmolder sind von Schaumburger Truppen im Bürgermeisterhaus umstellt. Jeder droht, jeder protestiert. Da lenken der aufgeklärte und sparsame Simon August von Detmold und der einsichtige Bückeburger Graf Wilhelm ein und beenden den „Großmächtestreit“, der vom 29. Juli bis 14. August 1769 dauerte. Der Landgraf von Kassel und die Fürsten des Niedersächsisch Westfälischen Kreises hatten sich auch eingeschaltet. Bei diesem „Liliputkrieg“ waren die Bückeburger und Alverdisser Streitmächte nicht so beliebt wie die Detmolder, weil letztere bessere Quartier- und Verpflegungsgelder bezahlten. Jene mußten eingeklagt werden, und beim Gelde hörte die Gemütlichkeit auf!

Schloß Barntrup. Aquarell von Emil Zeiß

BARNTRUP auf dem 190 m hohen Hügelrücken des „Thornesbergs“, der sich als Bergsporn von der Wasserscheide zwischen Humme- und Begatal westwärts schiebt, ist wie Bösingfeld und Alverdissen eine geplante Gründung der Sternberger Grafen, die ihm am 21. Mai 1376 das Stadtprivileg verliehen. Aber Jahrhunderte suchten die anderen lippischen Altstädte es niederzuhalten, und erst 1836 bekam die Stadt mit der Ritterschaft die Landtagsfähigkeit.
Streufunde und Kleinsiedlungen in Herborn, im Krähenholz, im Frettholz und an der Gaffel weisen darauf hin, daß hier im Quellgebiet der Bega mit den vielen Bornen schon in prähistorischer Zeit Menschen siedelten. Anno 1277 hören wir zuerst urkundlich von „Gütern Berenthorp“, die dem Bischof Wulbrand gehörten. Ob sie hier bei uns lagen, konnte bisher nicht festgestellt werden. Die älteste urkundlich belegte und als ausgegangene „Wüstung“ noch vorhandene Siedlung wird 1317 erwähnt und lag südöstlich unserer Altstadt am Schratweg in der „Aulen Kerke“. In diesem Jahr wurde „Berninktorp, so hieß um diese Zeit Barntrup, von Bega abgepfarrt. Zu ihm dürfte es wohl 500 Jahre gehört haben.
Als die lippische Herrschaft sich schon über den größten Teil des Kirchspiels Beta hinwegschob und Barntrup zum Gogerichtsbezirk Begas gehörte, schenkte Ritter Konrad von Billerbeck, der 1229 einen Hof in Bega verkaufte und 1300 diesen Hof an das Kloster Ullenhausen vermachte, am 20. September 1317 den vierten Teil seiner Güter zu Heyentorpe mit allem Ertrag und Früchten zur Dotierung der Kirche zu Berrentorpe und zur Pfarrstelle. Graf Simon, E. H. Z. L., beurkundet diese Schenkung, und der Bischof von Paderborn führt die Trennung von Bega durch. Es wird eine eigene Parochie mit Pfarrer in Barntrup eingerichtet, und Graf Simon schenkt einen Platz (area) für den Pfarrhof, dessen Stelle die Bürger (parochiani) für das Pfarrhaus bestimmen können, von allen Lasten und weltlicher Gerichtsbarkeit frei. Das wird ein Festtag gewesen sein für die Kirchleute von Berninktorp, und man wird die Konsekration der Kirche und die Installation des Pfarrers festlich begangen haben unter Anwesenheit vieler Gäste, so des Petripfarrers der Mutterkirche aus Bega und des Bischofs aus Paderborn sowie der Grafen von Lippe und Sternberg. Wer der erste Pfarrer war, ist nicht überliefert. 1353 wird ein Kirchherr Wernher genannt, 1397 Vizepfarrer Bademann, 1464 Jakob Sunborn.
Ob diesem alten „Berningtorp“ am heutigen Schratwege als Erstsiedelung eine Sippe oder ein Grundherr seinen Namen verlieh, kann nicht gesagt werden. Der Name kommt her von dem patronymischen Bering oder Berning, es sind Nachkommen des Bero, Berno oder Bernhard. In den Urkunden finden wir die verschiedensten Formen: 1317 Berrentorpe, 1353 Berninctorp, 1357 Berlinctorp, 1376 Berntorpe, 1397 in einer Urkunde Berninctorp und Berinctorp, 1496 Berentrop und Barntorp.
Eine siedlungskundig sehr wichtige Urkunde ist aus dem Jahre 1359. Da verpfändete Graf Heinrich von Sternberg dem Lemgoer Bürger Johann von Huckenhausen fünf Molt Roggen aus einem Hofe zu Alten Berlinctorp, welche der Rat von Berlinctorp jährlich an letzteren liefern soll. 1359 gab es also neben Alt-Berlinc-torp schon ein (Neu)-Berlinctorp. Letzteres wurde wahrscheinlich von der „Alten Kerke“ weg auf den „Thornesberg“ verlagert. Diese Umsiedlung muß sich zwischen 1317 und 1359 abgespielt haben. Viele Kleinstsiedlungen, die als „Wüstungen“ urkundlich bekannt wurden, gingen in „Neu-Berningtorp“ auf: Heintorp, Hemelinctorp, Tensinctorp oder Hensinctorp, Ointorp, Wirberne, Severinghausen, Ossentorp, Bre-denkamp, Moderkesborn, Alt-Berlinctorp, Alte Kerke. Nach den Lippischen Regesten sollen in der „Aulen Kerke“ vor Jahrzehnten Hufeisen- und Gerätefunde bekannt geworden sein. Vom Steinberg oder Hubschrauber aus kann der Beobachter noch heute dieses alte Siedlungsgebiet am Schratweg erkennen, zwei große rechteckige, teilweise von Hecken umsäumte Flächen, von denen eine erhöht auf einer „Worte“ liegt und die noch heute in kirchlichem Altbesitz sind.
Berningtorp muß sich schon bald gut entwickelt haben und die Bürger zu einem gewissen Wohlstand gelangt sein, hören wir doch, daß am 10. März 1357 die Ber-ningtorper Bürger vom Grafen Heinrich V. von Sternberg das Heyntorper Holz zwischen dem Westerberg und Seibeck und der Blomberger Grenzschnad im Süden gekauft haben, „um dat holt nach Satzung des Raths und nach Verhältniß der Antheile am Kaufgelde zu nutzen“. Ein historischer Vorgang, von sparsamen und weitsichtigen Vorfahren getätigt, von dem wir noch heute zehren. Am 21. Mai 1376 verleiht derselbe Graf Heinrich V. von Sternberg seiner Stadt Barntorf alle Rechte, welche auch die Stadt Lemgo und die anderen Städte des Edlen Herrn zur Lippe genießen. Am gleichen Tag auch, nämlich am 21. Mai 1376 bekommen „die lieben Bürger von Berlinktorp“ erneut eine Urkunde von Graf Heinrich, worin der Kauf  des Heyntorper Holzes nochmals erfolgt oder bestätigt wird, diesmal aber unter genauer Spezifizierung der Holzgrenzen. Der große Wald liegt zwischen Thornesberg, Westerberg, Grisenhagen, Richenberg und Selbeck.
Die Urkunden von 1357 und 1376 sind aus der älteren Zeit die bedeutendsten. Aber 460 Jahre hat Barntrup um seine Anerkennung als Stadt ringen müssen. Die schärfsten Widersacher waren die anderen lippischen Altstädte, die gegen die Stern-berger Gründung opponierten und sie „amtssässig“ halten wollten. Im Jahre 1675 wußten die übrigen Städte es durchzusetzen, daß Barntrup hinsichtlich des sog. „siebzigjährigen Privilegs“, durch das die übrigen Städte in Bezug auf das wirtschaftliche Leben große Vorrechte auf dem platten Lande erhielten, ganz als Flecken behandelt wurde. Der unterschwellige Kampf endete erst, als 1836 Barntrup die Landtagsfähigkeit errang. Das Streben nach Stadtfähigkeit klingt in dem Spottvers an: „Deppel dat hauge Fest, Lemgo dat Hexennest, Blomberg de Bläome, Hauern de Kräone, Iufel dat Soltfat, Barntrup well auk nau wat.“ Als Barntrup im Ersten Weltkriege, nachdem es alle andern lippischen Städte hatte dabei vorgehen lassen, auch Notgeld drucken ließ, bekamen die Geldscheine die Inschrift: „Barntrup well auk nau wat!“

Schon ein Jahr später, nachdem Barntrup das Stadtprivileg erhalten hatte, verkaufte Anno 1377 Heinrich V. mit Zustimmung seines Sohnes Johann die Grafschaft Sternberg an seinen Oheim Graf Otto von Schaumburg, zunächst unter Vorbehalt des Wiederkaufs, der aber 1391 auch aufgegeben wurde. Damit wird- Stern berg, und mit ihm Barntrup, schaumburgisch, aber nicht Tange. Schon am 1. Dezember 1400 verpfänden Otto und Alf, Grafen zu Holstein und Schaumburg, an ihren Ohmen Simon III. und seinen Sohn Bernhard VI. zur Lippe, das Schloß und die Stadt Beringdorp mit Zubehör. 1405 verpfänden sie auch den Rest der Grafschaft Sternberg. Auf die Herrschaft der Sternberger war also die der Schaumburger und dann die der Lipper gefolgt. Letztere allerdings nur durch Verpfändung. Daher schwebte nachher über der Grafschaft immer die Gefahr des Rückkaufs, und 1563 kündigte auch Graf Otto von Schaumburg die Pfandschaft. Aber durch die Vermählung Graf Simons VI. zur Lippe mit Elisabeth von Holstein-Schaumburg im Jahre 1585 wurde für Lippe die Gefahr des Verlustes abgewandt.
Die alte Sternberger Burg lag an der Nordostecke des alten Berningtorpes und wurde um 1300 erbaut als Dynastenburg am Stadtrand. In der Soester Fehde ging sie unter (1444—1449). Aus den wiederholten Verpfändungen erfahren wir einiges aus ihren Schicksalen. Pfandinhaber waren vor 1400 Ludwig Westpfahl, nach 1400 die Lippergrafen, 1462 Jordan Rosten, 1479 Ludeke Quaditz, 1496 Gerlach von Kerßenbrock, der die Burg — „Obere Burg“ genannt — mit den Ländereien zu einem landwirtschaftlichen Großbetrieb zusammenfaßte, einer Meierei.
An den Formen der Barntruper Siegel und Wappen kann man die Herrschaften ablesen: Stern (sechsstrahlig), Stern (achtstrahlig), achtstrahliger Stern mit acht kleinen lippischen Rosen zwischen den Strahlen, zuletzt Stadtwappen mit halbem Stern und halber Rose. Im Chor der Kirche findet man als Gewölbeschlußstein einen achtstrahligen Stern, unter dem früher ein sechsstrahliger gewesen sein soll, an der Südseite der Kirche neben der Jahreszahl 1599 das heutige Wappen.
Im Innern der Kirche erinnert an der Südseite die Empore mit den Wappen des Grafen Rudolf von Lippe-Brake, gestorben 1707, und seiner Gemahlin Dorothea Elisabeth geb. Gräfin zu Waldeck, an die vorübergehende Paragialherrschaft Lippe-Brake, zu der wir gehörten. Gegenüber an der Nordseite finden wir die Empore der Grundherren von Kerßenbrock mit einigen Wappen. Einen wertvollen Schatz besitzt die Kirche in dem schönen gotischen Abendmahlskelch aus dem 14. Jahrhundert, der auf den Fußknäufen das Wort JHESUS trägt. Hier an der Kirche stand auch die erste Schule. 1584 wird ein Schulmeister zuerst erwähnt, 1697 stiftete Graf Rudolf neben dem Küster- und Schulmeisterdienst eine Rektorstelle, die Ursprungszelle des heutigen Gymnasiums. 1770 stiftet Anton von Haxthausen ein Waisenhaus für acht elternlose Knaben. Von Haxthausen war ein Philanthrop und der erste uns bekannte Mäzen unserer Stadt. Die Volksschule trägt zur Erinnerung seinen Namen.

Am Niederen Tor in Barntrup. Alter Stadteingang
Foto: Knese

Der Aufbau und die zum Teil noch spitzgiebelbestimmten Häuserfronten unserer Altstadt sind mittelalterlich geprägt. Im Kern zeigt sich noch das Dreistraßenschema, wie in Bösingfeld und Alverdissen nach dem Modell Lemgos planmäßig vom Sternberger Grafen angelegt, in alter Zeit mit Knicks und Hagen umwehrt, durch die im Westen das Niedere ‚ind im Osten das Ostertor führte. Im Laufe der Zeit sind Tore und Knicks verschwunden, an ihre Stelle traten die Knickgärten und bewahrten in Flurnamen jene frühe Zeit. Es ist interessant, wie der Name Ostertor nach Osten mitwandert, wohin sich der elliptoide Rundling ausdehnte. Die Friedhöfe von 1832 — heute Stadtpark — und der von 1890, markieren die Entwicklung nach Osten. Der Siedlungsprozeß schreitet besonders nach dem großen Brand von 1858 gravierend fort, als 50 Häuser zerstört werden, auch die Meiereigebäude mit den Burgresten und 84 Familien obdachlos werden. Früher „vor den Toren“ liegend, befinden sich bald die Friedhöfe mitten in der Stadt.
Nach den beiden Weltkriegen schreitet die Besiedlung über die Kreuzung zwischen Bundesstraße 66 und Eisenbahn Bielefeld—Hameln hinweg, erfaßt zunächst das Bellenbruch und schiebt sich nach 1945 über den Busewinkel hinweg als Großsiedlung am ‚Südwesthang des Saalberges bis zum Wasserturm hinauf, setzt sich dann im Kälbertal und zur Wierborner Allee fort, um nach einem Anfangsstart im Kälbertal große neue Industrien im Wied anzusiedeln, die nun heute ein wesentliches Fundament unserer Barntruper Wirtschaft darstellen.

Untere Straße in Barntrup
Foto: Knese

Durch alle die Jahrhunderte formten an der alten Siedlung Barntrup viele Fehden, Brände und Verlagerungen. In der Braunschweigischen Fehde (1404—1409) wurde es geplündert, 1424 in der Lippe-Schaumburgeschen sehr erbitterten Fehde verbrannt. In der Soester Fehde (1444 bis 1449) drangen die Böhmen sengend und brennend in die Stadt. 1535 legte eine Feuersbrunst große Teile der Stadt in Asche, nur die herrschaftliche Burg blieb erhalten. Im Dreißigjährigen Kriege brannte 1636 die Kirche auf dem Thor-nesberg nieder und mit ihr ein großer Stadtteil (über 70 Häuser). Über dem Eingang zur Kerßenbrock Prieche lesen wir: ANNO 1636. 1. NOVEMB. HOC TEMP-LUM DNI COMBUSTUM. ANNO 1638 REAEDIFICATUM. PAST. HERM. HUMANUS. — Im Jahre 1858 legte ein Großfeuer 50 Häuser in Asche, auch die Meierei, die dann nach Sevinghausen ausgelagert wurde und den Namen „Burg“ mitnahm zur Erinnerung an die alten Reste der Oberen Burg. 1876 legte eine Feuersbrunst 24 Häuser nieder. Den Fliegerangriff vom Ostersonnabend, 31. März 1945, haben noch viele Lebende in grausiger Erinnerung, fielen ihm doch zehn Menschen und eine Reihe von Häusern zum Opfer. Da können wir verstehen, daß schon in alter Zeit Brunnen, Pumpen, Wasserröhren, „Pipen“ genannt, eine große Rolle spielten. Gottschalk und Jonas von Donop zu Maspe schenkten 1567 den Honigbrunnen vor dem Bültenholz gegen eine Anerkennungsgebühr von 2 Mariengroschen zur Versorgung der Stadt mit Trinkwasser, das durch Holzröhren in die Stadt geleitet wurde. „Pipenmeister“ waren damals wichtige Leute, 1893 ersetzte man die Pipen durch Eisenrohre und legte 1898 Hausanschlüsse an.
Die Geschichte Barntrups hängt eng zusammen mit dem Rittergeschlecht von Kerßenbrock. Mit den Wends und Westphals traten die Kerßenbrocks 1471 das umfangreiche Erbe der von Molembecks an. 1496 kam zu der Grundherrschaft noch der Niedere Hof und andere Lehnstücke, 1524 der Pfandbesitz Sonneborns hinzu. Durch die Vereinigung des Raumes Barntrup-Sonneborn geschah gewissermaßen der erste Schritt zur Bildung des späteren Amtes Barntrup. Anno 1518 erhielten die von Kerßenbrocks zu den vorhandenen Erbgütern und Pfandschaften noch das Hensentorpsche Lehen, 1560 das Erbe der Familie von Mohlen im Raum Reher und Ärzen, und 1562 die Höfe und Güter zu Hemelinctorp und Tensinctorp zwischen Mönchshof, Barntrup und Struchtrup. Aus diesen alten Zusammenhängen ist es möglich, daß in der Neuzeit neben dem Landesverband als Nachfolger des Domaniums die Familie von Kerßenbrock bei Siedlungsvorhaben helfend, ausgleichend und fördernd auftreten kann mit ihrem großen Grundbesitz.
Einen wertvollen u. bleibenden Schmuck verlieh eine Frau unserer Stadt: Anna von Canstein, Gemahlin des Franz von Kerssenbrock, die zwischen 1577 und 1588 neben dem Niederen Hof auf einem Stück des alten Stadtknicks das viertürmige Renaissanceschloß erbauen ließ durch Meister Eberhard Wilkening. Es muß eine sehr tatkräftige und auch kunstsinnige Frau gewesen sein, die nach dem Tode ihres Mannes über ein Jahrzehnt als Bauherrin auf einer großen Baustelle geplant, gewirkt und entschieden hat. Eberhard Wilkening hat sie in einer Halbskulptur aus Süntelstein über dem Portal des vierten, in die Vorderfront versetzten Treppenturmes verewigt. Sinnend, die Ellenbogen aufgestützt, schaut sie nun schon bald 400 Jahre hindurch auf Freud und Leid des weit verzweigten Geschlechtes von Kerßenbrock und die Geschichte der Bürger ihrer Stadt.

Quelle: Heimatland Lippe 05/1969 Von Louis Knese.