Bauernschaft und Bauernrichter in der Stadt Lemgo

Lemgo, Breite Straße, rechts mit der Treppe die alte Abtei.

Kulturbilder aus Alt-Lemgo

Als ich jüngst auswärtigen Besuch zu den schönsten Bauten in meiner Vaterstadt Lemgo führte, fiel ihm eines jener alten Straßenschilder auf, die noch aus den Zeiten unserer Großväter übriggeblieben sind, während andere moderneren Platz gemacht haben. Auf den alten stehen außer den Straßennamen rätselhafte Buchstaben: ..Mittelstraße N. B.“ oder „Breite Straße H. G“. Verwundert fragte er nach dem Sinn. Ich erzählte ihm, daß früher alle Häuser der Stadt neben einer Zahl durch solche Buchstaben gekennzeichnet waren; über der Tür meines Elternhauses (jetzt Heustraße 4) stand z. B. „M. B. 24“, und heute wohne ich T. B. 82 (Echternstraße 64).

Des Rätsels Lösung

Die meisten mittelalterlichen Städte werden durch das Straßenkreuz, dessen Schnittpunkt am Marktplatz liegt, in vier Teile zerlegt, so auch die Altstadt von Lemgo. In Detmold und Blomberg heißen die Teile „Quartiere“, d.i. Viertel, in Lemgo ,.Bauerschaften“ (auch „Nachbarschaften“). Die Neustadt, die später hinzukam, hat zwei Bauerschaften, so daß in der heutigen Gesamtstadt sechs vorhanden sind. Jene Buchstaben sind die Abkürzungen ihrer Namen: N. B. = Nikolai-Bauerschaft, T. B. = Troger Bauerschaft, S. B. = Slaver-, R. B. = Rampendaler-, M. B. = Marien- und H. G. = Heiligen-Geister-Bauerschaft. Audi in anderen Städten gibt es Bauerschaften, so in Paderborn, Hildesheim, Braunschweig, Werl und Geseke.

Dörfer in die Stadt verlegt

In der Stadt Geseke wird die Entstehung der Bauerschaften so erklärt: Etwa um das Jahr 1300 haben die Bewohner der um die Stadt liegenden kleinen Dorfschaften diese verlassen und sich in den Schutz der festen Stadt begeben. In den zahlreichen Fehden war das platte Land schutzlos der Raubgier der streitenden Ritter und Herren ausgesetzt, die im feindlichen Gebiet die Höfe der Bauern zerstörten, die Wohnhäuser, Scheunen und Ställe verbrannten. Als die Dorfbewohner genugsam erfahren hatten, daß aller Wiederaufbau vergebliche Liebesmühe war, verlegten sie die Gebäude in die Stadt, wo einem jeden Dorfe ein bestimmter Bezirk zugewiesen wurde, der dann auch den Namen der früheren Ortschaft erhielt. An den Verhältnissen hatte sich nun nur insofern etwas geändert, als der zum Bürger gewordene Bauer sein Land von der Stadt aus bewirtschaftete, das in derselben Größe und Abgrenzung ihm erhalten blieb. Auch hatte er jetzt noch denselben Anteil an dem gemeinsamen Besitz der früheren Dorfschaft, der Allmende oder Gemeinheit. Die Dörfer waren in die Stadt verlegt, und die — jetzt städtische — Bauerschaft führte ihren alten Namen weiter.

So oder ähnlich mögen auch die Namen der drei erstgenannten Lemgoer Bauerschaften in die Zeit vor der Gründung der Stadt zurückgehen. Uber die Deutung dieser Namen haben gelehrte Heimatforscher viel hin- und hergeraten, ohne dabei zu einer einhelligen Meinung gekommen zu sein. Die drei anderen sind nach der Nikolaikirche, der Marienkirche und dem Hospital zum Heiligen Geist benannt worden.

Kapitän und Leutnant

Die Bauerschaften waren Verwaltungsbezirke, und ihre Bewohner waren zu Wehreinheiten zusammengefaßt,diedie Aufgabe hatten, die Bürger vor feindlichen Übergriffen und Schädigung zu schützen und die Stadt gegen Angriffe von außen zu verteidigen. An der Spitze jeder solchen Einheit standen ein Kapitän (Hauptmann), ein Leutnant und ein Fähnrich. Diese bildeten zugleich den Vorstand der Bauerschaft und behielten als Vorstandsmitglie- . der ihren militärischen Rang und Titel auch dann noch bei, als nach Gründung der Schützengesellschaft (1575) diese das Rückgrat der städtischen Wehrmacht darstellte.

Die Herren Baurmeister

Nach den Privilegien, die Bernhard II. der Stadt verliehen und Bernhard III. i. J. 1245 bestätigt hatte, waren in jeder Stadt Richter (judices) eingesetzt. Sie sollten, „wenn ein Bürger einem Mitbürger mit Bauen oder Zäunen zu nahe tritt, die Sache untersuchen, und wenn sie ihre Kräfte übersteigt, soll sie den Ratsherren überwiesen werden, damit diese das Urteil fällen“. Die hier genannten Richter waren die Baurmeister, die anfangs nur als Schiedsrichter fungierten, sich allmählich aber eine immer größere Machtbefugnis aneigneten.

Zu Zeiten der höchsten Blüte im 15. und 16. Jahrhundert genossen sie das Ansehen eines freien Richterkollegiums und nahmen eine nicht zu unterschätzende Stelle im Regiment der Stadt ein. Sie wurden mit den Ratsmitgliedern meist in einem Atem genannt, wie diese geehrt und mit „Herr“ tituliert, während diese Anrede sonst nur noch dem Adel, den Geistlichen und anderen studierten Männern zustand. Ihr Amt behielten sie, wenn sie nicht in den Rat gewählt wurden oder „man ihnen nichts beweisen“ konnte, für Lebenszeit, waren aber nur jedes zweite Jahr aktiv, da sie mit sechs anderen abwechselten. Die jeweilig ruhenden nannte man „Redmeister“ (von redemer, redesman = Beistand, Vertreter), woraus im Laufe der Zeit „Rittmeister“ geworden war.

Diese zwölf Amtspersonen waren wie zu einer Gilde zusammengeschlossen. An ihrer Spitze stand der „Wortwahrer“ (Vorsteher), der durch den „Baurmeisterknecht“ zu den Versammlungen und Gerichtssitzungen einlud. Wortwahrer war ein für allemal der Baurmeister von St. Nikolai. Die Niederschriften fertigte der „Protokolliste“ an, und der „Penningmeister“ hatte die Rechnungs- und Kassenführung.

Nur vier Gänge beim Festmahl

Wie die Gilden feierten die Baurmeister auch ihre besonderen Feste. Auf ihnen muß es in der Blütezeit übertrieben hoch und schlemmerhaft hergegangen sein, aber auch noch als der Niedergang des Handels und der Gewerbe schon offenkundig und der wirtschaftliche Zusammenbruch nicht mehr aufzuhalten war. Da konnten die Baurmeister den Schein der alten Herrlichkeit nicht mehr aufrechterhalten und sahen sich zu einer Einschränkung gezwungen. In einer Niederschrift von 1601 sagen sie, daß Baurund Redmeister sich über folgendes geeinigt hätten: In den Jahreszusammenkünften seien sie immer in große Unkosten geraten; das müsse künftig vermieden werden. Sie wollten zwar noch jedes Jahr im Oktober ihr Fest feiern, sich dabei aber mehr bescheiden. Die erste Zusammenkunft soll Sonntags um vier Uhr stattfinden und „sollen vier Essen und nicht mehr aufgetragen und gut Bier gegeben werden“. Des Montags sollen alle „um neun Uhr zu der Suppe unausbleiblich bei Strafe von einem Quart Wein erscheinen und demnächst denselben Tag um 12 Uhr wieder Zusammenkommen und wieder vier Essen mit gutem Bier vorgesetzt erhalten“. Am Dienstag, dem letzten Festtage, wollen sie wieder um neun Uhr die Suppe und um zwölf Uhr die vier Essen verzehren, „und der Tag soll mit einem guten Trunk Weins die Collektion und Zusammenkunft beschließen“. Wer bei einer Veranstaltung fehlt, hat jedesmal ein Quart Wein zur Strafe zu bezahlen. Die Familienmitglieder und andere Gäste dürfen mitgebracht werden. Dem Wirt soll für seine Mühe ein Fuder Holz aus dem Walde geliefert werden.

Wir wundern uns, daß eine Vereinigung von zwölf Personen ein dreitägiges Fest in der angegebenen Weise begehen konnte und fragen uns: Welchen Umfang mag das Fest vordem gehabt haben, und welche Genüsse mögen geboten worden sein, als man sich noch keine Beschränkung auferlegte?

Das Gericht

Die Veranlassung zu einer richterlichen Zusammenkunft gab meistens die Aufforderung des Senats der Stadt, in einer bei ihm anhängigen Streitsache einen Augenschein vorzunehmen oder Zeugen zu befragen und das Weitere und Erforderliche zu verfügen. Oft brachten die Parteien ihre Klage unmittelbar bei den Baurmeistern ein. Endlich nahmen diese sich einer Sache auch aus eigenem Antriebe an, wenn sie ihr Eingreifen für erforderlich und ersprießlich hielten.

In jedem Falle suchten sie zuerst die „Güte“, d. h. einen Vergleich herbeizuführen. Erst, wenn dies durchaus nicht gelingen wollte, trafen sie die Entscheidung und geboten unter Androhung von Strafen, hinfort „parrere et silentium“ und Ruhe und Frieden zu halten. Waren die Streitenden mit dem Urteil nicht „friedlich“, so wurden die Redmeister hinzugezogen. Wollten sich Kläger und Beklagte auch deren Urteil nicht fügen, so beriefen sie sich auf „die Sechzehn“, einem Ausschuß des Rates. Auch die Sechzehn fällten erst nach vergeblichen Vermittlungsversuchen und weiteren Verhandlungen das Urteil. Gewöhnlich war damit die Angelegenheit erledigt; besonders hartnäckige Streiter wandten sich aber noch an die Vollversammlung „der Vier Haufen“ (der gesamten Stadtobrigkeit) oder gar an die gräfliche Kanzlei.

Vernagelte Fenster und ein heimlich Gemach

Welcher Art die Streitfälle waren, dafür nur einige Beispiele. Am 2. November 1604 klagt Johann Held gegen Hermann Trophagen, daß dieser nach Heids Hofe hin drei Fenster geöffnet habe, die alter Gewohnheit gemäß stets geschlossen sein müßten. Er könne jenes nicht dulden, da es ihm künftig zum „Praejudicio“ gereichen könnte. Ferner habe Tr. einen Loykessel (mit offener Flamme?) nahe bei seinem kleinen Hause aufgestellt, das erst neulich mit Dok- ken frisch gedeckt und daher sehr gefährdet sei. Sodann sei des Nachbars „Glint“ (Plankwerk) durch Anlehnung von allerlei Holz ein Stück in Klägers Garten gewichen, das müsse wieder in die alte Richtung gebracht werden. Endlich müsse er sich darüber beschweren, daß bei Regenwetter viel Ahl aus des Nachbars Mistgrube in seinen Hof fließe, was ihm unleidlich sei und abgestellt werden müsse. Trophagen entgegnet, daß Held ein heimlich Gemach zu nahe an seinem Grundstück habe. Obwohl die Baurmeister allerlei Mittelwege vorschlugen, „gerieten die Parteien mit einem großen Ungestüm aneinander, und wurde ihnen bei pein fünf Thall. parrere et silentium zu halten emponiert“.

Nach der Hand seien auf Ansuchen der Parteien die Sechzehn dazugekommen und hätten gleichfalls, da die beiden wieder heftig zusammengestoßen wären, ihnen bei „pein fünf Thall. Hand und Mund zu halten“ auferlegt. Darauf wurde dem Tr. aufgegeben, seine Fenster zuzunageln, das Glint in die Richte zu bringen und eine Mauer von zwei Fuß Dicke aus dem Grunde seiner Mistkuhle aufzuziehen.

Die Fenster spielen in sehr vielen Fällen eine Rolle. Da beklagt sich die Blattgastesche, daß Hermann Griemert ein Fenster in ihren Gang angelegt hätte, durch das man ihren Gang sehen könnte. Griemert beschwert sich dagegen, „daß seiner Nachbarin Kinder in den Gang gingen und machten ihm — mit Gunst — einen Gestank vor dem Fenster, und nicht allein dort, sondern auch an seinem Glint und Plankwerk“. Der Klägerin wurde aufgegeben, „ein heimlich Gemach nach dieser Stadt Gewohnheit und Gebrauch“ in ihren Hof bauen zu lassen.

An Aborten scheint es noch vielfach gefehlt zu haben, daher der Widerstand gegen das Anbringen der Fenster nach den Gängen und Höfen zu. Wenn Fenster vorhanden waren, so durften sie nicht zu öffnen sein. Einmal erwirkte ein Kläger sogar ein Urteil, durch das seinem Nachbarn auferlegt wurde, gewisse Fensteröffnungen in dessen Neubau „mit Lehmen und Steinen feste zu machen“.

Den 5. Februar 1607 zeigt Michael Orth den Baurmeistern an, daß er kürzlich sein von Schulrauen gekauftes Haus bezogen habe und nun von seinem Nachbar Thieß Pantze daran gehindert werde, seine Pferde und Schweine durch den Gang zwischen ihren Häusern zu treiben.

Erker an Häusern verboten

Es entsprach eine zeitlang dem allgemeinen Geschmack, an den Häusern sog. „Ausluchte“, d. h. Erker, anzubringen, und an manchem alten Hause erkennt man noch deutlich, daß der vorhandene Erker ursprünglich nicht vorgesehen war, sondern später „angeklebt“ worden ist. Wenn das geschah, so beschwerten sich oft die Nachbarn, weil ihnen selbst die Aussicht dadurch behindert würde. Vorsichtige Bürger holten daher lieber vorher die Baugenehmigung der Baurmeister ein. Im Jahre 1806 aber beschloß der Magistrat, daß die Anlegung einer Auslucht oder die Ausbesserung eines alten bei 20 Taler Strafe — sowohl für den Bauherrn als auch für den Maurer — verboten sein sollte.

Die Swankrode

Da ist auf der Grenze zweier Grundstücke ein Ziehbrunnen. Der Kläger zeigt an, daß der Nachbar ihn hindere, aus dem gemeinsamen Brunnen Wasser zu holen, indem er die „Swankrode“ (Schwenkrute = schlagbaumartige Vorrichtung, um Wasser mit dem Eimer zu schöpfen) ganz in seinen Hof gezogen habe. Ein anderer klagt, daß sein Nachbar zu den gemeinsam zu tragenden Ausbesserungskosten für den Brunnen nicht beitragen wolle. — Ein Gang zwischen den Häusern ist gemeinsamer Besitz. Der eine Partner hat ihn aber mit Brettern zugenagelt, während der andere beschuldigt wird, die Gosse darin nicht rein zu halten, auch den Tropfenfall nicht abzufangen, so daß das Wasser in der Hauswand emporsteige.

Solcher Beispiele ließe sich noch eine große Anzahl anführen, doch mag es damit genug sein. Wir sehen aber, daß es sich stets um Klagen handelte, die entstehen, „wenn ein Bürger einem Mitbürger mit Bauen oder Zäunen zu nahe tritt“. Die Baurmeister haben sich damit in den Grenzen gehalten, die ihnen die Privilegien von 1245 gezogen haben.

Neben dieser richterlichen Tätigkeit hatte jeder einzelne Baurmeister in seiner Bauerschaft, in der Feldmark und im Walde, beim Straßen- und Wegebau, beim Hudegeschäft usw. Aufgaben mancherlei Art. Doch darüber vielleicht im nächstjährigen Kalender mehr.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1955 – Von Fr. Sauerländer, Lemgo