Baumwollspinnerei im Flecken Lage 1797 – 1807

Frauen- und Kinderarbeit in einer Spinnerei

Das Leinengewerbe und die Flachsspinnerei standen in den Dörfern der Vogtei Lage und Lm Marktflecken Lage um 1800 in hoher Blüte. Im Werretal gedieh das Leinkraut, der Flachs, in besonderer Güte und Feinheit. Daher waren auch die Leinen-Erzeugnisse von besonderer Qualität. Mit der Zahl der Webstühle (808), der Webemeister (612), und der Webegehilfen (473), standen die Vogtei und der Flecken Lage in Lippe 1798 an erster Stelle.

Aber Kriegsunruhen, Einfuhr- und Ausfuhrverbote, Zollerhöhungen und die Erfindung des mechanischen Webstuhls schmälerten den Verdienst und den Ertrag der Heimarbeit. Verantwortungsbewußte Männer erkannten die Not uhd Gefahr, die sich aus dem Verfall des Leinengewerbes ergeben mußte und suchten der auf kommenden Not zu steuern.

In Blomberg und Lemgo kam die Woll-Manufaktur auf; Wollweberei trat an die Stelle des Leinengewerbes. In Blomberg waren 1806 bis zu 300 Wollweber beschäftigt. In Lage gingen die Bemühungen zur Hebung der Industrie darauf aus, den Verfall des Leinengewerbes durch die Einführung der Baumwollspinnerei- und -Weberei im Zusammenwirken mit der Industrieschule in Lage aufzuhalten. Die Ortsakten aus der Zeit von 1797 bis 1807 berichten von selbstlosen „patriotischen und sozialen Bestrebungen zweier Männer, die sich in vorbildlicher Hingabe für die Entwicklung des Ortes und das Wohl der Bewohner einsetzten.“ Der Hofgerichtsassessor, Stadtsyndikus Petri und der Kantor Tasche entwickelten eine regsame und weitblickende Tätigkeit. Sie wollten „der notorischen Armut im Flecken Lage“ abhelfen durch neue Arbeitsbeschaffung auf fester Grundlage. Schon einige Jahre lang hatte Kantor Emil Ludwig Tasche versucht, die Jugend zur Arbeit in der von ihm eingerichteten Industrieschule nach Pestalozzischem Vorbild zu erziehen. Er wollte damit „auf die Wohlfahrt des Fleckens einwirken“. Weben und Spinnen, Stricken und Häkeln wurden Gegenstände des Arbeitsunterrichts in der Schule.

Hebung der Industrie

Von den Bestrebungen Tasches angeregt, wandte sich der junge Stadtsyndikus Petri 1797 an die Rentkammer in Detmold. „In dem Gefühl der Pflicht seinem Vaterlande in seinem Wirkungskreise möglichst nützlich zu werden, wollte er den Versuch wagen, im Flecken Lage die Wollspinnerei und Weberei in Verbindung mit der Industrieschule in Aufnahme zu bringen.“

In einer sorgfältig vorbereiteten Denkschrift legte Petri wertvolle Gedanken nieder über „die Beförderung der Industrie im Flecken Lage 1798“. Er wies darauf hin, daß die Leinenindustrie infolge der Konkurrenz Amerikas und Irlands in ihrem Absatz gefährdet würde. Der Flachsanbau und die Flachsbearbeitung hatten einen schweren Stoß erlitten. Zeitliche Umstände machten es dringend nötig, „den Bürgern andere Erwerbsmittel in die Hand zu spielen.“

Petri dachte dabei an die in der Blomberger Gegend zur Blüte gelangte Wollmanufaktur, die in Verbindung mit den Bemühungen des Kantors Tasche im „weiteren kommerziellen Sinne eine Hebung der Kultur und der Wohlfahrt herbeiführen sollte, deren Auswirkung auf ganz Lippe von Bedeutung sein würde.“ Die Blüte der Schafzucht in Lippe und die Güte der Wolle ließen gute Fabrikate und hinreichenden Absatz erwarten, wie das für das Blomberger Becken damals bewiesen wurde.

Der Plan Petris ging dahin, Versuche mit der Verarbeitung der Baumwolle zu unternehmen. Er wies darauf hin, daß die Lemgoer Meerschaumpfeifenfabriken „bei dem jetzigen Flor 80—100 Kisten Meerschaum“ verarbeiteten und daß in den Kisten zugleich eine ansehnliche Menge Baumwolle eingeführt würde. Die Verdienste der Baumwollspinner waren höher als die der Flachs- und Wollspinner. In der Industrieschule des Kantors Tasche in Lage konnten Kinder von 7 bis 8 Jahren bei einiger Geschicklichkeit mit Strickgarn es auf 6 Taler bringen, mit Garn zum Verweben verdienten sie weniger. Die Verarbeitung der Baumwolle sei „simpler“ als die der Wolle.

Ein Plan gelingt

Seite 161 aus

Seite 161 aus „Die Gartenlaube“. von 1889. By Various (Scan from the original work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Zur Unterweisung in den einfachen Künsten der Verarbeitung der Baumwolle brauchte man in Lage keine fremde Hilfe. Kantor Tasche sei mit Rücksicht auf seine Person wie auch durch seine Kenntnisse und praktischen Erfahrungen vorzüglich tauglich für Heranbildung der Kinder zur Baumwollverarbeitung. Ein Soldat aus der Magdeburger Gegend, der dort in einer Baumwollfabrik
tätig gewesen war, hatte dem Kantor das Geheimnis der Baum Wollweberei praktisch enthüllt. Es waren von Tasche selbst Proben der Baumwollverarbeitung vorgelegt worden. Herrenhuter Zeuge von leinener Schierung mit baumwollenem Einschlag, Stoffe, welche von außerordentlicher Schönheit und Güte waren und stark gesucht wurden.

Mit der fabrikmäßigen Herstellung des Herrenhuter Zeuges sollten die alten Leineweber der Gefahr enthoben werden, daß sie brotlos wurden, besonders, wenn es gelänge, die Webstühle auf dieses Produkt umzustellen und die Verarbeitung der Baumwolle zu vervielfältigen.

Günstig für den Plan war auch der Umstand, daß sich damals in Lage eine Schönfärberei niedergelassen hatte, die imstande war, baumwollene Garne in allen Farben „ächt zu färben“, was bis dahin auch in Lemgo, dem Sitz der Blaufärberei, noch unmöglich war.

„Ich werde in diesem Frühjahr den Versuch machen, die syrische Seidenpflanze, deren Produkt wie Baumwolle verarbeitet wird, hier zu ziehen, was nicht fehlschlagen kann, da unser leichter, sandiger Boden zur Kultur vorzüglich tauglich ist“. Wenn das gelingt, könnte man den einzigen Einwand entkräften, daß die Fabrik nur ausländische Produkte verarbeite. Der einzig sichere Weg, das Verspinnen der Baumwolle auf breiter Grundlage einzuführen, sei die Industrieschule in Lage, die durch Kantor Tasche bereits zu einer Einrichtung gefördert war, an der die Fürstin Pauline, der Generalsuperintendant von Cölln und Pastor Melm in Lage das größte Interesse fanden. In Tasche hatte man einen Mann als Vorsteher, dessen Kenntnisse, Fähigkeiten, dessen tätiger Eifer für allgemeines Wohl ihn vorzüglich geschickt machten, die Baumwollfabrik zu „dirigieren“. Er verdiene Aufmunterung und Dank, da er alles Mögliche zur Förderung des Unternehmens beitragen würde. „Dies Unternehmen muß zu einer öffentlichen Anstalt gemacht werden.“

Der Bitte Petris an die Regierung um Unterstützung aus dem Industriefonds folgte bald ein Zuschuß von 50 Rtlr. für die Anschaffung von Baumwolle und Gerätschaften für die Verarbeitung. Der Magistrat übernahm die Bürgschaft für ein Darlehn der Leihekasse in Detmold von 100 Rtlr. Petri sprach mit seinem Dank die Hoffnung aus, daß „seine heißesten Wünsche, Industrie und Wohlstand dereinst an meinem jetzigen Wirkungskreise verbreitet zu sehen, erfüllt werden möchten“. Mit der weiteren Gewährung von 100 Talern zinslosen Kapitals wünschte die Leihekasse dem rühmlichen Eifer des Syndikus Petri und der Arbeit des Kantors Tasche besten Erfolg.

Die „Baumwollfabrik lief gut an“; im März 1799 teilte der Generalsuperintendant von Cölln dem Syndikus Petri mit, daß die Fürstin Pauline an der Einrichtung Lage wärmsten Anteil nehme und die Absicht habe, demnächst selbst nach Lage zu kommen. Im Juni folgte der Besuch der regierenden Fürstin, die nach einem Bericht des Pastors Melm über die Bestrebungen des Kantors Tasche fortlaufend unterrichtet war und die in ihnen die praktischen Auswirkungen Pestalozzischer Pädagogik im lippischen Lande erblickte, von denen sie das Beste erwartete. „Bildung der Hand und Bildung des Kopfes“ — Erziehung zu nutzbringender Arbeit und reiner Menschenbildung, — so mühte sich der Kantor Tasche unter Aufopferung seiner Kräfte und seines Vermögens um die Industrieschule.

Tasche und Petri

In den Kreisen der Eltern war bald das Mißtrauen gegen die Ausnutzung der Kinder völlig geschwunden, als diese die Erfolge ihrer Arbeit, gute Bezahlung für besonders gute Arbeiten, mit nach Hause brachten. Es war dem Kantor gelungen, einen Fachmann in dem Baumwollweber Daniel Ittig aus Friedrichsfelde zu gewinnen.

Kantor Tasche räumte der Familie Ittig seine Wohnung uneigennützig ein. Er dankte dem Magistrat, der durch sein Entgegenkommen bewiesen habe, mit welchem patriotischem Eifer derselbe die Industrieschule mit der Baumwollmanufaktur zu fördern suchte und wie sehr es ihm anliege, „die unter der geringen Klasse der Einwohner dieses Ortes noch herrschende zähe Trägheit in emsige Tätigkeit umzuformen“. Die Schwierigkeiten, die sich zu Beginn der „Fabrikation“ entgegenstellten, lagen darin, daß die Rohmaterialien im höchsten Preise und alle Lebensmittel zu den Verdiensten der „geringen Volksklasse“ im mißlichen Verhältnis standen.

Für den Absatz der Erzeugnisse suchte man einen Lemgoer Kaufmann zu bewegen. Tasche selbst erklärte bezüglich des Absatzes taktvoll, daß er das „Geschäft des Fabrikanten mit seinem Beruf der Erziehung zu tüchtigen Menschen nicht in Übereinstimmung bringen könnte“. Die Absatzfrage war für das Unternehmen wie für das ganze Land von besonderer Wichtigkeit. Im Flecken Lage war bei der Armut der Bevölkerung nicht viel auf Absatz zu hoffen, niemand wollte auf eigenes Risiko den Betrieb übernehmen, Und doch hing von der Lösung der Absatzfrage die Entwicklung der „Webeindustrie“ ab. Ein Bericht Petris enthielt den Hinweis auf den Stand der „Leinwandmanufaktur“, wonach in Lippe schätzungsweise mit einem Export von 400 000 Rtlr. gerechnet werden könne, während der Ertrag des Hollandgehens auf 50 000 Rtlr. geschätzt wurde.

Um die lippischen Weber vom „Ausland“ unabhängig zu machen, schlug Petri vor, auch in Lippe Bleichen anzulegen. In Lage wurde darauf „im Bruche“, auf Rentkammergelände, die erste lippische Bleiche angelegt, die zuletzt als Veerhoffs Bleiche bis zur Jahrhundertwende ihre Aufgabe erfüllte.

Im Jahre 1800 wurden in den Monaten Februar bis September an Baumwolle 381 Pfd. aus Bremen, Herford und Bielefeld zugekauft. Davon waren gewebt und wurden abgesetzt:
122 Ellen an die Fürstin Pauline
30 Ellen an Frau von Donop
50 Ellen an Frau Amtsrat Rötteken.

Ins Preußische wurden abgesetzt:
569 Ellen Kleiderstoff, 186 Ellen Futterparchent.

Der Beifall der Fürstin wurde dem Fabrikanten sehr wertvoll.

Der Niedergang

Solange Kantor Tasche die Seele des Unternehmens war, blieb die Baumwollweberei in Verbindung mit der Industrieschule in gutem Gange. Als dieser aber 1802 plötzlich starb, nachdem er sein Vermögen und seine ganze Kraft für das Werk geopfert hatte, kam das Unternehmen zunächst zum Erliegen.

Jetzt setzte Stadtsyndikus Petri alles daran, das Werk Tasches wieder „in flotten Gang zu bringen“. Dank der Vorsorge Tasches war eine Reihe tüchtiger Baumwollspinner in Lage vorhanden, die das Werk fortsetzten, auch als der erste Spinn- und Webemeister Ittig seiner Arbeit untreu wurde. Die Leihekasse half 1802 mit einem weiteren zinslosen Vorschuß von 200 Rtlr. Die Fabrikation erstreckte sich auf das Weben buntgestreiften Zeuges zu Frauenröcken aus Flachs, Baumwolle und Wollgarn. Diese Stoffe wurden viel getragen und fanden auch hinreichenden Absatz.

Die mit so hoffnungsvollen guten Absichten begründete Baumwoll-Webe-Fabrik hielt sich bis 1806 in erfreulicher Entwicklung. Dann aber führten „Mängel an kaufmännischer Planung, moralische Unzulänglichkeit und unverantwortliche Faulheit eines Individiums“ das Ende herbei.

„Es tat dem Referenten (Petri) sehr weh, daß seine lange und gerne genährten liebsten Pläne gänzlich scheiterten an den Verhältnissen und an unzulänglichen Menschen.“

Aus den Untersuchungen des Bürgermeisters Bröffel 1806 gegen den Parchentfabrikanten Bürger Jürgens ergab sich, daß dieser das Darlehn einer „öffentlichen zu Wohltun und gemütlichen Zwecken“ bestimmten Kasse in unverantwortlicher Weise verwirtschaftet hatte, ohne ordentlich Buch zu führen, ohne Verzinsung und Abtragung der Schuld. Er solle dem „Gogericht zur Einwrugung“ übergeben werden wegen Veruntreuung.

Von einer Bestrafung, die nichts hätte retten können, hören wir nichts. Die selbstlose Tätigkeit Tasches und Petris blieb trotzdem in Lage von segensreicher Wirkung. Das Weben feiner Leinwand in Lage und der Vogtei war zum Lebensunterhalt geworden.

Nach einer Übersicht des Lippischen Magazins vom Jahre 1837 wurden gewebt:

In der Vogtei und dem Flecken Lage auf 795 Webstühlen
Im Amt Detmold auf 75 Webstühlen
In Heiden auf 105 Webstühlen
davon fielen auf das Heidensche Pivitsheide auf 87 Webstühlen
Im Amt Oerlinghausen auf 324 Webstühlen
Im Amt Schötmar auf 99 Webstühlen
In der Lageschen Pivitsheide auf 336 Webstühlen
In Hörste und Billinghausen auf 177 Webstühlen
In Augustdorf auf 181 Webstühlen

Im Spinnen und Weben seiner Leinwand suchte der größte Teil der Bevölkerung in der Umgebung Lages seinen Lebensunterhalt (v. Donop). Über die Zollstätte Ubbedissen wurden 1837 noch 28 000 Stück teinste lippische Leinwand im Werte von 336 000 Talern ausgeführt. Der Ruhm der Bielefelder Leinewand wurde von Lippern zu  begründet. Daß der zu erwartende Rückgang der Handweberei zu gefährlichen sozialen Nöten führen mußte, beunruhigte den jungen Stadtrichter von Lage schon früh. Wenn seine Bemühungen um die Baumwollspinnerei und Weberei scheiterten, so blieb er doch der Verpflichtung treu, immer in der Not hilfreiche Dienste zu leisten, indem er später für die Ziegler die „Ziegler-Unterstützungskasse“ begründete, die erste soziale Einrichtung dieser Art in Lippe.

Seine Verbundenheit mit dem Flecken Lage und später der Stadt Lage wurde mit besonderer Dankbarkeit von seinen Lageschen Bürgern belohnt.

Quelle: Heimatland Lippe – Von Rudolf Koller, Lage.