Bilder aus Kirchheides Vergangenheit

Bilder aus Kirchheides Vergangenheit und die Anfänge der Dorfschaft Brüntorf

Dieser Beitrag ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines vor mehreren Jahren auf Einladung des Landwirtschaftlichen Vereins Kirchheide gehaltenen Vortrags. Dabei war es ein besonderes Anliegen des Referenten und der Veranstalter, möglichst ausführlich die überlieferten historischen Zeugnisse selbst zum Sprechen zu bringen. Alle wörtlichen Zitate stammen aus Unterlagen im Staatsarchiv Detmold.

Der Krämer
Unter der Regentschaft der Fürstin Pauline, am 21. Mai 1802, erschien beim zuständigen Amtsvogt in Varenholz, der damals auf Gut Niederntalle saß, Bernd Heinrich Drake von der Straßenkötterstelle Nr. 42 in Kirchheide und trug vor:

Er hätte einige Jahre in Bremen bei einem Kaufmann als Kutscher gedient und sich in Handlungssachen soviel Kenntnis und Vermögen erworben, daßer einen Hökerwarenhandel zu treiben im Stande sei. Jetzo gedächte er seine elterliche Stätte anzutreten und wäre wohl willens, darauf erwähnten Handel und zwar mitfolgenden Warenartikeln als Öl, Tran, Teer, Gewürz, Zucker, Sirup, Reis, Tabak, Pfeifen, Garn, Kreide etc. zu unternehmen. Bäte des Endes Unterschriebenen bei Hochfürstlicher Rentkammer die Kommission dazu durch Erteilung eines Kontrakts auf die nächsten 3 Jahre gegen Übemehmung eines jährlichen Pachtgeldes zu 2 Rtl. auszuwirken und versprach dieses Quantum nach den 3 Jahren zu erhöhen, falls der Handel gut vonstatten gehen möchte.

Er erhielt die erbetene Konzession gegen eine entsprechende Gebühr, wie üblich auf drei Jahre. Nach Ablauf wurde sie jeweils verlängert, seit 1823 unter folgenden zusätzlichen Auflagen:

1. Muß derselbe auch mit inländischem Salz handeln und solches jederzeit zum Verkauf vorrätig haben, dagegen
2. darf er bei Verlust dieser Konzession nicht mit Apothekerwaren handeln, sondern mußsich nach der hierüber ergangenen Verordnung vom 21 Mai 1822 richten . . .

Es war die Zeit lange vor der Erfindung der Kühltruhe, dieZeit vordem Einlegen und Einkochen in Dosen und Gläsern. Unverzichtbar war das Salz zum Pökeln und Räuchern, für das Konservieren von Gemüse. Der Salzhandel war ein Regal, ein Privileg des Landesherrn, der den Preis bestimmte und daran allein verdiente.

Kaufhaus Tegeler in Kirchheide um 1912.

Kaufhaus Tegeler, Kirchheide um 1912.

Das Geschäft des Drake war das erste aktenmäßig nachweisbare im Raum Kirchheime, sein Angebot war mehr als bescheiden. Die übrigen Artikel des täglichen Bedarfs produzierten die Menschen auf dem Lande noch selbst, kauften sie auf den Jahrmärkten oder bezogen sie aus der Stadt.

1834 erfahren wir etwas mehr über die Verhältnisse, als der Krugpächter Tegeler in Kirchheide den Antrag stellt, seiner Wirtschaft ein Geschäft angliedern zu dürfen und dabei erklärt:

Es ist zwar der Kolon Drake daselbst bereits zu diesem Handel konzessioniert; da indessen Kirchheide in der Mitte mehrerer bedeutender Dorfschaften belegen ist, in denen sich kein Kommerziant befindet, und welche zum Teil ihre Warenbedürfnisse aus dem 5/4 Stunden entfernten Lemgo beziehen, so würde es gewiß für jene Dorfschaften nur vorteilhaft sein, wenn mir gleichfalls eine Konzession zum Handel erteilt würde, wodurch vorzüglich den kleinen Eingesessenen bessere Gelegenheit gegeben würde, ihr Garn ohne große Versäumnis verkaufen zu können.

Hochfürstliche Rentkamrner bitte ich daher gehorsamst, mir eine Konzession zum Hökerhandel1Kleinhändler, vor allem auf Märkten, werden auch als Höker oder Detaillisten bezeichnet. hochgeneigtest gegen die hergebrachte Abgabe zu erteilen, und hoffe ich umso mehr auf Gewährung dieser Bitte, da auch schon früher außer dem Drake in dem der Kirchheide ganz nahe belegenen Dorfe Brüntrup jemand zum Hökerhandel konzessioniert war, welcher dies Geschäft aber wahrscheinlich aus Mangel an gehöriger Kenntnis wieder aufgegeben hat, welche Kenntnis ich mir indes während meiner mehrjährigen Kondition als Handlungsdiener hinreichend erworben zu haben glauben darf.

Wir lernen aus dieser Eingabe, daß der ländliche Kaufmann nicht nur versuchte, in Konkurrenz zu den schlecht erreichbaren Geschäften in der Stadt die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, sondern auch als Aufkäufer und Zwischenhändler der in den Häusern produzierten Waren tätig wurde. Noch deutlicher wird das aus dem Bericht, mit dem der Amtsvogt das Gesuch an die Rentkammer in Detmold weiterleitet:

Der Handel der Kommerzianten auf dem Lande besteht größtenteils in Tauschhandel und ist als solcher deshalb nicht zu begünstigen, weil der Landmann sich oft verleiten läßt, für seine Produkte statt baren Geldes Waren zu nehmen, die meistens für ihn entbehrlich sind und die mit dem Werte seiner Produkte in gar keinem Verhältnisse stehen.
Den Einwohnern zu Kirchheide fehlt es nicht an Gelegenheit, sich die notdürftigen Waren zu verschaffen, da in Kirchheide bereits ein Kommerziant ist und in dem ½ Stunde davon entfernten Dorfe Talle deren zwei wohnen.

Die Leute sollten also davor geschützt werden, ihr Einkommen für Luxusgüter ausgeben zu können! — Noch ehe in Detmold eine Entscheidung gefallen war, machte Tegeler einen neuen Vorstoß. Er erklärte, durch die vor zwei Jahren erfolgte Aufhebung des sog. Zwangs-Debits sei seinem Kruge ein erheblicher Teil seiner Einkünfte verloren gegangen. Er müsse dafür einen Ausgleich haben. In Kirchheide (einschließlich Brüntorf, Matorf, Istorf, Voßhagen, Pillenbruch und Walsdorf) gebe es bisher nur ein Geschäft, — in Wüsten, „obgleich diese Dorfschaft nahe bei Schötmar und Uflen belegen”, dagegen fünf! Bei fehlender Konkurrenz könne der einzige Kaufmann die Bauern übervorteilen, wenn sie Garn oder Butter gegen Waren eintauschen wollten. Er der Krüger — erhält darauf endlich die erbetene Einzelhandelskonzession; der Kaufmann versucht im Gegenzug die Genehmigung für einen Branntweinausschank, später für einen Bierausschank zu erhalten. Die Ablehnung wird 1845 mit folgenden Worten begründet:

Zeitiger Inhaber der Krugwirtschaft auf Kirchheide ist der Pächter Tegeler. Dieser ist immer mit gutem Bier versehen und habe ich nie Klage darüber gehört. DerKrug liegt am Wege von Vlotho nach Lemgo, in der Mitte der Kirchheide und der angrenzenden Ortschaften, so daß das Haus eine bequeme Lage hat. Die Wirtschaft darin ist auch gut. Die Etablierung einer zweiten Bierschenke ist daher für jene Gegend durchaus kein Bedürfnis. Supplikant der Antragsteller Räker, Pächter der Drakeschen Stätte, ist Schuhmacher und treibt sein Handwerk mit mehreren Gesellen, ein Zeichen, daß er hinreihend Arbeit hat. Außerdem beschäftigt er sich mit dem Kleinhandel, der seitJ Ähren auf dem Kolonate betrieben ist. An Erwerbsquelle fehlt es dem Manne mithin nicht, wenn er nur allem gehörig vorsteht.

Der Plan wird wohl sein, nach und nach mit der Bierschenke auch eine Schnapsschenke zu verbinden und auf diese Weise einen zweiten Krug zu etablieren; denn eine Bierschenke allein rentiert sich auf Kirchheide gewiß nicht. Ein Krug daselbst ist hinreichend unddie Verrnehrungder Wirtshäuser ohne Not gewiß nicht zweckmäßig, daher muß ich mich gegen das Gesuch aussprechen.

Die angeführten Aktenauszüge sagen einiges über das Leben im Dorfe in der ersten Hälfte des 19. Jh. und verlangen eigentlich keine weiteren großen Erläuterungen. Nur auf drei Gesichtspunkte soll noch einmal hingewiesen werden:

  1. Der offensichtlich noch blühende Tauschhandel ist auch damals schon ein Relikt aus vergangener Zeit.
  2. Zeitgemäß waren die schwierigen Verkehrsbedingungen, die man heute so leicht aus dem Auge verliert. Das normale Fortbewegungsmittel der einfachen Leute waren „Schusters Rappen”.
  3. Die Arbeit des Schuhmachers Räker mit mehreren Gesellen in Kirchheide ist Ausdruck einer euen Zeit. Noch gut 100Jahre vorher galt das seit 1490 immer wieder verlängerte „Siebzigjährige Privileg”, das in den Dörfern der Herrschaft Lippe keine Handwerker duldete, die in den städtischen „Ämtern” vertreten waren.

Der Krug
Zurück zum Krug. Wir hatten schon erfahren, daß 1832 das Zwangs-Debit aufgehoben worden war. Was das war und wie der Krüger es verstand, ergibt sich aus seiner Klage aus dem Jahre 1830:

Vermöge des von Hochfürstl. Rentkammer mir unterm 22. Juli 1825 erteilten und unterm 4. Juli 1828 auf 3 Jahre prolongierten Kontrakts habe ich die Verseilung Verkauf von Bier und Branntwein in den Dorfschaften Matorf Brüntorf und Welstorf gepachtet und ist mir darin zugesichert worden, daß niemand fremdes Getränk einbringen solle.
Gleichwohl haben vor einiger Zeit nachbenannte Einwohner l Bartling von der Leimkuhle, 2. Bauerrichter Dieckmann daselbst, 3. Einlieger Herzog auf der Kirchheide, welche zur Bauerschaft Matorf gehören, Hochzeiten gehalten und dazu fremdes Bier und Branntwein genommen.

Kirchheider Krug.

Kirchheider Krug.

Auf meine desfallsige Beschwerde bin ich vom Amte Varenholz abschlägig beschieden. Ich zeige dies daher hiemit an und bitte untertänigst; mich bei den gepachteten Gerechtsamen zu schützen und gnädigst zu befördern, daß mir nicht allein der noch zu liquidierende Schaden ersetzt, sondern auch ein künftiger Eingriff in die herrschaftlichen Gerechtsame verhindert werde.

Obwohl die zuständigen Beamten meinten, das Monopol betreffe nur das Verkaufsrecht innerhalb des Krugbezirks, Einkauf zum eigenen Verbrauch auch von außerhalb sei davon nicht berührt, ließ der Krüger nicht nach, bis die Beklagten seinen Schaden ersetzen mußten. Es war ein kurzfristiger Triumph. Kurz danach wurde der Branntweinverkauf für den Verzehr zuhause auch den Geschäftsleuten gestattet; nur der Ausschank blieb dem Krug Vorbehalten.
Der Krug auf der Kirchheide ist zwischen 1600 und 1610 von Herman Niewald erbaut worden. Die Heide war damals landesherrlicher Besitz, und die Stätten wurde durch gräfliche Beamte zugewiesen. Das Recht, einen Krug zu eröffnen, mußte selbstverständlich die Regierung erteilen. 1619 erfolgte der erste Besitzwechsel. Käufer war mit Zustimmung Simons VII. dessen Sattelknecht Hans von Schilske Der Krug ist selten länger als zwei Generationen in einer Familie geblieben. Er hat oft schlechte und selten auch einmal gute Zeiten gesehen; dabei sind die Klagen, Bitten um Steuererlaß, Prozesse wie immer häufiger aktenkundig geworden als erfreuliche Nachrichten. Im 30jährigen Krieg(1634) wurde der Krüger durch kaiserliche Truppen getötet. 1656 blühte das Geschäft: der Krug erhielt das Recht, neben Selbstgebranntem Branntwein und selbstgebrautem Bier für die vielen durchreisenden Fremden auch importiertes Mindener Bier bereitzuhalten.

In der ersten Hälfte des 18. Jh. spielte sich in diesem Hause eine jahrzehntelange Familientragödie ab. Sie soll hier anhand von zwei ausführlichen Zitaten dargestellt werden. Ein persönliches Schicksal mag beispielhaft zeigen, unter welch schweren Bedingungen manche Menschen zu allen Zeiten, auch in einer scheinbar geordneten Welt und in einem
überschaubaren Lebenskreis ihr Schicksal zu bewältigen hatten.

Der Amtman J. B. Höcker schildert am 13.12.1717 den Fall und bittet die Regierung in Detmold um Unterstützung:

Welcher gestalt der schöne Krug zu der Kirchheide, so jederzeit unter den besten des Amts Varenholz gezählet worden, durch wüstes versoffenes und faules Leben des alten Krügers Christian Kuhlenhölters ganz lahm gelegt und desfalls an Düsenberg zu Vlotho verpachtet gewesen, ein solches wird Ew. Hochwohlgeb. zweifelsohne annoch einigermaßen erinnerlich bevorstehen; ob nun wohl der alte Krüger nach verflossenen Konduktions-Jahren die Güter selber wieder zu unternehmen und die Wirtschaft zu treiben resolvieret, so bat jedennoch wegen wunderlicher Haushaltungauch dieses nicht lange Bestand haben mögen. Wesfalls sie dann genötigt worden, ihre wiewohl noch ziemlich unerwachsene Tochter an Hermann Adolph Meyer von Entorffzu verheiraten und die Güter selbigen zu übertragen … Von diesem neuangehenden Krüger nun hatte man, in Betracht er ein Ziemliches beigebracht, sich die Hoffnung gemacht, den Krug zu vorigem Flor wiederum zu bringen; anstatt dessen aber von ihm anfänglich und bis hierhin vernehmen müssen, daß der alte Krüger, ein Schwiegervater,
täglich toll und voll, die Mutter auf dem Bette liege und sonsten ihres Leibes pflegte, in summa alles, was er gebracht und erwürbe, verzehren hülfen. Wiewohl man nun an Ermahnungen nicht ermangeln lassen, so haben solche jeden noch nicht fruchten wollen, en contraire den Effekt gehabt, daß Übel ärger geworden und der Schwiegersohn vor seinen Schwiegervater, indem er ihn mit Äxten und Messern ermorden wollen, im Hause nicht gesichert sein könne. Wann nun unter andern bei der Eheteidigung verabredet, falls sich Eltern und Kinder zusammen nicht comportieren und friedsam leben könnten, sie, die Eltern, gehalten sein wollten, das Leibzuchtshaus zu beziehen, und die bei der Stätte vorhandene 12 Schäffelsaat Landes zu ihren Unterhalt nehmen. So hat man diesem zufolge um besorgendes Unglück und den gänzlichen Ruin des Kruges zu verhüten, denen Eltern zwar den zu verschiedenen Malen anbefohlen, das Leibzuchtshaus zu beziehen, aber so wenig von ihnen regardieret worden, daß ob sie waren die Kornfrüchte wirklich ins Leibzuchtshaus eingeführet und zu ihrer Disposition stehen, das Leibzuchtshaus an andere verpachtet und die Heuergelder genießen, und ihren Kindern zur Last im Kruge verharren, auch sonsten über die Befehle ihr Gespött treiben mit dem Anfügen, der Amtmann und Vogt hätte sie nichts zu befehlen.

25 Jahre später klagt die arme Frau, die hier als junges Mädchen verheiratet werden mußte, um die heruntergekommene Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, in einem an die Gräfin Johanna Wilhelmine gerichteten Schreiben:

Ew. Hochfürstl. Durchlaucht… gehorsamstes vorzutragen kann ich nicht umhin, was maßen ich mit meinen Mann sei. den Krug auf der Kirchheime habe angenommen. Ist alles darin verruinieret gewesen und wir als aufs Neue haben müssen anlegen, eine Braupfannen und auch einen Branntweinspott, auch sind an Schulden darin gewesen 1100 Tlr. Wir darauf bezahlet haben 400 Tlr., weiter haben wir 400 Tlr. an Brautschatzgelder bezahlet wegen A bbringung alten Kinder; und nunmehro woll geworden hätte, daß wir zusammen das liebe Brot gehabt hätten, hat der liebe Gott mich in einen flehenden und betrübten Zustand gesetzet und meinen Mann von mir zu sich genommen und nun in Betrübnis sitze. Ich auch einen großen Sohn hatte, welcher sich unartig aufführte und sich unter die Huren begab und zog sich damit; mir auch untern Jahre 200 Tlr. verbracht und solches den Huren zubrachte und ich mit ihm nicht haushalten konnte, auch keine friede Stunde mit ihm zubringen konnte. Solches habe aus großer Not unsere Herrn Beamten klagen mußte. Wie er aber hergefordert wurde, ging er hin und ließ sich unter die Hannoverschen Truppen vor Soldate annehmen. Eraber davon weg ist desertieret und nach Amsterdam gegangen, welches unsere Herrn Beamte werden von diesen allen meinen Vorbringen Zeugnis von geben können. Indem ich auch in meinen Wittibenstande an die 80 Tlr. an die Kreditoren bezahlet habe und leider nur in großer Betrübnis sitze und nicht mehr weiß, wo mich in diesen betrübten Zustande zu helfen stehet, indem auch aus meinen Kruge an Ew. Hochfürstl. Durchlaucht nicht mal Supplik haben und jährlich die herrschaftlichen Gelder richtig contentieret haben. Mahn nun Ew. Hochfürstl. Durchlaucht, mir betrübten Wittibenfrauen doch wolle die Gnade bewirken und mir doch in meinen betrübten flehnden Zustande doch ein hülfreich Hand zu leisten, da ich leider von den teuren Jahre und von meines Manns sei. Krankwesen die Tranksteuer rückständig bin geblieben …

Die Schule
Wenden wir uns damit der Schule zu. Sie wurde 1680/81 durch Pastor Bröffel als Zweitschule neben der am Kirchort Talle für den westlichen Teil des Kirchspiels in Kirchheide eröffnet. Schon 1695 reichte die vorhandene Stube für die 80 Kinder nicht mehr aus, so daß ein eigenes Schulhaus gebaut wurde. Im gleichen Jahr kam ein neuer Lehrer, dessen Einstellungsurkunde erhalten ist:

Demnach der Prediger zur Talle Ehrn Simon Christoph Bröffel vor sich und im Namen dortiger Gemeinde anhero berichtet, gestalt die daselbst neu angelegte Orgel nunmehro fertig und also zu derselben Verwaltung ein tüchtiges Subjectum desiderieret würde, derobehuf sie dem Bartold Gronemeyers zu Uflen Sohn, Johan Henrich Gronemeyem rekommandieret und gebeten, denselben zu einem Organisten selbiger Gemeine, wie auch, damit er desto besser subsistieren könne, zugleich zum Schulmeister auf der Kirchheide anzunehmen; solchem Petito auch, weiln ged. Johan Henrich Groemeyers Progressus in der Orgelkunst schon zum Teil bekannt, nicht weniger in den Grundstücken christlicher Lehre am Rande nachgetragen: auch im Schreiben und Rechnen  einen guten Anfangzu haben, befunden, deserieret worden. So ist ihm aus Hochgräfl. Kirchenordnung, was eines Organisten und Schuldieners Amt sei, deutlich vorgehalten, und da er solchem getreulich nachzukommen, festiglich angelobet, demselben solcher Organisten- und Schuldienst conferiert und dazu nomine Illustrissimi Hochgräfl. Gnaden bestätigen; dabei auch erinnert worden, sich ferner in den Grundstücken christlicher Lehre nach Anleitung des Worts Gottes und darauf gegründeten Heidelbergschen Catechismifleißigzu üben, damit er sein anbefohlenes Amt desto besser ausrichten könne. Urkundlich ist ihm dieses Protocollum unterm Aufdruck des Gräfe. Lipp. Consistorial-Insiegels mitgeteilet, womit er sich beim Superintendenten Classisanzugeben hat, welcher denn bei nächster Gelegenheit ihn der Gemeinde zu Talle vorstellen und als einen Organisten und Schuldiener introduzieren wird.

Der Lehrer war also in erster Linie nach seinen Fähigkeiten als Organist ausgewählt. Die Leitung der Schule war ihm zur Aufbesserung seines Einkommens (damit er desto besser subsistieren könne) dazugegeben worden.
Schulträger war die Kirchengemeinde, und der Ortspfarrer war ohnehin Vorgesetzter des Organisten wie des Lehrers. Der Heidelberger Katechismus, d. h. der Religionsunterricht war das eigentliche und Hauptunterrichtsfach; Schreiben und Rechnen kamen nur so eben hinzu; sie wären in unserem Protocollum beinahe vergessen worden!

Die alte Schule (von 1703) in Kirchheide.

Die alte Schule (von 1703) in Kirchheide.

Bis 1735 wechselten die Lehrer durchschnittlich alle 3 bis 5 Jahre, teils weil sie sich an größere Schulen versetzen ließen, teils weil sie starben. Dann aber kam der Schulmeister
Biere, der 50 Jahre lang bis 1785 die Stelle innehatte. Er beklagt sich einmal 1742, daß die Eltern ihre Kinder im Sommer gar nicht, im Winter meist nur 2 oder höchstens 3 Jahre lang
in die Schule gehen ließen. Die Eltern verteidigen sich: ihre Kinder müßten im Sommer ihre eigenen oder fremde Kühe hüten, und wenn einzelne Kinder zur Schule kämen, schicke sie der Lehrer heim, weil er mit wenigen gar nicht erst anfangen wolle. Die Anschuldigungen gingen hin und her, geändert hat sich zunächst nichts. Zwischen den Zeilen wird deutlich,
daß es nicht um die Kinder, sondern nur um das Schulgeld ging, das die Eltern an den Lehrer zu zahlen hatten; das beiderseitige Verhältnis war und blieb schlecht.

Als Biere 1785 starb, ging eine Flut von Bewerbungen ein, weil die hohe Schülerzahl von inzwischen 120 Kindern die Stelle attraktiv erscheinen ließ. Eingestellt wurde ein Lehrer Busche, der leider nach mehrmonatiger Krankheit noch im gleichen Jahr starb. Da machten die Kirchendechen Bergemann zum Voßhagen, Herms Meyer zu Matorf und Mencke zu Brüntorf folgende Eingabe an das Konsistorium:

Wir haben das traurige Schicksal, den guten Schulmeister Busch durch den Tod verloren zu haben.
Wir fühlen den Verlust, wissen daß er ein rechtschaffener Mann war. Sein Andenken ist bei uns in Segen. Er bat uns,für die Seinigen zu sorgen, und seine hinterlassene Witwe verdienet unsere untertänigste Fürbitte zu ihrer Versorgung.
Sie hat bei dem fünfmonatigen Krankenlager gern hergegeben, was sie hatte, getan, was sie konnte, mit aller Geduld und Treue ihre Ruhe und Gesundheit der Verpflegung ihres Mannes nachgesetzt. Wir haben sie oft sagen hören: ich will alles aushalten, wenn er nur wieder besser wird. Und nun ist der ihr so liebe Mann, dem sie eben so lieb war, tot; und sie ist ohne Versorgung. Wir haben niemals etwas anders aus ihrem Munde gehört als was Vertragsamkeit und Nächstenliebe forderte. Sie ist der ganzen Gemeinde lieb und wert, und wir wünschen sämtlich, sie zu behalten, weil wir es aus vieljähriger Erfahrung wissen, was eine zanksüchtige Frau eines Schulmeisters zwischen den Schulmeister und den Distriktshewohnem auszurichten vermag.
Behalten wir diese, wie wir untertänigst bitten, so haben wir Ruhe und Frieden, den wir sonst in beinahe 30 Jahren nicht kannten.

Sie bitten dann um Zuweisung eines Seminaristen, um der Witwe wenigstens während des Trauerjahres die Einkünfte zu sichern und einen kostspieligen Umzug zu ersparen; danach könne vielleicht an eine Wiederverheiratung gedacht werden.
Zum Thema Schule schließlich noch eine letzte bezeichnende Episode Die Situation wird jedem deutlich vor Augen stehen, der wie der Verfasser noch eine einklassige Dorfschule kennengelernt hat, in der ein Lehrer acht Jahrgangsstufen gleichzeitig zu beschäftigen versuchte. Da mußten gelegentlich ältere oder „bessere” Schüler zur Betreuung von anderen herangezogen werden.
Im Jahre 1810 beschwerte sich deshalb der Kolon Alte-Held Nr. 6 zu Brüntorf an allerhöchster Stelle, nämlich bei der Fürstin Pauline persönlich:

Der Schulmeister Altenberend zur Kirchheide hat das ihm gegen seine Schulkinder zustehende Züchtigungsrecht an meinem 12jährigen Knaben im vorigen Winter auf eine unerhört widerrechtliche und grobe Art überschritten, weshalb ich mich dabei nicht beruhigen kann, sondern folgendes zur Kenntnis einer hohen Landesregierung untertänigst bringen muß.

Mein bemeldeter Knabe klagte öfters, wenn er aus der Schule kam, daß der Schulmeister ihm im Lesen etc. nicht unterweise, sondern daß solches von einem anderen Schüler geschehe, wodurch er nicht gehörig unterwiesen würde und deshalb nichts lernen könnte. Da der Schulmeister damals einen Schulgehilfen hatte, so war derselbe imstande, den Unterricht der Kinder selbst oder durch den Gehilfen zu besorgen und vorzunehmen, und ich sagte daher meinem Knaben, daß er bei der ersten Gelegenheit, wenn ihn ein anderer Schüler unterweisen wollte, meinen Wunsch, daß der Schulmeister selbst oder der Gehilfe desselben solches tun möchte, zu eröffnen.
Der Schulmeister hat aber diesen ihm von meinem 12jährigen Sohn bei Gelegenheit, wo er von einem anderen Schulknaben wieder unterrichtet werden sollte, hinterbrachten Wunsch gleich so übel aufgenommen, daß er denselben anfänglich 10 Stockprügel und nachher noch 52 Hiebe mit dem Stock auf den Rücken, Schulter und Hals versetzet und ihn dadurch so stark misshandelt und verletzet hat, daß ich ihm von dem Chirurgus Hofmeister in Lemgo habe wieder heilen lassen müssen.

Daß der Schulmeister hierdurch seine Pflichten auf eine höchst strafbare Weise überschritten hat, das ist keinem Zweifel unterworfen. Denn wenn er der Bitte meines Sohnes, daß er selbst ihn unterweisen möchte, kein Gehör zu geben sich für schuldig glaubte, so stand es ihm ja frei, mich dieserhalbzu verklagen; er durfte aber mein Kind nicht durch Schläge mißhandeln und zum Krüppel machen. Von einem solchen Mann, der sich so weit vergehen kann, einen wehrlosen schwachen Knaben so stark zu mißhandeln, bin ich nun auch für die Zukunft nicht gesichert, daß er sich auf ähnliche Weise an meine Kinder vergreife und sie verletze; und aus diesem Grunde ist es mir daher nicht möglich, meine Kinder dem bemeldeten Schulmeisterzum Unterricht und Erziehung ferner anzuvertrauen, sondern ich habe mich deshalb bereits genötigt gesehen, sie in die Lüerdisser Schule zu schicken, weil der Küster zur Talle sie nicht annehmen will.

An Ew. Hochfürstl. Durchlaucht ergehet demnach meine untertänigste Bitte, daß Höchstdieselben gnädigst geruhen wollen, dem Schulmeister Altenberend zur Kirchheide für die meinem Knaben zugefügte Mißhandlung nicht nur angemessenst bestrafen und in die Kurkosten verurteilen zu lassen, sondern mir auch gnädigst zu erlauben, daß ich meine Kinder nach der Lüerdisser Schule schicken darf.

Letzte Einschulung in der „unteren Schule" im Jahre 1956.

Letzte Einschulung in der „unteren Schule“ im Jahre 1956.

Der Pfarrer, der den Fall untersuchen mußte, berichtet später, der Schulmeister habe zwar das im zustehende Züchtigungsrecht überschritten; aber so schlimm wie geschildert, sei der Fall nicht gewesen. DerVater habe nicht zulassen wollen, daß sein Sohn sich von einem Kind ärmerer Leute (!) etwas sagen lassen sollte, habe ihn deshalb zum Boykott des Unterrichts animiert und der Junge habe stur wie ein Bock auf jede Frage, jede Ansprache die Antwort verweigert, bis dem Lehrer der Kragen geplatzt sei.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: Heimatland Lippe 09/1989 – von Hans-Peter Wehlt
Titelbild: Hendrik Buschmeier