Blomberg im Mittelalter

Burg Blomberg, erbaut im 13. Jahrhundert

Lebensbild einer lippischen Stadt anno 1283

Den historischen Hintergrund  kann man kurz durch den Hinweis skizzieren, daß in Deutschland im Jahre 1273 die „kaiserlose schreckliche Zeit“ durch die Wahl Rudolfs von Habsburg zum König beendet wurde. Er hat bis zu seinem Tode 1291 die deutsche Kaiserkrone nur deshalb nicht bekommen, weil er es mit dem Papst nicht konnte. Dieses Amt hatte von 1280 — 1285 Martin IV. inne, ein früherer Kanzler des französischen Königs, von dem man sagt, er hätte am liebsten alle Deutschen vertilgt. Lippischer Regent war von 1275 — 1324 Simon L, der im Jahre 1283 in Blomberg residierte. Und in dieser Zeit bekleidete ein Bürger Hildebrand das Amt des Bürgermeisters.

Getreidemahd im 13. Jahrhundert

Das Leben der damaligen kleinen Stadt erhielt starke Impulse durch die drei Handelswege, die sich vor der Stadt kreuzten. Die eine führte von Köln über Soest, Hörn in Richtung Osten, etwa im Verlauf der jetzigen Bundesstraße 1. Die andere Straße kam von Frankfurt über Kassel, Nieheim und Steinheim und kreuzte vor Blomberg die Kölnische Straße, um über Seibeck, Alverdis-sen und Rinteln nach Bremen zu führen. Die dritte kam von Thüringen über Höxter, Schieder und kreuzte bei der früheren Molkerei die vorgenannten Handelswege, um über Lemgo, Salzuflen nach Westen zu führen.
Die genannten Handelswege waren in einem miserablen Zustand. Und es kam hinzu, daß Räuberbanden damals den Verkehr — insbesondere beim Durchqueren von Wäldern — gefährdeten. Die Landesherren gewährten aber den reisenden Kaufleuten und ihren Packwagen bewaffnetes Geleit und ließen sich dafür auch entsprechendes Entgelt zahlen. Manches Gefährt wird nicht an Blomberg vorbeigefahren sein, da Menschen und Pferde Ruhepausen und Proviant benötigten und gelegentlich Geschirre der Pferde und die Wagen repariert werden mußten.
Manchmal wurden auch für Blomberger Kaufleute bestimmte Waren abgeladen oder Produkte für auswärtige Empfänger aufgepackt. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit betrug vor 700 Jahren etwa 25 — 50 km täglich, und sie erhöhte sich nicht bis zum 18. Jahrhundert. Man darf sich über den Umfang des Warenverkehrs des Jahres 1283 allerdings keine falschen Vorstellungen machen. Auf den genannten Handelswegen wurden nur so viele Güter im ganzen Jahr befördert, wie sie heute etwa zwei Güterzüge transportieren.
einem großen Teil von einer Mauer, im übrigen durch Wallhecken und Gräben. Darüber hinaus waren in der Umgebung Wachtürme errichtet, die das Herannahen von Raub- und Kriegsbanden zu signalisieren hatten. Hinzu kam ein ganzes System von Landwehren, Knicks, Schlingen und Schlägen.

Das Bild der Stadt war geprägt von der Burg, Kirche, Rathaus und Markt. Letzterer bildete den Mittelpunkt des gesamten städtischen Lebens, und an ihm als dem eigentlichen Inhalt des Stadtrechts haftete der Stadtfrieden.
Wenn wir uns nun den Menschen zuwenden, die im Jahre 1283 in Blomberg lebten, so müssen zuerst die Ritter, Ministerialen, Burgmannen, Knappen, Pferdeknechte und Dienstmannen erwähnt werden, die in einer Stärke von vielleicht 100 Mann nebst 150 Pferden dem Burgherren zur Verfügung standen und in der Nähe der Burg ihre Wohnungen hatten. Wir können davon ausgehen, daß auch mehrere Bauern schon vor der Gründung Blombergs im Gebiet der späteren Stadt wohnten, aber auch danach zahlreiche Landwirte aus der Umgebung sich in der Sicherheit der umfriedeten Gemeinde niederließen und von dort aus ihre Äcker bestellten. Schließlich wissen wir, daß Bernhard I. (1230 — 1265) aus Flandern Handwerker und Kaufleute nach Blomberg geholt hatte, damit diese zur Entfaltung der Stadt beitrügen.

Landwirtschaftliche Arbeiten im 14. Jahrhundert

Landwirtschaftliche Arbeiten im 14. Jahrhundert

Die Neubürger aus Flandern haben alsbald die Sprache der Einheimischen gelernt. Aber auch umgekehrt haben die Alteingesessenen manche sprachliche Besonderheit der aus Flandern Zugewanderten übernommen. So war in Blomberg 1283 eine Sprache im Gebrauch, die von der Redeweise in anderen lippischen Gemeinden abwich, eine Erscheinung übrigens, die noch über Jahrhunderte andauerte.

Die Bauern bauten auf ihren Ackern viel Hafer, aber auch Roggen, Gerste, Weizen und Hirse an. Das Getreide wurde mit der Sichel geerntet, die Sense diente zum Schneiden des Grases. Außer der Feldwirtschaft, zu der wir auch den Flachsanbau rechnen können, wurde Viehhaltung betrieben: Reit- und Zugpferde, Maultiere und Esel wurden benutzt, Schweine fanden in den Wäldern reichlich Nahrung, das Rindvieh weidete auf den Wiesen, Schafe, Ziegen und Geflügel gehörten zu jedem Betrieb. Pferd, Kummet und der schwere zweirädrige Pflug sowie die damals aufkommende Dreifelderwirtschaft brachten der Landwirtschaft im 13. Jahrhundert beträchtlichen Fortschritt.

Ebenso wie die aus Flandern Zugewanderten dazu übergegangen waren, neben der Ausübung des erlernten Berufes Vieh zu halten und ein Stück Land zu bewirtschaften, waren auch die Bauern darangegangen, neben den landwirtschaftlichen Produkten entsprechend ihren Fähigkeiten Körbe herzustellen oder Besen zu binden oder Leingarn aus Flachs zu erzeugen oder Ton zu verarbeiten usw. So finden wir im Blomberg des Jahres 1283 viele halbbäuerliche und halbgewerbliche Betriebe.
Unter den Handwerkern spielten die Zeugmacher, Wollspinner und Leinenweber eine große Rolle. Als die Wollweber das Recht beanspruchten, ihre Waren en detail zu verkaufen, verwahrten sich die Kaufleute dagegen, und im Jahre 1253 gab der Landesherr ihnen Recht. Die Befugnis zum Einzelverkauf nach Maß wurde erst 1320 erteilt.

„Nebenerwerbslandwirt“ des 13. Jahrhundert bei der Töpferei

Die Blomberger Schuhmacher waren weithin wegen ihrer guten Ware bekannt. Sie gerbten, beizten und schabten rohe Häute noch selbst und ließen das Rohmaterial ein bis zwei Jahre in der Lohe liegen, so daß sie besonders gutes Leder verarbeiten konnten.
Es gab damals sicher mehrere Schmiede, die Ritterrüstungen, Kettenhemden, Schilde, Schwerter, Hellebarden, Hufeisen, Steigbügel, Messer, Schlösser, Beschläge für Truhen, Türen und Särge, Kesselhaken, Lampen und landwirtschaftliche Geräte herstellten.
Zu jener Zeit gab es wohl auch einige Schneider, die aus der Produktion der heimischen Handwerker und den von auswärts bezogenen Zutaten Kleidungsstücke nach den Wünschen der Kunden herstellten. Im 13. Jahrhundert waren durch die Kreuzzüge und infolge der dadurch vermittelten Bekanntschaft mit ausländischen Kleiderformen, aber auch infolge einer gestärkten Lebensfreude mit einem veränderten Körpergefühl zahlreiche Neuerungen in der deutschen Tracht eingezogen. Die Kleidung der Damen sollte sich den Körperformen anpassen, sie dadurch hervorheben, und sie verhüllte oft weniger als sie offen zeigte.
Die Bäcker boten nicht nur verschiedene Brotsorten an, sondern waren auch bereit, die von den Bürgern herangebrachten, nach Hausrezepten zubereiteten Teigwaren auszubacken. Man machte Brezeln, Hörnchen, Sterne, Lebkuchen usw.

Wir können davon ausgehen, daß es in Blomberg damals einige Metzger gab, die sich noch Fleischhauer nannten.
In der Zeit, welcher unsere Betrachtung gilt, schlössen sich in fast

Schuhmacher beim Gerben, Schaben und Beizen der Häute

allen Städten Handwerker des gleichen Produktionszweiges zu Genossenschaften zusammen, um Pfuscher abzuwehren, schäbige Konkurrenz auszuschalten, die Rohstoffbeschaffung gemeinsam vorzunehmen und zusammen größere Einrichtungen wie Schleifmühlen, Schlachthäuser usw. zu betreiben. Natürlich ging es auch um die Stärkung des Einflusses in städtischen Angelegenheiten. Die Zünfte erstarkten und kamen zu Preis- und Lohnabsprachen und zum Verbot des Zuganges zum Handwerk für Nichtmitglieder sowie anderen Befugnissen, die nicht immer dem Allgemeinwohl dienten.
Außer den Handwerkern finden wir im Blomberg des Jahres 1283 auch Bürger, die sich ausschließlich dem Vertrieb der Waren widmen. Da sind einmal die Höcker, die mit ihren Waren auf dem Hucken, also auf dem Rücken, soz. Huckepack, über Land gehen und den Bauern Seife, Tran, Wetzsteine sowie andere Gebrauchsgegenstände anbieten und dafür Eier, Butter, Speck und andere Produkte eintauschen, aber auch Bezahlung entgegennahmen. Wir finden aber in der Stadt auch Händler, die einen festen Laden betreiben, in denen das Warenangebot natürlich größer ist. Sie bieten z. B. Kerzen, Kämme, Holzwaren wie Eßbretter, Löffel, Holzschuhe, aber auch Lebensmittel wie Mehl, Salz, Honig, Hülsenfrüchte und vielerlei Gewürze an. Einige Kaufleute beschäftigen sich nur mit dem Fernhandel. Ob die Handelstreibenden sich in Blomberg 1283 schon zu einer Gilde zusammengeschlossen haben, um ihre Interessen im Stadtregiment zur Geltung zu bringen, ist nicht auszumachen.

Mittelalterliche Schmiede.

Das im Jahre 1283 in Blomberg gültige Stadtrecht ist demjenigen nachgebildet, welches der Landesherr für Lippstadt, Lemgo und Horn angeordnet hatte. Es enthielt in 16 Artikeln nur einen kleinen Teil der damals gültigen Normen, da es in erster Linie auf die Abgrenzung der Gerichtsbefugnisse der Stadt abgestellt war. Der Rat der Stadt besaß die ausführende Gewalt. Die Ratsherren entstammten wohl einer bestimmten Gruppe von Familien, den sog. ratsfähigen Familien, die das Wahlrecht besaßen. Aus einer Urkunde des Jahres 1293 geht hervor, daß die Ritterschaft damals einen beherrschenden Einfluß besaß. Der Anteil der Handwerker, Kaufleute und Bauern war vor 700 Jahren noch gering, wuchs aber ständig. Das Stadtrecht erwähnte neben dem Rat und dem Bürgermeister auch die Bürgergemeinde und legt fest, daß es dem Landesherrn nicht zustehe, „ohne allgemeine Einwilligung der Bürger, Ratsherrn oder Richter einsetzen“.
Der Bürgermeister hatte seine Amtsstube in der oberen Etage des Rathauses, eines Fachwerkgebäudes, dessen Erdgeschoß aus einzelnen laubenartigen Räumen bestand, in denen an Markttagen der Verkauf der Waren stattfand. In einer der Ratslauben hing die Stadtwaage, die nicht nur zur neutralen Feststellung des Gewichts für Verkäufer und Käufer wichtig war, sondern auch zur Ermittlung des Gewichts der von auswärts eingeführten Waren diente, die abgabepflichtig waren.
Wie auch heute noch fand an jedem Sonnabend der Wochenmarkt statt, zu dem vor allem die Bauern aus der umliegenden Gegend ihre Produkte in die Stadt brachten und das für sie Notwendige einkauften. Man stelle sich den Wochenmarkt aber nicht so idyllisch vor, wie wir ihn heute in lippischen Städten erleben, wo bunte Sonnenschirme und sauber in Kisten verpackte Waren das Bild bestimmen. Zahlreiche Bauern kamen mit ihren Wagen und breiteten auf der Ladefläche ihr Angebot aus; andere, die mit Pferd oder Esel herangekommen waren, legten einen Sack auf die Erde und darauf ihre Produkte.

Fleischhauer (Metzger)

Ich glaube mit Sicherheit sagen zu können, daß der Marktplatz im Jahre 1283 nicht gepflastert war, so daß bei Trockenheit der Wind den Dreck über den Platz pustete und bei schlechtem Wetter Feuchtigkeit von oben und unten die Freude für Anbieter und Käufer minderte. Dabei war das Warenangebot reichhaltig. Je nach der Jahreszeit gab es Kürbis, Gurken, Erbsen, Bohnen, Rüben, Rettich, Sellerie, Kresse, Spinat, Schnittlauch, Knoblauch, Äpfel, Birnen, Kirschen, Quitten, Pflaumen, Nüsse, Käse, Butter, Honig, Geflügel, Fische und auch Blumen (Lilien, Rosen, Narzissen, Levkojen usw.). Auch Heilpflanzen wie Minze, Beifuß, Haselwurz und Seifenkraut wurden angeboten. Lassen Sie mich an dieser Stelle erwähnen, daß es 1283 in Blomberg kein Stückchen Papier gab, weder zum Einwickeln beim Einkauf, noch zum Schreiben, aber auch nicht für hygienische Zwecke.
Am 10. August fand der Laurentiusmarkt und am 11. November der Martinsmarkt statt. Auf diese Jahrmärkte werde ich später noch zu sprechen kommen, möchte hier aber schon zitieren, was das 1283 gültige Blomberger Stadtrecht zum Marktwesen sagte: „Zwei Tage vorher und nachher wird kein Mensch von der Strenge des Gerichts getroffen, es sei denn, daß eine frische Tat vorkäme oder irgendein Geächteter ergriffen würde. Gleichfalls ist ein Tag in der Woche, nämlich der Sonnabend von 3 Uhr des vorhergehenden Tages bis zur Dämmerung des Sonnabends, freigegeben.“
Da uns Münzen überkommen sind, die etwa im Jahre 1250 geprägt wurden, können wir davon ausgehen, daß im Jahre 1283 ein Teil der Geschäfte auf dem Markt und in den Läden durch Barzahlung abgewickelt wurde. Durch die Einführung des Geldes entstand im 13. Jahrhundert eine große Veränderung im Leben der Menschen. Aber der Bauer, der seine Erzeugnisse auf den Markt brachte, tauschte diese noch mehrere Jahrzehnte gegen das ein, was er an Waren oder Geräten brauchte. Es kann aber mit gewissem Stolz festgestellt werden, daß es in der Burg zu Blomberg im Jahre 1283 eine Münzstätte gab, in der die Blomberger Denare geprägt wurden. Es gab auch eine Wechselstube, in der fremdes Geld, welches über die großen Handelswege mitgebracht oder als Zoll von den Kaufleuten und den wenigen Reisenden abkassiert wurde, in diese erste lippische Währung umgetauscht wurde.

Silbermünzen aus der Zeit um 1250, die vermutlich in der Blomberger Burg geprägt wurden. Links mit der Inschrift: BLOMBERG/HENRICUS REX und Lippischer Rose; rechts: BLOMBERG Cl (Civitos) WIDUCINDUS und Stern.

Verlassen wir nun den Marktplatz und begeben uns in die Straßen. Die Häuser sind allgemein unansehnlich, schmal und mit dem Giebel zur Straße gebaut. Bei den älteren sind die Wände zwischen den Balken mit lehmüberzogenen Weidenmatten ausgefacht. Bei einigen Häusern sind Ziegelsteine zum Ausfüllen verwendet. Die Einfahrt in der Mitte der Häuser führt auf die Diele, in deren hinterem Teil die Feuerstelle liegt. Die Stallungen für das Vieh befinden sich links und rechts der Diele und die Räume zum Wohnen in dem hinter der Feuerstelle liegenden rückwärtigen Teil des Hauses.
In einigen neuen Häusern sind die Stallungen aber schon aus dem Vorderhaus herausgenommen und rückwärts angebaut, damit beiderseits der Diele die Bewohner ihre Stuben, die Handwerker ihre Werkstätten und die Händler ihre Verkaufsläden haben. In einigen Häusern sind die Wohnräume und Kammern schon in der oberen Etage gelegen.
Man mache sich aber keine falschen Vorstellungen über die Wohnlichkeit dieser Häuser. In keinem entdecken wir Fensterscheiben. Neben der bei gutem Wetter geöffneten Tür kommt etwas Licht durch kleine Öffnungen in den Wänden, deren Rahmen mit Leinwand oder Pergament überzogen sind. Bei rauher Witterung werden von außen hölzerne Klappläden und Strohmatten angebracht, einige Bürger hängen von innen Felle oder Decken vor die Öffnungen. Die Möblierung ist sparsam, zum Teil karg. In jedem Haus finden wir einen schweren Eßtisch, der meist mit Schublade, manchmal auch mit Geheimfächern, versehen ist. Als Sitzgelegenheit dienen einfache Schemel und Bänke, die teilweise geschnitzte Rückenlehnen aufweisen, und bei wohlhabenden Bürgern auch reichverzierte Stühle. Schränke gibt es nirgends. Ein Universalmöbel wohl jedes Hauses ist eine kastenförmige Truhe.

Sie dient in verschiedenen Größen nicht nur zur Aufbewahrung von Kleidern und Gerätschaften, von Urkunden und Kostbarkeiten, sondern wird vielfach auch als Bank, Bett, Koffer oder Tisch benutzt. Auf die Bänke oder die

Mittelalterlicher Eßtisch mit Schublade.

Truhe werden Decken und Kissen gelegt, wenn man sich zur Nachtruhe einrichtet. Wer es sich leisten kann, hat ein gesondertes Schlafzimmer. Das Bett ist breit und lang; aber am auffallendsten sind an den vier Ecken die hohen und oft mit kleinen Säulen verzierten Pfosten, von denen man sagt, daß sie deshalb so groß geraten seien, damit man jemanden daran zum Zwecke der Züchtigung festbinden könne. Nicht selten ist über die Pfosten ein Tuch gespannt, ebenso wie zwischen den Pfosten Laken herunterhängen. Dieses „Himmelbett“ hat nichts mit Prachtentfaltung zu tun, sondern soll vor den herunterfallenden Insekten schützen sowie Wärme festhalten.
Die Menschen gehen früh zu Bett, denn es gibt kein Fernsehen, kein Radio und keine Zeitung. Auch würde das Licht nicht zum Lesen ausgereicht haben. Wachskerzen sind für die meisten zu teuer. Viele versuchen sich mit schwelenden Kien- und Buchenspänen zu helfen, die in eiserne Halter an der Wand festgemacht werden, aber nur ein spärliches Licht spenden. Auch Talgkerzen, die in hölzerne Leuchter gesteckt werden, sind dort in Gebrauch, wo man sie selbst herstellt.

Schließlich hängt in manchen Stuben ein Lämpchen, das mit Lein- oder Mohnöl gespeist wird. Straßenbeleuchtungen gibt es selbstverständlich nicht. Wer durch das nächtliche Blomberg des Jahres 1283 gehen will und es sich leisten kann, nimmt eine Fackel in die Hand, die aus geflochtenen Wergsträngen, die mit Wachs oder Talg getränkt sind, hergestellt ist.

Bank aus dem 13. Jahrhundert

Das offene Feuer dient gleichzeitig als Kochstätte, Lichtquelle und Wärmespender. Der Qualm steigt bis unter die Decke, in der sich eine Öffnung für den Abzug befindet. Diese unzureichende Einrichtung ist die Ursache dafür, daß so viele Bürger unter Augenkrankheiten, speziell der Triefäugigkeit leiden. Abends wird die Asche über die Glut gehäuft, damit man es am nächsten Tag mit dem Blasebalg wieder zum Feuer entfachen kann, denn Streichhölzer sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Zur Nacht werden Steine über die Asche gelegt oder eine Drahthaube darübergestülpt, damit die Katze sich nicht verbrennt.

Die Feuerstelle ist meist zur Küche ausgeweitet, in der zahlreiche Geräte wie Drahtroste, Spieße, Mörser, Sieb, Töpfe, Kellen, Messer usw. an der Wand oder in Regalen untergebracht sind. In einigen Häusern finden wir das Feuer nicht einfach auf dem Fußboden mit dem hängenden Kessel darüber, sondern unter dem erhöhten Rost, auf dem Pfannen und Töpfe stehen.

In einigen neuerrichteten Gebäuden gibt es schon die neuaufgekommenen Kachelöfen, die ihren Rauch durch ein Loch in der Wand loswerden. Schornsteine ragen noch nirgends über die mit Stroh, Schilf oder Schindeln gedeckten Dächer hinaus.
Der Speisezettel der Blomberger Hausfrauen ist sehr unterschiedlich, je nach dem Herkommen und der sozialen Lage. Diejenigen, die noch dem bäuerlichen

Öllampe und hölzerne Kerzenhalter des 13. Jahrh.

Leben verhaftet sind und noch nicht lange in der Stadt leben, essen wie die Leute in den Dörfern morgens, mittags und abends Suppe oder Brei aus Hirse, Hafer, Gerste oder Bohnen. Wenn es besonders gut schmecken soll, wird Fett oder Milch darangegeben. In vielen Familien ist es noch Sitte, daß in einer großen Holzschüssel angerichtet wird, aus der alle Familienangehörigen mit ihrem kurzen Löffel essen, dessen Stiel mit der ganzen Faust umschlossen wird. Nach der Mahlzeit leckt jeder seinen Löffel ab und legt ihn in die Tischschublade. Daneben gibt es natürlich Brot, und zwar bei den weniger wohlhabenden aus Hafer, bei den übrigen aus Roggen. Bei den Handwerkern, Kaufleuten und Bediensteten des Landesherren wird abwechslungsreicher gekocht. Fleisch von Schweinen, Schafen oder Esel erscheinen ebenso auf dem Tisch wie Geflügel, Fisch und Käse, alles Dinge, die sich die Bauern nur an Sonn- und Feiertagen leisten. Es ist selbstverständlich, daß niemand Kartoffeln, Kaffee, Zucker oder Kakao kennt. Es herrscht aber eine große Vorliebe für Gewürze. Die Keuzzüge hatten die Handelsbeziehungen vermehrt und den Geschmack für Ingwer, Mandeln, Feigen, Pfeffer, Zimt, Nelken, Anis, Fenchel, Safran und Rosinen geweckt, alles jedoch Luxuswaren, die man sich nur selten leistet. Nie fehlen auf dem Tisch jedoch die Salzfässer, die bei armen Leuten aus ausgehöhlten Brotstücken, sonst aus Holz oder Ton hergestellt sind. Der Ackerbürger trinkt zu den Mahlzeiten Wasser oder — wenn er Kühe hat — Milch oder Molke, aber an Sonn- und Feiertagen gießt er sich wie die anderen Bürger auch Bier oder Wein ein. Getrunken wird aus Holz- oder Tonbechern, die aus geböttcherten Kannen oder aus Tonkrügen gefüllt werden.

Hochzeitstafel im 13. Jahrhundert.

Das Fleisch wird auf einer flachen Holzplatte auf den Tisch gebracht. Jeder schneidet ich ein Stück ab, das er auf einem Holzbrettchen noch weiter kleinschneiden kann. Es wird mit den Fingern oder auf die Spitze des Messers gespießt zum Munde geführt. Oft ist nicht für jeden Tischgast ein Messer oder ein Brettchen da, was darauf schließen läßt, daß die Finger eine große Rolle spielen. Tischtücher werden nur an Sonn- und Festtagen aufgelegt.
Da es noch keine Gabeln und keine Teller gibt, man aber doch auf eine gewisses Eßkultur Wert legt, kennt man zahlreiche Regeln für das Verhalten bei den Mahlzeiten, von denen ich nur wenige nennen möchte:

Falle nicht zu gierig über das Essen her!
Stecke nicht zu große Bissen in den Mund und schlucke nicht, bevor du gekaut hast!
Leg das Stück, das du schon im Mund gehabt hast, nicht wieder auf die allgemeine Schüssel zurück!
Schneuz dich nicht zu laut, und wenn du schneuzen mußt, tue es nicht mit der Hand, die das Fleisch anfaßt!
Nage nicht die Knochen mit den Zähnen oder mit den Fingernägeln ab, aber du darfst sie mit dem Messer abkratzen!
Halte den Platz vor dir sauber!
Alles was sich an Abfall ansammelt wie Brotkrusten, Käserinden, Obstschalen, leg in eine hierfür bestimmten Korb oder eine Schale!
Wirf die Knochen unter den Tisch, aber nahe an deine Füße, ohne jemanden zu verletzen!
Reinige die Zähne nicht mit dem Messer!

Es erübrigt sich zu erwähnen, daß auf der Burg üppiger gespeist wurde. Es gab dort auch bereits Zinnteller, Schalen und Saucenschüsseln, Kannen und Trinkgefäße aus Glas. Insbesondere wenn Gäste zu Tisch waren, wurde ein gutes Mahl zusammengestellt. Aus dem Jahre 1303 ist uns eine Speisefolge von der Burg Weißenfels überliefert: Eiersuppe mit Safran, Pfefferkörnern und Honig, Hirse, Gemüse, Schaffleisch mit Zwiebeln, gebratenes Huhn mit Zwetschgen;
Stockfisch mit Ol und Rosinen, Bleie in Öl gebacken, gesottener Aal mit Pfeffer, gerösteter Bückling mit Senf;
Sauer gesottene Speisefische, eine gebackene Barbe, kleine Vögel in Schmalz gebacken mit Rettich, Schweinskeule mit Gurken.

Wenn man dies vernimmt, muß man mit Respekt das gewaltige Fassungsvermögen im Essen und Trinken unserer Vorfahren bewundern. Die erstaunliche Reichhaltigkeit der vorgenannten Speisefolge zwingt aber zu dem Schluß, daß die Gäste sich wohl aus den einzelnen Gängen das ihnen Genehme heraussuchten. Aber auch nicht jeden Tag gab es auf der Burg ein solches Gastmahl.
So erfreulich die Schilderung der Ernährung klingt, so schwebte damals über der Bevölkerung durch zu harte oder zu lange Winter, durch zu trockene oder zu regnerische oder zu kalte Sommer stets die Gefahr von Mißernten. Da es keine großen Kornlager gab und der Transport zwischen den Regionen Deutschlands und Europas nicht den heute jederzeit möglichen Ausgleich solcher Massengüter ermöglichte, führten die Mißernten damals zu schrecklichen Hungersnöten. Mit dem Hunger verbanden sich Teuerung und Krankheit, da die von Hunger geschwächten Menschen einer Seuche oder anderem Übel nur geringen Widerstand entgegensetzen konnten. Die Bauern ließen manchmal ihre Höfe im Stich und verdingten sich nur für den nackten Lebensunterhalt ohne Lohn in der Stadt. Auch für die Masse der gewerblichen Erzeugnisse und für die Nachfrage nach Dienstleistungen blieb wenig Kaufkraft übrig. Genau im Jahr 1283 hat der Geistliche einer Stadt die Bedrängnisse und Wirren beschrieben, die sich durch den Ausfall einer Ernte ergaben:

„Von schwerem Hunger geplagt, liefen die Armen in der Stadt durch die Gassen, auf die Plätze, in die Bürgerhäuser und bettelten um Almosen. Und weil die Zahl der Armen schon zu groß war, konnten ihnen die Reichen nicht genug Almosen austeilen. So kehrten sie abends um, litten Hunger wie die Hunde und murrten vor Mangel. Es bettelten auch Handwerker und Kaufleute, von denen einige ein Vermögen im Wert von 100 Mark Silber besessen hatten. Dem einen hatte man fast alles geraubt, andere hatten es mit ihrer Familie aufgebraucht und verkauften von ihren Frauen Armspangen, Ohrgehänge, Halsbänder und allen Schmuck, der zu gepflegter Frauenkleidung gehörte. Sie wollten damit den Hunger vertreiben und Gesundheit und Leben behalten. Aber viele von ihnen haben schließlich all ihren Besitz aufgezehrt, gingen mit den Bedürftigen an den Türen betteln und starben eines jämmerlichen Todes.
Zwar hatten alle Armen die Erlaubnis, Bürgerhäuser zum Betteln um Almosen zu betreten; aber es waren manchmal so viele, daß sie anfingen, Töpfe vom Feuer zu stehlen mitsamt den Speisen, die für die Bürger zum Essen bereitet wurden. Anderswo entwendeten sie allen Hausrat, den sie an sich reißen konnten; das schadete ihnen und erbitterte alle. So wurde dann von da an allen Armen das Betreten der Häuser verboten und man nahm sie in der Stadt und draußen nicht mehr zum Übernachten auf, weil aus ihren scheußlichen Taten den Bürgern viel Übles erwuchs. Einige Arme, die man vor den Stadtmauern zum Übernachten aufgenommen hatte, standen nachts auf, brachten den Hauswirt und seine Familie um, nahmen die besten Sachen mit und verschwanden. Dies und ähnliches kam in den meisten Orten vor.“

Ich muß noch eine andere Schattenseite des Lebens in dieser Stadt vor 700 Jahren schildern. Die Straßen und Gassen waren nicht gepflastert, sondern mit schlammigen Gräben und Wassertümpeln durchsetzt, so daß es oft Mühe kostete, auf ihnen vorwärtszukommen. Der Dreck wurde noch durch die darauf geleiteten Abwässer und durch die auf die Straße geworfenen Abfälle vermehrt. Bei Regen waren die übelriechenden Straßen ein wahrer Morast, der sich im Sommer in einen kaum erträglichen Staubhaufen verwandelte. An eine regelmäßige Säuberung dachte kein Mensch, und niemand fand etwas dabei, wenn Schweine und Geflügel herumliefen und sich an den Abfällen gütlich taten.
Es ist sicher, daß es im Jahre 1283 noch kein Wasserleitungsnetz in Blomberg gab, wohl aber vier öffentliche Brunnen und zahlreiche private in den Höfen hinter den Häusern. Die Qualität des Wassers war nach heutigen Maßstäben schlecht, doch die Bürger waren einigermaßen immun gegen Krankheitserreger, die daherrührten, daß oft in der Nähe der Brunnen die kleinen Häuschen mit dem Herz in der Tür standen. Wer nicht über den Hof gehen wollte, baute sich einen Anbau an sein Haus. Die Fäkaliengruben wurden damals sicher ebensowenig regelmäßig entleert, wie das bei den Dreikammergruben vieler Häuser noch heute der Fall ist. Die Dung- und Fäkaliengruben lagen damals mitten zwischen oder dicht unter den Wohnräumen, und zwar selbst in den vornehmsten Gebäuden, wie folgender Vorfall aus dem Jahre 1183 beweist: Damals hielt Kaiser Friedrich einen Reichstag zu Erfurt und hatte eines Abends eine glänzende Versammlung von Fürsten und Herren bei sich zu Gaste. Da brachen plötzlich die Balken, die den Saalboden trugen, und die ganze erlauchte Gesellschaft versank in eine tiefe Kloake, die unmittelbar unter dem Saal zu ebener Erde lag. Acht Fürsten und mehr als hundert Ritter fanden dabei den Tod, der Kaiser selbst rettete sich durch einen Sprung aus dem Fenster.

Lockere Sitten und viel Fröhlichkeit im Bad.

Von den dreckigen Straßen darf man keineswegs etwa auf mangelnde Körperpflege schließen. Wahrscheinlich waren unsere Vorfahren sogar im ganzen Mittelalter sauberer als in der Zeit des Rokoko, wo oft genug Puder, Schminke und Parfüm die fehlende Reinlichkeit überdecken mußten. So schätzten die Menschen vor 700 Jahren das Bad sehr hoch ein. Da in den meisten Häusern kein Platz für eine Badewanne und die Einrichtung zur Heißwasserbereitung vorhanden war, gab es in fast allen Städten und vielen Dörfern und sicher auch in Blomberg eine öffentliche Badestube. In einer solchen Einrichtung standen mehrere große Bütten mit warmem Wasser nebeneinander, in denen eine oder zwei Personen sitzen konnten, oft Mann und Frau. Ein Schwitzbad, Abreiben, Übergießen oder auch Schlagen mit Wedeln durch den Bader ergänzte das Sitzbad. Das gemeinsame Baden war für das gesamte Mittelalter ein wichtiger Kulturfaktor. Da man meist lange im Bad blieb und bei dem Zusammensein spielte, aß, trank und sang, wurde bald eine gesellige Unterhaltung daraus. Es ist nicht verwunderlich, daß sich in den Badehäusern auch Situationen ergaben, bei denen nicht immer pure Naivität, sondern gewiß oft auch ein Zug erotischen Raffinements mit hineinspielte. In diese Richtung weist auch der Umstand, daß die Frauen im Evakostüm, aber mit kostbaren Halsketten und besonders schönem Kopfschmuck die Badewannen bestiegen, während die Männer so etwas wie eine Badehose trugen. Die damals herrschende Unbefangenheit gegenüber dem Zeigen des nackten Körpers ging in manchen Städten sogar so weit, daß man sich zu Hause auszog und nur mit einem umgeschlagenen Tuch zum Bade ging. Es ist die gleiche Unbefangenheit, die auch Anlaß dafür war, daß man vor 700 Jahren keine Nachtbekleidung trug.

Nach der Zerstörung Blombergs im Jahre 1447 wurde sicher kein Badehaus wieder errichtet, weil in jener Zeit diese Einrichtungen in den Ruf gekommen waren, daß dort die Syphilis übertragen würde. Vielleicht trug aber auch der Umstand dazu bei, daß zuviel Holz verbraucht wurde.

In den wenigen mittelalterlichen Gasthäusern mußten sich die Gäste oft die Mahlzeiten selbst zubereiten.

Die manchen Leser in Erstaunen versetzenden Beziehungen der Geschlechter vor 700 Jahren sind durch viele drastische Beispiele belegt, durch die mancher sein bisheriges Bild korrigieren muß. In den Schulen wurde m. E. früher die Minne als der Gesang des Liebhabers unter dem Fenster der unerreichbar Schönen dargestellt. Über die Minne wurde aus pädagogischen Gründen ein Hauch echt germanischer Keuschheit gelegt. In Wahrheit war das Wort Minne ein Ausdruck für Freude und Lust, und die niedere Minne suchte nur Befriedigung des Liebestriebes, und zwar oft bei verheirateten Frauen. Und häufig winkte bei solchen Abenteuern der Erfolg für die Mühe. Die Frauen des 13. Jahrhunderts ließen ihre Liebhaber oft nicht schmachten, sondern durchkosteten mit ihnen in aller Heimlichkeit die Süße der verbotenen Liebe.
Daß der hintergangene Ehemann keine Spaß verstand, ist ebenso belegt: Im Jahre 1256 ließ der Pfalzgraf von Rheine seine Gemahlin, die im Verdacht des Ehebruchs stand, hinrichten. Wurde der Ehebruch einer Frau bekannt, so wurden ihr in der Regel nur die Haare abgeschnitten. Wurden Ehebrecher in flagranti ertappt, so erwartete in den meisten Fällen den Liebhaber der Tod oder eine grausame Strafe. Das Blomberger Stadtrecht ist da humaner, wenn auch nicht gerade moralischer. Es hieß darin: „Wenn ein Bürger einen Mann ertappt, der mit seiner Frau Ehebruch treibt, so soll es in seiner Wahl liegen, ob er ihn zu Tode verurteilen läßt oder von ihm Geld erzwingen will.“

Landstreicher mit seiner verkrüppelten Frau

Von der Kanzel wetterten die Geistlichen gegen die in jener Zeit verbreitete Unzucht. Aber alle Historiker berichten, daß diese selbst nicht minder die Gesetze der Keuschheit verletzten. Im 13. Jahrhundert lebten die Priester fast in der Regel mit einer Frau zusammen und zeugten Kinder. Sie wurden von den Bürgern manchmal dazu angehalten, weil diese sich sagten: Enthaltsam wird der Priester nicht sein können, und darum ist es besser, daß er ein Weib für sich hat, als daß er unseren Frauen und Mädchen nachstellt. Der im 13. Jahrhundert in Basel amtierende Bischof hinterließ bei seinem Tode zwanzig uneheliche Kinder mit ihren Müttern.
Trotzdem ehrte das Volk das Amt des Priesters, das die Schlüsselgewalt hatte. Das war auch der Grund, weshalb die Bürger, welche die Priester wegen ihres Lebenswandels mißachteten, sich nicht offen gegen sie auflehnten, sondern die geistliche Herrschaft des Klerus hinnahmen. Die freie Einstellung zur Sexualität wird zum Teil verständlich durch die damals ziemlich allgemein verbreitete, pseudomedizinische Lehre von den Körpersäften, nach der ungenügende sexuelle Betätigung beim Manne zu einer Krankheit und allenfalls sogar zum Tode führe. Darum wurde damals auch völlige Enthaltsamkeit der Priester als eine ganz besondere Leistung empfunden und gefeiert.
Waren die vorstehenden Bemerkungen u. a. auch Ausdruck der vor 700 Jahren herrschenden Lebenslust, so bietet das Volksleben jener Zeit weitere Beispiele für die damaige große Lebensfreude. Hatte man im 9. Jahrhundert erst etwa 30 Feste außer den Sonntagen, so fielen 1283 allein in die Hauptzeit der ländlichen Arbeit von April bis Oktober 36 Feiertage ohne die Sonntage. Die Bürger widmeten sich an den Fest- und Sonntagen gern dem Spiel und dem Tanz. Zur Unterhaltung dienten Fechten, Reiten, Laufen, Springen, Steinwurf usw. Besonders toll und ausgelassen ging es beim Ballspiel zu, dem auch die Mädchen mit einem aus weichem Leder gefertigten und mit Haaren gefüllten Ball huldigten.
Die Tanzvergnügen boten aber auch Grund zu öffentlichen Ärgernis, da es oft zu sittlichen Ausschreitungen kam. Ein Prediger jener Zeit klagte: „Täglich sehen wir die Mädchen mit der Blüte der Keuschheit zum Tanze gehen und mit der Frucht wieder heimkehren.“ In Köln sollen im Jahre 1347 mehr als 100 Frauen und Dienstmägde alle gelegentlich eines einzigen Tanzvergnügens in andere Umstände gekommen sein.
Einen wichtigen Bestandteil des Volkslebens bildeten die Jahrmärkte. Der Laurenti-usmarkt am 10. August und der Martinsmarkt am 11. November hatten 1283 schon viel von ihrem ursprünglichen Charakter, beim Kirchweihfest eine besondere Gottesgnade zu erlangen, eingebüßt. Geschäftliches Leben und Vergnügen standen im Vordergrund. Bei diesen Jahrmärkten, aber auch bei anderen Festen, ja selbst gelegentlich an normalen Arbeitstagen begegnete man im Blomberg des Jahres 1283 Leuten, die als „Fahrende“ durchs Land zogen. Das waren zu einem gewissen Teil sicher ehrenhafte und ganz beliebte Leute, die mit Geigen zum Tanz aufspielten oder mit Flöten, Schalmeien, Posaunen und Pauken Unterhaltungsmusik zum besten gaben oder sich mit Gesang produzierten. Aber zu dem Fahrenden Volk gehörten, Akrobaten, Possenmacher, Tänzer, Dresseure mit ihren Tieren, Taschen- und Puppenspieler, Ringer, Fechter, Feuerfresser usw., eine zum großen Teil entsittlichte, hungernde, lungernde Gesellschaft, die lästig bettelte.
Ein anschauliches Bild über die Künste einiger Fahrender Leute hat 1260 der Magister Justinus in dem bedeutendsten mittelalterlichen Gedicht unserer Heimat im Lippiflorium gezeichnet:

Dieser tanzte und mühte die Glieder durch wechselnde Wendung,
Beugt sich nach vorn und zurück, rücklings und vorwärts zugleich.
Gehen lehrte er die Hand‘, in die Höhe streckt er die Füße,
Richtet zur Erde das Haupt; eine Chimäre fürwahr!
Dieser zeigt wie durch magische Kunst verschiedene Gestalten,
Und mit beweglicher Hand täuscht er die Augen des Volks.
Jener bietet ein Pferd, ein Hündchen der Menge zur Schau dar,
die er nach menschlicher Art sich zu gebärden gelehrt.
Dieser wirft in die Luft mit gewaltigem Kreisen
das Becken,
Fängt im Fallen es auf, schleudert es wieder zurück.“

Zu diesen Leuten gehören auch die bettelnden Krüppel, Pilger, Dirnen und Vaganten. Die letzte Gruppe setzte sich aus entgleisten Klerikern, Studenten, die es zu nichts gebracht hatten und ausgedienten Landsknechten zusammen. Sie zogen vor allem in die Pfarrhäuser und sangen auf kirchliche Melodien humoristische Satiren gegen die päpstliche Politik.
Das Gesundheitswesen könnte eigentlich kurz mit der Feststellung beschrieben werden, daß es damals in Blomberg keinen Arzt und keinen Apotheker gab, kein Wunder übrigens, denn 1283 gab es im ganzen Bundesgebiet noch keine Universität. Es gab aber bis ins 14. Jahrhundert drei Stellen, die bei Krankheiten und Unfällen in Anspruch genommen wurden: Die „weise Frau“ oder ein Mönch eines vielleicht benachbarten Klosters oder der Bader. Die „weise Frau“ hatte ihr Wissen von älteren Generationen ererbt, und es umfaßte etwa das, was man heute Volks- oder Naturheilkunde nennt. Die Klöster aber bewahrten Reste der antiken Heilkunde. Für die Wundversorgung nach Unfällen und andere Eingriffe ging man zum Bader.

Bader beim Setzen von Schröpfköpfen

Da die Mönche keine blutigen Operationen durchführen durften, nahm der Bader auch Amputationen vor, wenn das notwendig wurde. Der Bader wurde auch aufgesucht, um das beliebteste Heilmittel der Zeit, den Aderlaß, dem sich viele — auch Gesunde — vier- bis sechsmal jährlich unterzogen, vorzunehmen. Schließlich ging man auch zum Bader, um sich Schröpfköpfe setzen zu lassen. Schlimmer war es um die unheilbar Kranken bestellt, von denen Ansteckungsgefahr ausging. Die von Lepra befallenen Bürger wurden gezwungen, außerhalb der Stadt im Elendshaus an der Wilbasener Brücke zu leben. Ihre Krankheit nannte man deshalb auch Aussatz. Die Kranken mußten durch Holzklappern oder Hornrufe ihr Kommen von weiten melden. Bevor man an Lepra starb, mußte man etwa ein Jahrzehnt mit den wachsenden Verkrüppelungen und Entstellungen leben. Das unterschied die Lepra von der Pest, die im Mittelalter ebenfalls über Europa jagte und Millionen Tote forderte. Die mittelalterliche Grundhaltung zu Krankheit und Tod war gelassen. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug vor 700 Jahren etwa 35 Jahre. Ein damals Vierzigjähriger wußte, daß er nicht mehr lange zu leben hatte. Noch im 16. Jahrhundert galten 50 Jahre als das höchste Alter, das die Menschen allgemein erreichen konnten.

Nach all den Ausführungen über irdische Macht, weltliches Leben und diesseitigen Freuden darf abschließend nicht ein kurzer Abriß des geistlichen Lebens jener Zeit fehlen. Das Mittelalter war trotz allen Lebensdranges im christlichen Glauben verankert. Die Kirche war der Ort und der Rahmen, wo der Bürger Besinnung fand. Das Gotteshaus war die geweihte Stätte, in der er den Eingang in die Pforte des Himmels suchte. Der Kirchenbesuch war gut, die Erbauung nicht gering, wenngleich nur wenige die in lateinischer Sprache gehaltene Messe verstanden. Aber die bunte Farbenpracht an Wänden und Altären und das Geheimnisvolle des Gottedienstes übten eine große Anziehungskraft auf die Menschen aus und hob die Stimmung aus der alltäglichen Wirklichkeit hin zu jener innigen Gläubigkeit, wie sie uns aus mancherlei Stimmen des Mittelalters entgegenklingt. Eine besondere Stellung kam dem Priester zu. Durch seine gottesdienstlichen Handlungen wurde er zu einem höheren Wesen, wurde er so sehr zum Mittler zwischen Gott und den Menschen, daß die Gläubigen alles Menschliche und Allzumenschliche der Kleriker in der Kirche vergaßen.
Die niedrige Geistlichkeit bestritt die Kosten des Lebensunterhalts durch den Zehnten, welchen die meisten Bauern von all ihren Produkten an die Kirche — soweit das Recht nicht auf andere übergegangen war — entrichten mußten. Viele nahmen es mit den Abgaben aber nicht so genau, so daß der Bischof von Köln im Jahre 1266 in einem Hirtenbrief gedroht hatte: „Weil diejenigen, welche den von Gott eingesetzten Zehnten nicht entrichten, als Gottesräuber anzusehen sind, auch all der Wohltaten verlustig gehen, die bei gewissenhafter Zehntentrichtung durch Gottes Gnaden allen zufließen, dagegen Mißwuchs, Pest, Ungewitter und andere Übel veranlassen, die häufig Folgen des Zehntbetrugs sind, so verordnen wir, daß diese Frevler, die Räuber der Zehnten, in allen Pfarrkirchen in jedem Monat am Sonntag unter Glockengeläut öffentlich als Exkommunizierte von den Pfarrern bekanntgemacht werden“.

Aber auch nicht alle Pfarrer waren in bezug auf ihre Pflicht gegenüber der Kirche Engel. Wer einen Seelsorgerposten, für den er angestellt war, nicht in eigener Person versehen wollte, stellte einen Vikar ein, der dafür einen Teil der Einkünfte — meist nicht die Hälfte — erhielt.
Ich habe versucht, das Leben zur Zeit vor 700 Jahren, das Leben unserer Vorfahren, ein wenig zu beleuchten. Viele der damaligen Lebensgewohnheiten erscheinen uns heute sehr sympathisch, anderen stehen wir ein wenig fassungslos gegenüber. Trotz mancher Beschwernisse jener Zeit ist nie Stillstand, nie Resignation festzustellen. Gemessen an damals erfreuen wir uns heute ungeahnter Freiheit, auch wenn uns viele Sachzwänge einengen. Es gilt diese Freiheit in unserer Demokratie zu bewahren.

Quelle: Heimatland Lippe 06/1983 – von Arnold Ebert: Festansprache zur 700-Jahrfeier Blombergs