Bohnenkaffee in Lippe

Dieser Tage stand in der Zeitung, im Jahre 1530 habe der Schah von Persien das Kaffeetrinken verboten, weil die Kaffeehäuser sich als Stätten politischer Debatten erwiesen hätten. Politische Meinungsbildung war damals nicht erwünscht. Ertappte Kaffeetrinker wurden in Säcke genäht und ertränkt.

Als ich das las, fiel mir ein, daß auch in Lippe mal ein Edikt das Kaffeetrinken verboten hat. Das war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die angedrohte Strafe war allerdings nicht so hoch wie in Persien. Sie betrug immerhin 5 Gulden für jede Übertretung des Verbots, und dazu kam noch als recht fühlbare Härte der Bestrafung die Konfiskation des gesamten Kaffeegeschirrs.

Wenn wir das lippische Edikt genauer studieren, so fallen uns darin drei Merkwürdigkeiten auf: a Das Verbot galt nur „auf dem platten Lande“, in den Dörfern; nicht aber in den Städten, b Die Juden waren von dem Verbot ausgenommen, sie waren den Städtern gleichgestellt

Das wurde in den größeren Dörfern als Ungerechtigkeit empfunden, und die Bürger  gingen in mehreren Eingaben dagegen an. Aber trotzdem wurde das Edikt aufrechterhalten und einige Male erneuert.

Brune beschlagnahmt Frau Dünings Kessel

Wer war der gestrenge Gesetzgeber? Es war Graf Simon August zur Lippe, der von 1747 bis 1782 regierte. Wir wollen gleich vorwegnehmen: Er war ein vortrefflicher Regent, dem das Volk schon zu Lebzeiten den Ehrentitel „Vater des Vaterlandes“ gab. Eine neue Siedlung in der Senne erhielt ihm zu Ehren den Namen Augustdorf. Er ist der Gründer des lippischen Lehrerseminars, der Landesbrandkasse und der Landes-Spar- und Leihekasse. Nach dem verschwenderischen Wirken seiner beiden Vorgänger Friedrich Adolf und Simon Henrich Adolf und nach der ebenso verschwenderischen Lebensweise seiner Mutter Wilhelmine muß es beinahe als ein Wunder bezeichnet werden, daß Simon August es fertiggebracht hat, das Land vor dem vollständigen Ruin zu retten. Durch größte Sparsamkeit in Verwaltung und Hofhaltung ist es ihm gelungen, wieder Ordnung in die Finanzverwaltung des Landes zu bringen und alte Schulden zu tilgen. Die Verdienste Simon Augusts sind unbestritten.

Was mag ihn nun wohl veranlaßt haben, solch krause Vorschriften zu erlassen, die zwar den Städtern und Juden das Kaffeetrinken erlaubten, den Dorfbewohnern aber nicht. Glaubte der Graf, daß Städter und Juden Geld genug besaßen, sich den Luxus des Kaffeegenusses leisten zu können? Oder sah er es als eine Zerstörung der Sitten an, wenn solch ein Luxus auch in den Dörfern Einzug hielt? Wir wissen nicht, welche landesväterlichen Gedanken zu den Maßnahmen führten, die für uns heute den Stempel der Kuriosität tragen. Denn noch eine dritte Merkwürdigkeit enthielt dies Edikt von 1765, etwas Widerwärtiges, das zu allen Zeiten als größte Lumperei verdammt worden ist: Dem Denunzianten wurde der dritte Teil der Strafsumme als Belohnung versprochen. Das führte zu den erbärmlichsten Schnüffeleien, besonders in Oerlinghausen.

Nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges war nämlich hier der Leinenhandel mächtig emporgeblüht. Die Leinenhopser, wie man die Händler nannte, zogen in Planwagen nach Holland und über die Alpen nach Italien, reisten über Hamburg, Lübeck und Stralsund, setzten sich aufs Schiff, um ihre wertvolle Ware oben in Dänemark oder im Baltikum mit hohem Gewinn abzusetzen. Sie waren unterwegs keine Tranküsel oder Drämelpötte, sondern lernten auf jeder Fahrt neue Kniffe, genossen viel Freiheit und Ansehen in anderen Ländern und traten, wenn sie nach langer Abwesenheit mit gefülltem Beutel wieder in Oerlinghausen ankamen, selbstbewußt und oft auch protzig auf. Sie lachten laut über Kaffeeverbote und ähnliche engherzige Vorschriften, wie z. B. über das zur selben Zeit geltende lippische Verbot, preußisches Salz zu essen oder Paderborner Bier zu trinken. Sie brachten ihren Frauen nicht nur Liköre, seidene Tücher und Rüschen von der Kalverstraat mit, sondern auch Kaffeebohnen und allerlei Gewürz. Wenn dann die Leinenhopserfrauen mit Spitzenschal und in seidenen Bändern zur Kirche gingen, dunnerlittchen — reicher gekleidet als die Meiersche zu Wissingsen, dann wurden sie wohl angestaunt, aber dann sprang auch der Neid auf, und der Amtmann oder Bauerrichter überlegten, wie man solchen Hochmut dämpfen könne. Wenn dann einem mißgünstigen Nachbarn der Geruch vom Kaffeebrennen in die Nase stieg, hui, wie lief er schnell zum Amt, um sich den halben Taler zu verdienen!

Die Schnüffler

Aus den Gogerichtsprotokollen erfahren wir eine erkleckliche Anzahl solcher Anzeigen. In der Mehrzahl waren es die Frauen der Leinenhändler, die unter der Schnüffelei zu leiden hatten; aber auch andere Hausfrauen wurden überführt. So zeigte 1776 der Bauerrichter Brune an, daß die Witwe des Leinenhopsers Düning, mit warmem Kaffee angefüllt gewesen“, vorgefunden haben. Die fünf Gulden Strafe taten der Witwe Düning nicht so weh, aber über die Beschlagnahme des schönen kupfernen Kessels hat sie laut und lange geschimpft. Am 12. Mai 1777 trifft der Bauerrichter den Grobschmied Hellkamp und seine Frau beim Kaffeetrinken und nimmt ihnen den Kaffeekessel, „——————– worinnen der Kaffee noch würklich befindlich gewesen“, und auch die neue Kaffeemühle weg. Hellkamp wurde zu zwei Tagen Gefängnis bei Wasser und Brot verurteilt, weil er dem Bauerrichter gegenüber zu deutlich geworden war. Wie wird ihm nach seiner Entlassung sein Schinken und Speck geschmeckt haben! (Hellkamps Schmiede war dort, wo heute das Haus Hauptstraße 4/6 steht.)

In einem anderen Falle fand man den Kaffeekessel im Kleiderschrank vor; er enthielt zwar keinen Kaffee, aber wenigstens als corpus delicti noch Kaffeesatz. Die Frau des Schenkwirts Fr. Schmidt (jetzt Süllwald, Hauptstraße 31) traf man beim Kaffeebrennen. Sie wurde mit Geld bestraft und verlor den neuen Kaffeebrenner. So ging das weiter. Jahrelang. Erst zur Zeit der Fürstin Pauline hörte die Kaffeeschnüffelei in den Dörfern auf.

Heute brauche ich meine Kaffeebohnen und das Kaffeegeschirr nicht mehr zu verstecken, aber das Kaffeetrinken ist wieder zu einem Luxus geworden. Ich trinke keinen Kaffee mehr, denn er ist mir viel zu teuer, und außerdem hat ihn mir der Arzt streng verboten.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 – Von August Reuter, Oerlinghausen

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