Burg und Stadt Schwalenberg

„Das Rathaus in Schwalenberg“ um 1909. – Schieder-Schwalenberg, Kreis Lippe, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Zwei Begebenheiten sind es, die für Schwalenberg und seine Bewohner von besonderer Bedeutung sind: der Bau der Burg Schwalenberg durch Graf Volkwin um 1200 und die Entstehung des Burgfleckens, am Fuße des Burgberges gelegen.
Um das Gefühl der Zusammengehörigkeit von Burg und Ort, das sich entwickelte und im Laufe der Jahrhunderte festigte und Bedeutung erlangte, zu verstehen, ist es notwendig, sich über beide, Burg und Flekken Schwalenberg, zu unterrichten und sich in die Geschichte beider zu vertiefen.
Wie tief und fest dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Einwohnerschaft unseres Städtchens verwurzelt ist, das haben das Verlangen, die Burg wieder als Eigentum der Stadt zu erwerben, und die überaus große Beteiligung der Bewohner bei der Eröffnungsfeier des nach der Erwerbung in der Burg errichteten Schlosshotels gezeigt; eines ist ohne das andere nicht mehr denkbar.
Der erste Stein zu dem Gebäude der Zusammengehörigkeit wurde dadurch gelegt, dass Graf Volkwin auf die neue Burg den Namen der Stammburg, Schwalenberg, übertrug und sie zu seiner dauernden Residenz erkor. Die Stammburg im Walde auf einer Höhe über dem von Graf Widukind gestifteten Bencdiktincrklostcr Marienmünstcr wurde zur alten Burg,
Oldenburg; ein Name, der ihr bis heute geblieben ist.
Der zweite Stein war die Gründung des Ortes am Fuße des Burgberges, zuerst nur bestehend aus den Höfen der Burgmannen, der Ritter, die auf der Burg Dienst taten und mit diesen Höfen für ihre Dienste entlohnt wurden. Die ältesten Meierhöfe des Ortes haben ihren Ursprung in diesen Burgmannssitzen. Die bedeutendsten waren: 1) der Sitz des Dietrich von Eblinchusen, der 1214 als Holzgraf des Grafen Volkwin genannt wird, der von den Eblingchusen an die von Elmering-hausen und von diesen an die von Haxthausen vererbt wurde, die ihn 1550 an die Grafen zur Lippe verkauften. Diese richteten auf dem Hofe eine Domäne ein, die 1842 mit der 1802 angefallenen paderbornschen Domäne vor dem Ort zusammengelegt wurde. Heute befindet sich dort der Schwalenberger „Malkasten“, dessen Besitzer, Hans Kotzenberg, seinen Saal mit Darstellungen aus dem Leben der alten Schwalenberger Zünfte hat ausmalen lassen. Kunstmaler Liebig aus Dassel hat uns die Trachten und den Wirkungskreis der einzelnen Zünfte anschaulich vermittelt. 2) Der Sitz der Schwalenberger Amtmänner, die mit diesem Hofe entlohnt wurden und der nach Anfall der von Mengersenschcn und von Bernighausenschen Besitzungen an den Chirurgen Bergmann verkauft wurde, heute Tölle-Unterlangen Nr. 78. Der nunmehr besoldete Amtmann wohnte in dem von dem Drosten Falk Arnd von Oeynhausen erbauten schönen Hause vor dem alten Tore, dem späteren Sitz der von Berninghausen, heute Kreissparkasse. 3) der Mönchemeierhof, der dem Kloster Marienmünster gehörte und wo die Mönche Einkehr hielten, wenn sie in der Schwalenberger Kirche den Gottesdienst versahen. Nach der Reformation wurde der Hof in Privatbesitz verkauft, heute Haus Lesemann Nr. 3.

Blick auf Stadt und Burg Schwalenberg

Zu diesen ersten Höfen, die sich später fast alle im Besitz Schwalcnberger Bürger befinden, die Häuser am Markt und am Klingenberg, siedelten sich Bewohner von in der Feldmark Schwalenberg gelegenen Orten an, da ihnen der feste Ort besseren Schutz und Sicherheit bei den damals so häufigen Fehden bot; von hier aus bewirtschafteten sie ihre alten Ländcrcicn. Die ausgegangenen Orte Fblinchusen, Dudenhusen und Hessenhusen werden auf diese Weise ihre Bewohner abgegeben haben. Die ersten Besitzer des Meierhofes Nr. 29 (Hcsscnmcier) und Nr. 77 (Wittich) stammen aus dem letzteren Orte. Die Schwalenberger Meierhöfe lippischen Anteils waren der Klöverhof Nr. 4, der Hagenmeisterhof Nr. 6, der Twistenhof Nr. 25, der Töllenhof Nr. 26, der Hessenmeierhof Nr. 29, der Kerstingmeierhof Nr. 38, der Klockenmeierhof Nr. 44 und der Kochshof Nr. 46, dazu der Amtmannshof Nr. 78, die Meierhöfe paderbornschen Anteils waren der Heinenhöf Nr. 9, der Töbrighof Nr. 28 und der Winterbeckerhof Nr. 30, während der dreizehnte Meierhof, der Plettenberg, später Wittichshof Nr. 77 immer drei Jahre lippisch und ein Jahr paderbornisch war, gemäß den Anteilen von Lippe (3/4) und Paderborn (1/4).
Zu diesen ersten, die Landwirtschaft ausübenden Bewohnern kamen dann als Zugang, durch den Bedarf bestimmt, Bäcker, Schuster, Schneider, Böttcher und andere Handwerker. Auch der Kaufherren-Stand und die Gilde der Brauer entwickelten sich, und mancher der alten Hofbesitzer verpachtete seine Äcker und Wiesen, um als „Handelsherr“ und Ratsherr die Geschicke der Vaterstadt zu lenken. Die Blütezeit für Schwalenberg begann aber, als Hermann von Mengersen das Amt Schwalenberg, lippischen wie paderbornischen Anteils, von 1528 bis 1558 in Pfand Besitz bekam und gleichzeitig das Amt des Drosten inne hatte.

Ein Plauderstündchen am Delentor. Quelle: Heimatland Lippe

Sein in Kriegen, besonders im Türkenkriege erworbener Reichtum kam auch Schwalenberg zu Gute, denn er fühlte sich als Bürger dieses Ortes, dessen Herr er war. Wie fest ersieh mit Schwalenberg verwachsen fühlte, bekundete er dadurch, dass er nicht wie die Pfandinhaber vor ihm auf der Burg wohnte, sondern für sich und seine Nachkommen im Flecken selbst ein Haus erbaute und Landbesitz erwarb: er wollte Bürger des Ortes sein, und seine Nachkommen haben es so gehalten wie er. Die schönen Fachwerkhäuser Nr. 36 und 37 und die Wirtschaftsgebäude vor dem alten Tore (Nr. 108-heute die Künstlcrklausc) sind Zeugen dieser Zeit. Hermann von Mengcrsen war es auch, der die den Schwalenbergern verliehenen Privilegien, besonders am Walde, aufzeichnen ließ und die von den Bürgern bis auf die heutige Zeit zäh verteidigt wurden gegen manchen Übergriff von Herrschaft und Beamten,
Die Zeit der Mengersen, besonders in den Jahren vor dem 30jährigen Krieg, war auch die Blütezeit Schwalenbergs; Zeugen dieser Zeit und des durch sie hervorgebrachten Wohlstandes sind vor allem die kunstreichen schönen Fachwerkhäuser, besonders aber das Rathaus aus dem Jahre 1579. Welche Höhe des Handwerks und des Kunstsinnes der Bewohner muss hier bestanden haben, dass sich dieser kleine Ort ein solches Rathaus und solche Wohnstätten leisten konnte. Selbst eine Lateinschule hat bestanden, die leider nach der Zerstörung im 30jährigen Krieg nicht wieder erneuert werden konnte.
Wenn auch nach dem Tode Hermanns von Mengersen die Pfandschaft nicht mehr erneuert wurde, so blieben seine Nachkommen als Drosten des Amtes Schwalenberg-Oldenburg doch eng mit dem Orte Schwalenberg verbunden, und auch die Burg mit einer kleinen lippischen Besatzung, die dem Drosten unterstand, zählte gleichsam als zum Ort gehörig.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl erhielt aber den größten Auftrieb, als Graf Simon der VII. in seinem Testament seiner zweiten Gemahlin Maria Magdalena, einer Prinzessin von Waldeck und aus altem Schwalcnberger Stamm, das Amt Schwalenberg als Paragium für sie und ihre Kinder vermachte. Diese für Schwalenberg so bedeutsame Frau schlug auch ihren Wohnsitz hier auf. Die alte Burg Volkwins, im Laufe der Zeit fast völlig verfallen, was von ihr noch übrig war, hatte 1626 der Einfall Pappen-heimscher Truppen zerstört, wurde von ihr wieder aufgebaut. Mitfühlend und sorgend teilte sie mit ihren Schwalenbergern die Nöte und Leiden des 30jährigen Krieges und suchte liebevoll und mütterlich die bösen Folgen dieses zerstörenden Krieges zu lindern und zu beheben, tatvoll unterstützt durch den Drosten Jobst von Mengersen und ihren Vertrauten, den Bürgermeister Hans Heinrich Müller aus alt-schwalenberger Geschlecht. Wenn sich auch ihr Sohn Jobst Hermann auf dem Hofe Biesterfeld ein neues Schlösschen erbaute, so blieb doch die Verwaltung und ein Teil der Hofhaltung auf der Burg wohnhaft und hielt den Zusammenhang von Burg und Ort aufrecht. Das Paragiatsverhältnis führte aber später zu Unstimmigkeiten zwischen der Nebenlinie Lippe-Biesterfeld und der Hauptlinie zu Detmold, und Graf Friedrich zur Lippe-Biesterfeld trat 1762 den Besitz gegen Entschädigung an diese ab. Er erbaute das nach ihm genannte Schloss Friedrichsruh, den späteren Sitz unseres Alt-Reichskanzlers Fürsten Bismarck, der auch auf Grund dieser Beziehungen die Ehrenbürgerschaft Schwalenbergs annahm. Wenn auch die Burg nun wieder langsam verfiel, so blieb doch eine Verbindung mit dem Ort auch weiter vorhanden, denn auf ihr wurde der herrschaftliche Kornboden angelegt und, keine freundliche Verbindung, das Amtsgefängnis eingerichtet.
Erst in unserer Zeit wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl wieder aufgefrischt, als die Prinzessin Friedrich zur Lippe, Maria Dorothea, eine geborene Prinzessin von Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, die Burg zu ihrem Wohnsitz erkor und sie wiederherstellte; der obere Teil des Burgberges wurde mit Wald und Gartenanlagen verschönert. Als die Prinzessin zu ihrer Tochter nach Büdingen verzog und die Burg an die Stadt abtrat, schien die Tatsache der Zusammengehörigkeit gekrönt zu sein, leider nur kurze Zeit, denn die Burg wurde an die NSDAP verkauft, die dort ein Mütterheim einrichtete. Im Verfolg der Übernahme des NSDAP-Vermögens durch die Besatzungsmächte nach dem verlorenen Kriege und die spätere Übernahme durch den Landesverband Lippe ging die Burg scheinbar für immer für Schwalenberg verloren; durch die Einrichtung eines Kinderheimes des evgl. Hilfswerks der Kirche wurde auch jeglicher Zugang zur Burg und den Parkanlagen für Schwalenberger unmöglich gemacht.
Aber das Gefühl für Zusammengehörigkeit von Burg und Stadt war in den Bewohnern Schwalenbergs nicht erloschen, und immer lauter wurde das Verlangen und der Ruf: „Wir wollen unsere Burg wiederhaben!“ Maßgebende Bürger und eine verantwortungsfreudige Stadt-Obrigkeit geben endlich diesen Verlangen Gehör, und nach langwierigen Verhandlungen hieß es endlich: „Wir haben unsere Burg wieder, und diesmal kann sie auch jeder besuchen!“
Das von Herrn Nettestem traditionsgetragen und wertvoll eingerichtete Schlosshotel Burg Schwalenberg wird nicht nur Schwalenberger, sondern viele Besucher von fern und nah gastlich aufnehmen und ihnen gemütliche und genussvolle Stunden bereiten.

Heimatland Lippe: März 1965 von Wilhelm Süvern