Chroniken Lippischer Dörfer – Hohenhausen

Wie schnell kann man heutzutage nach Hohenhausen kommen! Der Autobus, dieser Zauberwagen, der auch die kleinsten Orte unseres schönen Heimatlandes der Welt erschloß, bringt uns hin, fast zu jeder Stunde des Tages. Ist doch Hohenhausen, diese „Metropole des lippischen Nordens“, ein Treffpunkt der großen gelben Wagen geworden.

Und wie umständlich war das noch vor wenigen Jahrzehnten! Gewiß, auf Schusters Rappen, ging das ja immer schon, und die Nordlipper haben dazumal auf diesem Beförderungsmittel Erhebliches geleistet. Aber sonst war eigentlich nur die Postkutsche da, die „große Post“ von Lemgo nach Rinteln, die mit „trari-trara“ durchs Kalletal trabte, daß der Rodenberg widerhallte.

Schrecken aller Fuhrleute

Nun, auf der bequemen, breiten Landstraße, die die Fürstin Pauline 1816/19 durch den lippischen Norden legen ließ, war das Traben und Blasen eine Lust. Aber vorher! Bist du mal den alten H e 11 w e g gewandert, vom Bavenhauser Tal herauf, über das Elend, durchs Rotenliet, übei’s Hohenhauser Bruch, nach Dalbke herunter, den Rodenberg hoch und wieder abwärts durch den Bollweg nach Langenholzhausen? Ja, das war erst ein Weg in alten Zeiten! Der Schrecken aller Fuhrleute! In den Akten raunt es noch von ihren Flüchen und vom Zorn der Oberen über dieWiderspenstigkeit der Bauern beim Flicken der Schlaglöcher und beim Vorspann für die herrschaftlichen Kutschen. Noch heute sieht man an den ungefügen blauen Kalksteinen des alten Weges die Spuren der schweren Wagenräder. Alles, was aus fernen Zonen über Bremen weseraufwärts nach Lippe kam und in unserem kleinen Weserhafen Erder aus- geladen wurde, ist über diese Steine ins Land hineingerollt. Kriegsvölker aus aller Herren Länder sind hier gezogen.

„Das Elend“, so heißt der Bergrücken an der Heerstraße. Der Bauer Kracht, dessen Hof dort liegt, heißt im Volksmunde der Elendsmeier. Ein zähes Bauerngeschlecht ist es, das hier seit Jahrhunderten den Acker baut und in alter Zeit auch Vorspann leistete und Hand anlegte beim Radbruch. „Peter Kracht im Elendshaus“, so steht es in einem Aktenstück aus dem Dreißigjährigen Kriege. Er war nur einer in der langen Reihe der Elendsmeier. Plünderungen, Raub und Diebstahl, Verlust von Acker und Vieh, erfrorene Saaten, verregnete Ernten: Das alles kehrt in der wechselvollen Geschichte dieser Sippe wieder und wieder. Aber die Krachts haben ausgehalten. Heute flitzen die Kraftwagen wie spielend über die Höbe weg. Hof und Äcker des Bauern aber zeigen, daß auch ihm dasElend nichts mehr tut.

Steine reden

Von der Höhenstraße nach Talle hat man einen schönen Blick ins Hohenhauser Tal hinein. Tief unten liegt das Dorf, hinter ihm aber steigt das Doppelmassiv des Rodenberges und Rafelder Berges auf. Einen Gruß, euch, ihr Recken!! Ihr wart die ersten hier in der Runde,  wart früher da als alles Leben ringsum. Mit euch muß die Chronik beginnen!

So redet, ihr Berge! Erzählt von jenen unvorstellbar fernen Urweltzeiten, da die Myriaden von Schalentieren des Muschelkalkmeeres eure Schichten bauten! Was sind die siebzig oder achtzig Jahre unseres Lebens, was sind selbst die paar Jahrtausende der uns bekannten Menschheitsgeschichte gegen die vielen Millionen Jahre erdgeschichtlicher Entwicklung, da der Geist Gottes über den Wassern schwebte und tausend Jahre vor ihm waren wie der gestrige Tag! Ja, redet, ihr Berge! Erzählt, wie die Kräfte der Tiefe eure Schollen türmten zu Fels und Schlucht, wie die Urwasser strömten, wie Regen und Eis, Sonne und Wind über unendliche Zeiten hin sich mühten, die Felsen wieder abzutragen und die Schluchten zu füllen! Erzählt von den Gletschern der Eiszeit, die wie zwei weiße Riesenfinger in den Kalletälern lagen und euch umklammert hielten in hartem Griff! Erzählt von der Todesstunde des Mammuts, dessen Zahn man vor hundert Jahren am Rodenberge fand! Wo Menschen schweigen, da werden die Steine reden! Dem, der ihre Sprache versteht, halten sie eine gewaltige Predigt.

Steine künden uns vom Leben der ersten Menschen, die diese Gegend bevölkerten. Der verdienstvolle Erforscher unserer heimatlichen Vorgeschichte, Dr. A. Meier-Böke, fand im Hohenhauser Gebiet zahlreiche Werkzeuge aus Feuerstein, Messer, Schaber und Bohrer, Hinterlassenschaften von Menschen, die vor mehr als 5000 Jahren über diese Erde geschritten sind. Er entdeckte auf dem Rodenberge und anderen nordlippischen Höhen die Steinhügelgräber der Bronzezeitmenschen, die vor 3000 Jahren hier wohnten. Ein prachtvoller Bronzedolch wurde in einem solchen Grabe am Rodenberge gefunden. Wie so anders als heute mag diese Landschaft damals ausgesehen haben! Mehr Wärme, mehr Trockenheit, weniger Wald, mehr Steppe. Hohes Gras wogte auf Kuppen und Hängen, Schafe und Rinder fanden prächtige Weide.

Hodanhusun

Ein Jahrtausend später war alles anders geworden. Feuchter und kühler war das Wetter, Urwald, Bruch und Heide deckten Berg und Tal. Der Schrei der Waldtiere drang zu den einsamen Höfen der Menschen. Vielleicht hat damals schon jener Hodan oder Hotolf gelebt, der erste Siedler hier im Tal, der dem Dorfe Hohenhausen den Namen gab. Hieß doch der Ort vor 900 Jahren noch Hodanhusun, später Hodenhausen und wurde erst, als man den Sinn des alten Wortes nicht mehr verstand, zu Hohenhausen,“ obwohl es ein Talhausen ist. Ums Jahr 1015 berichtet zuerst eine Urkunde von der „Mark Hodanhusun“. Doch sicher war der Ort Jahrhunderte früher da, wie auch die kleinen Bauerndörfer ringsum viel, viel älter sind als die Pergamente, die uns die erste schriftliche Kunde von ihnen bringen.

Vor 1000 Jahren

Noch heute erkennen wir in der Hohenhauser Gegend die Siedlungs weise unserer Vorfahren. Zwei oder drei Bauernhöfe oder wenig mehr lagen beieinander in behäbiger Breite, nahe genug, einander beizustehen in Not und Gefahr, weit genug, sich nicht zu stören in der Hantierung, einander nicht in den Pott zu gucken, nicht in Streit zu kommen wegen weidender Kühe, wühlender Schweine und kratzender Hühner. An Hand der Dorfkarten und der alten Saibüeher kann man sich ein ungefähres Bild des ältesten Zustandes machen. Die wenigen großen Bauernhöfe reichen meist weit in die Vorzeit zurück, während die kleineren Stätten in der Regel als Abfindung jüngerer Söhne oder als Neurodung entstanden sind. So erklärt es sich auch, daß in den alten Bauerndörfern oft der Name eines großen Hofes unter den Halbspännern, Köttern und Hoppenplöckern wiederkehrt. Durch Rodung des Waldes und des Bruchlandes konnte man in alter Zeit, als es erst wenige Menschen und noch viel unbebautes Land gab, auch bei Landabfindung jüngerer Kinder, den Hofbesitz wieder ergänzen.

So trägt der Rodenberg seinen Namen mit Recht. Ein Stück Wald nach dem andern hat man ihm entrissen. Rafeld — Rodenfelde hieß es einst — ist auf Waldboden entstanden, während Brosen, das alte Brokhusen, aus Bruch und Ödland erwuchs.

Vor tausend Jahren werden in dieser Gegen etwa dreißig Bauernhöfe gewesen sein: in Hohenhausen, Brosen und Bentorf je etwa fünf, in Westorf vier, in Wentorf drei, in Dalbke und Echternhagen je zwei, in Hegerbeke, Harkemissen, Selsen und Rafeld je einer. Ein Teil dieser Siedlungen, wie Wentorf und Hegerbeke, ist über den alten Stand auch heute noch nicht hinausgekommen, andere haben sich organisch weiter entwickelt, in Harkemissen entstand vor fast 300 Jahren eine planmäßige Neusiedlung. Nur Hohen- hausen ist im letzten Jahrhundert seinen Nachbarn in der Entwicklung davongerannt. Die Randsiedlung auf Brosener Gebiet erklärt sich nur aus der Hohenhauser Entwicklung.

Von den altansässigen Familien werden schon um 1600 folgende genannt: Hankemeyer, Cordt Hanke, Sülwaldt, Mardt, Exter und Schweinebart in Hohenhausen, Klemme und Krüger in Dalbke, Böke in Echternhagen, Böke und Stock in Wentorf, Süllwoldt, Stuckmann, Lennier, Vasse, Dreyschemeyer in Bentorf, Hoiver, Sake, Klemme und Henrich Stock in Brosen, Eikermann in Selsen, Heger und Strate in Rafeld. Die Schreibweise der Namen hat sich vielfach geändert, doch der Strom des Blutes rinnt durch die Jahrhunderte fort.

Nur wenige Bauern konnten ihre Freiheit und Unabhängigkeit durch alle schwere Zeiten hindurch aufrechterlialten De: Meierhof zu Selsen und der Hof von Henrich Stock in Brosen waren Lehngüter. Einige andere kennten trotz der Erbuntertänigkeit des Hofes doch ihre persönliche Freiheit behaupten, so Hans Held in Hohenhausen, Arend Klemme in Brosen, Henrich Eikermann in Selsen und Hans Heger in Rafeld. Die übrigen Bauern waren im Laufe der Zeit einem Gutsherrn mit Leib und Gut untertan geworden.

Landesherr und Gutsherr

Die bedeutendsten Grundherren im Hohenhauser Gebiet waren im Mittelalter die Ritter von Callendorp und das Kloster Möllenbeck. Die Herren von Callendorp, die ihren Stammhof in Kalldorf und einen Burgsitz in Varenholz hatten, waren Lehnsleute der Herzoge von Sachsen und Engern. Der größte Teil des Kirchspiels Hohenhausen war in ihrer Hand. Als sie in der Mitte des 15. Jahrhunderts ausstarben, vererbten sie ihre Besitzungen an die Familie de Wend auf Varenholz. Nach deren Aussterben kamen alle diese Güter im Jahre 1563 an den Grafen zur Lippe. Damit wurde der Landesherr gleichzeitig Gutsherr und nächster „leiblicher Verwandter“ fast aller Bauern dieser Gegend.

Das Kloster Möllenbeck besaß u. a. zwei Höfe und zwei weitere Stätten, sowie eine Mühle in Hohenhausen, ferner mehrere Höfe und Stätten in Brosen und Rafeld, in Bentorf und Westorf und bekam außerdem aus einer Anzahl anderer Höfe Abgaben. Das Kloster hatte seinen sehr umfangreichen und zerstreuten Besitz in sieben Ämter aufgeteilt und diese an adlige Familien der Umgegend ausgetan. Die Möllenbecker Güter in der Hohenhauser Gegend gehörten zum größten Teil ins Heidelbecker Amt. Nach dem Aus- sterben der Herren von Heidelbeck im Jahre 1411 kam das Amt an die Herren von Westphalen, die „Westpfälinge“, die das Gut Heidelbeck bis zum Jahre 1839 besaßen und auch die Abgaben aus den ehemals Möllenbecker Höfen bekamen. Das vorige Jahrhundert hat mit der Leibeigenschaft und der Erbuntertänigkeit der Bauern aufgeräumt und den freien Bauernstand geschaffen, die Voraussetzung für die bedeutende Entwicklung, die seitdem die Landwirtschaft genommen hat.

Geburtshaus Jacobis

Geburtshaus Jacobis

Hohenhausen lag bis vor 120 Jahren abseits der Heerstraße. Seine Häuser und sein Kirchlein schmiegten sich in den engen Talgrund hinein und waren von der Straße aus nicht zu sehen. Auch die kleinen Dörfer ringsum lagen zumeist abseits und versteckt. Das hat sich in Kriegszeiten günstig ausgewirkt. So hat der Dreißigjährige Krieg in Hohenhausen und Umgegend weit weniger Schaden getan als z. B. in Langenholzhausen, wo das Leben durch Plünderung, Brand und Pest fast völlig zum Erliegen kam. Natürlich bekamen auch die Hohenhauser ihr Teil ab. Männer und Frauen mußten jahrelang Tag um Tag nach Lemgo ziehen und; dort an den Wällen und Festungswerken arbeiten. Im Jahre 1633 wurden in Hohenhausen 21 Pferde weggenommen. Kelche und Gotteskasten aus der Kirche geraubt. Pfarrhof und Mühle geplündert und andere Schandtaten verübt. Daß sich die Bauern aber nicht alles gefallen ließen, geht aus einem Amtsbericht vom Jahre 1637 hervor. „Die Hohenhauser Untertanen“, so heißt es da, „haben sich zusammenrottiert, haben ihr Vieh in unterschiedliche Häuser getrieben und verteidigen dasselbe mit gewehrter Hand.“ Junge Burschen überfielen plündernde Soldaten und nahmen ihnen den Raub wieder ab. An einsamen Orten fand man erschlagene oder aufgehängte Marodeure. Heinrich Klemme rühmte sich im Hohenhauser Kruge, daß er die beiden Soldaten, die bei Echternhagen ermordet gefunden, totgeschlagen habe.  Nach dem großen Kriege begann zwischen Hohenhausen und Bentorf eine rege Siedlungstätigkeit. Ums Jahr 1670 entstanden in Harkemissen, wo der verlassene Hof des Simon zu Harkemissen aufgeteilt wurde und wo in Wald und Heide noch weiteres Land zur Verfügung stand, etwa 20 Neusiedlerstellen. Auch im Eichholze und auf dem Hohenhauser Bruche wurde gesiedelt. Dort, an der Heerstraße, erhielt der Krüger Hanke das Privileg „für Bier und Branntwein zu verschenken und Herbergieren zu dürfen, daselbst brauen und brennen und den etwaigen Handel mit fetter Ware und andern Kleinigkeiten“.

Schicksale

Ja, für Geld konnte man manches Privileg haben, das Geld im Säckel der lippischen Grafen war immer knapp. Im Jahre 1656 erwarb die Witwe Held in Hohenhausen ein Privileg für ihr Kolonat, und „ist dasselbe von weil. Herrn Graf Hermann Adolph Hochgräfl. Gnaden gegen Erlegung einer gewissen Summe Geldes von allen Lasten auf ewig befreiet worden“. Durch Heirat, Erbschaft und einen langen Prozeß kam dieser Hof an die Familie Jacobi, die ihn mehr als 150 Jahre besessen hat. Im Jahre 1883 wurde der Hof aufgeteilt. Das alte Jacobihaus aber steht noch heute.

Auf diese Weise entstanden auch an anderen Orten des Landes solche „eximierten Höfe“. Auch der sogenannte „Borghof“ in Hohenhausen war abgabenfrei. Ein Pastor Mandelsen, der von 1573 bis 1613 in Hohenhausen wirkte, hat ihn für seine Familie erbaut. Eine andere eximierte Stätte umfaßte den Krug, die untere Mühle, Braugerechtigkeit und Fischerei. Im Jahre 1611 war Simon von Exter Besitzer, 1709 der Forstverwalter Rötteken, 1748 Speckbeutel aus Herford, 1790 die Familie Tölke und im 19. Jahrhundert der jüdische Händler Arensberg. Danach ist auch diese Besitzung aufgeteilt worden.

Jeder Hof, jede Familie, sie alle haben ihre Wechsel vollen Schicksale. Ein Buch könnte man füllen von der Geschichte eines Dorfes. Lassen wir es genug sein!

Hohenhausen war am Ende des 18. Jahrhunderts eine kleines Bauerndorf. „Eine Pfarrkirche, des Predigers und des Küsters Häuser nebst 45 gemeinen Wohnhäusern“, so heißt es von ihm in dem Lippebuche von 1790. Langenholzhausen war damals mehr als doppelt so groß, auch Lüdenhausen war größer. Dennoch war Hohenhausen auch damals schon ein Mittelpunkt. Der Amtsvogt für die Hohenhauser Vogtei hatte hier seinen Sitz als Beauftragter des Varenholzer Amtmanns, Befehlsübermittler, Steuerheber und Gerichtsvollzieher, der den säumigen Zahlern das Vieh pfändete und in den „Pfandestall“ brachte, „bis der letzte Heller bezahlet“. — Verschiedentlich lesen wir auch von einem „Chirurgus“ in Hohenhausen, doch der Amtschirurg in Langenholzhausen biß ihn wieder fort. Seit alter Zeit stand auch die Kirche im Dorf, einst dem Apostel Paulus geweiht. Die Erbauung des Kirchturms wird von Sachkennern sogar auf das Jahr 1100 angesetzt, wenn auch die Kirche selbst erst ums Jahr 1414 erbaut wurde. Wahrscheinlich hat vorher hier eine Holzkirche gestanden. Im Jahre 1887 wurde die Kirche durch Anbauten erweitert.

Abseits vom Hellwege! Und doch wies Hohenhausen vor fast 200 Jahren eine Berühmtheit auf, die das Dorf weit über die Grenzen unseres Landes hinaus bekanntmachte. War es doch die Heimat von
Stephan Ludwig Jacobi. Im Jahre 1896 ist diesem bedeutenden Manne auf seinem einstigen Besitz ein Denkmal aus Findlingen errichtet worden, das in goldenen Lettern die Inschrift trägt: „Dem Begründer der künstlichen Fischzucht Stephan Ludwig Jacobi, geboren Hohenhausen 1711, gestorben daselbst 1784. Die deutschen Fischereivereine.“

Bahnbrecher

Das Leben und Wirken Jacobis ist wiederholt gewürdigt worden, u. a. von Dr. A. Meier-Böke im „Lippischen Dorfkalender 1935“. Nach gründlicher Erforschung aller gedruckten und archivalischen Quellen hat Fräulein Lydia Holländer aus Hohenhausen im Jahre 1948 eine feine Arbeit über „Stephan Ludwig Jacobi und seine Bedeutung für die lippische Ernährungswirtschaft“ verfaßt. Leider liegt die Arbeit bis jetzt nur im Manuskript vor. Sie enthält viel neues Material über den alten Fischmacher, der außer seinen noch heute gebräuchlichen Forellenbrutkästen auch eine Perlgraupenmühle und eine Kartoffelmühle erfand. Er gab als „Landhauptmann“ der lippischen Regierung beachtliche Ratschläge beim Ausbau des Meinberger Brunnens und des Salzufler Gradierwerks und hat die große Regulierung von Werre und Bega bei Schötmar verantwortlich geleitet. — Aber er ist trotz allem sein Lebtag aus seinen Geldsorgen nicht herausgekommen. Seine große Fischzucht — er hatte 14 Fischteiche — wird sich kaum rentiert haben.

Wildbret und Fisch gehören nicht auf des Bauern Tisch!“ sagte man damals. Es fehlte an Absatzmöglichkeit, und seine eigenen Dienstboten bedangen sich aus, daß es nicht mehr als zweimal in der Woche Fisch zu Mittag gebe. Auch aus seinen anderen Erfindungen zog Jacobi keinen Nutzen, mancherlei Widerwärtigkeiten machten ihn einsam vor der Zeit, und die Nachwelt hat ihn vergessen. Vergebens schauen wir auch im Lexikon nach ihm als dem Begründer der künstlichen Fischzucht um. Er teilt das Los so vieler Bahn- brecher und Erfinder.

Fortschritte

Nach den Freiheitskriegen wurde, wie schon erwähnt, für Hohenhausen durch den Bau der neuen Landstraße die Vor­ aussetzung für seine weitere Entwicklung ge­ schaffen. Doch erst das Sturm- und Brausejahr 1848 mußte kommen, ehe sich hier weiteres tat. Seit Jahrhunderten waren bei allen Rechtshändeln, Erbschafts- und Steuersachen die Leute aus Hohenhausen, Bavenhausen, Talle und Kirchheide den weiten Weg zum Amte nach Varenholz gegangen. Nun brachte der frische Wind, der im achtundvierziger Jahr durch die Amtsstuben pustete, und die stürmischen Vorsprachen des „souverä­nen Volkes“ in Detmold endlich die lange fällige Änderung. Im Jahre 1851 wurde aus der ehemaligen Vogtei das Amt Hohen­hausen gebildet. An der neuen Landstraße erstanden die Amtsgebände. Von da an da­tiert der Aufstieg der Ortschaft.

Doch noch über ein Jahrzehnt dauerte es, bis die Taxissche Post sich im neuen Amts­ orte häuslich niederließ. Zwar auch der alte Jacobi hatte seine gelehrten Abhandlungen und dickleibigen Briefe schon „expedieren“ lassen können, indem er den reitenden Boten bei der Krügerschen Wirtschaft am alten Hellwege anhalten ließ, aber die zuständige „Postexpedition“ war Langenholzhausen für den gesamten Norden. Bis dann 1862 Hohenhausen ein Postamt bekam. Im gleichen Jahre ließ sich auch ein Arzt nieder, und die Apotheke kam nach. Als im Jahre 1879 Justiz und Verwaltung getrennt wurden und das Verwaltungsamt Brake die alten Amtsverwaltungen überflüssig machte, erhielt Hohenhausen das Amtsgericht für die Ämter Varenholz und Hohenhausen.

Das wirtschaftliche Leben in Hohenhausen nahm seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen für dörfliche Verhältnisse bedeutenden Aufschwung. Auch früher schon war Hohenhausen ein gewisser Mittelpunkt für die bäuerliche Wirtschaft gewesen. Eine Anzahl jüdischer Familien (seit 1722 hatte Hohenhausen eine Synagoge!) hatte den Vieh- und Getreidehandel und das Kreditwesen in der Hand. Nun fanden sich auch andere Geschäftsleute und Handwerker her. „Seon Kerl kön woi näu briuken!“ sagten die Hohenhauser, als ein Klempnermeister um Niederlassung bat. Zwei Ziegeleien wurden gegründet. Das Zigarrenmachergewerbe löste die alte Leineweberei ab. Unter der Hohenhauser Bevölkerung regte sich der fortschrittliche Geist. „Wir müssen eine Eisenbahn haben“! Dieser Ruf wurde in Hohenhausen immer lauter. Doch der bäuerlich-konservative Amtsgemeinderat lehnte 1867 die Eisenbahn ab, und trotz immer wiederholter Eingaben und Vorstöße der Bevölkerung hat der Norden keinen Schienenstrang erhalten.

Eine Kulturtat

Im Jahre 1877 kam der Pastor und nachmalige Superintendent August Dreves nach Hohenhausen. Er hat namentlich für die kulturelle Entwicklung des Ortes eine besondere Bedeutung gehabt. Im Jahre 1841 in Hillentrup als Pastorensohn geboren, wirkte er von 1864 bis 1869 als Lehrer am Lemgoer Gymnasium „mit regem Eifer und großem Erfolge“. Nach siebenjähriger Tätigkeit als Pastor in Varenholz trat er im Alter von 36 Jahren in Hohenhausen sein Amt an. Schon im nächsten Jahre gründete er im Verein mit den Lehrern seines Kirchspiels die „Rektorschule“, die er mit Geschick und Erfolg bis zu seinem Tode im Jahre 1903 leitete. Ich selbst bin in den letzten Jahren seines Lebens dort sein Schüler gewesen und bin noch heute beeindruckt von seiner oft harten und launigen, aber immer lebens- und kraftvollen Art zu unterrichten. Wie er in dieser einklassigen Privatschule Französisch, Englisch und Latein in den verschiedenen Abteilungen trieb, mit welch einer Lebendigkeit und Einprägsamkeit er Geschichte lehrte, das steht mir in unvergeßlicher Erinnerung. — Der alte Dreves war ein Original, die Strafen, die er für die Faulpelze ersann, waren einmalig! So nahm er einem dicken faulen „Prams“ das leckere Mettwurstbrot ab und verteilte es an die
mageren Schüler. „Ein voller Bauch studiert nicht gern!“ sagte er dabei. Die Anekdoten vom alten Dreves kursieren noch heute im Dorfe. Mögen sie weiter leben! Die Gründung der Rektorschule war für die Hohenhauser Gegend eine Kulturtat. Die Schule hat nach wiederholter zeitgemäßer Wandlung in der neuen Mittelschule, der „Jacobischule“, ihre Fortsetzung gefunden.

Dreves war auch der Gründer der Hohenhauser Fortbildungsschule; zu einer Zeit, als sonst niemand auf dem Lande an die Fortbildung der schulentlassenen Jugend dachte, bestand in Hohenhausen schon für sie die Schulpflicht. — Dreves war ein echter Volksmann. Das bäuerliche Geld- und Kreditwesen lag damals in der Hohenhauser Gegend sehr im Argen. So mancher Hof stöhnte unter der Last der hohen Zinsen und der Willkür der privaten Geldgeber. Da hat Dreves den Kreditverein gegründet, der viel Segen gestiftet, manche Sorge und Not gelindert hat. In der Spar- und Darlehnskasse blüht dieses Werk fort. — Als Verfasser einer lippischen Kirchengeschichte, Mitarbeiter an einem neuen Gesangbuch und in verschiedenen Ehrenämtern der Landeskirche hat sich dieser tätige Mann bewährt, der es verdient, daß Hohenhausen sein Andenken in Ehren hält.

Die letzten Jahrzehnte sahen das Dorf in weiterem Fortschritt. Im Jahre 1904 wurde die Molkerei erbaut, im ersten Weltkriege die „Nordlippische Uberlandzentrale“, die dann später in dem Elektrizitätswerk Wesertal aufging. Nicht alle Knospen kommen zur Blüte, auch in Hohenhausen nicht. Der wiederholte Versuch einer Zeitungsgründung, auch mit einem so klangvollen Namen wie „Nordlippischer Generalanzeiger“, war eine solche schnell geknickte Knospe. Aber das Dorf wuchs und wächst noch immer, weit über seine alten Grenzen hinaus. Die Gemeinde Hohenhausen  hat heute 255 Wohnhäuser mit etwa 2300 Einwohnern.

Pfarrer Dreves

Turnen und Sport fanden in Hohenhausen seit langem ihre liebevolle Pflege. Schon vor 50 Jahren wurde auf der Berglust am Rodenberge dem Turnvater Jahn ein Denkmal errichtet. Um das musikalische Leben in Hohenhausen hat sich der Apotheker Felix Meyer besondere Verdienste erworben.

Der Ausgang des letzten Krieges hat Hohenhausen viele neue Bewohner aus dem Osten gebracht. Wie sollten sie alle hier Arbeit finden! Industrie läßt sich, zumal in einem bahnfernen Orte, nicht aus der Erde stampfen. So fahren denn Tag für Tag viele Leute mit Autobussen und Fahrrädern zur Arbeit nach Lemgo und anderen Städten. — Der Zuzug vieler Katholiken in den Dörfern des Nordens hat zum Bau der katholischen Kirche geführt. Gar schmuck und selbstbewußt steht das neue Gotteshaus auf der Höhe gegenüber dem alten Jacobihofe, eine Zierde für den Ort, doch zugleich ein Zeichen dafür, wie umwälzend die Tage sind,in denen wir leben.

Mehr und mehr hat sich Hohenhausen bemüht, ein Luftkurort zu werden. Mancher Erholungssuchende fand hier liebevolle Aufnahme und in den Waldbergen und an den Ufern der Kalle Ruhe und Genesung.

Denn noch immer reden die Berge ihre erhabene Sprache, und der Wald braust sein Lied, und die Wasser der Kalle hüpfen schwatzend über die Steine. Siehst du die flinken Forellen dort im klaren Bach? Sie kommen nicht aus der „Fiskemakers“ Brutkiste. Denn Mutter Natur webt unbekümmert um der Hohenhauser rastloses Schaffen ihrgrünes, lebendiges Kleid.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1953 – Von Wilhelm Süvern.