Das Bataillon Lippe in Danzig in den Jahren 1812—13

Russische Kavallerie beim Gegenangriff in der Schlacht bei Polozk. Russischer Maler 1890

Infolge des Bündnisses der Grafschaft Lippe mit Frankreich, denn das Land war am 18. April 1807 dem Rheinbund beigetreten, hatte es für die Feldzüge Napoleons in Europa entsprechende Truppenkontingente zu stellen. So nahm es auch Anteil an dem Zug der Großen Armee nach Rußland mit insgesamt 850 Mann (568 Mann Lippe-Detmold, 282 Mann Schaumburg-Lippe) als 1. Bataillon des 5. Rheinbund-Regiments im Verbände der 2. Deutschen Brigade.

Am 27. Mai 1812 meldete der Bataillonskommandeur Oberstleutnant Reineke von Berlin aus den Abmarsch für den folgenden Tag nach Danzig, wo das Bataillon am 19. Juni eintreffen sollte, die Stadt allerdings schon zwei Tage früher erreichte. Auf Bitten ihrer Offiziere hatte die damals regierende Fürstin Pauline zur Lippe dem Bataillon als gemeinsames Feldzeichen eine von ihr gestickte seidene Fahne nach dem Muster der französischen Fahnen des 1. Kaiserreiches verliehen. Das Handschreiben aus der Residenzstadt vom Juli 1812 hierzu lautete:

„Lieber Herr Obristlieutenant!

Den oft wiederholten Wunsch, daß dem Bataillon eine Fahne gegeben werde, erfülle ich in der Hoffnung, daß mein Contingent einen Vereinigungspunkt begehrt auf dem Pfade der Ehre und Treue, daß es dabei an Vaterland und Fürstin denken wird, und die Inschrift: ,Mut und Ausdauer‘ sich einpräge jedem Herzen. Meine Fürsorge, meine Wünsche für das Ganze und für jeden Einzelnen geben mir das Recht, diese Fahne als persönliches Andenken dem Bataillon zu geben; sie trägt meines Wappens Schilder, meinen Namen, und ich hoffe, kein Lipper wird gleichgültig und unkindlich genug gegen mich seyn, um den Namen Pauline dem Feinde zu überlassen, um künftig der Fahne unwürdig den Rücken zu kehren, die ihn trägt. Ich trage Ihnen hierdurch auf, die Weihe in der reformierten Kirche zu Danzig und die feierliche Uebergabe der Fahne zu befördern, und wie es geschehen, mir einzuberichten. Es gehe Ihnen und allen meinen Kindern in der Ferne unausgesetztwohl!

Detmold den 14ten Julius 1812.

Paulina“

Dem Bataillon Lippe von Paulinen

Über die am 23. August stattgefundene Übergabe durch ein Ersatzkommando unter Führung des Schaumburg-Lippischen
Kapitäns v. Düring ging folgender Rapport vom 22. September des Bataillonskommandeurs an die Fürstin: „Gehorsam und Treue haben bereits die Individuen des Bataillons Lippe ihren Souverainen besonders geschworen. Allein dem Hause Lippe-Detmold liegt vermöge Inhalts der Bundesakte die Direktion und Inspektion über das gemeinschaftliche Kontingent auf.
Auch das Schaumburger Kontingent muß an der Fahnenweihe Anteil nehmen; nur bedarf es keiner besonderen Verpflichtung.“ (Diese Sätze beziehen sich auf die Weigerung der bückeburgischen Offiziere, den Eid auf diese Fahnen zu leisten.) An die Stelle eines Fahneneides — wie ursprünglich beabsichtigt — trat nunmehr die Fahnenweihe in der reformierten Kirche zu Danzig.

Die „Danziger Fahne“, wie sie fortan genannt werden sollte, zeigte neben vielen Verzierungen auf der einen Seite die oben genannten Worte, auf der Rückseite die
Inschrift „Dem Bataillon Lippe von Paulinen“ und erhielt die Feuertaufe am 13.
Dezember 1812 im Gefecht bei Kowno.

Von Danzig aus wurden die Lipper bald in die Festung Weichselmünde verlegt, um dort ein Regiment Württemberger abzulösen. Hierbei erwies es sich als notwendig, der scharfen Seeluft wegen grautuchene Hosen anzuschaffen. Das Bataillon hatte etwa 14 Tage lang seinen Posten auf dem Fort innegehabt, als Mitte Oktober 1812 der Befehl zum Abmarsch eintraf. Während das 6. Regiment bleiben sollte, marschierte das 5. mit französischen Kolonnen ostwärts gen Smolensk. Das Bataillon mußte jedoch 121 Mann in Danziger Hospitälern zurücklassen und 147 Marschunfähige mit Schiffen nach Königsberg befördern.

Am 6. Oktober wurde Dirschau erreicht, am 7. Oktober Marienburg, am 8. Oktober Elbing, am 11. Oktober Königsberg, von wo es über Tilsit im Zuge der Großen Armee weiterging nach Rußland. An den Rückzugskämpfen der geschlagenen Truppen bei Wilna und Kowno am 13./14. Dezember 1812 nahmen die Lipper teil und versuchten, von Kowno über Königs-
berg schnellstens wieder Danzig als Winterquartier zu erreichen, denn die erbitterte Kälte forderte von den schlecht ausgerüsteten Soldaten große Opfer. Um von den Kranken nicht unnötig bei dieser Flucht aufgehalten zu werden, ließ General Devilliers mehrere Schlitten requirieren, mit denen die Kranken von Frauenburg aus über das Eis des Frischen Haffs nach Danzig gefahren werden sollten — allein, von dem ganzen Transport erreichte niemand die Hansestadt. „Fuhrleute, Pferde und Schlitten. Alles war unter das Eis gegangen.“ Die ersten Spitzen des Bataillons Lippe erreichten am Silvester 1812 Danzig, es war dies Sergeant Niermann mit den ihm anvertrauten Mannschaften und Fuhrwerken. — Der Großteil ging etwa zu jenem Zeitpunkt von Elbing aus über ein Dorf in der Danziger Niederung, wo die dortigen Bauern die ausgehungerten Soldaten gut verpflegten, über die zugefrorene Weichsel. Im Anblick der Türme Danzigs mußten die Truppen umkehren und über die Weichsel ins Lager zurück, da verfolgende russische Truppen im Anmarsch waren. In der Nacht wurde die Weichsel endgültig überschritten und am Morgen aus dem diesseitigen Lager abmarschiert. Der Chronist berichtet uns über „einige kleine Excesse“, „indem unter andern mehrere Anhalter und einige Lipperaus einem Dorfe Gänse mitzunehmen versuchten. Der General selbst hatte sie dabei attrapirt[footnote number=“1″ ]erwischen, ertappen[/footnote] und aus den Häusern gejagt. Er lief zwar mit dem blanken Säbel hinterdrein, die Soldaten waren aber behender; es wurde keiner eingeholt“. — Als die Soldaten nach mehrstündigem Marsch am 14. Januar 1813 die Türme der altehrwürdigen Stadt zum zweiten Male sahen, rückten sie nun noch am gleichen Abend in die Festung ein. Eine Zählung am folgenden Tag ergab noch 349 Mann, einschließlich der zehn Stabsangehörigen.

Die Festung stand damals unter dem Befehl des Generals Rapp, der Divisionsgeneral aller deutsch-kleinstaatlichen Truppen war General Franzeschi (nach dessen baldigem Tode General Devilliers), die Brigade führte der sachsenweimarische Oberst v. Egloffstein. Bald nach dem Einmarsch wurde das Bataillon auf Befehl des Gouverneurs, Graf Rapp, zur Dienstvereinfachung in zwei Kompanien geteilt, die erste unter Hauptmann Falkmann, die zweite unter Hauptmann Funck vom bükkeburgischen Kontingent. Für das Fürstenbataillon aus lippischen, bückeburgischen, waldeckschen, schwarzburgischen und preußschen Kompanien und -teilen hatte sich bald allgemein der Spottname „Landkarte“ gebildet und für die aus den vielfältigen Rheinbundtruppen gebildete 34. Division der Name „Karte von Europa“.

In der ersten Zeit — etwa drei Wochen von Mitte Januar bis Anfang Februar — versah ein Teil des Bataillons Vorpostendienste bei dem Dorfe Stolzenberg, ein anderer Teil besetzte den Holm, der damals Fort Napoleon hieß und mit dem Fort Weichselmünde durch bombenfeste Gänge in Verbindung stand, der Rest lag als Reserve unter dem fürstlich-schwarzburgischen Oberstleutnant v. Blumenröder auf dem westlichen Ufer der Mottlau, um von hier aus die Ablösungen zu den Vorposten zu schicken. Danach erfolgte die Zusammenlegung aller Teile in der Stadt, wo die Soldaten Quartiere bei Bürgern auf Pfefferstadt und im Altstädtischen Graben erhielten.

Die zu jener Zeit in Danzig anwesende Schauspielergesellschaft unter ihrem Direktor Hurray wollte die Stadt vor dem anrückenden Feind noch rechtzeitig verlassen, wurde aber durch den General Rapp zurückgehalten, um in der sich abzeichnenden Belagerung die Truppen zu unterhalten. Die Gesellschaft erhielt den Namen „Abonnement general militaire“, zu deren Unterhalt jedem Offizier eine bestimmte Summe von seinem Sold abgezogen wurde. Es sei hier erwähnt, daß jener Truppe der damals berühmte Schauspieler Anschütz angehörte.

1809 wurde für Unteroffiziere und Mannschaften der Tschako (Czako) eingeführt. Die Unteroffiziere trugen den oberen Czalorand mit einem schwarzen Fiorettbande eingefasst, der Sergeantmajor abbremst einem silberdurchwirkten weissen Baumwollbande. 1811 erhielt der Rock einen anderen Schnitt, den der französischen Habit-veste, mit kürzeren Schössen und geradeheruntergehenden Rabatten. In demselben Jahre wurde die Mannschaft mit Säbeln ausgerüstet. 1812 bekamen die Offiziere an Stelle des Hutes gleichfalls Czakos, die an den Seiten silberne Gradauszeichnungen in Form eines V erhielten. (Leutnant einfache Trasse, Oberleutnant doppelte, Hauptmann dreifache, Oberst vierfache). Die 1812 errichtete Grenadier-Kompanie erhielt rote Stutze, gleichfarbige Franzenepaulettes. Granaten in den Schoss-Spiegeln, sowie eine Granate auf dem Czakobleche. Grenadierabzeichen führten auch die mit Pelzmützen und Schurzfellen ausgestatteten Sapeure, die 1809 errichtet worden waren. Die Grenadierunteroffiziere trugen den roten Stutz mit schwarzer Wurzel. Die hier abgebildete Fahne wurde dem Bataillon 1812 in Danzig verliehen (sog. Danziger Fahne).

Nachdem am 6. Februar der Chef des Regiments, der fürstlich-waldecksche Oberst v. Heeringen, bei einem Oberfall auf das Dorf Wonneberg mit allen seinen Leuten aufgerieben worden war, übernahm Oberstleutnant Reineke vom lippischen Kontingent das Kommando der schwarzburgischen, waldeckschen und preußschen Truppen der deutschen Division, während den Befehl über das 5. Regiment mit anhaltschen, lippschen und bückeburgischen Truppen Oberstleutnant Hoppe vom Kontingent Anhalt-Dessau führte.

Als Mitte Februar des Jahres 1813 eine pestartige Krankheit — es war wahrscheinlich Typhus — ausbrach, konnten die vielen Kranken nicht mehr in den Häusern untergebracht werden, sondern sie legten sich einfach auf dem nackten Straßenpflaster vor den Häusern nieder und warteten, bis durch den Abtransport der Toten Platz für sie gemacht wurde. Die lippische Krankenanstalt unter Leitung der Ärzte Dr. Ochs, der am 16. März selbst der Seuche erlag, und Middelegge lag am Langen Markt „gerade der Börse gegenüber“. Während der Monate März und April war die Station voll belegt, erst mit dem Mai leerte sich das Haus wieder, als die meisten gesund ins Regiment zurücktraten. „Um die Garnison auf einen etwaigen feindlichen Angriff oder Überfall vorzubereiten und um sich zugleich der
Wachsamkeit derselben versichert zu halten, hatte das Gouvernement zwei 24-Pfünder auf dem Walle, am sog. Jacobsthore, aufpflanzen lassen, deren Mündungen der Stadt zugerichtet waren. Wurden nun diese ungeheuren Stücke, deren Knall furchtbar widerhallte, abgebrannt, so liefen die Truppen, beladen mit Sack und Pack, auf ihre „Alarmplätze“, und dieser war für die Lipper zuerst auf dem Holz-, dann auf dem Langen Markt.

In der Nacht vom 4. zum 5. März hallte der Donner von Kanonen über die Stadt,
die Lipper eilten zum Holzmarkt: die Russen hatten die Stadt angegriffen und
waren unter dem Schutze der Kanonen bis an die Wälle herangekommen. Es war eine „grausenvolle Nacht, stockfinster, der Sturm heulte und trieb uns den Schnee gerade ins Gesicht“. Die Lipper marschierten aus dem Jakobstor, um den bei Ohra und Schottland kämpfenden Truppen zu helfen. Hier war der Belagerer bereits in das Gebiet der Vorstadt gedrungen, hatte sämtliche Häuser besetzt und feuerte auf die Angreifer aus Fenstern und Dächern. Im dreimaligen Ansturm gelang es den Lippern, die hinter Barrikaden aus Straßenpflaster wartenden Russen beinahe bis Schottland zurückzuwerfen. Doch sie mußten vorerst der Übermacht weichen. Erst als die Rheinbündler durch eins der neuen französischen Regimenter und 2000 Polen verstärkt wurden, konnten sie die russischen Angreifer im vierten Sturm über Ohra hinaus verdrängen. Bei der anschließenden Durchsuchung der Häuser wurden über 500 Gefangene eingebracht. In dem Kampf, der vom Morgen bis zum Abend dauerte, hatten „unsere Soldaten, die von abgebissenen Patronen und Pulverdampf ganz schwarz im Gesicht aussahen“, nur geringe Verluste, wie uns der lippische Chronist überlieferte. Einen Tag später erteilte der Gouverneur der Festung der gesamten Garnison ein öffentliches Lob für diese Tat.

Obwohl die Lebensmittel allmählich immer knapper wurden und ab Mitte März Pferdefleisch aus dem Magazin an die Truppe geliefert werden mußte, da einerseits ein Mangel an Schweine- und Rindfleisch, andererseits sich ein solcher an Pferdefutter bemerkbar machte, erhielten die Soldaten am 1. Ostertag die doppelte Portion, nachdem sie zuvor zur Demonstration der Stärke an einer Parade bei Langfuhr teilgenommen hatten. Eipe gewisse Linderung brachte der bald darauf erfolgte Ausfall von 6000 Mann bis vor Elbing. Die Truppen überfielen den überraschten Feind, nachdem Kundsdiafter die Nachricht übermittelt hatten, daß an dieser Stelle das Belagerungskorps nur sehr schwach wäre. Die Festungstruppen überschwemmten die gesamte Danziger Niederung und brachten innerhalb von acht Tagen große Mengen von Vorräten in die Stadt. Korn, Fourage und ganze Herden an Schlachtvieh (Schafe, Schweine und Kühe) kamen an, doch „dies wandre in die Töpfe der Generale, Commissaire und vornehmen französischen Stabsoffiziere“, während Unteroffiziere und Mannschaften weiterhin Pferdefleisch erhielten.

Für den 9. Juni wurde durch den General Rapp ein erneuter, diesmal allgemeiner Ausfall angeordnet, um einerseits einige kleinere Anhöhen bei Ohra, Stolzen- und Zigankenberg zurückzuerobern und um andererseits das auf den Feldern grünende Korn abzumähen, das den Russen
vorzüglich zur Deckung diente. Die Lipper kämpften hierbei im Verbände von Rhein- bundtruppen, Franzosen und Polen zwi-
schen Schidlitz und Ohra. Im Laufe dieses Gefechtes sahen sie zum erstenmal preußische Truppen als Feinde, die sie von weitem an den blauen Uniformen und weißen Hosen erkannten. Als die Verbündeten vor dem sich formierenden Feind das genommene Tal räumten, nahmen plötzlich der französische General Devilliers und der herzoglich-sächsische Oberst v. Egloffstein, die die Bewegungen der deutschen
Division von einer Anhöhe aus leiteten, ihre Hüte vom Kopf, schwenkten diese lebhaft hin und her, den Waffenstillstand laut verkündend. Die Zeit der Waffenruhe vom 9. Juni bis 9. August war nach den Worten eines Lippers „die schönste Epoche während der ganzen Belagerung“. Den schlecht ernährten und abgekämpften Truppen wurde in weitem Maße Ruhe und Erholung gegönnt, auch gab es wieder
Rindfleisch, das gemäß den Bedingungen von den Belagerern geliefert wurde. Der Gouverneur, der in dieser Zeit häufig russische Generäle und Offiziere zu Gast hatte, ließ jeden Sonntag die Garnison auf dem Langen Markt paradieren, wozu sich stets eine Menge Zuschauer einfand. Die Lipper besuchten in jenen Tagen häufig „den Kahrmannschen Garten in der Stadt, wo sie sich mit Kegelschieben, Carrousel- reiten oder Wasserfahrt auf einem großen Teiche vergnügten“. Ausflüge nach Langfuhr, Schidlitz und „dem eine Stunde entfernten Dorfe Heuboden“ brachten mancherlei Abwechslung. Der Gouverneur Rapp nutzte andererseits die ihm zur Verfügung stehende Ruhepause zur Ausbesserung und Vermehrung der Bollwerke.

Am 8. August wurde die Beendigung des Waffenstillstandes bekanntgemacht, der entgegen den Hoffnungen vieler Soldaten und der Bürger der Stadt nicht verlängert worden war. Der Bombenhagel der Russen, der nun mit unverminderter Stärke wieder einsetzte, zeigte im Monat August des Jahres allgemein noch keine großen Schäden, wenn auch im weiteren Verlauf das Theater zerstört wurde. Die Quartiere der Lipper wurden jedoch nach Rammbau und Unter den Seigen verlegt. Von Ende August bis Mitte Oktober verstärkten die Belagerer allmählich das Bombardement, die Vorstädte Schidlitz, Langfuhr und Stol- zenberg wurden eingeäschert. Die vor der Weichselmündung liegende englisch-russische Flotte hatte dazu noch das Feuer auf Weichselmünde und Fahrwasser eröffnet.

Neben dieser Verschlechterung der militärischen Lage wurden bald die ersten Anzeichen der kommenden Hungersnot sichtbar. Eine allgemeine Teuerung der Lebensmittel trat ein. Der Chronist berichtet uns: „Befanden sich gerade keine todte Pferde im Magazin, so wurde anstatt des Fleisches alter fauler Käse oder Heringe, welche man den Kaufleuten weggenommen hatte, geliefert. Hunde und Katzen gehörten schon mit zu den ausgesuchten Gerichten.“ Wegen den kaum noch zu tragenden Fouragekosten wurden die Pferde nur noch für den Mühlendienst verwandt und dann abgetrieben zur Schlachterei gegeben. Jedoch Fleisch war dabei nicht mehr zu erwarten, waren die Tiere doch nur noch Gerippe. Mag das Anschwellen der Weichsel und die Überschwemmung des nördlichen Stadtteils für zwei Wochen zu anderen Zeiten auch Unglück bedeutet haben, diesmal war es das Gegenteil. Mit dem Wasser wurden viele Hechte in die Stadt geführt, so daß es für eine kurze Zeit wieder ausreichend Verpflegung gab. Um Krankheiten und Seuchen nicht aufkommen zu lassen, erging am 7. Oktober der Befehl, die alten Hemden abzuliefern und dafür neue „bei der Gesundheits-Commission“ einzutauschen. Einige Zeit später sah sich bei den Lippern der Verwaltungsrat Piderit bereits gezwungen, bei dem Juden Samuel 5840 Taler bei einem Zinssatz von 20 Prozent aufzunehmen, um Bekleidungsstücke beschaffen und den Sold bezahlen zu können.

Danzig um 1850

Am 10. Oktober setzte ein großer Sturm der Russen auf die zerschossenen Orte Schidlitz, Ohra und Stolzenberg ein. Die Stadt selbst wurde mit „Brandkugeln“ beschossen, von denen ein großer Teil „an dem besagten Abend auf ein großes Gasthaus nahe am Langen Markt fiel, daß eben in jenem Gebäude die gefangenen Russen einquartiert waren“. Ein großer Teil der Gefangenen — hauptsächlich Kranke — kam in den Plammen um, die das ganze Haus zerstörten. Die Belagerer eroberten die Sternschanze und die Anhöhen bei Ohra und bereiteten dort schweres Geschütz zur Beschießung der Stadt vor. Bomben, Haubitzen und Granaten wurden hierzu in großen Mengen herangeschafft. Zehn Tage darauf setzte das Bombardement mit sich im Laufe der Zeit vermehrender Heftigkeit ein. Konnte an jenem Abend ein Brand eines Teiles der Stadt, den eine glühende Kugel verursachte, unter großen Anstrengungen noch gelöscht werden, so war dieses in den darauffolgenden Tagen nicht mehr möglich. Am 27. Oktober traf eine Kugel ein Magazin, das schnell in Plammen aufging. Das Feuer griff im Nu auf die anderen Magazine über, so daß eins nach dem anderen in der
Feuerbrunst unterging. 30 Wegstunden entfernt hatte man noch nach zeitgenössischen Berichten den von Flammen rot gefärbten Himmel sehen können.

Die Zustände in der Stadt wurden immer unhaltbarer; von Oktober an blieb der Sold für die Truppen aus, mörderische Seuchen brachen aus, forderten ihre Opfer, die Hungersnot wurde immer größer, daß „jeden Morgen mehr als 20 Personen auf Tragbahren aus den Straßen der Stadt geschafft wurden, die vor Hunger auf dem Wege gestorben waren, ja, daß sogar zwei Weiber eingezogen wurden, die Menschenfleisch verkauft hatten“. So war es kein Wunder, daß viele Soldaten vor der Wahl zwischen Verhungern und Desertieren die letztgenannte Möglichkeit wahrnahmen und zum Feind übergingen. Da die Beschießung den ganzen Monat Oktober andauerte, wurde das Quartier der Lipper bald in ein Haus am Stadtwall verlegt. Die ihnen übertragenen Arbeiten nahmen von Tag zu Tag zu: Wache vor der Stadt, Dienst in der Vorpostenkompanie, Hilfe bei Schanzarbeiten und beim Löschen — bald waren alle lippischen Soldaten durch Überanstrengung und Abmagerung krank, sie fanden keinen Schlaf mehr.

Als bald darauf auf Befehl des Gouverneurs eine Anzahl Häuser am Stadtwall aus Verteidigungszwecken abgebrannt werden sollte, wurden die Bewohner vorher unter großem Gejammer, häufig auch mit unerbittlicher Strenge und unter Zwang aus ihren Wohnungen getrieben. Sie hatten keine Zeit, ihr Gut zu retten, die gesamte Habe wurde ein Raub der Flammen. Beide Aufgaben — Austreibung und Brandlegung wurden den lippischen Truppen übertragen

Es läßt sich daher vorstellen, welch eine Welle des Aufatmens durch die Reihen der Bürger und des Militärs ging, als am 27. November des Jahres die Kapitulation der Festung zwischen dem Herzog Alexander von Württemberg, dem Befehlshaber des Belagerungskorps, und dem Gouverneur, dem General Graf Rapp, geschlossen wurde. Auf Befehl des Prinzen wurden sofort Franzosen und Deutsche getrennt.

Die Fürstin Pauline war bereits am November aus dem Rheinbund ausgetreten. — Bis zum 10. Dezember mußten die Lipper jedoch noch in der Stadt bleiben. Am folgenden Tage marschierten sie durch das Olivaer Tor ab. Durch die große Lindenallee von Danzig nach Langfuhr, die durch die Kanonenkugeln vollkommen abrasiert war, ging es zuerst nach Oliva, wo der Herzog von Württemberg 180 Du- katen an die Truppe auszahlen ließ und die Parade über die Reste der Division abnahm. Danach zogen die Soldaten nach Dembagorsch, einem kleinen Dorfe ungefähr 25 km vor Danzig, wo es mehrere Tage Ruhe bei reichlicher Verpflegung gab; die Leute waren in der ersten Zeit auf Grund des Hungers und der Überanstrengungen jedoch nicht in der Lage, Essen und Branntwein zu verdauen. Nach diesem Aufenthalt trennten sich die Lipper und Bückeburger von den übrigen deutschen Truppen und zogen auf die Insel in der Weichsel bei Montau, wo sie wegen des starken Eisgangs bis zum Neujahrstag 1814 zu bleiben gezwungen waren. Am 1. Weihnachtstag des Jahres 1813 waren noch 164 Mann von dem Bataillon Lippe übrig; siezogen am 1. Januar 1814 über Schöneck bei Dirschau in Richtung Heimat ab.

Von Gerd Stolz

Send this to a friend