Das Bauernhaus in der lippischen Kulturlandschaft

Waddenhausen Nr. 1, Rückseite

Diese Arbeit ist keine wissenschaftliche Abhandlung, und sie möchte sich 
auch nicht den Anschein geben, eine zu sein. Sie ist zunächst und vor allem 
dem Heimatfreunde gewidmet, und darum möchte ich die Veröffentlichung 
meiner Dorfinventarisation, die ich im Jahre 1970 im Aufträge des Deutschen 
Heimatbundes im Kalletal, im Siedlungstrio Brosen, Rafeld und Selsen
 durchgeführt habe, im Plauderton nahebringen. Dazu gehört u. a., daß ich 
dem Heimatfreunde auseinandersetze, was ein Zwei-, Drei- und ein Vier
ständerhaus, ein niederdeutsches Hallenhaus und ein Flettdeelenhaus ist,
soweit er dieses nicht längst wußte; ich muß ihm sagen, in wie vielerlei 
Fassung uns dieses Haus in den verschiedenen Landschaften begegnet; ich 
möchte ihm auch sagen, welch großartige Kulturleistung in dem Kunstwerk
 Bauernhaus steckt, und daß es ein schmerzlicher Verlust für unsere Kultur
ist, wenn es der Fortschritt fertig bringt, die Umwelt zu uniformieren und
 damit uns ganz arm zu machen.

Die alte Grafschaft Lippe, in den Grenzen des heutigen Kreises Lippe, ist ein Teil Ostwestfalens. Sie war schon in der Frühzeit dicht besiedelt mit Einzelhöfen, Weilern und Kleindörfern. Orts- und Flurnamen deuten auf diese Art der Besiedlung hin.
Das lippische Bauernhaus war das niederdeutsche Hallenhaus. Die ältesten dieser Art — es ist noch ein kleiner Rest von ihnen, gehäuft in der Landesmitte — erhalten, sind nach ihren Kostruktionsmerkmalen Zweiständerhäuser.

Waddenhausen Nr. 1. dat. 1561. Ältere Form des niederdeutschen Hallenhauses (Wohn-Stall-Haus)

Waddenhausen Nr. 1. dat. 1561. Ältere Form des niederdeutschen Hallenhauses (Wohn-Stall-Haus)

Der Hauptraum, die Deele, wird zu beiden Seiten durch zwei Ständerreihen begrenzt. Diese sind in der Längsrichtung durch Balkenwerk, das Rähm, miteinander verzimmert und tragen paarweise die Dachschwellenbalken. Ihre Auflageflächen sind durch nach beiden Seiten ausladende, kreissegmentartig geformte Kopfbänder verbreitert. Ständer, Rähm und Dachschwellen bilden zusammen das Traggerüst für das Sparrendach. Zu beiden Seiten der Deele, des Mittelschiffes, liegen Seitenschiffe, die Kübbungen. Ihre Außenwände sind erheblich niedriger als die Ständerreihen des Mittelschiffes, manchmal nur halbhoch. Die Verbindung zwischen dem Sparrendachund Außenwänden bilden die „Uppleggers“, Zusparren, die an die Hauptsparren, manchmal kaum merklich, angewinkelt, angeschäftet sind.

Die Deele ist der Hauptraum, der Arbeitsraum. In den Kübbungen steht das Großvieh mit den Köpfen zur Deele, rechts die Pferde und links die Kühe. Die untere Zone der Außenwand in den Pferdeställen besteht aus wandstarken Bohlen. Die Pferde würden mit ihren Hufen Mauerwerk zerschlagen und sich selbst dabei verletzen. Zum Wohnende hin, zum Fleet, liegen in den Kübbungen noch ein paar Kammern.
Das Flett liegt quer zur Deele. Es ist der Küchenraum mit dem offenen Herdfeuer in der Mitte. Es hat die gleiche Höhe wie die Deele. Zur Linken, der Morgensonne zugewandt, liegt der Arbeitsplatz der Bäuerin und Hausfrau; liegt der Wasserplatz mit den Küchengeräten und dem Geschirr für die Milchaufbereitung. Das Fenster über dem Wassertrog ist von draußen beschattet. Eine kleine Tür, die „Lüttkedör“, führt nach draußen, zum Brunnen, Backhaus, Krautgarten und zur Bleiche.
Rechts, also zur Seite der Abendsonne,liegt der Eßplatz mit Tisch, Bank und Stühlen. Die Mittagssonnenseite ist dem Kammerfach, dem Wohnteil des Bauern und seiner Familie, Vorbehalten. Daß das Haus in der Regel in allgemeiner Nord-Süd-Richtung angelegt ist, fanden wir bei unserer Torbogeninventarisation 1969/70 bestätigt. Das Kammerfach gibt es im Bauernhaus erst seit dem 16. Jahrhundert.
Vorher endete das Haus mit der Herdwand. Im Kammerfach waren also die Wohnräume und Kammern, und eine Ofenstube für kalte Wintertage.
Von außen macht das Haus einen geduckten Eindruck. Sein tief heranreichendes reetgedecktes Dach ist wie ein wärmender „Pelz“ im Winter und ein Schirm gegen die Sommerhitze.
Wer das Haus durch das große, viergeteilte Deelentor betritt, wird überrascht durch die Geräumigkeit der Deele, die bequem vier vollbeladene Erntewagen aufnehmen kann.

Ein „feiner Herr, auf Bildungsreisen“ beschreibt im Jahre 1784 dieses Haus der Lipper: „Sie sind dauerhaft, aber höchst einfach und ihrem Charakter angemessen. Wer eins sieht, hat sie alle gesehen.
Geht man in die große Tür, so tritt man auf den Flur. An der einen Seite sind die Kuhställe, an der andern die Ställe für die Pferde und Knechte; denn den Namen Kammer verdienen diese Behältnisse nicht.
Über den Ställen sind Futterkammern für das Vieh. Am Ende der Flur ist der Feuerherd, über ihm eine brettene Bühne1Gemeint ist ein hölzerner Funkenschutz, die den Rauch auffängt, auf welcher Westfalens Schweineschinken so gut durchräuchert werden. Wer einen Schornstein machen läßt, ist ein Sonderling. Hinter dem Feuerherd ist die allgemeine Wohnstube, und bei derselben die Schlafkammer der Herrschaft des Hauses und ihrer Kinder; darüber die Behältnisse für reines Korn und übrige Viktualien2Viktualien (von lat. victus „Lebensmittel“) ist eine historische Bezeichnung für Lebensmittel.
Ein großer Teil der Bauern — so schreibt er weiter — wohnt einzeln, hat um sein Haus sein Feld liegen und ziemlich entfernte Nachbarn. Soviel ökonomische Vorteile diese Einrichtung auch haben mag, so erschwert sie doch die Bildung seines Geistes. Gesellschaft macht milde, und wenn des Menschen Interesse zu wenig mit des Nachbarn Interesse verwebt ist, so bleiben viele gesellige Empfindnisse unentwickelt.“
Das Verbreitungsgebiet des Niederdeutschen Hallenhauses im Zweiständersystem reicht von den Niederlanden über das nördliche Münsterland nach Oldenburg, vom nördlichen Sauerland über Westfalen bis zum Meer, über Mecklenburg entlang der Ostseeküste bis nach Danzig.

Gesiedelt wurde in der Frühzeit in Einzelhöfen, die mit den Häusern und Höfen der Sippe zu Weilern und Dörfern zusammenwuchsen. Flechtzäune und Hecken umhegten die Siedlungen, die meistens versteckt in den Wäldern lagen. Der Bauer hatte Breschen in den Wald geschlagen, Heideflächen umgebrochen und Moore urbar gemacht. In harter Arbeit, von Generation zu Generation, hatte er seinen Besitz erweitert. Er war Selbstversorger. Er hatte sein Vieh, Kühe vielleicht und Schafe, später vielleicht auch ein paar Pferde. Er lernte es, seinen Acker „rationell“ zu bewirtschaften. Er wurde des Unkrautes Herr, indem er zur rechten Zeit — vor der Reife der Wildsamen — die Scholle wendete und durchfrieren ließ; durch Düngung mit Plaggen3Als Plaggendüngung bezeichnet man eine heute nicht mehr angewendete Form der Bewirtschaftung von leistungsschwachen Böden. Dabei wurden Heide- und Waldböden abgetragen (Plaggen) und im Stall als Einstreu genutzt. Dann wurden die mit tierischen Ausscheidungen angereicherten Einstreuböden auf den Feldern als Dünger eingesetzt. und Stallmist verbesserte er die Ackerkrume. In langen Zeiträumen wuchs so der Ertrag seiner Arbeit.

Mit der Verbesserung der Bodenerträge verbesserten sich auch die Möglichkeiten in der Viehhaltung. War er bisher — und im wesentlichen blieb er es noch lange — darauf angewiesen, was ihm für die Fütterung seiner Tiere die Natur „umsonst“ anbot, auf Gräser und Wildpflanzen im Sommer und getrocknetes Laub im Winter.
So lernte es der Bauer nach und nach, eine systematische Vorsorge für die Winterzeit zu treffen.

Sein Hof paßte sich der „Strukturverbesserung“ an. Hatte ihm sein Haus, das Raum bot zur Wohnung für seine Familie und zur Einstallung seiner Tiere in den meist langen Wintern und zur Bergung seiner kargen Ernte genügt, wuchs nun sein Raumbedarf. „Spieker“ (Speicher) wurden gebaut zur Lagerung von Getreide, ein „Backs“ (Backhaus), Schaf- und Schweineställe, Remisen und mancherlei mehr.

Das wurde sprunghaft anders im ausgehenden Mittelalter, in dem auch die ersten planmäßigen Dorfgründungen nachzuweisen sind.

Größere Gemeinwesen waren entstanden. Aus Dörfern wurden Ackerbürgerstädte; auffallend häufig im Oberwesergebiet um Höxter verdichteten sich die Stadtgründungen.  Höxter, bereits 833 als Marktsiedlung und Münze bekannt, bekam 1150 das Dortmunder Stadtrecht. Ihm folgten Lemgo und Hameln um 1190, Blomberg 1240, Horn 1248, Detmold 1265 um einige der neuen Städte zu nennen.

Wichtige Handelsstraßen kreuzten das Lipperland. Lemgo war Schnittpunkt der Straßen und Umschlagplatz. Bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts schloß es sich der Hanse an. Neben Wolle und Tuchen war Getreide wichtigstes Handelsgut.

Das Fachwerkgerüst eines Vierständerhauses
sowie Vorderansicht und Grundriß des
Niederdeutschen Hallenhauses.

Der Bauer wurde der Versorger der Städte und vorrangiger Handelspartner.

Mit dem Drängen seiner volkswirtschaftlichen Möglichkeiten wuchs auch sein Raumbedürfnis. Das konnte wegen des engeren Beieinander der Höfe im Dorf nicht durch willkürliche Vermehrung der Nebengebäude geschehen. Es entstand ein ganz neues Haus, das auf dem Grundriss des alten, das Mehrfache an Lagerfläche bot. Aus zwei Ständerreihen wurden vier; d. h., daß die halbhohen Wandständer der Kübbungen bis in Deelenhöhe hochgezogen und die Schwellenbalken von Außenwand zu Außenwand verlängert wurden. So wurde die Lagerfläche für das reicher anfallende Erntegut auf dem Dachboden auf gleicher Hausgrundfläche verdoppelt.

Die beiden Mittelständer wurden auf Kosten der Deelenbreite weiter in die Mitte gerückt. Dadurch wurde einmal die Tragfähigkeit der Balken so verstärkt, daß sie eine Hilfsständerreihe tragen konnten. An diesen Hilfsständern wurde mit Hilfe weiteren Strebwerks noch ein Boden aufgehängt. Zu beiden Seiten der Deele entstand in Höhe der alten Kübbungen ein Zwischengeschoß, dessen Lagerfläche durch das Zusammenrücken der Mittelständer um etwa ein Drittel verbreitert wurde. Auch das Wohnbedürfnis der Bauern war anspruchsvoller geworden. Sie richteten ihre Wünsche am Stadthaus aus. Die Zahl der Kammern wurde größer und auf mehrere Geschosse verteilt.
Das offene Herdfeuer und das Flett am Ende der Deele wurde  noch lange, ja bis in das 19. Jahrhundert, beibehalten. So wurde aus dem Wohn-Stallhaus, aus dem Zweiständer- das Vierständerhaus und auf den Hof bezogen das Haupthaus. Um dieses gruppieren sich nach Bedarf und räumlichen Möglichkeiten einige Nebengebäude, der Speicher zur Lagerung des Getreides, Scheunen, Remisen, Backhaus und Kleintierställe.

Brede, Dehlentrup. Neuere Form des niederdeutschen Hallenhauses (Wohn-Stall-Speicher-Haus)

Brede, Dehlentrup. Neuere Form des niederdeutschen Hallenhauses (Wohn-Stall-Speicher-Haus)

Vom Weserraum aus verbreitete sich das Vierständerhaus über ganz Westeuropa. Seine Typenbezeichnung ist in der Terminologie der Hausforschung: Nordwesteuropäisches Längshallenhaus. Das große Deelentor ist beibehalten, wie sich auch am Grundriß gegenüber dem Zweiständerhaus im wesentlichen nichts geändert hat.

„Vom endenden Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert etwa ist das Oberwesergebiet bedeutende Kulturmitte für die bäuerliche Bau- und Wohnkultur Nordwestdeutschlands, in mancher Hinsicht sogar für das nordwestliche Mitteleuropa gewesen“ (Josef Schepers) „Die Entwiddungsstöße, die im Bereich der Holzarchitektur von dort ausgingen und — fast einer Kettenreaktion vergleichbar, die Gestaltung der Bauern- und Bürgerhäuser angrenzender Landschaften beeinflußten, stellen eine der bedeutendsten Kulturleistungen des Oberweserraumes dar“ (Wilhelm Hansen).

Der vielhäusige Hof im Dorf, zu mehr oder weniger lockeren Gruppen zusammengerückt oder an einem Bachlauf in langer Reihe aufgereiht, umgeben von einem Kranze ragender Eichen und das Haupthaus mit dem mächtigen Traggerüst und dem hohen Steildach, dem viergeteilten Deelentor mit dem geschnitzten und bemalten Torgerüst, das sind die Merkmale der Westfälisch-Lippischen, der Niederdeutsdien Hauslandschaft, wie sie sich bis in die jüngste Zeit dargestellt haben.

Indessen, unsere Landschaft hat sich in wenigen Jahrzehnten verändert. Von Horizont zu Horizont schwingt sich die länderverbindende Straße; reißt Breschen in die Wälder, trägt Berge ab und überbrückt weite Täler, so, als ob es für den planenden Geist kein Hindernis gäbe. Städte wachsen ineinander, quillen über ihre Ränder und wuchern in uraltem Kulturland und türmen Monstren von Stahl, Beton und Glas in schwindelnde Höhe.
Die Industrie, früher an Ströme und Schienenstränge gebunden, sucht die freie Landschaft und zieht Menschen und Probleme hinter sich her. Satellitenstädte wachsen aus der Erde, wo früher Kornfelder wogten.
An die Stelle des landschaftlich gebundenen, allseits umgrünten, malerischen Bauernhauses, tritt ein Gebilde aus landschaftsfremden Baustoffen. Aus dem von den Ahnen überkommenen, familienbetrieblichen Bauernhof, ist ein Erzeugungsbetrieb geworden, in dem der Mensch weitgehend durch Maschinen ersetzt wird. Diese Entwicklung ist mir unheimlich.

Quelle: Heimatland Lippe 11/1975 – Von Friedrich W. Pahmeier