Das Blomberger Amthaus von 1572

Altes Amtshaus in Blomberg, Deutschland

An der Südwestecke des Pideritplatzes, dort wo die schmale Zuwegung zur Burg mit ihrem holprigen Kopfsteinpflaster beginnt, liegt das sogenannte Amtshaus, das eigentlich richtiger Amtmannshaus heißen müsste.
Denn hier wohnten seit der Erbauung des Hauses im Jahre 1572 die herrschaftlichen Verwalter des Amtes Blomberg mit ihren Familien.
Dieses Amt Blomberg umfaßte alle ehemals selbständigen Gemeinden der heutigen Stadt Blomberg unter Einschluß der Gemeinden Belle, Billerbeck, Schieder und Wöbbel. Im Jahre 1789 kam es zur Teilung in die Ämter Blomberg und Schieder. Letzterem wurden die Gemeinden Belle, Billerbeck, Tintrup, Reelkirchen, Herrentrup, Wellentrup, Höntrup und Obersiebenhöfen angegliedert. Das Blomberger Amt blieb schaumburg-lippisch bis zur Wiedereingliederung in das Fürstentum Lippe im Jahre 1839. Das Amtshaus selbst blieb, wie die Burg und einiger Landbesitz, in den Händen des bückeburgischen Fürstenhauses, bis es im Jahre 1962 von der Stadt Blomberg erworben wurde und seitdem öffentlichen Zwecken dient.
Ein Amtmann oder Drost, wie er häufig genannt wurde, hatte eine Unmenge von Aufgaben zu erfüllen. Zitiert sei hier ein Auszug aus der Dienstordnung für den Amtmann des Amtes Schieder Johann Friedrich Wippermann aus dem Jahre 1790: Der Amtmann hat als Justizbeamter die Beschwerden und Anliegen der Amtsuntertanen anzuhören, zu Protokoll zu bringen, die Parteien gütlich zu vergleichen suchen oder nach Recht und Billigkeit zu bescheiden. Wöchentlich soll er Amtsaudienzen halten und dort auch die Eheverschreibungen zu Protokoll nehmen. Bei Jagd-, Fischerei- und Forstsachen hat er die Jagdbedienten zuzuziehen. Um die Beschaffenheit aller Haushaltungen kennenzulernen, hat er baldigst eine Visitation vorzunehmen. Besondere Aufmerksamkeit hat er den landesherrlichen Gerechtsamen zu schenken. Seine mancherlei Aufgaben als Hebungsbeamter werden ihm besonders ans Herz gelegt. Über alle Einnahmen und Ausgaben hat er ein ordentliches Manual zu führen, welches alljährlich der Rentkammer zur Prüfung vorzulegen ist. (Zitat nach: Wilhelm Süvern, Die Brüder Johann und August Wippermann, in Lipp. Mitt. aus Gesch. und Landeskunde, 1978, Band 47, S. 43f.) Kurz gesagt hatte der Amtmann alle rechtlichen und finanziellen Interessen des Landesherrn, aber auch der Untertanen zu vertreten und im Amt für Ordnung zu sorgen. Dies wird mit dem entsprechenden Nachdruck wohl durchgesetzt worden sein.

Das Blomberger Amtshaus von 1572. Quelle: Heimatland Lippe

Der letzte bückeburgische Amtmann in Blomberg war der Amtsrat Carl Friedrich Ernst Bömers, dessen Nachfahren bis 1938 im Amtshaus am Pideritplatz gewohnt haben. Eine Urenkelin Bömers‘, Anne Hesse geb. Herzer, die ihre Liebe zu Blomberg auch in der Fremde nie aufgegeben hat, schreibt in ihren Erinnerungen an das Blomberger Amtshaus unter anderem: Ich träume als Kind mich zurück — ziehe an der mit einem Messinggriff versehenen Schelle der grüngestrichenen alten Tür, und nach einem etwas blechernen Geläute wird mir aufgetan. Ich trete in einen Flur mit großen braunen Steinen, der geradeaus einen für mich faszinierenden Blick durch einen kleinen überdachten Gang in die Küche und auf Kupfer-und Messinggeräte hatte. Vom Flur ging es rechts in ein kleines Empfangszimmer mit Biedermeier-Mobiliar. Der Mahagonitisch stand auf einem reizenden Teppich in bleu Kreuzstichmuster mit Fransen. Zwei kleine Sesselchen — Rokoko — befanden sich auf dem „Thrönchen“ vor dem Fenster. Zur näheren Erläuterung: Ein „Thrönchen“ war ein erhöhter Sitzplatz, der bessere Sicht aus dem Fenster gewährte, von hier wurde durch die „Luftscheibe“ einem evtl. Bettler ein Obulus gereicht.

Nach der Beschreibung weiterer Zimmer des Ergeschosses heißt es dann: Ehe man zurück in den Flur ging, passierte man die Tür zum Keller, zu dem man mit einer Kerze über eine kleine Wendeltreppe hinuntergehen mußte. Der Keller war mir unheimlich, denn er hatte eine zugemauerte Tür, die früher in einen unterirdischen Gang geführt haben sollte. Wie die Sage berichtet, soll dieser Gang bis zum „Hurn“ gegangen sein, einem ferngelegenen Walde. Unter der Treppe war ein Verschlag mit einer Tür, in welchem früher zwei Dienstmädchen geschlafen haben sollen. Die Treppenstufen, ein wenig schief, bestanden aus breiten Eichenbohlen. Es war eine herrliche Treppe, zum Hinauf- und Hinunterturnen. Unten war ein dicker Knauf. Oben, von dem geräumigen Vorplatz aus, führte eine Tür in ein kleines Zimmer mit Sofa, Tisch und Tafelklavier, eine andere in ein kleines Appartement mit Wohn- und Schlafzimmer. Nach vorn hinaus, mit Blick auf den Pideritplatz, lag der Saal, der wohl den Namen Saal verdiente, denn es konnten dort Hochzeiten mit 30 Personen und mehr gefeiert werden. Im Winter war dies unser Schlafzimmer, weil er einen Kachelofen hatte und zwischen zwei anderen Schlafzimmern lag. Er hatte übrigens breite, weißgescheuerte Eichenbohlen als Fußboden, die ich mit nackten Füßen nicht betreten durfte wegen der evtl. Holzsplitter.

Dieser Beschreibung nach muss also das alte Amtshaus recht behaglich eingerichtet gewesen sein, seinem Äußeren nach ist es jedenfalls nach dem Urteil vieler Kenner eines der schönsten Fachwerkhäuser im ganzen Lipperland. Karl Meier bemerkt, es werde unter allen Holzbauten des Landes von keinem an Sauberkeit und Anmut des Schnitzwerkes übertroffen.
Der schon zitierte Kunsthistoriker Otto Gaul hebt mit Bewunderung hervor, wie sehr sich der künstlerische Ausdruck auch bei eng verwandten Bauten desselben Meisters (Barthold Sander aus Hörn) wandeln könne, was durch einen Vergleich des Amtshauses mit dem um drei Jahre älteren Ostflügel der Burg deutlich werde: Das Fachwerkgeschoss des Ostflügels wird bestimmt durch die zwei breiten Zierfriese an der Brüstung und über den Fenstern, wobei die Ständer aus den Fächern herauszuwachsen scheinen. Am Amtshaus dagegen werden die Einzelformen so klar und prägnant herausgestellt, dass die bandartige Wirkung als Dekorationszone verlorengeht. Das trifft besonders auf die Brüstungen zu, an denen auf jedes vegetabilische Füllornament verzichtet ist und in denen die Fächer auf die Brüstungsbretter rücken, so dass nun die Ständer als tragende Glieder von unten nach oben klar in Erscheinung treten, eine Anordnung, wie sie sich in der Folgezeit allgemein durchsetzte.

Schnitzwerk an der Giebelseite. Quelle: Heimatland Lippe

Anders als beim Ostflügel der Burg handelt es sich beim Amtshaus nicht um Halbkreis-, sondern um Dreiviertel-Rosetten, so dass dem Schnitzmeister die Möglichkeit gegeben war, das Zentrum der Fächer im vollständigen Kreis zu gestalten, was im Grunde die zufriedenstellendere Lösung darstellt. Entsprechend konnte der Meister jetzt neben rein geometrischen Ziermustern z. B. auch vollständige Wappenbilder, wie Rose, Stern und Nesselblatt im Zentrum der Fächer unterbringen.

Anders als beim Ostflügel der Burg sind hier auch die Friese über den Fenstern gestaltet. Während die Blattranken an der Burg sich relativ frei auf den Balken ausbreiten dürfen und sich bis in die Ständer hinein fortsetzen, sind hier die Motive streng und fast starr in eine doppelte Wellenranke mit daraus entstehenden Kreisen eingeordnet. Es ergibt sich daraus aber die Notwendigkeit bzw. Gelegenheit, Einzelornamente in die Kreise hineinzukomponieren, wovon der Schnitzmeister mit außerordentlicher Phantasie reichlich Gebrauch machte. Neben Blättern, Trauben, Rosen und Sternen gibt es ein Gesicht im Strahlenkranz, ein bärtiges Gesicht mit auffallend abstehenden Ohren und sogar einen Kopf mit Narrenkappe. Ansonsten sind auch hier, wie an den acht Fachen der Nordwand, Schwellbalken und Füllhölzer mit den verschiedenartigen Mustern von Perlschnürrollen versehen, die einen fast unglaublichen Reichtum an künstlerischen Einfällen darbieten.

Sehr edel gestaltet ist auch der wiederum dreistöckig gegliederte Giebel des Amtshauses. Sein unterster Schwellbalken zeigt links ein Blattrankenmuster, rechts daneben einen Kopf mit Engelsflügeln und dann die Inschrift: Von Gottes Gnad Symon Gräfte und eddele Herr zur Lippe. ANNO DOMINI 1572. Darüber befindet sich anstelle einer Rosette das volle Wappen des Grafen, rechts und links von je einer kannelierten Säule mit korinthischem Kapitell flankiert. Recht harmonisch wirkt die Brüstung des zweiten Giebelgeschosses, wo der Künstler neben die zwei großen Fächer je einen kleinen Fächer setzte, während in der Giebelspitze eine kleine Halbrosette den krönenden Abschluss bildet.

Schnitzwerk mit Wappen Simons VI. an der Giebelseite des Amtshauses von 1532. Quelle: Heimatland Lippe

Relativ unbedeutend ist der angeblich aus der Zeit um 1700 stammende südliche Anbau des Amtshauses, mit Schnitzwerk lediglich an den Füllhölzern. Über der Eingangstür ist die Jahreszahl 1914 angebracht. Vermutlich wurde in diesem Jahr lediglich dieser Eingang neu geschaffen.

Zum Burgbereich gehört auch noch die sogenannte Niederburg, früher die herrschaftliche Meierei, bevor diese im Jahre 1808 in das Diestelbachtal verlegt wurde. Auf einem Pfosten der Toreinfahrt befindet sich das Wappen des Grafen Casimir zu Lippe-Brake (1657 — 1700) und seiner Gemahlin Amalia geb. Gräfin zu Sayn-Wittgenstein aus dem Jahre 1679. Den Blombergern ist dieser Teil der Burg als Gronemanns Gärtnerei bekannt. Hier legte der 1805 als schaumburg-lippischer Drost nach Blomberg berufene Regierungsrat Christian Freiherr von Ulmenstein eine Nelkenzucht an, die sich bald eines besonderen Rufes erfreute. Nach Ulmensteins Tode am 24.4.1840 setzte der Gärtner und Amtspedell Friedrich Vöchting das begonnene Werk fort. Unermüdlich, bis zu seinem Tode im Jahre 1874, züchtete Vöchting immer neue Nelkensorten, fertigte Kataloge an, in die er sorgsam die Blütenblätter einklebte, und machte Blomberg als Nelkenstadt weithin berühmt.

Unter seinem Nachfolger Karl Gronemann eroberte sich die Blomberger Nelkenzucht sogar ausländische Märkte, bis der 1. Weltkrieg hier eine harte Zäsur setzte.
Friedrich Vöchtings Sohn Hermann, am 8.2.1847 in Blomberg geboren, wurde als Professor der Botanik einer der berühmtesten Söhne seiner Heimatstadt. Nach Tätigkeiten in Bonn und Basel wurde Hermann Vöchting ordentlicher Professor an der Universität Tübingen, wo er 1902 in den persönlichen Adelsstand erhoben wurde. Hoch geehrt und geachtet starb er in Tübingen am 24.11.1912. Die Stadt Blomberg ehrte ihn im Jahre 1953 durch die Benennung einer Straße in Vöchtingstraße.

Quelle: Heimatland Lippe 06/1983

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Volksbank Ostlippe GmbH aus dem Buch „Blomberg. Geschichte — Bürger — Bauwerke“, 2. Auflage 1981, S. 139 ff.

 

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