Das Brandunglück in Wehren am 29. Juli 1911

Die Wehrener Brandruine, unter deren Trümmern sechs Männer erschlagen wurden.

Wohl zum ersten Mal ist über unser Lipperland ein Brandunglück von so grausiger Größe hereingebrochen, wie das, von dem die Ortschaft Wehren und mit ihr die Gemeinde Weinberg in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli vergangenen Jahres betroffen wurde. Noch denken wir alle mit Jammer an das fürchterliche Ereignis, das überall in unserem Lande und über seine Grenzen hinaus Entsetzen erregte, viele Familien aber in times Herzeleid stürzte.

Wer von ihnen weiß nicht mehr, wie schwer es war, die Schreckensnachricht zu fassen, daß ein grausames Geschick nicht nur den Hof des Besitzers Schliemann zerstört hatte. Wie mag noch heute ein Grausen die Augenzeugen des Unglücks überschauern, denken sie daran, als ursprünglich der Westgiebel des brennenden Hauses umstürzte und die braven Menschen unter sich begrub, die so für ihre hilfreiche Nächstenliebe den Tod erhielten. Wie mögen heute noch die Tränen rinnen da wo man in unseliger Nacht als Leiche den ins Haus trug, der vor wenigen Stunden es gesund verlassen.

Zwei der verunglückten stammten aus Wehren, nämlich der Vorsteher Landwirt Kaiser, und der Landwirt Ehlert, der zu dem gleichnamigen Pächter des Hofes im Verwandtschaftsverhältnis stand .

Die vier anderen Toten hatte Meinberg zu beklagen, 4 Männer, die zu den angesehensten des Dorfes gehörten. Es waren dies der Schuhmachermeister Gronemeier, der Schlossermeister König, der Zimmermeister Schlingmann und der Tischlermeister Koch.

Was die beklagenswerte Begebenheit noch betrübender macht sich der Umstand, daß vier der so plötzlich Verschiedenen Frau und teils noch schulpflichtige Kinder hinterließen, während den den fünften drei schon erwachsene Töchter beweinen. So natürlich die allgemeine Teilnahme war, die den Hinterbliebenen der Erschlagenen und den betroffenen Ortschaften entgegengebracht wurde, so wohltuend war sie. Unendlich viele wollten einen Beweis ihres Mitgefühls geben und unübersehbar groß war infolgedessen das Trauergefolge, das am 30. Juli an der Beisetzung der Opfer auf dem Meinberger Friedhof teilnahm. Vom Schulhause aus setzte der Zug , in dem auch sämtliche läppische Feuerwehren vertreten wahren, zur Beerdigungsstätte sich in Bewegung. Die erhebende Trauerfeier, die hier veranstaltet ward, leitete Herr Superintendent Racke, der auch am Vormittag desselben Tages im Meinberger Kirchlein einen Gedächtnisgottesdienst für die Verunglückten abgehalten hatte.

Nun hat die Zeit schon manchen Flügelschlag seit jener grausigen Nacht getan und reißt uns weiter und weiter, unserem Gedächtnis so manches entziehend. Das Erinnern an das so unvermutet hereingebrochene Unheil aber wird sie uns nicht sobald von der Seele nehmen und noch weniger vermischen das Gedenken au die Opfer des Brandunglücks zu Wehren.

Quelle: Fürstlich Lippscher Kalender 1912

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