Hans Winter erhob im September 1982 in „Heimatland Lippe“ bewegt — humorige Klage über unser „Lippisches Bierbewußtsein „. „Schaut in das Land der Franken und Bajuwaren! Dort hat jede Stadt und jedes Dorf, die bzw. das was auf sich hält, noch die eigene Brauerei!“ 1867 gab es in Lippe noch 48 Braustätten, heute noch eine Brauerei. Wie es war mit dem lippischen Bier, will ich im Überblick aufzeigen.

A. Vom Mittelalter bis etwa 1820

Ob unsere Vorfahren, ähnlich wie ihre Artgenossen am Rhein, sich an beiden Ufern von Bega und Werre, von Exter und Kalle lagerten, um sich am Met zu laben, wird wohl im Dunkel der Geschichte bleiben. Wann aus dem Met das Bier wurde, bleibt ebenfalls unklar. 1474 jedenfalls werden Braugeräte auf der Burg Blomberg erwähnt. Bier war schon im Mittelalter ein Volksnahrungsmittel und blieb es bis in das 18. Jahrhunden hinein. Man kann davon ausgehen, dass ursprünglich in jedem Haus selbst gebraut wurde, genauso wie man selbst buk und schlachtete.

Spezialisten, die diese Arbeit übernahmen, gab es zunächst nicht. Lediglich die Klöster hatten eine eigene Braukultur, vorwiegend für den eigenen Bedarf. Dennoch kam es schon bald in den entstehenden Städten zu einer Arbeitsverteilung, dem Reihebrauen. Bestimmte Familien erklärten sich bereit, der Reihe nach zu brauen, wobei die Reihenfolge genau festgelegt wurde. So war immer ein ausreichender Biervorrat vorhanden (Foto 1)

Foto 1: Brauen im Mittelalter. (Aus: Bier — Unser Volksgetränk)

Foto 1: Brauen im Mittelalter. (Aus: Bier — Unser Volksgetränk)

1. Die Brauergilden

Mit dem Erstarken der Städte entstanden auch die verschiedenen Zünfte, zu denen auch die Brauergilde gehörte. Nun war es nicht mehr mit lockeren Absprachen getan, jetzt wurde alles geregelt. Zunftordnungen wurden erlassen, die Bürokratie hatte Einzug gehalten. Diese Brauordnungen, die vom Bürgermeister und vom Rat der Stadt zu genehmigen waren, enthielten eine Vielzahl von Vorschriften und Bestimmungen, von denen manche uns heute kurios anmuten. Auszüge aus Brauordnungen verschiedener lippischer Städte mögen dies verdeutlichen.

In Lügde beschloß der Rat 1555, ein Brauamt zu stiften und diesem „eine gewisse Ordnung“ zu geben. Dieser „gewissen Ordnung“ scheint nicht viel Erfolg beschieden zu sein. Nachdem „viele Mängel, Zuwiderhandlungen und Eingriffe eingerissen“, sah sich der „ehrbare Rat“ 1602 genötigt, die alte Ordnung den Zeitläufen anzupassen.

Unter Punkt 1 heißt es: „Einem ehrbaren Rat gebührt die Aufsicht und das Recht, die Satzung nach Bedarf zu ändern.“ Solche Änderungen waren überall immer wieder notwendig, wie aus den verschiedenen, zeitlich aufeinander folgenden Brauordnungen hervorgeht.

Punkt 3 besagte: „Wer das Braurecht begehre, soll, sofern er fremd hereinkommt, dem Amte 14 Thlr., 1 Fass Bier und die Kost (Festtrunk bescheidener Art), die Frauensleute aber 7 Thlr., 1 Fass Bier und die Kost geben. Die aus der Stadt das Amt (d. h. die Brauberechtigung) noch nicht haben, sollen dasselbe geben, doch ohne die Kost.“ Punkt 6 bestimmte: „Brauerkinder mit eigenem Haus sollen bei Erwerb der Berechtigung dem Amte ein halbes Faß Bier geben, sonst aber nichts.“

Bei diesem geringen „Eintritt“ war das Amt in Lügde gewissermaßen erblich. Wie begehrt und wie schwer zu erlangen das Braueramt in Detmold war, zeigt die Brauordnung von 1715 (1. Brauordnung 1627). Die Aufnahmegelder betrugen 70 Taler, für jedes Kind 5 Taler. Hier wurde auch folgendes bestimmt: „Wenn ein Fremder (nicht zur Brauergilde Gehörender) eines Brauers Tochter oder Witwe oder ein Brauer oder Brauers Sohn eine fremde Person zur Ehe nahm und das Amt gewann“, sollten dafür 37 Taler und 18 Groschen bezahlt werden. Dennoch hatte die Detmolder Brauergilde z. B. im Jahre 1794 103 Mitglieder.

In der Horner Brauordnung ist zu lesen-„Wenn ein Amtsbruder, seine Frau, ein Kind oder jemand vom Gesinde starb, hatten alle Amtsbrüder der Leiche zu folgen“ — bei Androhung von Geldstrafe. Sie enthielten oft auch genaue Anweisungen über die Beschaffenheit der Gerste, des Hopfens und anderer Zutaten (!). Auch über die Behandlung von der Brauergilde angehörenden „Weibspersonen“, die einen unschicklichen Lebenswandel trieben, kann man in den Brauordnungen nachlesen. In Lügde z. B. sollten solche „bruchhaftigen Personen“ dann wieder in der „ehrlichen Gesellschaft“ zugelassen werden, „wenn sie mit dem, so sie geschwängert, ehelich werden, sonst aber von der Gesellschaft und ehrlichen Zusammenkunft ausgeschlossen sein und bleiben.“

Die verschiedenen Brauordnungen belegen auch, dass die alte Tradition des Reihebrauens weiter fortgesetzt wurde.

2. Das Reihebrauen und das Entstehen der ersten Brauhäuser

Wie eingangs erwähnt, brauten nun die „Berechtigten“ das Bier der Reihe nach in ihren Wohnhäusern. Jeder Brauer besaß das notwendige Gerät selbst, nur die wertvolle Braupfanne ging „reihum“. Sie musste dem Nachfolger gesäubert übergeben werden. „So an der Pfannen … im Hause oder vor der Tür ein Schade entsteht, soll der letzte Brauer dafür schuldig sein“ (Lügder Ordnung, Punkt 13).

Die Braupfanne wurde zumeist auf der „Deele“ mit offenem Feuer beheizt. Hierbei kam es nicht selten zu Schadensfeuern, denn um den Sud zum Kochen zu bringen, war schon ein ordentliches Feuer aus Buchenscheiten nötig. Wegen dieser „Feuersgefahr“ beschlossen verschiedene Städte, feste Brauhäuser zu errichten oder angekaufte entsprechend einzurichten. So geschah es z. B. in Detmold (1713), Blomberg (1720), Lemgo (1740). Das ehemalige Brauhaus in Detmold steht in der Krummen Straße, beherbergt heute die Volkshochschule und ist nach seiner Restaurierung ein Schmuckstück alter Fachwerkbaukunst (Foto 2). Nur die schmale Braugasse weist auf den ehemaligen Zweck des schönen Gebäudes hin.

In Horn hatte man kein festes Brauhaus, verpflichtete aber die Brauer, die an der Reihe waren, die Sudpfanne auf der Deele jedesmal fest einzumauern, um der Brandgefahr zu begegnen. Auch bei vorhandenen Brauhäusern wurde die Tradition des „Reihebrauens“ fortgesetzt. Der vorherige Zustand änderte sich nur insofern, als man jetzt ins Brauhaus ging, wenn man an der Reihe war. 1775 schlägt die lippische Regierung die Abschaffung des Reihebrauens vor, findet damit aber wenig Gegenliebe, denn dies hätte für manchen Brauer die Aufgabe eines alten Nebenerwerbs bedeutet.

3. Das Brauen auf dem Lande

Parallel zur Entwicklung des Brauwesens in den Städten hatte sich in den Dörfern und Flecken die uralte Brautradition erhalten. In einigen Flecken (z. B. Bösingfeld und Barntrup) gab es ebenfalls Brauordnungen. Es wurde in Reihe gebraut, wie der Bedarf es empfahl. Besonders zu erwähnen sind hier die zahlreichen Krüger, welche für ihren Krug zumeist nicht nur das Recht verbrieft hatten, zu „verseilen“ (verkaufen), sondern auch selbst zu brauen. Dieses Recht wurde zwar nicht immer selbst ausgeübt — oft war der Krüger zu unerfahren oder zu faul, manchmal war es auch billiger, fremdes Bier zu verkaufen — auf jeden Fall lässt sich an den Steuerunterlagen nachweisen, dass in jedem lippischen Ort, und sei er noch so klein, irgendwann ein Krüger selbst gebraut hat. Häufig war das Krugrecht sogar ein Teil der Besoldung. So erhielten z. B. oft Förster die Krug- oder Braugerechtigkeit, meist beides gleichzeitig.

Die Städte versuchten natürlich, diese lästige Konkurrenz loszuwerden, um ihr eigenes Bier zu verkaufen, und drangen auf eine Beschränkung des ländlichen Brauwesens. Die pfiffigen Landleute führten weite Wege, unsicheren Nachschub und mangelnde Qualität des fremden Bieres ins Feld, so dass sich die Städte am Ende nicht durchsetzen konnten. Von einem Monopol der Städte konnte nicht einmal in den eigenen Mauern die Rede sein, denn auch dort gab es unabhängige Krüger mit eigener Braugerechtigkeit. Allerdings durften z. B. die Detmolder Krüger selbstgebrautes Bier „weder über die Straße, noch im Hause an Eingesessene verkaufen, an Durchreisende hingegen doch“.

Foto 2: Das ehemalige Brauhaus in Detmold. Quelle: Heimatland Lippe

Foto 2: Das ehemalige Brauhaus in Detmold. Quelle: Heimatland Lippe

4. Die Qualität des Bieres

Unsere heutigen Ansprüche an ein gutes Bier sind hoch, und sie wären wohl von keinem lippischen Brauer erfüllt worden. Es lag vor allem am Reihebrauen, dass das Bier eine mindere Qualität hatte. Zwar schrieben die meisten Brauordnungen vor, wieviel Scheffel Gerste für eine bestimmte Menge Wasser zu verwenden seien, — in Lemgo braute man z. B. ein leichtes, in Horn ein starkes und mit einer gewissen Berühmtheit behaftetes Bier —, aber daneben hatte natürlich jeder Brauer sein Geheimrezept. Es gab eine Menge an Zusätzen wie Kräuter, Wurzeln und Beeren, die z. T. sogar als giftig erkannt und verboten wurden. In den Lipp. Intelligenzblättern von 1789, Nr. 4, dem amtlichen Mitteilungsblatt, wird der Gebrauch von giftigen Zusätzen wie dem „Tollkorn“ und der „Trunkelbeere“ (nomen est omen) noch einmal ausdrücklich verboten. Das heute oft genannte bayrische Reinheitsgebot von 1516, wonach Bier nur aus Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser gebraut werden darf, ist bis etwa 1820 in Lippe weitgehend unbekannt geblieben. Die Folgen dieses verschiedenartigen und oft minderwertigen Bieres waren dauernde Streitereien, von denen die Akten voll sind.

Archivrat Knoch soll hier mit seiner bewegenden Klage in seinen „ohnmaßgeblichen Gedanken“ stellvertretend für viele andere erwähnt werden. Er überlegt, „aufweiche Weise das Bier und das Brauen in Detmold abzuschaffen sei“, und stellt fest, „dass die Mißstände bei den Zünften nicht hätten abgeschafft werden können. Hierzu gehöre auch die leidige Brauerzunftordnung, wobei hundert Personen hunderterlei Bier auf der Reihe brauten und keiner sein Bier ehender (früher) zu verkaufen berechtigt sei, als bis das erstere Bier verzehrt sei, mithin alle 4 bis 5 Tage ein neues Gebräu zum Vorschein komme“ (1778). Der erzürnte Archivrat spielt hier auf ein Kuriosum an, welches dem einzelnen Reihebrauer den Absatz auch des schlechtesten Bieres sicherte. Bei Beschwerden gab es vom Magistrat eingesetzte amtliche Bierprüfer, die dem Brauer den Verkaufspreis herabsetzen konnten. Der nächste an der Reihe befindliche Brauer durfte sein Getränk aber erst dann anbieten, wenn das des Vorgängers verkauft war. Das arme Publikum war Opfer dieses fehlenden Verbraucherschutzes.

5. Der Niedergang der Braukunst im 18. Jahrhundert

Die Beschwerden häuften sich zum Ende des 18. Jahrhunderts bis in das 19. hinein und geben beredtes Zeugnis vom Niedergang der heimischen Braukunst. Drei Ursachen sind hauptsächlich dafür verantwortlich: Der Branntwein, der Wein und der Kaffee (!).

Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nimmt die Bedeutung des Branntweins immer mehr zu — vielleicht eine Auswirkung des Dreißigjährigen Krieges. Zunächst war dies den Behörden durchaus willkommen, war die Steuer auf Branntwein doch wesentlich höher als auf das Bier. Eine willkommene Einnahmequelle für die nach langen Kriegswirren maroden Staatsfinanzen war aufgetan. Zwar erkannte man bald die Nachteile dieses „harten“ Getränks für Gesundheit und Arbeitsmoral der Bevölkerung, aber seine immer stärkere Verbreitung war nicht mehr aufzuhalten.

Zunächst in den Häusern derjenigen, die es sich leisten konnten, fand man Geschmack am edlen Rebensaft, dem Wein. Dieser wurde zwar nie zu einem Volksgetränk, fand aber doch so viel Verbreitung, dass jeder Krüger, der auf sich hielt, einen angemessenen Vorrat bereithielt. 1788 heißt es in den Lipp. Intell. Bl.: „Es ist zwar mehr als zu gewiß, daß der siebenjährige Krieg den Verfall des Bieres in unsern Lande großentheils veranlasset habe. Die vielen Durchmärsche und Einquartierungen gaben Anlaß, daß nicht bloß in städtischen Wirtshäusern, sondern in Dorfkrügen Wein eingekellert und verzapfet wurde.“ Im gleichen Beitrag lesen wir: „Es ist auch nicht zu leugnen, daß das sich so allgemein und auf die geringsten Stände im Volk verbreitete Caffeetrinken dem Bierabsatz großen Schaden thut.“

Die an sich schon geringe Qualität des Bieres und die ihm entstandenen Konkurrenzprodukte trugen zum Niedergang der Braukunst bei. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts war der Tiefpunkt erreicht. Eine Änderung setzte etwa ab 1820 ein, welche allerdings radikale Umwälzungen in Braukunst und Brauwesen erforderte.

6. Der übermäßige Alkoholgenuss

Wo immer es alkoholische Getränke gab, war auch deren Missbrauch nicht ausgeschlossen. So auch in unserem Lande. Parallel zu den ersten Brauordnungen gab es auch die ersten Bestimmungen, die den Konsum regeln sollten. Die Polizeiverordnung von 1620 bestimmte, dass Wirte, Krüger und Krämer bei Strafe von 5 Goldgulden „unter der Predigt“ keinen Branntwein, Wein oder Bier ausschenken durften. Gelage sollten im Sommer abends um 9 Uhr, im Winter um 8 Uhr aufgehoben sein, und jeder sollte „in Stille“ nach Hause gehen. Bei besonderen Anlässen wie Jahrmärkten, Hochzeiten, Kindtaufen konnten Ausnahmen erlaubt werden. Diese Vorschriften wurden häufig nicht beachtet, denn die findigen Lipper verstanden es, auch andere „Ausnahmen“ zu finden wie Schlachtungen, Hausrichtungen und Beerdigungen (!). Ein vermehrtes Einschreiten der Behörden wurde notwendig.

Foto 3: Der Säuferklotz aus Blomberg. Quelle: Heimatland Lippe

Foto 3: Der Säuferklotz aus Blomberg. Quelle: Heimatland Lippe

Besonders drastisch ist die „Verordnung wegen der Vollsäuferei“ vom 17. 3. 1767. Trunkenbolde sollte man bei Wasser und Brot „einthürmen“, wenn das nicht half, einen Sonntag an den Pfahl stellen. Besonders hartnäckigen Fällen drohte das Zuchthaus.

In Blomberg hängte man den Delinquenten den „Säuferklotz“ um, der heute im Landesmuseum in Detmold ausgestellt ist (Foto 3). Auch der alte Schandpfahl von Schlangen ist dort zu sehen.

Noch 1880 wurde den Detmolder Gymnasiasten und Seminaristen durch Verordnung der Besuch von Gasthäusern verboten. Nur bei Spaziergängen von über einer Stunde Entfernung von Detmold wurde Einkehr gestattet. Wie mancher mag wohl diesen Gang gern getan haben?

Um 1840 kam es zur Gründung der sogen. „Mäßigungsvereine“, die nun die Behörden unterstützten und radikalen Alkoholverzicht forderten. Sie hatten ihren Ursprung in den religiösen — pietistischen Bewegungen dieser Zeit. Sie bewirkten viel Positives, trugen aber paradoxerweise auch zum Aufblühen eines neuen Brauwesens in Lippe bei. 1842 gab es solche Vereine in Salzuflen, Oesterholz, Hörn, Meinberg, Detmold und Langenholzhausen.

B. Das moderne Brauwesen in Lippe von 1820 bis heute

Reisende waren es, die wundersame Kunde aus Deutschlands Süden mitbrachten. „In Bayern könne man in jedem Gasthaus ein kräftiges, gesundes, kühles (!) .und immer wohlschmeckendes Bier bekommen.“ Diese unglaubliche Nachricht erschien den Lippern einige Anstrengungen wert. 1825 entstand im Braker Schloß eine Musterbrauerei. Die Rentkammer holte aus diesem Anlass eigens einen Brauer aus Dinkelsbühl, der nach „bayrischer Art“ brauen sollte. Von der Regierung wurden Prämien ausgesetzt, die Anreiz bieten sollten, die Qualität der Grundstoffe Gerste und Hopfen zu verbessern. Zunächst benutzte man wild wachsenden Hopfen, der aber bald den steigenden Ansprüchen nicht mehr genügte. 1830 lässt man eigens Hopfenschößlinge aus Bayern kommen, so konnte man bereits 1837 z. B. im Detmolder Burggarten 400 Pfund edlen Hopfen ernten. Fortschrittliche und weitblickende Männer erkannten rasch die Zeichen der Zeit. So schickte der damalige „Falkenkrüger“ Simon Gausmann 1828 seinen ältesten Sohn, den damals zwanzigjährigen Simon August, eigens nach Bayern, damit er dort die Braukunst erlerne. Er erbat und erhielt dafür von der Regierung ein Darlehen von 100 Talern. Auch dieses Darlehen zeigt das große Interesse der Regierung an einer Hebung des Brauwesens. S. A. Gausmann wurde dann der eigentliche Gründer der lange Zeit größten und bekanntesten lippischen Brauerei, dem „Falkenkrug“ bei Detmold.

1. Der Bier-Verein für das Fürstenthum Lippe

Am 14. Mai 1838 kam es zur Gründung des o. g. Vereins. § 1 der Satzung besagte: „Zum Ziele seines Strebens setzt sich der Verein ein wohlthätiges Einwirken auf das physische und moralische Leben der Bewohner dieses Landes, besonders im Bürger- und Bauernstande, durch Allgemeinmachung des baierschen oder Felsenkeller-Bieres und folgeweise durch Beschränkung und successive Abschaffung des Brannteweins.“

Bier als Waffe gegen den Branntwein! Hieß das nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben? Keineswegs. Bier war früher ein gesundes Volksnahrungsmittel und sollte es wieder werden. Diesem Plan standen die zur gleichen Zeit zahlreich entstehenden „Mäßigungsvereine“ entgegen, die radikalen Alkoholverzicht forderten. Dies muss nun doch den Gründern des Biervereins nicht geschmeckt haben. „Wer mag es leugnen: Ein Mäßigungsverein im hiesigen Lande thue Not wider den häufigen Genuss des gemeinen Korn- oder Kartoffelbranntweins oder s. g. Fusels! Jedoch was würde ein solcher Verein wirken, so lange für dieses unselige Getränk … kein Surrogat da wäre? Das allerbeste Surrogat ist unbedenklich das Felsenkellerbier. . . . Man sorge nur für dieses Bier, und es wird sich, dem Branntwein gegenüber, schon bald sein Recht und seine ihm gebührende Alleinherrschaft verschaffen.“ Wie sicher sich die Vereinsgründer ihrer Sache waren, sieht man daran, dass seine Dauer nur auf 5 Jahre beschränkt wurde. Der Erfolg stellte sich auch bald ein. Schon 1842 lesen wir im „Lippischen Kalender“ einen Bericht über den „Guten Fortgang des Brauwesens im hiesigen Lande“.

Foto 4: Der Detmolder Felsenkeller im Büchenberg. Quelle: Heimatland Lippe

Foto 4: Der Detmolder Felsenkeller im Büchenberg. Quelle: Heimatland Lippe

2. Die Felsenkeller

Die besondere Qualität des bayrischen Bieres hat ihre Ursache nicht nur in der strengen Einhaltung des „Reinheitsgebotes“ von 1516 (Malz, Hopfen, Hefe, Wasser), auch nicht nur in den erhöhten Ansprüchen, die man an die Güte der Grundstoffe stellte. Vor allem sind es die Pflege und die Lagerung nach dem Brauen, welche erst ein gutes Bier entstehen lassen.

Dies war in Lippe vorher weitgehend unbekannt, denn das Bier wurde bald nach dem Brauen und ersten Gären ausgeschenkt. Oft wurde es nur auf der Tenne oder in einer Kammer aufbewahrt. Ein gutes Bier muß in einer kühlen Umgebung gären und lagern können, denn es braucht viel Zeit, um sich nach dem brausenden Gärprozess zu beruhigen, bis sich alle Schwebestoffe abgesetzt haben und ein klares „Helles“ zum Ausschank bereitsteht.

Auch heute noch lagert ein gutes Bier mindestens drei Monate, obwohl man problemlos Schwebestoffe herausfiltern könnte. Wer eine Brauerei besichtigt, ist erstaunt über die tiefen Temperaturen, die in Gär- und Lagerkellern herrschen. Sie liegen in den Lagerkellern knapp über dem Gefrierpunkt. Die künstliche Kühlung macht dies heute jederzeit möglich. Um 1840 kam es zu einem richtigen „Bauboom“, um in vielen Orten Felsenkeller anzulegen. Es wurden Stollen und Höhlen gegraben, um das Bier in eine kühle Umgebung zu bringen. Der wohl bekannteste Felsenkeller in Lippe ist der Detmolder neben der heutigen Musikakademie im Büchenberg (Foto 4). An seinem Eingangsportal finden wir die Inschrift „Cerevisiae“ und die Jahreszahl „MDCCCXXXVI“ (Dem Bier gewidmet/ 1836).

Bereits 1842 gab es Felsenkeller in Lemgo, Brake, Detmold (3), Berlebeck, Oerlinghausen, Lage, Schötmar und Kohlstädt. Auch verschiedene Krüger mit eigener Brauberechtigung hatten kleinere Keller angelegt. Der größte seiner Art befindet sich tief unter dem sich burgartig erhebenden Gebäude der ehemaligen Brauerei „Falkenkrug“ in Spork bei Detmold. Am Beispiel dieser ehemals größten und bekanntesten lippischen Brauerei will ich die Entwicklung bis in unsere Zeit aufzeigen.

3. Die Brauerei „Falkenkrug“

Die Vorgeschichte soll hier nur kurz erwähnt werden. 1662 erteilte Graf Hermann Adolf seinem „Trompet und lieben getreuen Johann Winter“ die Kruggerechtigkeit für sein Haus im Schoren. Winters Frau soll mit ihrem Wunsch, Krügerin zu werden, nicht unwesentlich dazu beigetragen haben. Ursprünglich durfte Winter Wein, Branntwein und Bier nur „verseilen“ (verkaufen). Aber sein Krug muss sieh in gräflichen Kreisen großer Beliebtheit erfreut haben, denn bereits 1673 erweitert Graf Simon Heinrich das Privileg dahin, dass er auch eigenes Bier brauen darf. Hier wird der frühere Johann bereits Falco Winter genannt. Es muss sich um einen Biernamen handeln, der bei irgendeiner Zecherei entstanden ist. „Falco’s Krug“ hat also mit dem Vogel, der als späteres Markenzeichen der Brauerei einen Krug in den Fängen trug, nichts zu tun.

Der Krug hatte nun für 150 Jahre ein wechselvolles Schicksal, stellte zeitweise einen ansehnlichen Besitz dar, war dann wieder stark verschuldet und wechselte mehrfach den Besitzer. 1808 wurde Simon Gausmann, Sohn des Gestütsmeisters von Lopshorn, durch Einheirat zum „Falkenkrüger“. Zielstrebig entschuldete er das Anwesen, baute für die Gaststätte eine Kegelbahn und krönte sein Lebenswerk damit, daß er 1828 seinen ältesten Sohn Simon August bewog, in Bayern das Bierbrauen zu erlernen. Im gleichen Jahre starb er.

Der junge Simon August Gausmann ging nach kaum beendeter Lehrzeit daran, das Werk seines Vaters fortzusetzen und die in der Fremde gewonnenen Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Die wichtigste war, dass man für ein gutes Bier Felsenkeller brauchte. In mehreren Jahren entstanden die riesigen Räume, deren größter eine Länge von ca. 40 Metern, eine Breite von etwa 8 Metern und eine Höhe von etwa 5 Metern hat (Foto 5). Dabei kam es 1837 zu einem tragischen Unglück, als der noch nicht ausgemauerte Teil der Höhle einbrach und der brüchige Mergel die Arbeiter Beckmann und Retemeier tötete. Gausmann selbst wurde ebenfalls verschüttet, konnte sich aber befreien. Unbeirrt von dem Unglück setzte er sein Werk fort.

Diese Keller waren so tief, dass dort ganzjährig ein Höhlenklima von 8 — 9 Grad vorhanden war. Aber selbst diese Temperatur war noch zu hoch. So wurde ein riesiger Eiskeller angelegt, in welchen im Winter von den Teichen geholtes Eis eingelagert wurde (Foto 6). Ein kalter Winter war daher der stete Wunsch eines modernen Brauers. Das Eis wurde von den Bauern angefahren, die dafür durch den sehr nahrhaften Treber, der auch heute noch gern als Viehfutter gebraucht wird, entlohnt wurden. Mancher Teich, den wir heute noch bei vielen Höfen finden, wurde zum Zweck der Eisgewinnung angelegt. Das Eis wurde in metallene Behälter, die „Schiffe“ gefüllt, und diese hängte man in die Gär- und Lagertanks und erreichte so eine Temperatur von wenig über dem Gefrierpunkt. Das so gepflegte Bier dürfte durchaus unseren heutigen Ansprüchen genügt haben und war natürlich dem vorherigen, beim unseligen Reihebrauen entstandenen Gebräu weit überlegen. So ist es nur zu verständlich, dass das Reihebrauen sehr schnell zum Erliegen kam, zumal nicht nur Gausmann Felsenkellerbier auf den Markt brachte. Gausmann braute weiterhin in der Gaststätte und transportierte anschließend das Bier in die 300 Meter entfernten Keller — ein umständliches Verfahren. Auch konnte er schon bald der steigenden Nachfrage nicht mehr nachkommen und dachte schon 1841 an den Bau eines neuen Brauhauses. Es sollten jedoch 16 Jahre vergehen, bis nach endlosen Verhandlungen um Grundstücke und mit Behörden der Bau der Brauerei beginnen konnte. Gausmann selbst erlebte den Baubeginn nicht mehr. Er starb am 19. 11. 1856. An „Auszehrung“, wie es in der Sterbeurkunde heißt. Gausmanns junge zweite Frau heiratete 1858 einen Karl Schmitz aus Lippspringe. Dieses Ehepaar Schmitz errichtete nach Gausmanns Plänen das Gebäude der Brauerei „Falkenkrug“ (Foto 7). Nach dem Tode ihres zweiten Mannes verkaufte die Frau die Brauerei an mehrere Personen, die 1872 die „Aktien — Bierbrauerei Falkenkrug bei Detmold“ gründeten. Später erwarb die Brauerei „Felsenkeller“ in Herford die Mehrheit der Aktien und wurde in den 60er Jahren zur Alleinbesitzerin. Die neue Brauerei entstand direkt über dem bereits vorhandenen Felsenkellern.

Foto 6: Eiskeller unter dem Falkenkrug. Quelle: Heimatland Lippe

Foto 6: Eiskeller unter dem Falkenkrug. Quelle: Heimatland Lippe

Mit der Erfindung der elektrischen Kühlung wurden die Felsenkeller überflüssig. So baute man am Falkenkrug mehrere oberirdische Räume, um der ständig steigenden Nachfrage Herr zu werden. Etwa um die Jahrhundertwende hatten die Felsenkeller ausgedient. Noch einmal wurden sie einer allerdings ganz anderen Nutzung zugeführt. Während des Zweiten Weltkrieges dienten sie als Luftschutzräume. Das Kriegsende in Detmold erlebten zu Ostern 1945 fast 4000 Personen, vorwiegend Detmolder Bürger, in diesen Kellern. Noch heute lassen sich mehrere Inschriften aus dieser Zeit dort finden (Fotp 8). Eine gleiche Nutzung ist mir bekannt von den Felsenkellern in Oerlinghausen und Brake.

Der Rest der über dreihundertjährigen Geschichte des Falkenkruges sei rasch erzählt. Trotz der Aktienmehrheit der Ueckermann-schen Brauerei „Felsenkeller“ in Herford, die heute eine der größten Privatbrauereien in Deutschland ist, arbeitete der Falkenkrug lange Zeit völlig selbständig und erreichte in den besten Zeiten einen Jahresausstoß von 35 000 Hektolitern. Eine stattliche Zahl, doch eine vergleichsweise geringe Menge zu der mehr als zehnfachen Leistung der Herforder Brauerei. So erfuhr die traditionsreiche Braustätte das Schicksal vieler anderer norddeutscher Brauereien, die von den großen geschluckt wurden.

1972 wurde der letzte Sud angesetzt. Das Gebäude wurde restlos ausgeräumt, und so wartet der riesige leere Baukörper heute auf sein Schicksal. Wenn nicht bald etwas geschieht, wird der Abriß des eindrucksvollen Gebäudes unumgänglich sein.

Ähnlich erging es schon viel früher den anderen lippischen Brauereien, die sich allerdings der einheimischen Konkurrenz beugen mussten. Bis um 1900 betrieb Adolf Hanning die Brauerei „Schlüsselburg“ in Lage. Sein Sohn übernahm die „Arminiusbrauerei“ in Kohlstädt, wo noch bis in die 50er Jahre gebraut wurde. In Lemgo hielt sich am längsten die Brauerei „Thaler“. Die ursprüngliche Musterbrauerei im Braker Schloß stellte 1908 den Betrieb ein. Eine Brauerei ist bis heute geblieben.

Foto 9: Die Brauerei „Strate

Foto 9: Die Brauerei „Strate“ in Detmold. Quelle: Heimatland Lippe

4. Die Brauerei „Strate“ in Detmold

1853 stellten die Braugenossen in Detmold das Reihebrauen endgültig ein und verpachteten die Braugerechtsame für 400 Taler jährlich an Adolf Hüppe. Dieser braute zunächst weiter im alten Brauhaus an der Krummen Straße, brachte sein Bier zum Lagern in den 1836 gebauten Bierkeller im Büchenberg, was sehr umständlich und aufwendig war. An eine Kapazitätserweiterung oder gar an den Bau von Kellern war in der Krummen Straße nicht zu denken. Die Lage des alten Brauhauses war nicht günstig. Gegenüber lag die Mistkuhle des Landamtsmeisters, in welche auch dessen „heimliche Gemächer“ ihren Abfluß hatten.Hüppe erkannte rasch, daß ein moderner Braubetrieb unter diesen Umständen nicht zu führen war und erwarb das Gelände an der Palaisstraße, ließ dort zunächst Felsenkeller ausheben und errichtete das heutige Brauereigebäude. Es steht auf einem Schuttberg, der aus dem Aushub der Keller besteht (Foto 9). 1863 nahm die Brauerei ihren Betrieb auf. Einige Jahre wurde sie als Aktiengesellschaft betrieben, kam aber 1908 wieder in Familienbesitz zurück und wird heute von Fritz Strate, dem Urenkel des Brauereigründers, geleitet. Wer die Gelegenheit hat, diese Brauerei zu besichtigen, erkennt an vielen Einzelheiten auf dem gesamten Anwesen, daß hier eine alte Familientradition gepflegt und in ständiger Erneuerung weitergeführt wird. Hier ist wohl der Grund zu finden, warum eine kleine Brauerei nicht wie viele andere von den Giganten geschluckt wurde, auch in schwierigen Zeiten durchhalten konnte. In den letzten Jahren konnte der Ausstoß vor allem durch Wiedereinführung der nostalgischen Bügelverschlußflaschen auf 28000 Hektoliter im Jahr gesteigert werden (Foto 10). Auch für die Zukunft braucht man nicht bange zu sein, denn die älteste Tochter des Brauereibesitzers hat bereits das Brauhandwerk erlernt und wird die Tradition fortsetzen.

von Heinz Lücke

 

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