Das Freilichtmuseum Detmold ein Jahr vor der Eröffnung

Aufbau des Osnabrücker Hofes im Freilichtmuseum Detmold.

Bereits im Jahre 1962 faßte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe den Beschluß, auf einem 80 ha großen Gelände am Königsberg zwischen Detmold und Heiligenkirchen ein zentrales Freilichtmuseum bäuerlicher Kulturdenkmale zu errichten. Das landschaftlich großartige, morphologisch vielgestaltige Gelände wurde auf Grund eines Erbbauvertrages vom Landesverband Lippe zur Verfügung gestellt. Erst im Jahre 1966 konnte dann das Freilichtmuseum mit seinem Wiederaufbau beginnen. Strittige Verfahrensweisen bei der Abstimmung über den Standort, von manchen Politikern ungenügend beachtete Stellungnahmen der Fachausschüsse, der Landes- und Bezirksplanung usw., hatten einen nachschleppenden politischen Kampf vor und hinter den Kulissen heraufbeschworen, der den Beginn des Aufbaues hinausschob. Mit Hinweis auf Formfehler der beantragenden Gemeinden wurde die Genehmigung des Gesamtbebauungsplanes durch die Bezirksregierung mehrfach hinausgezögert. Der Prozeß um die Aufhebung des mitten durch das Museumsgelände führenden Alten Postwegs wirkte gleichfalls verzögernd. Die nachträgliche Durchsetzung einer vierspurigen Umgehungsstraße entlang der gesamten Nordgrenze des Museumsareals, deren Nachteil die Stadtvertreter von Detmold vorwiegend dem Freilichtmuseum zuschieben möchten, gefährdet zur Zeit erneut die Zukunft des Museums. Auch die unnötige, bisher keinem Freilichtmuseum gegebene Auflage von Baugebietsbeschränkungen und Einzelbaugenehmigungen gemäß des hier nicht zutreffenden Bundesbaugesetzes bringt ständig   Unruhe  und  Verzögerungen in den Aufbau, auch nach dem endlichen Baubeginn im Mai 1966.

Der Osnabrücker Hof mit Haupthaus von 1609 (Mitte), Backspeicher von 1710 (hinten rechts), Schweineschuppen von 1827 (rechts) und Scheune von 1767 (links). Foto: Müller, Detmold

Der Aufbau-Beginn fiel leider auch noch in die Rezessionsphase, die zu einer drastischen Kürzung der ursprünglich vorgesehenen Wiederaufbaumittel zwang. Mit besonderm Dank ist hier allerdings zu vermerken, daß die zuständigen Ausschüsse des Landschaftsverbandes die notwendigsten Mittel unter solchen Umständen überhaupt bereitstellten und später nach Möglichkeit erhöhten. Zu danken ist auch dem Kultusministerium in Düsseldorf, das aus denk-malpflegerischen Mitteln Beihilfen für die Rettung und den Aufbau des eindrucksvollen münsterländischen Gräftenhofes gab. Der damalige Bundespräsident — Dr. Heinrich Lübke — stiftete 1966 Mittel für Abbau und Abtransport eines sogenannten Doppelheuerhauses aus dem Wiehengebirge. Das Kuratorium der Hermannsdenkmal-Stiftung ermöglichte die Sicherung des 1570 erbauten Haupthauses Führing in Leese, Kreis Lemgo, für einen Wiederaufbau in der lippischen Baugruppe. Einzelne private Stifter halfen bei der Beschaffung von wertvollem Mobiliar für die Ausstattung von Museumsbauten.
Ein Gutes hatte die Verzögerung gehabt: Die Sammlung der Ausstattungsstücke für die geplanten Baugruppen (Möbel, Haus,-Acker- und Handwerksgerät) konnten im großen abgeschlossen werden. Sie ist von in- und ausländischen Fachleuten, besonders für das Mobiliar, als eine der reichhaltigsten in europäischen Museen bezeichnet worden. Der 1966 plötzlich verstorbenen Museumsassistentin — Frau Dr. Annemarie Teepe-Wurmbach — ist vor allem die mit großer Sachkenntnis und in unermüdlicher

Der „Backspieker“ von 1710 auf dem Osnbabrückerhof. Links der Kellerhals, vorn der offene Brunnen, dessen Wippe inzwischen erstellt ist. Foto: Freilichtmuseum, Kelle

Arbeit zusammengebrachte Geräte-Sammlung zu danken. Montierbare Magazinhallen und eine vom Landesverband Lippe übereignete Bauhofscheune gaben den größeren Sammelobjekten und der Zimmerei Unterkunft. In dem vom Landesverband Lippe übernommenen „Krummen Haus“, der ehemaligen fürstl. Orangerie, wurden die Verwaltung und die kleineren Restaurierungswerkstätten untergebracht.
Neben der Sammlung von Ausstattungsstücken mußten — oft in schnellen Notaktionen — kulturgeschichtlich und künstlerisch wertvolle Fachwerkbauten und Bauteile durch sorgfältigen Abbau, bzw. Ausbau, gesichert und wetterfest gestapelt werden. Diese Aktionen liefen neben dem Wiederaufbau der letzten 3 Jahre weiter. Es sind inzwischen in dokumentarischem Wiederaufbau 22 Bauten erstellt worden. Weitere 83 Bauten sowie zahlreiche Bauteile und Baumaterialien warten mit numerierten Einzelteilen in den Stapeln auf den Wiederaufbau.
Diese Leistung war nur mit einer allmählich aufgebauten Gruppe von handwerklich-künstlerisch befähigten und der Sache verpflichteten Mitarbeitern möglich. Außerdem halfen einige eingearbeitete Firmen, die uns allerdings bei wieder zunehmender Baukonjunktur mit den Terminen oft im Stich ließen.
Nach unseren allgemeinen Hinweisen auf den bisherigen Verlauf der Sammel-und Aufbauarbeit seien nachfolgend die bislang abgeschlossenen oder begonnenen Baugruppen dargestellt.
Das vom Landesverband Lippe zur Verfügung gestellte Gelände des Freilichtmuseums weist einen Wechsel der Höhenlinie zwischen 160 und 230 m auf. Die Vielfalt der Geländeformen reicht von Ebenen, Hängen und Hügeln bis zu Bergkuppen; die Bodenbedeckung wechselt von Weide und Wiese zu Acker und Hochwald, so wie es einer alten Kulturlandschaft gemäß ist. In diesem hervorragend geeigneten Gelände werden keine Einzelbauten erstellt, sondern für jede westfälische Teillandschaft die jeweils charakteristischen Siedlungsformen. Geplant sind für den Südosten Westfalens ein oberwese-risch-paderbornisches Ackerbauerndorf mit 21 Häusern und einer Kirche mit befestigtem Friedhof, für das Sauerland und das Siegerland je ein Kleindorf oder Weiler, für das Westsauerland, den westlichen Hellweg und das Münsterland, Einzelhöfe und Kötterhäuser. Der Nordosten Westfalens, von Lippe nordwärts bis ins Mindener und Osnabrücker Land wird durch eine lockere Höfegruppe, eine sogenannte Drubbelsiedlung, mit Höfen verschiedener Größe und mit Kötterhäu-sern charakterisiert. Aus den südöstlichen Grenzgebieten von Lippe werden übrigens einige Bauten in das Oberweserdorf eingegliedert. Im nordostwestfälischen Höfetrupp soll Lippe mit einem großen Meierhof und mehreren Zieglerkotten vertreten sein.

Blick in die Essnische am Flett des Haupthauses aus Kalkrise bei Engter (Wiehengebirge). Taubandknaggen stützen den schweren „Luchtbalken“ über der Nische ab. Foto: Freilichtmuseum, Kelle

In der Nähe des sogenannten „Krummen Hauses“, d. h. in Nähe der Museumsverwaltung und der Museumswerkstätten, wurde sinnvoll mit dem Aufbau begonnen. Unterhalb der gefährdeten Hochwaldkulisse, die den Nordrand des Museumsgeländes vom Detmolder Stadtrand trennt, ist der Nordteil des vorerwähnten Höfetrupps bereits aufgebaut.
Am weitesten nach Westen vorgeschoben — in eine Senke hinuntergreifend — liegt der große Wiehengebirgshof1Gemeint ist der »Osnabrücker Hof« –  heute das Haus zum anfassen im Museum.mit Haupthaus und 7 Nebengebäuden. Man erreicht ihn auf einem Waldweg, der vorhandene Geländerinnen nutzt und einige alte Eichen des älteren Bestandes hervorhebt. Auf einer Waldlichtung vor der Hofeinfahrt erhebt sich über hohem Bruchsteinsockel der Schafstall von 1791. Die Bauschwalme des geschmeidigen Rethdaches überwölben beiderseits schützend die Giebeltore. Mit einer Wendung schwenkt der Weg zwischen hohen Wällen, die aus alten Überbleibseln des Geländes ergänzt wurden, auf den tiefer gelegenen Hofplatz. Von dem sperrenden Hecktor hat man den besten Überblick auf die Gesamtanlage.

Mitten hinter dem fallenden Hofplatz ragt das hochgiebelige Haupthaus von 1609 auf. Der Steilgiebel mit dem bekrönenden Geckpfahl steigt noch soeben hinaus über die Wipfellinie der den Hintergrund schließenden Hochwaldkulisse. Das hangparallele, 35 m lange und 15 m breite Zweiständer-Haupthaus ist hangauf und am Hof umlagert von Nebenbauten, während hangabwärts der Garten mit Taxusbäumen und Buchsbaumrabatten — umhegt von wuchtigen Trockenmauern — über Stufen zu erreichen ist. Vom Hecktor gesehen ist das Gesamtbild des Hofes, trotz fallender Geländelinien des Hintergrundes, standfest und ausgewogen. Hangaufwärts stehen — als echte Hangbauten mit hohem Grundmauerwerk in den Hang eingreifend —   der Backspeicher  von 1710 und der Schweineschuppen von 1827. Vorn links am Hofplatz ragt hochauf die sehr reich gegliederte Scheune von 1767 mit ihren mehrfach vorkragenden Steilgiebeln. Sie hebt mit ihrer aufsteigenden Masse das Kippen der Hanganlage auf. Alle Nebenbauten sind einwärts gedreht, je weiter nach vorn, desto stärker. Das hat funktionsmäßige Gründe und führte gleichzeitig zu ästhetischer Ausgewogenheit dieses Hofbildes, das nach alten Modellfällen gebaut wurde. Kleinstbauten, wie Bienenhütte, Bleichhütte und Abtritt, ergänzen die Gesamtanlage, die außer durch den Garten auch noch durch eine Bleichwiese und eine Viehweide mit der alten hofnahen Umwelt gestaltet wurde. Alle Dächer der älteren Großbauten überdeckt Reth. Die jüngeren Kleinstbauten haben Hohlziegeldeckung mit Langdocken. Die windgefährdeten Firste sind mit brauner Heidepak-kung gesichert, die auf den Quadratmeter von je etwa 100 Eschenpflöcken gehalten wird.

Das Innere des Haupthauses überrascht mit der Weite seiner Flettdeelenhalle, die bis zur Herdwand 30 m lang und im Mittelschiff 10 m breit ist. Über dem freiliegenden Herdfeuer hängt ein Funkenschirm. Von der Hinterherdbank überschaut man den Hallenraum bis in die Eß- und Waschnische des Fletts und bis in die Kuh- und Pferdestelle beiderseits der Deele. Das sogenannte Kammerfach zeigt den Zustand einer Erweiterung von 1970. Gegenüber dem wuchtigen Einfahrtsgiebel von 1690 weist der Wohngiebel von 1790 ein leichteres, zierlicheres Gefüge auf.
Im ansteigenden Gelände östlich des Wiehengebirgshofes wurde ein Tecklen-burger Kötterhaus von 1784 mit urwüchsigem Walmdach errichtet. Am Torgiebel ist das Weichdach bis auf die niederen Umfassungswände herabgestülpt und am Wohngiebel baucht es mit einem Stechwalm weit vor. Das Haus hat bereits einen Wandkamin, wie er im Tecklenburgischen unter münsterländischem Einfluß im 18. Jahrhundert aufkam. Sonst gleicht das kleine Kötterhaus in den Grundzügen seiner Raumgliederung dem Haupthaus des Wiehengebirgshofes.
Ein sogenanntes „Doppelheuerhaus“ aus Hüsede am Wiehengebirge, das für das Bewohnen durch zwei Heuerlingsfamilien unter dem First längsgeteilt ist, schaut mit seinem doppeltorigen Giebelgesicht vom weiter aufsteigenden Hang zum tiefgelege-ncn Wiehengebirgshof herab. Es ist 1738 zum großen Teil aus Hölzern eines viel älteren und größeren Haupthauses errichtet worden. Mit der Ärmlichkeit seines Innern führt es in jene Zeit des Hausgewerbes zurück, als fast jeder größere nordwestfälische Hof mehrere Pachtkotten in Rufoder Winkweite zur Hofstätte erbaut hatte.

Der Mindener Hof mit Haupthaus (Mitte) von 1673, Speicher von 1716, Schweinehaus von 1600, Holzhaus von 1671 (alle rechts) und Backhaus von 1671 (links). Es fehlt die inzwischen errich tete Scheune von 1671 vorn links. Im Hintergrund (Mitte) das Doppelheuerhaus und (links) der Wohngiebel des Tecklenburger Kötterhauses. Foto: Müller, Detmold

Um etwa Steinwurfweite östlicher und näher an den Hochwaldrand herangerückt, hat der sogenannte Mindener Hof eine beherrschende Lage bekommen. Er wurde höher gerückt, da versetzt gegen ihn und etwas tiefer liegend ein weiterer kleinerer Mindener Hof geplant ist. Damit soll eine Brücke geschlagen werden zu der talabwärtsgeplanten Doppelreihe der ravens-bergisch-lippischen Höfe und Kotten. Es entsteht so eine geschmeidige Einfügung in das Gelände, wie sie für alte ländliche Baugruppen typisch ist. Der Mindener Hof mit Haupthaus und 5 Nebenbauten — aus dem Norden des Kreises Minden und westlich angrenzender Landstriche stammend — ist gedrängter als der Wiehengebirgshof in seiner Gesamtgruppierung. Das wuchtige Haupthaus von 1673 hat einen leichter gefügten Wohngiebel von 1781, der mit Handstrichziegeln in Ziersetzungen ausgefacht wurde. Die gekalkten Lehmflechtwerk-Füllungen des älteren Baukörpers lassen vor allem das geschweifte Fußstrebenwerk, die Taubandknaggen und Inschriftbänder des vorkragenden Torgiebels unter dem Schattenwurf des kurzen Steckwalms wirkungsvoll hervortreten.
Hier wie bei den früher beschriebenen Bauten beeindruckt die Ausgewogenheit aller kleinen und großen Maß Verhältnisse. Ein Speicher von 1716 mit zierlichen Kopfstreben und rundbogi-gen Türen, ein Schweinehaus von etwa 1600 mit spätgotisch geformten Türstütz, ein Holzhaus, ein Backhaus und eine Scheune — alle von 1671 — flankieren eng das Haupthaus und rahmen gleichzeitig einen knappen Vorhof. Eine Original-Flettpflaster von 1828 aus weit mehr als 100 000 hochkantgestellten Kieselplättchen in ornamentalgefügten Quadraten gestaltet, eine runde erhabene Herdstelle unter schlittenähnlichem Funkenschirm, eine Schrank-und Bettenkastenwand werden z. Zt. im Innern des Haupthauses eingebaut.

Südlich vom Mindener Hof, durch einen bewaldeten Hang von der nordostwestfälischen Höfegruppe getrennt, ist in einem Bachtal der innermünsterländische Gräften-hof aufgebaut worden. Der Bachlauf, der später mit seinen Abzweigungen die vier Inseln der Hofanlage umgräften soll, mußte teilweise verlegt werden. Erdbewegungen waren auch zur Ausweitung des Bachtales erforderlich. (Das Wort münsterländische „Gräfte“, oldenburgisch „Graft“, kommt vom Zeitwort „graben“. Ein Gräftenhof ist eine mit gegrabenen Wasserläufen umgebene Hofanlage, wie sie vom hohen Mittelalter bis in die frühe Neuzeit zur Abwehr von Plünderungstrupps in unruhigen Zeiten diente). Das Haupthaus des Gräftenhofes ist, im Gegensatz zu den nordwestfälischen Typen, kein Zweiständerbau mit niederen angeklappten Seitenschiffen, sondern ein hochwandiges Vierständerhaus. Es hat eine Länge von etwa 42 m, eine Breite und Höhe von je etwa 15 m. Die fast 50X50 cm starken Balken wiegen Stück für Stück rund l ¾ Tonnen, und die 12 m langen, etwa 30X40 cm starken Sparren je ¼ Tonne.

Der innermünsterländische Gräftenhof im Aufbau. Das Hauptbaus von 1787 im Mittelgrund, ganz rechts das Torbaus von 1760, vor dem Haupthaus der mehrgeschossige Speicher von 1711, daneben das Backhaus von etwa 1600, vorn links auf einer kleinen Insel der Wehrspeicher von etwa 1550. Die Anlage ist inzwischen weiter ausgebaut. Foto: Müller, Detmold

Der im Skelett stehende Bau bot sich beim Richtfest als imponierendes Zeugnis für die Leistung ehemaliger Zimmermannsgenerationen dar. Ein Torhaus von 1760 mit 6 Schlüsselloch-Schießscharten gibt über eine Brücke Zugang zur Hofinsel mit dem verhältnismäßig kurzen Hofplatz, hinter dem der schlichte, verbretterte Torgiebel des Haupthauses von 1787 aufragt. Von den Nebenbauten, die das Haupthaus umgeben, stehen bereits ein Speicher von 1711 und ein Backhaus von etwa 1600. Auf einer besonderen kleinen Insel erreicht man über einen Steg in einer teichartigen Verbreiterung der Gräfte den sogenannten Flucht- oder Wehrspeicher von etwa 1550. Er zeigt eine Stockwerkkonstruktion mit zapfenähnlich herunterhängenden Ständer-
schalen, wie sie sonst nur an Bauten des 15. bis 16. Jhr. im Schweizer Mittelland und in Schleswig nachgewiesen sind. Gleichfalls auf einer besonderen Insel steht eine Mäusepfeiler-Scheune von 1760. Auf konisch zulaufenden Sandsteinpfeilern mit kantigen Deckplatten erhebt sich über einem Schwellenrost das Scheunengefüge. Die Lagerböden der Scheune konnten vom Erdboden über die Mäusepfeiler von Ratten und Mäusen nicht erreicht werden. Entsprechungen zu dieser Konstruktion gibt es in zum Teil weit entlegenen europäischen Gebieten. Von der Gräftenhof-Anlage, deren Haupthaus aus der Bauerschaft Alst bei Albersloh, südlich Münster, stammt und deren Nebenbauten aus benachbarten inner-münsterländischen Bauerschaften kommen,
fehlen noch ein Schweineschuppen, ein Holzhaus, ein Schafstall und — auf der Garten-Bleiche-Insel einige Kleinstbauten. Im Bereich des Gräftenhofes konnte ein Bestand an malerischen alten Eichen, Heimbuchen und Buchen gerettet werden, der die Anlage schon jetzt wie gewachsen erscheinen läßt. Die spiegelnden Wasserflächen der Gräften verdoppeln mit den Bildern von Bauten und Bäumen die Wirkung.
Im Farbgewand sprechen diese monumental-einfachen münsterländischen Baukörper mit ihrer Dachdeckung aus handgeformten Hohlziegeln und ihren Wandfüllungen aus Handstridh-Backsteinen völlig anders an als die nordostwestfälischen Bauten mit ihrem dunklen Balkengeäder und gekalkten Gefachen unter den mausgrauen Pelzen der Rethdächer, zu denen dunkelbraune Heidefirste und Heidegiebel der Nebenbauten kontrastieren. Die farbige Schönheit des alten Hohlziegeldaches kommt durchaus der des Rethdaches gleich, nur daß dieses den Baukörper geschmeidiger umhüllt.
Das Innere des münsterländischen Haupthauses ist mit reichgeschnitzten Türen, zwei Wandkaminen in Steinmetzarbeit, mit künstlerisch verzierten Eisenöfen, mit großen Bleifenstern, die farbige Wappenscheiben — sogenannter Fensterbierscheiben — enthalten, viel aufwendiger ausgestattet als die Flettdeelenhallen des westfälischen Nordostens. Die Wohnküche, die von ihrer Erbauungszeit her nicht mehr wie bei den alten Hallenhaustypen quer durch das Wohnende des Hauses reicht, hat 9 X 11 m Grundfläche, und damit den cbm-Inhalt eines modernen Einfamilienhauses.
Im Sommer 1970 sollen die bis jetzt stehenden Baugruppen auch im Innenausbau abgeschlossen sein und dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Aber schon während des Aufbaues haben zahlreiche Interessenten aus dem In- und Ausland das Freilichtmuseum bei Detmold besucht, darunter Fachleute aus Deutschland, Holland, Belgien, England, Norwegen, Dänemark, der Tschechoslowakai, Ungarn, Polen, Rumänien und Japan. Im September 1969 besuchten die Teilnehmer des Internationalen deutschen Volkskunde-Kongresses das Museum. Fernsehen, Rundfunk und die gesamtwestfälische Presse brachten Berichte über den fortschreitenden Aufbau. Am wenigsten Verständnis fanden wir bisher bei der Lokalpresse und einigen Gruppen der Detmolder Bevölkerung, deren Interessenkreise durch das Freilichtmuseum unmittelbar berührt wurden.
Da nun einmal große kulturelle Projekte in unserer kurzlebigen, materialistischen Zeit nur mit Mühen und Opfern durchgesetzt werden können, sind alle Einsichtigen und Wohlmeinenden zur Unterstützung des immer noch gefährdeten Unternehmens aufgerufen. Sollte Westfalen mit Lippe nicht imstande sein, ähnlich wie andere deutsche und europäische Länder, einen Extrakt seiner großartigen alten Volkskultur und eine Anschauung seiner Vergangenheit zu behaupten?

Quelle: Heimatland Lippe 01/1970 – Von Dr. J. Schepers
LWL-Freilichtmuseum-Detmold