Das Fürstlich Lippische Wappen

Burgruine Bernhards II. nahe Lipperode

Die Edlen Herrn zur Lippe gehören einem uralten Herrengeschlechte an. Wir können sie unter diesem, ihrem Familien­ oder Geschlechtsnamen in Urkunden bis in den Anfang des 12. Jahrhunderts (1123) verfolgen, d. h. bis in eine Zeit, in der in Niedersachsen überhaupt erst der Familienname von den edlen Geschlechtern angenommen und erblich fortgeführt wurde. Ihre ältesten Besitzungen lagen nicht an der Stelle des jetzigen lippischen Landes, an der nördlichen Seite des Teutoburger Waldes, sondern vielmehr an der südlichen Seite dieses Waldgebirges, an den Ufern der Lippe. Hier an den Grenzen der Stifter Cöln, Paderborn und Münster, zwischen den Gebieten der Grafen von Ravensberg, von der Mark, von Arnsberg, der Herren von Altena, Steinfurt, Rheda usw. besaßen die Edlen Herrn zur Lippe seit alter Zeit eine Menge von Höfen und Burgen, welche größtenteils an Vasallen zu Lehen gegeben wurden. Ihren Namen führten sie wahrscheinlich von dem Flusse Lippe. Denn auf einer Insel der Lippe lag ursprünglich ihre älteste Residenz, die Burg Lipperode, welche jetzt nur noch in wenigen Mauerresten erkennbar ist. Nicht weit (etwa eine halbe Stunde) davon entfernt wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Stadt Lippe oder Lippstadt angelegt, in der die Edelherren zur Lippe ein Herrenhaus erbauten. Als Wappenbild nahmen sie eine rote Rose in weißem Felde an.

Die Rose gehört nebst der Lilie zu denjenigen Blumen, welche sich am häufigsten im Wappen finden, doch erscheinen beide nicht in ihrer natürlichen, sondern in einer eigentümlich stilisierten Gestalt. Die Rose ist gewöhnlich eine von oben gesehene, offene Blüte der Hecken- oder Hundsrose, rosa canina, meistens mit 5, doch auch mit 6 oder 8 Blättern, die eine herzförmige Gestalt haben und deren Rand etwas eingebogen ist. In der Mitte sieht man die Samenkapsel (Butzen genannt), welche meistens von anderer Farbe (Tinktur) ist als die Blütenblätter. Zwischen den Blütenblättern werden in der Renaissancezeit (in der lippischen Rose erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts) die spitzen grünen Kelchblätter sichtbar. Die Stellung der Blütenblätter ist bei den meisten Rosen derart, dass ein Blütenblatt nach oben, zwei seitwärts, zwei nach unten gerichtet sind (i. 2. 2). Die heraldische Farbe der Rose ist rot, blau,
gelb oder weiß.1Für Leser, welche mit den Grundsätzen nicht vertraut sind, die bei der Abbildung von Wappen allgemein befolgt werden, sei hier Folgendes angemerkt: Soll bei Wappendarstellungen, bei denen man keine Farben anwenden kann, wie auf Münzen, Siegeln, in Druckwerken etc. die Farbe bezeichnet werden, s<^ gebraucht man folgende zuerst von dem Jesuiten Silvester ä Petra Sancta 1638 angewandte Schraffierung. Es wird dargestellt rot durch senkrechte Striche | blau durch wagerechte Striche = grün durch schräg von der Linken gegen die Rechte abwärts gezogene Striche ^ schwarz durch senkrechte und wagerechte sich durchkreuzende Striche Gold (gelb) durch Besäen mit Punkten Silber (weiss) bleibt weiss. Die Naturfarbe wird gewöhnlich nicht bezeichnet.
Vereinzelt finden sich in Wappen auch gefüllte Rosen, doch lassen sich Beispiele derselben erst seit dem Ende des 14. Jahrhunderts nachweisen.

Das von den Edlen Herrn zur Lippe gewählte Wappen war, wie schon gesagt wurde, eine rote goldbesamte Rose in weißem Felde. Die Tinktur oder Farbe der Rose ist stets unverändert gewesen, ihre Figur erscheint nur insofern verschieden, als sie von dem jeweilig herrschenden Stile der Kunst, namentlich der Architektur, abhängig ist und das Gepräge des gotischen, des Renaissance- oder des Rococostiles an sich trägt. Die Blütenblätter der lippischen Rose stehen meistens so, dass ein Blatt nach oben, zwei Blätter seitwärts, zwei nach unten gerichtet sind (1. 2. 2). Doch kann man auf Siegeln, Münzen und Steinen auch die umgekehrten Darstellungen finden. So zeigt das große Siegel Bernhards VII. (1431 — 1511) die Stellung 2. 2. 1, das kleine Siegel dagegen die Stellung 1. 2. 2. Unter seinem Enkel Bernhard VIII. (1536—63) kommen beide Darstellungen fast gleichzeitig vor. Wir sehen die Blätterstellung 2 oben, 2 seitwärts, 1 unten (2. 2. 1):

auf einem goldenen Siegelring des Grafen aus dem Jahre 1548,

  1. auf seinem Wappen, welches an der Vorderseite des Schlosses zu Detmold, rechts vom Eingänge in den Schlosshof, eingehauen ist,
  2. auf seinem Wappen, welches an der Vorderseite des Schlosses zu Detmold, rechts vom Eingänge in den Schlosshof, eingehauen ist,
  3. im Innern des Schlosshofes zu Detmold in dem lippischen Wappen an dem Mittelstockwerke des nordöstlichen Frontflügels, welcher die Jahreszahl 1557 trägt.

Die umgekehrte Stellung der Blütenblätter (1. 2. 2) zeigt sich uns

  1. auf einem Wappensteine mit der Jahreszahl 1550, der
  2. am südöstlichen Schlossflügel über einer Tür des Hofes angebracht ist,
  3. im Schlosshofe über dem Türeingange des nördlichen Treppenturms, an dem die Jahreszahl 1551 steht.

Diese Beispiele beweisen die Berechtigung beider Darstellungen. Das Wesentliche bildet beim Wappen eben das Wappenbild, nicht aber die Art der Ausführung. Diese blieb vielmehr meistens dem Wappenmaler, Stempelschneider, Steinmetzen überlassen, der je nach Begabung und Kunstverständnis seine Arbeit verrichtete.

Die Entstehung der Wappen fällt in die Zeit der Kreuzzüge, in das Ende des elften, besonders aber in das zwölfte Jahrhundert. In den Kreuzzügen, namentlich in den drei letzten, zog der hohe Adel aller christlichen Länder mit seinen Ministerialen scharenweise dem Morgenlande zu. Die Notwendigkeit des Erkennens der Zusammengehörigkeit mag wohl zuerst die Bemalung der Waffen mit bestimmten Bildern veranlasst haben und so auf die Entstehung der Wappen von Einfluss gewesen sein. Eine Folge des durch die Kreuzzüge angeregten ritterlichen Geistes, der in dem Adel eine Korporation hervorrief, waren dann die ritterlichen Kampfspiele oder Turniere. Sie waren von besonderem Einflüsse auf die Entwickelung des Wappenwesens. Es wurde nämlich üblich — so wie jetzt beim Pferderennen die Reiter durch farbige Jacken kenntlich gemacht werden — die vorsichtig vermummten Ritter beim Turnier durch Farben und Figuren auf dem Schilde zu bezeichnen. Diese Abzeichen wurden anfänglich für jedes Turnier neu gewählt, später lebenslänglich, nach der Mitte des zwölften Jahrhunderts aber erblich beibehalten und zu einem Symbol der Familie oder des Geschlechts gemacht, und nunmehr fing man an, von diesen Maskeradekostümen einen wichtigen juristischen Gebrauch zu machen, indem man die Waffenbilder in Siegel- und Münzstempel grub. Die erste Wahl dieser Verzierungen und die anfängliche Abwechslung derselben war wohl eine ebenso zufällige, vom Geschmacke des Wählers oder den Vorräten des Waffenschmiedes abhängige als heutzutage die eines Musters zu einem neuen Anzuge oder zu Tapeten. Es ging aber mit dieser hieroglyphischen Schreibart der Familiennamen wie mit den Namen überhaupt. Denn letztere war ursprünglich ebenso willkürlich und zufällig entstanden, wie jetzt z.B. die Spitznamen, die auf Schulen und Universitäten gegeben werden; aber die Unveränderlichkeit der Familiennamen ist jetzt gesetzlich vorgeschrieben.

Gehen wir nach diesen Vorbemerkungen zur Entwickelungsgeschichte des Fürstlich Lippischen Wappens selbst über, so können wir, wenn wir von kleineren oder unwesentlichen Veränderungen absehen, welche nur bei eingehender Forschung in Betracht kommen, vier Entwickelungsstufen desselben unterscheiden. Die erste Periode reicht von der Annahme des Wappens bis zum Jahre 1528, die zweite Periode beginnt im Jahre 1528, die dritte 1687, die vierte 1789.

Die Rose findet sich als Wappenbild zuerst um das Jahr 1200, und zwar auf Siegeln und Münzen des Grafen Hermann II., welcher von 1196 bis 1229 regierte. Sie ist von den Edlen Herrn zur Lippe bis zum Jahre 1528, also über 300 Jahre, unverändert geführt worden. Doch zeigt ein in Lemgo geprägter Denar aus dem 13. Jhdt. auffallender Weise 3 Rosen statt der einen lippischen im Wappenschilde, was sich wohl daraus erklären lässt, dass diese Münze von Bernhard IV., dem jüngeren nachgeborenen Sohne des Grafen Bernhard 111. geprägt ist, der bei seines Vaters Tode die Güter im Gaue Detmold, also auch Lemgo erhielt.

Besondere Beachtung verdient in dieser ersten Periode der Geschichte des lippischen Wappens der Helm mit seinem Schmucke, dem Helmzeichen, gewöhnlich Helmkleinod oder Helmzier genannt. In der ältesten Periode der Heraldik, welche vom elften bis zum dreizehnten Jahrhundert reicht, stellte der Schild mit seinem Bilde allein das Wappen dar. Im 13. Jhdt. kam dann der Helm mit der Helmzier hinzu und wurde ein notwendiger Bestandteil des Wappens ritterlicher Personen und Geschlechter. Die Helmzier des lippischen Hauses war nun anfänglich, wie das Wappenbild selbst, nur eine fünfblättrige Rose, welche sich entweder unmittelbar auf dem Helme erhebt, oder auch auf kurzem Stengel steht. Diese Rose sehen wir z. B. auf den Reitersiegeln der Grafen Bernhard III. v. J. 1240 und Bernhard V. v. J. 1358, sowie auf den Helmen aller Wappensiegel des 13. und 14. Jahrhunderts. In der Mitte des 15 Jahrhunderts, wo man allmählich aufhörte, den Wappenschild und Helm mit seinem Schmucke wirklich zu tragen, verschwindet die Rose als Helmzier. Statt derselben findet sich, zuerst auf einem Siegel Simons von 1455, ein Paar Flügel, in der Heraldik ein Flug genannt. Dieser Flug ist anfänglich bald ganz weiß, bald auf der Vorderseite weiß, auf der Rückseite rot, bald umgekehrt. Fest bestimmt wurde seine Tinktur erst mit dem Jahre 1528.

So kommen wir denn zu dem zweiten Abschnitte, welcher mit dem genannten Jahre 1528 beginnt. In diesem Jahre nämlich wurde das alte über 300 Jahre geführte Stammwappen des Hauses Lippe durch den Grafen Simon V. verändert.

Noch vor dem Ende des Mittelalters hatten die Edelherrn zur Lippe ihre Herrschaft diesseits und jenseits des Waldes zu ihrem jetzigen Umfange erweitert. Schon in den Jahren 1322 und 1356 hatten sie infolge einer früher geschlossenen Erb Verbrüderung den größten Teil der Grafschaft Schwalenberg erworben, während der kleinere Teil, etwa ein Viertel des Besitzes, dem Bischof von Paderborn abgetreten wurde. Um 1418 war die Grafschaft Sternberg in lippischen Besitz übergegangen. Zu der dauernden Verbindung des neuen Erwerbs mit dem Stammlande war durch das Unteilbarkeitsgesetz vom Jahre 1368 der Grund gelegt, aber als ganz gesichert konnte sie wegen der von verschiedenen Seiten, namentlich von den Grafen von Schaumburg und von den Bischöfen von Paderborn auf einzelne Landesteile gemachten Ansprüche erst angesehen werden, als Simon V. (1511 bis 1536) die Verbindung der einzelnen Landesteile zu einem Ganzen herzustellen suchte. Infolge dieser Bestrebungen nahm er den Titel ,,Graf und Edler Herr zur Lippe“ an und erweiterte sein einfaches Stamm Wappen dadurch, dass er das schwalenbergische mit dem seinigen verband. War dies der eine Grund für die Wappen er Weiterung, so folgte dieser Fürst bei Annahme des gevierten Wappens wohl auch einem Zuge der Zeit. Bis zum Ende des 15. Jhdts. reicht die Blütezeit der Heraldik. In ihr fällt der wirkliche Schild mit dem heraldischen zusammen, d. h. der bemalte Wappenschild und der Helm mit seinem Schmucke wurden wirklich getragen. Als aber die Turniere ein Ende nahmen, bemächtigte sich die bildende Kunst der Wappendarstellungen und schuf daraus einen stoffreichen Zweig der Ornamentik. Man erblickte in dem Wappen nicht mehr nur Abbildungen der Turnier Schutzwaffen, nur Geschlechts- oder Familiensymbole, sondern man wollte in ihm außer dem Namen auch den Besitz, Stand, Rang und Titel des Inhabers bezeichnet sehen. Hiermit verband sich schon im 15., vorzugsweise aber im 16. Jhdt. die Sucht, die Wappen möglichst felder- und farbenreich zu gestalten, sich mindestens aber ein geviertes Wappen zuzulegen.

So wurde denn mit dem Jahre 1528 aus dem einfachen lippischen Geschlechtswappen ein zusammengesetztes vierfeldriges Besitzwappen, in dessen 1. und 4. Felde sich die lippische Rose, in dessen 2. und 3. Felde sich das Schwalenberger Wappen zeigt.2Diesen vierfeldrigen Schild behielt auch Philipp (f 1681), der jüngste Sohn des Grafen Simon VI. (1063—1613), bei, welcher nach dem Tode des letzten Grafen von Schauenburg (1640) die Hälfte dieser Grafschaft erbte und so der Stifter der Schaumburg-Lippischen Linie wurde. Zur Unterscheidung legte er als Mittelschild das Wappen der Grafschaft Schauenburg auf, welches ein sogenanntes weisses Nesselblatt im roten Felde mit weiss und rot geteiltem Mittelschildchen darstellt. Das jetzige Fürstliche Wappen hat noch ebendenselben Schild. Auf ihm ruhen drei Helme. Der mittlere hat als Helm- zier acht mit dem Nesselblatt belegte Fähnchen zwischen zwei mit je drei Pfauenfedern besteckten Stäben, der rechte (her.) eine rote Rose zwischen zwei weiss und rot geteilten Flügeln, der linke einen goldenen Stern zwischen zwei gelb und rot bez. rot und gold geteilten Hörnern. Den Schild halten zwei Palmen tragende bekleidete Engel Der Wahlspruch lautet: Noli me tangere (Rühr mich nicht an!)

Das Wappen der Grafschaft Swalenberg, d. h. Schwalbenberg, da in mittelhochdeutscher Sprache neben swalwe und swalbe auch die Formen swale und swal Vorkommen, ist ein sogenanntes redendes Wappen. Es zeigt eine auf einem goldenen acht- oder auch sechsstrahligen Sterne sitzende Schwalbe von natürlicher Farbe in rotem Felde. Die Schwalbe schaut gewöhnlich nach links. Nur auf den Münzen des Grafen Hermann Adolf (1652—1666) sieht die Schwalbe des 3. Feldes nach rechts und auf einer gusseisernen Platte, die über der Tür in der südlichen Ecke des Schlosshofes zu Detmold eingelassen ist, sind beide Schwalben nach rechts gerichtet.

Die erste bekannte ausgefertigte Urkunde, in der es heißt: „Simon von Gottes Gnaden Graf und Edler Herr zur Lippe“ datiert vom 29. März 1529. Aber schon im vorhergehenden Jahre muss Simon diesen Titel angenommen haben, da im Jahre 1528 ein Taler gemünzt wurde, dessen Hauptseite die Umschrift: SIMON. COM: ET. NOBIL : DO : DE. L1PP:, d. h. Simon comes et nobilis dominus de Lippia (Simon Graf und Edler Herr zur Lippe) und dessen Rückseite den gevierten Schild zeigt. Doch nahm Simon keinen zweiten Helm für Schwalenberg hinzu, sondern zu diesem gevierten Wappenschilde wurde nur der eine Helm des lippischen Feldes geführt.

Einen neuen Abschnitt in der Geschichte des lippischen Wappens müssen wir dann unter der Regierungszeit des Grafen Simon Heinrich (1666—1697) mit dem Jahre 1687 machen, da in diesem Jahre sowohl eine Veränderung des Wappens, als auch des gräflichen Titels stattfand.

Schon bei seinem Regierungsantritt änderte Simon Heinrich das Wappen. Er setzte nämlich nach dem Geschmacke der Zeit anstatt des Helms mit den Helmdecken eine französische Herzogskrone über den Schild, d. h. einen mit 5 Blattzinken oder Fleurons besetzten Reif und wählte zu Schildhaltern zwei Leoparden. Eine wesentliche Veränderung des Wappenbildes erfolgte aber 21 Jahre später, im Jahre 1687, in welchem wegen der Erwerbung der niederländischen Herrschaften Vianen und Ameiden dem wie bisher gevierten Wappenschilde ein gleichfalls gevierter kleinerer Mittelschild aufgelegt wurde.

Wie ich schon vorhin hervorgehoben habe, ist das Wappen ursprünglich die hieroglyphische Darstellung eines Familiennamens, nicht einer Sache z. B. einer Besitzung, eines Landes, eines Staates. Wie nun auch jetzt gelegentlich noch zwei Familiennamen zu einem einzigen Namen vereinigt werden, so wurde auch, wenn ein Geschlecht bis auf eine Erbtochter ausgestorben war, bei Verheiratung derselben von dem Gatten das Wappen der Gattin mit in das eigene aufgenommen. Die Verbindung zweier Wappen geschah auf verschiedene Weise. Eine derselben bestand darin, dass der Schild der Gattin als Mittelschild auf den Schild des Gatten gelegt wurde.

Simon Heinrich war vermählt mit Amalie von Dohna. Dieselbe hatte zwei Brüder, Karl und Dietrich, welche im Jahre 1686 bei der Belagerung von Ofen erschossen wurden. Da mit ihrem Tode die Familie Dohna in männlicher Linie ausstarb und sie die einzig Überlebende des Geschlechtes blieb, so brachte sie die beiden an der Grenze von Holland und Geldern, südlich von Ütrecht gelegenen Herrschaften Vianen und Ameiden, zu denen auch die Burggrafschaft Ütrecht gehörte, ihrem Gemahle zu. Seit dem Antritt dieser Erbschaft, also seit 1687, führte daher Simon Heinrich den Titel: Graf und Edler Herr zur Lippe, Souveräner Herr von Vianen und Ameiden, Erbburggraf zu Ütrecht (Comes et Nobilis dominus in Lippia, Supremus dominus Vianae et Ameidae, Burggravius hereditarius Ultrajecti)[footnote number=“3″ ]In Lippia statt des früheren de L. steht auf den Münzen seit dem Jahre 1600.[/footnote]. Obwohl nun bereits sein Enkel Simon Heinrich Adolf diese Herrschaften im Jahre 1725 wieder an die holländischen Generalstaaten veräusserte, so wurden doch die Wappenbilder nach heraldischem Gebrauche in dem lippischen Wappen weiter geführt.

Der im Jahre 1687 aufgenommene Mittelschild besteht wie der Hauptschild ebenfalls aus 4 Feldern. Im 1. und 4. Felde ist das Wappen von Vianen, drei Mühleisen in Weiss, im 2. und 3. Felde das von Ameiden, drei weisse mit blauen sogenannten Eisenhüt lein belegte Querbalken in Rot3Ich gebrauche hier den schon in der alten Heraldik vorkommenden Ausdruck „Eisenhütlein“, da man nicht sicher weiss, ob die Figur Pelzwerk darstellt, und zwar das Feh — Felle des grauen norwegischen Eichhörnchens — oder ein Muster, ähnlich wie Schach, Rauten, Wecken ist, welches durch Stückung der Schilde oder ausgeschnittene Stoffe entstand. Unter Miihleisen sind Klammern zu verstehen, mit denen die Mühlsteine an der Welle befestigtwerden. H. Grote, Stammtafeln, Lpzg. 1877, erklärt die Miihleisen für Maueranker.. Dazu kamen die beiden Helme: Vianen hat als Helmzier einen blauen Rehkopf mit goldenen Ohren, Ameiden eine Bärentatze, welche einen kurzen Stab hält. Diese beiden Helme erscheinen noch nicht in dem achtfeldrigen Kabinetssiegel des Grafen Simon Heinrich, sondern nur die drei Helme von Sternberg, Lippe und Schwalenberg. Alle drei Helme haben als Helmzier ein Paar Flügel, doch hat der Sternberger Helm zwischen den Flügeln einen Stern, der lippische eine Rose, der Schwalenberger eine Schwalbe. Erst Simons Sohn und Nachfolger Friedrich Adolf Hess bei seinem Regierungsantritt 1697 einen Kabinetsstempel anfertigen, in dem auf dem achtfeldrigen Schilde die 5 Helme von Sternberg, Vianen, Lippe, Araeiden und Schwalenberg ruhen. Auf den von ihm geprägten Münzen sehen wir das Wappen mit diesen 5 Helmen nur auf den grösseren Stücken, zuerst auf Gulden vom Jahre 1710, während er sich auf den kleineren zuerst der Mützenkrone bediente, d. h. einer purpurnen Mütze, deren Rand von einem mit Blatt- oder Perlenzinken besetzten, mit Edelsteinen belegten Reifen umgeben wird. Auffallend ist der Umstand, dass der Helm des Sternberger Wappens über dem Schilde angebracht ist, obwohl das Wappenbild selbst, ein achtstrahliger Stern, in seinen Feldern nicht erscheint.

Auf den Münzen und Siegeln der nachfolgenden Grafen finden wir so das Wappen ohne wesentliche Änderungen dargestellt.

Im Hauptschilde:

Feld 1 und 4 : die Lippische Rose,

Feld 2 und 3 : die Schwalenberger Schwalbe auf dem Sterne,

im Mittelschilde:

Feld 1 und 4: die Mühleisen von Vianen,

Feld 2 und 3 : die Querbalken von Ameiden.

Über dem Schilde sehen wir entweder die von Simon Heinrich aufgenommene französische Herzogskrone, oder die von seinem Sohne gewählte Mützenkrone, oder die 5 Helme.

Die letzte wesentliche Veränderung des lippischen Wappens erfolgte dann im Jahre 1789. Bei seinem Regierungsantritt wurde nämlich der bisherige Graf Friedrich Wilhelm Leopold in den Reichsfürstenstand erhoben. Das in diesem Jahre angenommene Wappen besteht aus 9 Feldern, von denen je drei übereinander liegen. Das mittelste silberne Feld enthält die lippische rote, goldbesamte Rose, das Familienwappen.

Im ersten und letzten silbernen Felde sehen wir die Mühleisen von Vianen, und zwar fünf Stück statt der früheren drei. Im zweiten und achten roten Felde befindet sich die Schwalenberger Schwalbe auf dem goldenen achtstrahligen Sterne. Im dritten und siebenten Felde sind die Querbalken von Ameiden. Zu beiden Seiten der lippischen Rose ist ein achtstrahliger roter Stern im goldenen Felde als Wappen von Sternberg angebracht. Auf dem Schilde ruhen fünf Helme. Drei davon sind mit einem silbernen Paar Flügel oder einem Fluge geziert, nämlich der mittlere, der äussere rechte und linke (heraldisch). Doch unterscheiden sie sich dadurch, dass zwischen den Flügeln des mittleren eine Rose schwebt (für Lippe), zwischen den Flügeln des rechten ein goldener Stern mit der Schwalbe (für Schwalenberg), zwischen den Flügeln des linken ein roter Stern (für Sternberg) sichtbar ist. Der Helm für Vianen zeigt den oben erwähnten Rehkopf. Statt der Ameidischen Bärentatze, welche einen Stab hält, finden wir von jetzt an einen rotgekleideten Arm, welcher einen abgeschnittenen beschlagenen Pferdefuss in der Hand aufwärts hält. Erwähnen will ich hierbei, dass statt der Bärentatze schon nach dem Jahre 1766, in welchem dem Grafen Simon August der hessische Löwenorden verliehen wurde, ein beschlagener Pferdefuss im Kabinetssiegel auftritt. Die Helmdecken des mittleren Helmes sind silbern und rot, die des äusseren rechten und linken gold und rot, die der beiden andern Helme silbern und schwarz (für Vianen), bez. silbern und rot (für Ameiden). Den Schild halten zwei Engel in weisser Heroldskleidung, von denen der zur Rechten (heraldisch) die rote Rose im silbernen Felde, der zur Linken den goldenen Stern mit der Schwalbe im roten Felde auf der Brust trägt. Jeder Engel hält in der Hand eine Fahne und zwar ist die rechte weisse mit der lippischen Rose, die linke rote mit dem Schwalenberger goldenen Stern und der Schwalbe belegt. Die rechte Fahnenstange ist rot, die linke golden. Der ganze Schild mit den Helmen ist von einem mit Hermelin gefütterten und mit einem Fürstenhute gezierten purpurnen Fürstenmantel umgeben.

Dieses Wappen wird bis auf den heutigen Tag geführt. Neu zeigt sich in ihm das rechts und links von dem Herzschilde, d. i. dem mittleren Felde angebrachte Wappen der Grafschaft Sternberg, ein roter achtstrahliger Stern in goldenem Felde. Dass erst jetzt das Sternberger Wappen in das lippische aufgenommen wurde, obwohl die Edlen Herrn zur Lippe bereits um 1418 die Grafschaft Sternberg nach dem Aussterben dieses Hauses erworben hatten, beruht vielleicht darauf, dass bis dahin die Einverleibung des Sterns in das lippische Wappen bedenklich erschienen war. Denn erst um diese Zeit wurden die Ansprüche Paderborns auf diese Grafschaft durch Vergleich beseitigt.

Den Schild des fürstlichen Wappens halten zwei Engel in weisser Heroldskleidung, welche erst jetzt als Schildhalter festgesetzt wurden. So häufig auch der Gebrauch der Schildhalter in der Heraldik des Mittelalters gewesen zu sein scheint, so wurden sie doch nie zu den wesentlichen und unveränderten Bestandteilen der Wappen gezählt. Daher kommt oft ein und dasselbe Wappen mit verschiedenen Schildhaltern vor. Bayern hat z. B. nicht immer nur Löwen, sondern auch Engel, Frauen, Waldmenschen, Österreich Engel, Löwen und Greife. Erst in neuerer Zeit wurden bei Staatswappen auch die Schildhalter offiziell bestimmt. Ebenso finden wir beim lippischen Wappen in früherer Zeit verschiedene Schildhalter. Zum ersten Male begegnen uns diese heraldischen Prachtstücke auf einem Siegel Bernhards V. vom Jahre 1349, wo zwei menschliche Gestalten in weiten Röcken, sogenannte Wappenknechte den Schild halten. Auf dem schon oben erwähnten Wappensteine rechts vom Eingänge in den Hof des Detmolder Schlosses halten je ein unbekleideter Mann und eine unbekleidete Frau die Wappen Bernhards VIII. (1536—1563) und seiner Gemahlin Katharina Gräfin zu Waldeck, unter deren Regierung der jetzige Bau in seinem Hauptteile um das Jahr 1557 vollendet wurde. Dieselben Wappenhalter erscheinen auf dem ebenfalls schon erwähnten Wappensteine mit dem Namen desselben Grafen und der Jahreszahl 1550, der am südöstllichen Flügel über einer Thür des inneren Schlosshofes angebracht ist. Die letztgenannten drei Darstellungen sind besonders bemerkenswert, weil auf ihnen die Schildhalter nur die halbe Höhe des Schildes erreichen, während sic gewöhnlich grösser als der Schild sind. Zwei unbekleidete Engel bemerke ich dann zuerst auf dem Doppelwappen des Grafen Simon VII. und seiner Gemahlin Anna Katharina geb. Gräfin zu Nassau-Wiesbaden, welches über dem Eingänge der Schlossküche eingelassen ist. Unter dem linken Wappen steht auf einem Bande die Inschrift: SIMON. G. V. E. H. Z. LIPP. d. h. Simon Graf und Edler Herr zur Lippe, unter dem rechten: ANNA. CATRINA. G. Z. N : WISBAD. d. h. Anna Katharina Gräfin zu Nassau-Wiesbaden. Über der Thür selbst lesen wir: 16. OIÄ. DAT. DNS. 20 = Omnia dat Dominus. (Alles giebt der Herr 1620). Dieselben  Schildhalter sind auf den Siegeln des Grafen Rudolf zur Lippe-Brake (f 1707) und seines Vetters Ludwig Ferdinand, mit dem diese Linie am 21. Febr. 1709 erlosch. Zwei Löwen (Leoparden) sehen wir auf dem Kabinetssiegel Simon Heinrichs (1666—1697), sowie auf seinen und seines Sohnes Friedrich Adolf (1697—1718) Münzen. Doch zeigen die Siegel des letztgenannten Grafen 2 be- kleidete Palmen tragende Engel, die dann auch sein Sohn Simon Heinrich Adolf (1718-1734) und sein Enkel Simon August (1734 —1782) führen. Ein Beispiel für die Darstellung dieser Schild- halter bietet der Denkstein über dem Eingänge der lutherischen Kirche, wo der Schild des Grafen Simon Heinrich Adolf von einem bekleideten, eine Palme tragenden Engel gehalten wird.

In gleicher Weise, wie die Schildhalter, die erst seit 1789 fest bestimmt erscheinen, wechseln die Devisen oder Wahlsprüche der Grafen zur Lippe. Das älteste Beispiel eines Wahlspruches haben wir auf dem Siegel des Grafen Otto von 1343, wo statt
der Umschrift die Worte stehen:  SWIGHEN IS DAZ BESTE (Schweigen ist das Beste). Weitere Wahlsprüche finden sich dann noch auf den gräflichen Münzen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Ich lasse dieselben hier mit dem Namen der Grafen folgen.

Graf Simon VI. 1563—1613) Respice finem = Bedenke das Ende.

Graf Simon VII. (1613—1627) Si deus pro nobis, quis contra , nos = Wenn Gott für uns ist, wer ist wider uns.

Graf Simon Philipp (1636—1650) Deo favente = Mit Gott. Graf Hermann Adolf (1652—1666) Spes confisa Deo nunquam confusa recedit = Die Hoffnung, die auf Gott vertraut, schlägt nie fehl.

Graf Simon Heinrich (1666—1697) *• Clemente Deo et bona conscientia = Mit Gottes Gnade und einem guten Gewissen. 2. Seit 1685: Nec temere nec timide = Besonnen und furchtlos.

Graf Friedrich Adolf (1697—1718) Die Gold- und Silbermünzen von 1710 und 1711 tragen den Wahispruch: Decorum quod honestum = Ehre bringt, was ritterlich ist, die späteren: Justum et decorum Gerechtigkeit J,^ und Ehre.

Graf Simon Heinrich Adolf (1718—1734) Justum et decorum.

Das fürstliche Wappen hat keine Devise.

Betrachten wir zum Schluss noch die Zusammensetzung des Wappens in den verschiedenen Perioden mit Rücksicht auf die Gesetze der klassischen Zeit der Heraldik, so wurde bei der ersten Erweiterung im Jahre 1528 das Wappen der ausgestorbenen von Lippe beerbten Grafen von Schwalenberg regelrecht mit dem Stammwappen verbunden. Auch als 1667 das Wappen von Vianen und Ameiden hinzukam, verfuhr man genau nach dem heraldischen Gebrauche des Mittelalters, indem man die später ererbten Wappenfelder nicht mit den älteren durcheinander warf, sondern als nicht dazugehörig in einem Mittelschilde auflegte. Bei der neuen Zusammensetzung des Schildes von 1789 verloren aber beide ihre genealogische Bedeutung und wurden in eine Reihe mit den Besitzwappen gestellt. Somit haben wir in den verschiedenen lippischen Wappen treue Abbilder der heraldischen Ansichten ihrer Zeit, und ihre Geschichte liefert daher einen lehrreichen Beitrag zur Geschichte des Wappenwesens.

Quelle: Geschichte des Fürstlich Lippischen Wappens von F. Köhler 1893

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