Das Fürstliche Hoftheater brennt

Die Ruine des 1912 abgebrannten Detmolder Theaters.

Im Winter 1912 gab es auf dem Burggraben in Detmold ein Eiskonzert nach dem anderen, ähnlich wie in dem harten Winter 1928/29. So auch am 5. Februar, und wir hatten kühne Bogen gezogen und manch Tänzlein und allerlei Sprünge gewagt. Gemeinsam mit Leo Nebelsiek gaben wir unsere Schlittschuhe in der Eisbude in Verwahrung bis zum folgenden Tag und begaben uns zum Theater, wo der „Bettler von Syrakus“ auf dem Programm stand.
Schon beim Eintritt merkten wir die Überhitzung des Hauses, die sich auf unserem Stammsitz auf dem hohen Olymp noch stärker fühlbar machte. Auch die uns bekannten Damen auf dem Amphitheater fächelten sich dauernd Kühlung zu. Mitten im 1. Akt trat Theatersekretär Günther vor den Vorhang und bat das Publikum, in Ruhe das Haus zu verlassen, da das Stück abgebrochen und auf später verschoben werden müsse. Schon machte sich ein Brandgeruch von verkohltem Holz bemerkbar, und als wir im Vestibül waren, kam die dringende Aufforderung, das Haus zu räumen. Bald raste die Feuerwehr heran, und wir waren kaum auf dem großen, freien Platz, als die Flammen lichterloh haushoch schlugen.
Nie werde ich dieses schaurige Schauspiel vergessen, und am Burggraben standen wir gemeinsam mit all dem Bühnenpersonal, das zum Abschminken keine Zeit mehr gehabt hatte. Wieviel Tränen aus Künstleraugen flössen an jenem Abend, wussten doch alle um ihr eigenes Schicksal in jener Zeit, als es noch keinerlei soziale Sicherheit für die Truppe gab. In kaum mehr als einer Stunde brach alles zusammen, und bald rüsteten wir zum Heimweg, am anderen Morgen nur noch die alten klassischen Säulen des Vorbaues sehend, die von verschwundener Pracht kündeten.
Die kleine Residenz trauerte und mit ihr wohl das ganze Land, fühlte doch jeder den unersetzlichen Verlust und waren tausend Erinnerungen der Stadt-und Landesbewohner mit diesem Musentempel verbunden. Dass er in den harten Kriegsjahren unter der Regierung Leopolds IV. neu erstehen konnte und er heute unter Will-Rasings Leitung die größte Wanderbühne in seinen Mauern birgt, sollte uns Detmolder alle stolz machen und zu großem Dank verpflichten. Als vor kurzem Will-Rasing sein dreißigjähriges Dienstjubiläum beging und als wenige Tage zuvor Generalmusikdirektor Sixt uns allzufrüh durch den Tod entrissen wurde, da offenbarten die angesetzten Feierlichkeiten, welch großer Wertschätzung sich unser Musentempel in Stadt und Land des Lipperlandes und weit darüber hinaus erfreut.

Heimatland Lippe: September 1969 Von Heinrich Röhr

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