Das Geheimnis der schwarzen Frau vor dem Schlinge

Blick in den Schling. By Tsungam (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Noch heute weiß der Volksmund im Ortsteil Schling der Gemeinde Heiligenkirchen von dem Erscheinen einer „weißen Frau“ in früheren Zeiten zu berichten. Was ist an dieser Erzählung wahr, und wie verhielt es sich mit dieser geheimnisvollen Frau? Wir erfahren näheres darüber im sogenannten „Lippischen Magazin für vaterländische Cultur und Gemeinwohl“ vom Jahre 1837 (S. 638 f).

Seit Jahrhunderten soll im Detmolder Raum von Zeit zu Zeit eine schwarze oder weiße Frau erschienen sein, der nichts verborgen geblieben ist. Besonders häufig zeigte sich die geheimnisvolle Frau im Frühjahr 1819 vor dem Schlinge bei Heiligenkirchen. Sie war bekleidet mit einem langen schwarzen seidenen, mit Goldflitter durchwebten Kleide, den Kopf eingehüllt in einen weißen Schleier. Als Zeichen ihrer Macht trug sie in der rechten Hand einen weißen Stab, in der linken einen Bund Schlüssel. So hatte sie sich wiederholt zur Nachtzeit sehen lassen. So hatte sie die Menschen verängstigt, beim Abendessen vom Tisch verjagt, sich selbst an den Tisch gesetzt und ein Stück Wurst verzehrt. Welch’ sonderbare Erscheinung!

Diejenigen, die nicht an Gespenster glauben wollten, konnten sich immerhin nicht erklären, wie irgendjemand von der Landbevölkerung in den Besitz eines solchen Kleides gekommen sein könnte. Nur die Tatsache, daß bei der sonst .allgemeinen
Angst einige Menschen vor dem Schlinge über die Erscheinung der „schwarzen Frau“ sehr gelacht hatten, brachte die Wahrheit an den Tag. Es wurde eine Haussuchung veranstaltet, und man fand tatsächlich in einem alten Schranke des Kolon H. das seidene Kleid, das besagte Tuch und den Stab. Kolon H. gab auch zu, daß ihm das Kleid — einst ein Gewand der Königin der Nacht — geschenkt worden sei und er nur den Mut seiner Mitmenschen im Schling habe prüfen wollen. Das Magazin berichtet wörtlich: Die Furcht vor diesem Gespenst schien verschwunden zu sein, als der rüstige Mann mit rotem Backenbart die sonderbare Frauenkleidung angelegt hatte, darin am hellen Tage, begleitet von der zahlreich versammelten lieben Jugend, nach Detmold abgeführt und für den nächtlichen Unfug mit achttägigem Werkhaus-Arrest bestraft worden, war. Seitdem hat man von einer Erscheinung der schwarzen Frau hier nichts wieder vernommen; wer den Aberglauben anregen wollte, wurde ausgelacht und auf die schwarze Frau vor dem Schling verwiesen. Erst jetzt (1836/37), nach 17 Jahren, scheint dieselbe mehr und mehr vergessen zu sein, denn verschiedene Male soll sich, wenn auch keine schwarze, doch eine weiße Frau zur Nachtzeit wieder haben blicken lassen. Es wäre zu wünschen, daß auch dieser gefürchtete Geist der Finsternis beschworen, zum Erscheinen am hellen Tage gezwungen und für das Gute gewonnen werden könnte.

Wer war nun Kolan H. vor dem Schlinge? Die Regierungsakten des Stadtarchivs Detmold geben Aufschluß darüber. Aus der Liste der sogenannten „Corrigenden des Strafwerkhauses in Detmold“ für den Monat August 1819 ergibt sich folgendes: Kolonus Hahmeier, geboren zu Berlebeck, Wohnort Berlebeck, 29 Jahre alt, reformiert, verheiratet, gesund, Frau wohnt in Berlebeck, wurde am 3. August 1819 ins Strafwerkhaus eingeliefert, weil er sich als ein Gespenst gekleidet hat. Es war sein erster Aufenthalt im Strafwerkhaus. Er wurde mit Gartenarbeit beschäftigt, war fleißig, still und ordentlich und wurde nach acht Tagen, am 10. August wieder entlassen. Das Hahmeiersche Kolonat, von wo er aus die Streifzüge unternahm, ist das heute Tappesche Haus, Berlebeck Nr. 2.

Quelle: LIppischer Kalender 1958 – Von Herbert Stöwer