Das Gut Rothensiek und die Stadt Horn

Torhaus "Gut Rothensiek" in Leopoldstal bei Bad Meinberg. By Tsungam (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Zwischen den beiden Landstraßen Horn—Heesten—Steinheim und Horn—Leopoldstal liegt, eingebettet in eine mit Buchenwald bestandene Senke, einsam und weltabgeschieden das Gut Rothensiek, früher Rodensiek geheißen. Es hat eine höchst bewegte Geschichte; die alten Akten und Urkunden sind so interessant, daß wir von ihnen hier einiges berichten wollen.

Zu Anfang wird ein Hermann Trumpe (der Ältere) erwähnt. Er war Hornscher Bürger, und von ihm wird uns berichtet, daß er in Horn einen Mann erschlagen habe und „über die Mauer gefallen“ sei, d. h. die Stadt verlassen habe. Er siedelte sich südöstlich von Horn von neuem an, unterstützt hierbei von dem lippischen Landesherrn Bernhard VII. (dem bellicosus = dem Kriegerischen genannt).

Im Jahre 1530, wo allerorten die Reformation vor der Türe stand, teilte er seine Güter so auf, daß sein Sohn Hermann und Frau Ilse das Gut Rothensiek bekamen, während Graf Simon V. diesen mit der Wohnung und Hufe, dem landwirtschaftlichen Besitz, belehnte. Abgemacht wurde allerdings, daß das Haus nur solange stehen bleiben solle, wie Hermann Trumpe der Ältere lebte. Die Stadt Horn, die bei der Nähe des Gutes Rothensiek und bei
dem Interesse des Landesherrn an der Familie Trumpe wohl befürchtete, daß die Gutswohnung als Dauerzustand erhalten bliebe, hat überdies mit der Familie Trumpe nicht in tiefem Frieden gelebt. Wir erfahren bei dieser Gelegenheit, daß Trumpe„19 Kuhhäupter, 50 Ziegen und einen Haufen Schweine“ hatte. Wie es zu gehen- pflegt, wenn so viele Herden — auch die Stadt Horn war früher rein landwirtschaftlich interessiert — nahe beieinander lebten, entstanden dadurch oftmals Streitigkeiten, die erbitterte Stimmung zwischen den Beteiligten zurückließen. Im Jahre 1541 ließ Trumpe s ein Vieh auf Horns ehern Gebiete weiden. Hornsche Bürger griffen zur Wehr,
um Ihm das Vieh, das auf ihrer Gemarkung betroffen worden war, wieder abzunehmen. Trumpe wandte sich beschwerdeführend an die Regierung um die Herausgabe des Viehes, das im Besitz der Stadt Horn verblieben war. Er erreichte auch, daß ihm das Vieh herausgegeben werden mußte.

Dieser Kleinkrieg um den Besitz des Viehes hat jahrzehntelang gedauert. Im Jahre 1544, als schon der zweite Gemahl der Frau Ilse der Besitzer von Rothensiek war, kam es jedoch zu einem bösen Zusammenstoß. Ein Knecht von Trumpe hatte auf Hornschem Gebiete am 23. August 1544 Pferde gehütet, so daß der Hornsche Kuhhirt Engelbrecht dazu überging, die Pferde zu „pfänden“, d. h. mit Beschlag zu belegen. In diesem Augenblick zog Trumpes Knecht seine Waffe, die er hinter einem Kornhaufen verborgen gehalten hatte, hervor und schlug den Kuhhirten rücksichtslos nieder. Kurd Walter, der Gatte von Trumpes Schwiegertochter, sah vom benachbarten Grundstücke, wo er mit Feldarbeiten beschäftigt war, dem Totschlag ruhig zu, ohne seinem Knecht Einhalt zu gebieten.

Man kann sich vorstellen, daß in der Stadt Horn ob dieser Bluttat größte Bestürzung herrschte. Wie werden sich wegen des erschlagenen Kuhhirten die Frauen über den Mörder auf dem nahen Gute Rothensiek erregt haben! In allen Häusern und auf den Straßen lamentierten aber auch die Männer über die frevelhafte Tat. Drei Hornsche Bürgermeister sehen wir am nächsten Tage auf dem Wege nach Detmold, um der lippischen Regierung den Sachver- halt vorzutragen, vor allem zu verlangen, daß das Haus in Rothensiek, wie es ihnen früher zugesichert war, abgerissen werde. Sie konnten berichten, daß in Horn eine solche Erregung herrschte, daß sie nicht anders zurückkehren wollten, bis ihnen Genugtuung widerfahren und das Haus in Rothensiek gefallen sei.

In Detmold trafen sie indes nicht die gesamte Regierung an, — nur den Drost Christoph von Donop — und sie erhielten zur Antwort, daß er allein den Fall nicht entscheiden könne; überhaupt falle es ihm schwer, eine Entscheidung zu treffen, die angesichts der schwer zu bändigenden Erregung der Hornschen Bürger gerechtfertigt sei. Wenn die Regierung in voller Zahl versammelt sei, — das sei in der kommenden Woche der Fall — solle noch einmal verhandelt werden, und beide Parteien könnten dann ihre Gründe Vorbringen.

Während so die einflußreichsten Bürger abwesend waren, gerieten die Bürger Horns in die größte Erregung. „Was sollen wir hier untätig sitzen? Laßt uns Rache nehmen für unseren getöteten Mitbürger! Auf nach Rothensiek!“ So riefen die aufgeregten Bürger durcheinander. Rasch bildete sich  ein Zug, bewaffnet mit Äxten, Hämmern
und dergleichen, und fort ging es, dem verhaßten Rothensiek zu. Unterdessen eilten die abgesandten Bürger heim, um das geahnte Unheil abzuwenden. Ihnen ging schon entgegen ein von der Regierung Vorausgesandter, der aber zu spät kam, um das Unheil abzuwehren.

Was war geschehen? Der Volkshaufen aus Horn hatte unter brutaler Gewaltanwendung die Häuser in Rothensiek niedergerisisen und dem Erdboden gleichgemacht,
allerdings hatte man sich an keinen Menschen vergriffen. Befriedigt von dem zerstörerischen Tun kehrten die Bürger heim und berichteten zu Hause von dem, was geschehen war. In ihrer Erregung hatten sie nicht bedacht, welche Folgen ihr Tun haben konnte. Die Regierung zögerte nicht, einen Landtag am 3. September nach dem zwischen Detmold und Blomberg gelegenen Dorf Cappel auszuschreiben, um hier vor allem die Hornsche Angelegenheit zu beraten und zu bereinigen. Die Abgeordneten — es waren nur Rittergutsbesitzer und Bürgermeister, — waren sich einig in dem Abscheu der Zerstörung von Rothensiek. Die Regierung erließ deshalb eine Verfügung, die allen Einwohnern des Landes Lippe verbot, mit der Stadt Horn „zu handeln und zu wandeln, zu kaufen und zu verkaufen.“ Nun wurden alle Landstraßen  nach und von Horn abgesperrt. „Niemand darf ihnen etwas zuführen oder Vorschub leisten.“ Hornsches Eigentum soll „bekümmert“ d. h. mit Beschlag belegt werden. Mitten im tiefsten Frieden schloß man ein Gemeinwesen von der Umgebung ab, um es gleichsam im eigenen Saft schmoren zu lassen. Aber dies Mittel wirkte rasch und sicher. Schon nach wenigen Tagen wurde ein Abkommen geschlossen, worin die Stadt Horn klein beigab. Es wurde darin bestimmt, daß das Holz zum Wiederaufbau des zerstörten Hauses im Hornschen Stadtwald geschlagen, von Hornschen Bürgern nach Rathensiek gefahren werden und von Hornschen Zimmerleuten behauen werden mußte; der übrige Schaden soll der Familie Trumpe ersetzt werden; die Strafsumme, die Horn im übrigen zu zahlen hat, wird durch eine Abordnung der Regierung festgesetzt; wenn bis Martini desselben Jahres nicht alles erledigt ist, so muß die Stadt Horn eine weitere Buße von 500 Gfl. bezahlen; Horn muß um Verzeihung bitten; „die Straßen sollen wieder geöffnet, der Kummer soll aufgehoben werden.“

In diesen harten Forderungen ist der ganze Jammer beschlossen für ein Vergehen, das sich die Hornschen Bürger so leicht gedacht hatten. Rothenslek blieb bestehen und im ehrsamen Städtchen Horn schimpfte man nur leise auf den rigorosen Beistand, den Rothensiek bei der Landesregierung gefunden hatte. Die Hornschen Bürger mußten sich ducken und fügen in die erbarmungslose Gewalt, die auf der Seite des Landesherm war. Forthin sprach man von der leidigen Angelegenheit nur im kleinen Kreise; denn ein Ruhmesblatt ist die Art sicher nicht, wie Horn in großer Erregung das kleine benachbarte Gut Rothensiek einäscherte, hernach aber vor der Landesregierung de- und wehmütig Abbitte leisten mußte.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 – Von W. Blümchen