Das Hagenrecht der lippischen Ostmark

Illustration aus dem Heidelberger Sachsenspiegel, Landrecht fol. 26 verso: Dorfgründung von wilder Wurzel. Anfang des 14. Jahrhunderts

Herr Archivdirektor Professor Dr. Philippi veröffentlicht gemeinsam mit Herrn Dr. Grotefend in der diesjährigen Zeitschrift unseres Vereins für Geschichte und Altertumsfunde Westfalens daß einer Corveyschen Handschrift entnommene Hagenrecht von Wichenhofen. Dieses Recht ist im wesentlichen die lateinische Wiedergabe des in den Weistümern Jakob Grimms abgedruckten deutschen Hagenrechts von Wygenhusen. Altmeister Grimm giebt an, daß Wygenhusen bei Wormeln gelegen habe. Es ist aber wahrscheinlich, das er Wormeln statt Wormelte entziffert hat. Wormeln lag ihm nahe, und Wormelte war ihm wohl kaum bekannt. Eine Reihe von Gründen spricht jedenfalls dafür, daß Wichenhosen identisch ist mit Wiginghusen bei dem 1447 zerstörten Wormelte an der Wormke.

Wiginghusen bedeutet: das Haus des Wiging oder Wygiung, wie ein Zeuge der Traditiones corbeienses § 381 genannt wird. Nach den lippischen Regesten wird es am 25. Juni 1265 Wiginehusen geschrieben. Herr Pastor Hun- ecke, dem die Urkunden vorgelegen haben, schreibt indessen in seinem trefflichen Werke über das Kloster Falkenhagen Seite 12 Wichinghusen. In einer Urkunde vom 21. März 1339 ist dann von dem neuen Teiche zu Wienhusen, jetzt Ratsiek die Rede. Das liegt doch die Schreibweise Wichenhosen gewiß in der Mitte. Die lokale Aussprache des g wie ch und das u wie o bestätigt diese Annahme.

Außer dem Namen sprechen auch noch andere Gründe, auf die ich später zurückkomme, für Wichinghusen an der Wormke.

Zunächst möge hier eine Übersetzung des Weistums folgen.

Das Hagenrecht

Dies ist das Gesetz, das König Karl dem alten Hagen zu Wichenhofen gab, für gewöhnlich Hegersrecht genannt.

Wenn ein Mann, der in dem genannten Hagen seit Jahr und Tag wohnt, sich eines guten Rufes erfreut, aus derselben Provinz (dem Wethigau1Weizengau) gebürtig und weder des Diebstahls noch sonst eines Verbrechens überführt ist, von Zweien, Dreien oder Zehnen angeklagt wird, so kann er sich besser durch die Gesetze verteidigen als (durch Selbsthilfe) siegen.

Der Gograf hat in dem Hagen nichts zu richten, sondern die Hagengenossen selbst sind zu freiwilligen Anklägern bestimmt, es wäre denn daß ein Ermordeter oder seine Angehörigen klagten. Die Sühne bei dieser Beschuldigung ist nur 5 Schilling leichte Pfennige, sowohl wenn geklagt wird auf  Wapenschrei2In den Rechtsquellen steht Wapenschrei oder Waffengeschrei vielfach für die Frevelthat selbst, bei der der Ruf erhoben wurde. wurde als auch auf Diebstahl oder Blutvergießen, für gewöhnlich Blotrenne genannt.

Wenn ein Mann stirbt, so erhält seine Witwe oder seine sonstigen Erben das Besthaupt3Besthaupt= das beste Stück Vieh. Das zweitbeste Stück Vieh haben die Erben dem Hagherrn zu geben, was Kormede genannt wird.

Wenn eine Witwe über 4 Wochen nach dem Tode ihres Eheherrn keinen Vormund wählt, so bleibt sie das nächste Jahr frei von allen Abgaben. Wenn sie auch ferner keine Versorger nimmt, so geben ihre einzelnen Söhne und Töchter die von rechtswegen von der Mutter zu entrichtende Kormede, und wenn sie auch selbst nur das eine Stück Vieh hätten. Sollten sie kein Vieh haben, so geben sie einen leichten Schilling als Kormede.

Wenn der Vater alt und krank wird, so kann er einen seiner Söhne zum Versorger bestimmen. Nach seinem Tode geben die Erben keine Kormede.

Wenn aber des Vaters Versorger sterben sollte, so geben alle Erben die Kormede.

Wenn wirkliche Not eintritt und weder Lug noch Trug, Doppelspiel die Not vorschüßt, so kann der Vater auch gegen den Willen der Erben sein Gut verkaufen.

Wenn beim Tode des Vaters ein Teil der Knaben versorgt, der andere unversorgt ist, so erhalten die Unversorgten die ganze Substanz der Erbschaft. Sind die Kinder aber alle versorgt, so teilen sie des Vaters Erbe zu gleichen Teilen unter sich.

Der kleine Zehnten ist zu entrichten wie folgt:

von einem Fohlen 3 leichte Denare (Groschen)
Kalbe 2
Lamme 1
Immenstock 1
Kücken 1 assem (Pfennig)

Wer seine Güter verkaufen will, der gibt an Zehnten:

von einem Fohlen 3 leichte Denare (Groschen)
Kalbe 2
Lamme 1
Kücken 1 assem (Pfennig)

Wenn schon jeder seinen vollen Zins an dem festgesetzten Tage entrichten soll, so kann er dennoch sein Gut wegen Nichteinhalten des Termins nicht verlieren. Doch wenn er nach 3 Tagen seinen Herrn den Zins nicht geben würde, so hat er am dritten Tage zwischen Sonnaenaufgang und –Untergang 20 leichte Groschen Strafe zu zahlen. Und wenn er dann noch nicht zahlt, für jeden weiteren Tag ebensoviel. Von dieser Summe wird den Hagengenossen nichts geschenkt.

Dies sind Ausschreitungen (Friedebrüche)

Wer einen unrichtigen Grenzzaun macht und Grenzpfähle versetzt, der zahlt 20 leichte Groschen Strafe, dem Hagenmeister einen Schilling und irgend einem Hagengenossen oder Landmanne 6 Pfennige. Zur Berichtigung dieser Strafe wird ihm 21 Nächte Frist gegeben. Wenn er dann nicht zahlt, verliert er mit jeder folgenden Nacht ebensoviel.

Wenn sich jemand im Hagen gegen die Pfändung mit Gewalt oder mit der Faust verteidigt, so wird er mit 20 leichten Pfennigen bestraft. Ferner zahlt er an den Hagenmeister einen Schilling und irgend einem Hagengenossen oder Landmanne 6 Pfennige.

Wenn jemand einem anderen ohne Ursache vor 2 oder 3 Zeugen beschimpft, so wird er vom Hagenmeister wegen Beleidigung in 20 leichten Groschen Strafe genommen.  Ferner zahlt er dem Hagenmeister und irgend einem Hagengenossen die in den beiden vorhergehenden Fällen genannten Sätze.

Wenn jemand das Schwert gegen einen anderen zückt, so ist der Hagenmeister verpflichtet, das gezückte Schwert dem Vogte zu übergeben. Wenn der Friedebrecher das Schwert zurückverlangt, so hat er für die Rückgabe 20 schwere Groschen zu zahlen. Giebt er sie nicht, erhält er seine Waffe nicht wieder.

Wenn zwei sich zanken und schlagen und einer den andern sogar bis in seine vier Pfähle oder seinen Hof verfolgt, so soll er, falls er der Verfolgung (und des Hausfriedensbruches) überführt wird, zwar sein Leben behalten, aber wie ein Räuber oder Dieb mit 60 Schilling (der höchsten Geldstrafe nach dem Sachsenspiegel) bestraft werden.

Wenn Eltern ihre Söhne versorgen wollen, so geben sie ihnen zur Verwirklichung ihres Wunsches einen Teil der Substanz.

Dieses Hagenrecht wurde um 1467 zu Corvey von einem corveyschen Beamten mit anderen auf Corvey bezüglichen Urkunden und geschichtlichen Notizen aufgezeichnet. Es muß sich deshalb auch auf einen corveyschen Besitz beziehen. Außer Wichinghusen-Wienhusen ist bisher ein corveysches Wichenhofen nicht nachgewiesen. Daß aber Wichinghusen corveyscher Besitz war, beweist zunächst eine Urkunde des Detmolder Archives vom 26. Januar 1273, worin Ritter Bertold von Lippe und sein Bruder Werner die Güter zu Wiginchusen und den Zehnten des angrenzenden Dorfes Dane in der Hand ihres Lehnsherrn, des Abtes Thymo von Corvey resignieren (verzichten) und für das Kloster Falkenhagen auflassen. In der Bestätigungsurkunde vom 28. Januar 1285 findet sich nun die Bestimmung, daß das Kloster Valkenhagen für die Güter zu Wiginchusen zwei Pfund Wachs oder einen Denar jährlich an Corvey entrichten soll. Und diese Bestimmung wird am 20. Januar 1480 dahin ergänzt, daß Valkenhagen von dem Hofe zu Wiginkhusen und von den Zehnten daselbst je ein Pfund Wachs oder 21 ½ Schilling Höxterisch jährlich zahlt. Da haben wir also den im Hagenrecht erwähnten Wachszehnten von einem Denar.

In einem zwischen Valkenhagen und Lügde wegen der zu Wiginchusen gehörigen Eichmast und Grashude geschlossenen Vertrage vom 9. August 1538 ist dann die Rede von den Hagengütern der Lügder Hagengenossen. Es handelt sich hier tun Büters oder Ausmärker, aus einer angrenzenden Mark derselben Provinz, nämlich des Wethigaues, die aber Genossen des alten Hagens zu Wichinhosen waren. Daß wäre mithin eine urkundliche Bestätigung für unsere Annahme, daß es in der Wormkemark Hagenfreie gab, daß also auch hier die Kurmede, das Kennzeichen der ursprünglichen Freien entrichtet wurde·

Dafür sprechen auch noch drei weitere Urkunden. Am 19. April 1263 erwirbt nämlich das Kloster Valkenhagen vom Grafen zu Pyrmont, Güter und Leute zu Sabbenhusen und Holthusen bei Wichinghusen unter der Bedingung, daß sie ihres angeborenen Rechtes — wohl das der Hagenfreien — nicht beraubt werden dürfen. Am 25. Juni 1265 wird der Ritter Johann von Wiginchusen und seine Güter zu Wiginchusen genannt. Und ans 27. Februar 1284 werden schließlich die freien Güter von Dane zu Holthusen bei Wyginchusen erwähnt.

Wyginchusen soll nach Preuß und Falkmann nördlich von Ratsiek ans Lüdenberge gelegen haben. Ortskundige meinen, daß dies die Lage von Holthusen sei. Wyginchusen habe südlich vom Ratsieler Teiche aus den Grundstücken gelegen, die man nach jetzt als Winkhauser Gärten bezeichnet. Wenn dies zutrifft, würde man aus der oberhalb dieser Gärten aussteigenden isolierten Höhe die Malstätte der Mark oder des Hagens von Wichenhosen zu suchen haben. Diese Höhe in der Mitte der Womkemark erinnert an die Lage der 3 Freistühle des Wethigaues auf dem Stoppelberge, bei Wilbasen und Ottenhausen.

Quelle: Blätter für Lippische Heimatkunde Nr. 7, Juli 1903 – Von Richard Böger

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