Das Hermannsdenkmal 1875

Festscene bei der Einweihung des Hermann-Denkmals. Bild aus Seite 640 in "Die Gartenlaube".

Feierliche Einweihung des Hermannsdenmals am 16. August 1875.

Detmold, 16. 8. 1875
Die Einweihung des Hermannsdenkmals ist heute Mittag glänzend erfolgt. Den Kaiser begrüßten an 30 000 Men­schen, unter ihnen Deputationen von vielen deutschen Städten und auch aus Nordamerika. Die Ankunft des Fest­zuges auf der Grotenburg erfolgte um elf Uhr, des Kai­sers um 12 Uhr. Gesang in der Nähe der Kaisertribüne, wo Turner, Schützen und Kriegervereine etc. aufgestellt wa­ren, eröffnete die Feier. Generalsuperintendent Koppen aus Detmold hielt die Ansprache ….
Darauf Festkantate und die Festrede des Geh. Justizra­tes Preuß: „So möge denn das Banner, das die Farben un­seres neuen deutschen Reiches trägt, sich entfalten dort am Denkmale, als ein Zeichen, daß der Künstler in dieser  Stunde es feierlich übergeben hat dem gesamten deutschen Vaterlade, mit dessen Hülfe er es gebaut hat, dessen Ruhm und Größe es verkünden soll, so Gott will bis auf die späte­sten Enkelgeschlechter . . . .“

Der Kaiser verlieh darauf dem Meister Bändel einen Orden, er und der Kronprinz schüttelten ihm herzlich die Hand, und Justizrat Lüders aus Hannover bringt ihm mit einem Hoch den Dank der Nation.
Bei der darauffolgenden Rundfahrt um das Denkmal be­fand sich im Wagen des Kaisers der Fürst Leopold von Lippe-Detmold und der Bildhauer Bändel.
Der Kaiser reist heute Abend wieder ab. Abends Freu­denfeuer auf der Grotenburg. Übrigens herrschte Kaiser­wetter.

Ein Zeichen deutscher Kraft und Einheit!

Typisch für die Zeit nach 1871 war das übertriebene Nationalbewußtsein. Ein Beispiel hierfür ist der hier wiedergegebene Schulbuchbeitrag von 1910, in dem sich der nationalistische Geist der damaligen Zeit widerspiegelt.

Nicht weit von Detmold, der freundlichen Residenz unseres Landes, erhebt sich im Teutoburger Walde die Groten-burg zu einer Höhe von 386 Metern. Buchen und Tannen bedecken neben brauner Heide ihre Abhänge, und Rudel von Rot- und Schwarzwild streifen durch das Dickicht. Frei und mächtig tritt ihre Kuppe vor den Hauptkamm des Gebirges, von fast allen Seiten weither sichtbar. Über ihrem Gipfel aber ragt das Denkmal Hermanns, des Che-ruskers, empor, das von den Höhen unsrer Heimat in weitem Umkreis wahrzunehmen ist.
Wer möchte es nicht sehen, dies Denkmal, das dem ältesten deutschen Helden von Deutschlands Söhnen errichtet
wurde, ein Zeichen dankbarer Verehrung, aber auch ein Zeichen deutscher Kraft und Einheit! Tausende kommen alljährlich aus allen Gegenden unseres Vaterlandes, um es zu besuchen. Auf schönen Wegen steigen wir den Berg hinan. In halber Höhe desselben kommen wir an einer flachen Böschung an den Hünenring, eine Wallburg von runder Gestalt und etwa 150 Schritt Durchmesser. Kunstlos aus Erde und Felsblöcken aufgebaut, macht der Wall noch heute einen mächtigen Eindruck. Wenn doch diese Steine reden könnten! Hat Hermann hier seine Scharen gesammelt? War hier oben auf der Höhe vielleicht die Teutoburg, von welcher das Gebirge den Namen trägt?
Von solchen Gedanken und Fragen bewegt, steigen wir höher hinan, und bald befinden wir uns auf der flachen Kuppe des Berges vor dem Denkmal Armins. Da steht er in Erz geschmiedet auf dem gewaltigen Unterbau aus Stein, gestützt auf seinen Schild, das Schwert hoch erhoben. Sein Fuß tritt auf ein Rutenbündel und einen römischen Adler, die Zeichen der Römerherrschaft. Zum Rheine hinüber nach Westen ist sein kühner Blick gerichtet, woher der Feind der deutschen Freiheit kam, und sein erhobenes Schwert ruft die deutschen Stämme zum Kampf auf mit den Worten, die in goldener Schrift weithin glänzen: „Deutsche Einigkeit meine Stärke, meine Stärke Deutsch­lands Macht!“ Das eherne Standbild ist bis zur Schwert­spitze 28 Meter hoch, das Ganze erreicht eine Höhe von fast 60 Metern.

Die Cherusker von 1911.

Auf schmaler Wendeltreppe steigen wir in dem hohen Unterbau bis zur Galerie desselben empor, wo wir eine herrliche Rundsicht genießen. Das Auge schweift über die Berge und Täler des Teutoburger Waldes hinüber zur Ebe­ne der Lippe und Ems bis zu den Höhen des Sauerlandes, dann nordwärts über das schöne lippische und Weserberg­land bis zur langen, blauen Kette des Wesergebirges. Von dort grüßt aus der Porta bei Minden das Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen herüber, und in halber Entfernung erhebt sich ein Wahrzeichen seines treuen Dieners Bismarck, der Bismarckturm bei Salzuflen.

Titel aus dem Programm vom Germanenzug anläßlich der 1900-Jahr-Feier. 1909.

Wir steigen wieder hinab und erblicken dort abseits vom Wege unter knorrigen Buchen ein dunkles Bretterhaus. Es ist die Bandelhütte, die jahrelange, einsame Behausung des greisen Künstlers, der das Denkmal „erdacht und gemacht“ hat, Ernst von Bandeis. Im Jugendeifer für seinen Plan pflanzte er im Jahre 1836 hier oben ein Fähnlein auf an der Stelle, wo das Denkmal stehen sollte, und 38 Jahre opfer-und sorgenvoller Arbeit vergingen bis zur Vollendung. Zwei Denktafeln vor der Hütte bezeichnen den Ort, wo am 16. August 1875 der Meister dem deutschen Kaiser des neuen Deutschen Reiches und seinem Sohne gegenüberstand und sein Werk dem deutschen Volke übergab.
Mit einem letzten Blick aufs Denkmal nehmen wir Ab­schied, erfrischt von der Höhenluft der Walter und Berge, erhoben im Geist durch die Erinnerung an die Großtaten unseres Volkes und beseelt von dem Vorsatze, dem Vater­lande zu dienen mit deutschem Mut in deutscher Treue.

Ein wahrer Smaragd in der demantenen Krone des deutschen Bundes

Ich kam ins Lippische, in jenes Ländchen, welches in historischer Beziehung unter den kleinen souverainen Staaten Deutschlands ebenso sehr seinen Rang behauptet, wie es in physischer Hinsicht gleich schön von der Natur arrondirt und ein wahrer Smaragd in der demantnen Krone des deutschen Bundes ist.
Die Paderborner Steppe lag hinter mir; ein mit reichhaltigen Baum- und Gebirgsmassen umzäunter Weg führte mich vom Kreuzkruge zu den Extersteinen, den bis in die Gegenwart noch unversehrt gebliebenen Denkmalen großer Vorzeit. An dem Fuße der Egge, einem Ausläufer des Teu-toburger Waldes, ragen sie groß und hehr aus der Ebene
zum Himmel empor und gewähren dem Auge den herrlichsten Anblick. Es ist möglich, mittels eingehauener Treppen den Gipfel der merkwürdigen Steine zu ersteigen und dort in einer eingehauenen geräumigen Klause einen Schutz gegen scharf wehende Winde und den schönsten Punkt einer sich weit erstreckenden Aussicht zu suchen.
In neuerer Zeit sind durch den jetzt lebenden Fürsten Paul Alexander Leopold die Umgebungen dieser seltenen Steingruppen aufs reizendste ausgeschmückt. Kunst und Natur reichen sich hierbei friedlich die Hand. Der kleine, vier zierliche Inseln einschließende See wird im Sommer mit Gondeln befahren, und die nahen Promenaden bieten dem Wanderer auf dem freundlich belaubten Berge eine ebenso schöne, als weitreichende Promenade.
In dem nahegelegenen Bade Meinberg war, der Jahreszeit angemessen, alles ruhig und still; eine große, auf Ausschmückung bedacht gewesene Aufmerksamkeit war hier nicht zu verkennen, und die vielen, nah und fern liegenden Laubengänge müssen dem Kranken in der Badesaison eine erwünschte Erquickung sein. Die Schwefelquellen haben in neuester Zeit an Frequenz bedeutend zugenommen; die Verschönerung der vortrefflichen Gegend, die immer mehr hervortretende historische Bedeutsamkeit des Landes und die kleinen, nach allen Seiten zu unternehmenden Excur-sionen mögen, neben ihrer vorzüglichen Wirkung und Heilkraft, vielleicht dazu beigetragen haben.
Nach einem zweistündigen Marsch war ich in Detmold, der Hauptstadt des Fürstenthums, worin mir sogleich die vielen in der That prachtvoll und nach englischer Manier erbauten Straßen und Gebäude angenehm ins Auge fielen.
Das Land war früher ein sehr glückliches, die Bewohner ein zufriedenes, braves Völkchen, echt teutonischer Natur. Die Schiffe der Weser brachten ohne große Steuern von nördlichen Handelsstädten amerikanische und asiatische Erzeugnisse. Jetzt sind sie aus ihrem süßen Traume erwacht, und sehen die schnöde Wirklichkeit mit anderen Augen. Das Land wird unstreitig in industrieller Hinsicht gewinnen, die Cultur wird gehoben, der kleine Grundbesitzer aber, der einzig nur auf den Nießbrauch seiner Par-celle Landes hingewiesen ist, bebaut nach wie vor sein Ländchen und – bezahlt jetzt alles theurer.

Hünenring-Festspiele. Postkarte von 1911.

Detmold liegt in einem reizenden Thale, an den Ufern der Werre, und zählt mehr als 5 000 (protestantische) Einwohner; zahlreiche Ansiedlungen, fremde, jetzt eingebürgerte Familien, haben die Zahl in wenigen Jahren so bedeutend vermehrt. Das Leben ist dort sehr angenehm und gesellig, und wenn in neuerer Zeit einige im Auslande durch Banquerott oder sonstige Umstände verunglückte Familien mit dem Reste ihres Vermögens ein gewisses Air, eine haute volee annehmen und vorzugsweise den Ton angeben wollen, so wissen die Detmolder, wie ich hörte, was von solchen Leuten zu halten ist.
Der regierende Fürst ist weniger ein Weltmann als ein braver guter Regent; Jagd und Pferdezucht sind seine Lieblings-Beschäftigung. Seine und des Landes Finanzen sind aufs Beste geordnet und die Besoldung der Beamten und des Militairs war dem materiellen Leben angemessen. Die Carriere für junge Staatsbeamte ist hier sehr vorteilhaft. Leider sollen hier vorzugseise die Söhne der höchsten
Beamten berücksichtigt werden. Eine Stelle bei Gerichte soll sogar zum Erbrechte einer sehr verzweigten Familie geworden sein.
Ich logierte in dem „Frankfurter Hofe“, wo ich eine eben so reelle als aufmerksame Bedienung fand. Von meinem Zimmer aus hatte ich auf den vor mir liegenden Schloßplatz die schönste Aussicht, welche im Hintergrunde durch das ehrwürdige, in antikem Style gebaute Schloß mit seiner Terrasse begrenzt wird. Es war gerade Mittag und die Parade zog auf; bei schön-glänzenden Uniformen nahm ich einen edlen Anstand wahr; und wohl darf ich es behaupten, daß die Garnison meiner preußischen Vaterstadt jener den Rang abzustreiten nicht im Stande wäre.

Das in der Nähe des Schlosses gelegene Schauspielhaus ist geräumig und schön gebaut. Die innere Einrichtung, welche Geschmack und Eleganz verbindet, sucht ihres Gleichen. Daß der regierende Fürst Sinn für die Deutsche Kunst hat, beweisen die alljährlich sich ziemlich hoch belaufenden Opfer, wobei die Städte Pyrmont, Osnabrück und Münster, in denen jährlich die Schauspieler-Gesellschaft einige Monate debütiert, eine verhältnismäßig nur geringe Zubuße geben.
So rauh die Witterung war, so streifte ich dennoch zu verschiedenen Stunden des Tages in der Stadt umher und freute mich über die schönen Trottoirs, welche auf die Fußgänger so wohltuend wirken, stutzte aber über manches, was auch jeder Unbefangene als einen großen Mangel polizeilicher Aufsicht ansehen wird. Mögen immerhin theil-weise Local-Verhältnisse daran Schuld sein, genug, ich fand einige Straßen förmlich durch Wagen verbarikadirt, welche der Reihe nach vor verschiedenen Häusern aufgefahren und ein Hinderniß der Vorbeigehenden waren.

Festwagen „Altgermanische Trauung“ vom „Großen Germanenzug“. Detmold, Paulinenstraße-Ecke Beneckenstraße.

Kaum dürfte das auf einige Stunden zu gestatten sein. Daß aber dort bei Tages- und Nachtzeiten die Straßen mit Ackerwagen und Chaisen angefüllt und gleichsam die offenen Remisen der Einwohner sind, verdient eben so sehr einer öffentlichen Rüge, wie die Aufladung großer Misthaufen, welche ich vor den Häusern und auf den frequentesten Straßen am hellen Tage bemerkte. In keiner, selbst der kleinsten preußischen Stadt findet man solche Verstöße öffentlicher Beaufsichtigung! Sollte man im Lippischen, wo doch gewiß der Zeitgeist nicht mehr in den Banden mittelalterlicher Zustände hauset, und vorzugsweise in der Residenz diesem Unfuge zu steuern nicht im Stande sein?

Das in der Mitte der Stadt gelegene neue, massive Rathaus enthält auch die Versammlungslokale der höhern und Bürgerstände. Eine der preußischen Einrichtung jedoch nachstehende, neue „Kaserne“ war in einem sonst rüh-menswerthen Zustande. Auf derselben Straße liegt auch das Gymnasium, welches, wenn es auch tüchtige Männer an seiner Spitze darin, aber noch eine sehr große Lücke hat, daß nicht einmal die neueren Sprachen, ein nothwendiges Bedürfnis neuerer Zeit, dort öffentlich gelehrt werden. Einen Ersatz, wenn man es so nennen wollte, bieten die Turn- und Schwimmanstalten, die es in seinem Besitze hat. Sehr lobenswert ist es, daß auf die gymnastischen Übungen dort viel gehalten wird und zu diesem Zwecke auch ein
tüchtiger Fechtmeister dort stationiert ist. Daher mochte es denn auch wohl theilweise kommen, daß mir, bei den übrigens bedeutend kalten Witterung, die in acht deutscher Tracht gekleideten Schüler mit ihrem so frischen Aussehen und meistens kräftigen Constitution auffielen.
In einer traulichen, aber exquisiten Abend-Gesellschaft kam zufällig das Gespräch auf Franz Dingelstedts „Mitternacht in Detmold“. Es giebt mir Wunder, wie sich der Verfasser eine solche Demante geben konnte. Warum die grundlose Äußerung aussprechen, daß im Lippischen das schlechteste Deutsch von ganz Deutschland gesprochen würde. Kennt Dingelstedt den Münsterschen und vorzugsweise den Paderborner Dialekt nicht? Mir wenigstens war es eine förmliche Wohlthat, einmal wieder in eine Gegend zu kommen, wo ich nichts mehr von „sgön“ und „Sginken“ hörte!

Gruppenausflug zum Hermannsdenkmal. 1905.

„O, wecke Beune un wecke Arme!‘

Vor etwa einem Dutzend Jahren machte ich einmal mit meiner Schulklasse, Jungen und Mädchen von 10 Jahren, einen Ausflug zum Hermannsdenkmal. Wir kamen aus dem lippischen Norden, wo man den „Großen Hermann“ nur wie einen Zeigefinger über der blauen Bergkette aufragen sieht. Als wir die Grotenburg schon fast erklettert hatten und nun das gewaltige Denkmal plötzlich nahe vor unseren Blicken auftauchte, war des Staunens und Wun-derns kein Ende. Und wes das Herz voll war, des ging der Mund über.
„O, wecke Beune un wecke Arme un wat vo eunen Soweit
„Un dösse Juerkien un söcke unwuis graude Auern!“
„Jou, un wat meunste wal, wat mui iuse Frittken votellt hat? In Hermann suinen Beune kann man herupperngohn upper Treppen, un dann dürt Luif un dürde Bost un dum Hals un bat in’n Kopp. Un wat bui us de Tungen es, dat es bui Hermann eun Disk, un wat iuse Tehne sind, dor kann man sick bui Hermann upsetten osse up Stoihle, un dür die grauten Nesenlöcker kann man no unner kuiken, un—“
„Un dürstörten, wenn man sick nich in acht nimmt, dat ess oll mol passeuert, dat weut eck.“
Mir blieben Mund und Beine stehen ob dieser Denkmalsbeschreibung. Aber Spaß hat sie mir doch gemacht.
August Wiemann, 1938.

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