Das Jagdschloss Lopshorn und das Sennergestüt

Sennelandschaft mit Senner Pferden. Ölgemälde von Carl Rötteken und Gustav Quentell um 1860

Sennergestüt Lopshorn Kupferstich von Elias van Lennep. Um 1663/66

Dieses Gestüt ist nicht sowohl wegen seines Alters, als vielmehr wegen der vorzüglichen Race der Pferde sehr berühmt. Es hat seinen Namen von der, zwischen Lippspringes, Paderborn, Stuckenbrock und Lopshorn gelegenen Weide, die Senne genannt; und die Pferde haben daher den Namen Senner erhalten, weil sie im Winter ihre Nahrung größtenteils auf dieser Weide suchen.

Die eigentliche Zeit des Ursprungs des Sennergestütes ist nicht auszumitteln, weil die Nachrichten darüber im dreißigjährigen Kriege verloren gegangen sind. Daß aber das Gestüt schon im fünfzehnten Jahrhundert in gutem Rufe gewesen ist, geht aus Briefen fürstlicher Personen hervor, welche in dieser Zeit um Pferde aus demselben nachgesucht haben. Auch ergeben einzelne, noch Vorgefundene, Notitzen, daß das Gestüt auf folgende Art entstanden ist.

Man hat nämlich zahme und zur Zucht taugliche Stuten durch vorzüglich gute Hengste bedecken und solche, während des Winters und Sommers, durch Hirten in der Lippischen Waldung und in der Senne hüten und weiden lassen, um ihnen die Gänge und Oerter zu lehren, wo sie im Sommer nahrhafte Bergkräuter, im Winter aber, wenn der Schnee nicht zu tief gefallen, Weide finden, und sich nähren könnten.

Nach und nach hat man sie ihren eigenen Gängen überlassen und auf solche Art sind sie aus zahmen,  halbwilde, menschenscheue und furchtsame Pferde geworden; und weil man von dem jungen Anwuchs selten eine Stute abgegeben hat, hat sich das Gestüt sehr bevölkert und der Ruf davon sehr ausgebreitet. Der vorerwähnte dreißigjährige Krieg ist aber dem Gestüte nachtheilig geworden und hat dasselbe so zu Grunde gerichtet, daß am Ende desselben nur wenige Stuten übrig geblieben sind.

Im Jahre 1655 suchte der damals regierende Landesherr, Herr Graf Herrmann Adolph das Gestüt wieder herzustellen und ließ die erforderlichen Gebäude aufführen, so, daß im Jahre 1666 schon wieder eine ziemliche Anzahl Stuten vorhanden war.

Jagdschloß und Meierei Lopshorn auf einer von Oberförster Feige im Jahre 1756 gezeichneten Forstkarte.

Im Jahre 1680 wurde unter der Regierung des Herrn Grafen Simon Heinrich mit Verbesserung des Gestüts fortgefahren und man verlegte die Gebäude näher an die Senne nach Lopshorn, woselbst ein ansehnliches Jagdhaus erbauet und zur Abwendung des Wassermangels ein sehr tiefer Brunnen mit der Vorrichtung aufgemauert wurde, daß das Wasser in ein Becken geleitet werden kann.
Diese zur Stuterei gemachte Einrichtung gab nun auch Anlaß, daß man um das Jahr 1690 eine kleine Ökonomie anlegte, welche noch vorhanden ist, und zum Theiß den Bedarf der rauhen Winterfütterung liefert. Die harten Jahre 1711 und 1712 verursachten dem Gestüte einen abermaligen großen Schaden, weil in dieser Zeit 38 Stuten ihr Leben verloren. In den folgenden Jahren sind aber die Gebäude noch erweitert und sowohl zu Jagdvergnügungen, als zur Stuterei bequemer eingerichtet worden, indem man für letzteren Zweck noch drei Zisterne und zwei Sohlen oder Teiche angelegt hat, wodurch künftigem Wassermangel vorgebeugt ist; und sollte wider alles Erwarten, bei anhaltender starker Kälte oder Dürre, dennoch Mangel entstehen, so sind in der Nähe wohnende Einwohner auf der sogenannten Pivitsheide schuldig, das rforderliche Wasser aus dem nicht sehr fern entlegenen Donoperforellenteiche herbeizufahren.

Im Laufe der Zeit wurden zur Verbesserung des Gestütes, türkische, arabische und andere ausländische Hengste angekauft und eingetauscht.

Bei dem Sennergestüt ist es eine unerläßliche Vorschrift, den Stuten weder im Sommer, noch im Winter, außer im höchsten Nothfalle, Futter zu reichen. Sie sind daher genöthigt, in der Waldung und in der Senne zu jeder Jahreszeit, ihre Nahrung zu suchen. Die Vergleichung derselben mit dem Wilde ist daher sehr paßlich, indem sie sich, gleich jenem, in einzelnen Rudeln Zusammenhalten, welche sich selten trennen.

Der beträchtliche Umfang der Lippischen Waldung und die darin vorhandene gute und kräuterreiche Weide
verschafft den Stuten die gesundeste Nahrung und in den Sommermonaten sowohl, als im Herbst sind dieselben so stark von Fleisch, als wenn sie auf dem Stalle gefüttert wären; daher zeichnet sich das Sennerpferd in der Regel durch seinen festen Körperbau, durch seine Ausdauer, durch seinen langen und schönen Hals, ungleichen durch die Feinheit seines Kopfes vor allen andern Gestütspferden aus.

Es ist von der zartesten Jugend an, an jede Luftveränderung gewöhnt und wegen seines robusten Körpers den gewöhnlichen Krankheiten nicht ausgesetzt, welche oft durch Verweichlichung veranlasset werden. Kann die Sennerstute im Freien keine Nahrung mehr erhalten, so kommt sie von selbst nach Lopshorn in die offenen Stallungen, ihr Futter zu holen und die nicht selbst kommenden werden von dem Gestütwärter aufgesucht und herbei geholet.

In den Ställen gehen die Stuten frei herum, sie lassen sich aber nicht berühren. Sie thun auch Niemand etwas zuleide, außer wenn man Miene macht, sie anzurühren, dann setzen sie sich mit Schlagen und Beißen zur Wehre.

Kastanien-Allee zur Meierei Lopshorn führend. Um 1912. Das Gebäude, in unmittelbarer Nähe des Jagdschlosses Lopshorn gelegen, wurde am Ende des 17.Jahrhunderts, kurz nach Fertigstellung der Schloßanlage, erbaut und der Aufgabe zugeführt, als landwirtschaftlicher Betrieb die Versorgung der Schloßbewohner und des Gestüts zu sichern. Die Meierei wurde 1945 ausgeplündert und durch Brandstiftung zerstört. Der Baumbestand ist bis heute so ziemlich erhalten geblieben; von dem Gebäude sind nur noch die Grundmauern zu sehen.

Die Saugfüllen werden gegen das Ende des Monats Oktober, wenn die Witterung rauh und kalt zu werden anfängt, entwöhnt; sobald dieses geschehen ist, bekommen sie kein anderes Futter, als ganz fein geschnittenes Haferfutter und feines gutes Heu. Hierbei werden sie täglich in den Mittagsstunden anfangs auf den Gestüthof und nachher auf den Gestütkamp in der Senne zur Bewegung ausgelassen.

Brandzeichen des Sennergestüts von 1820-1851

Am 20. Mai werden die Saughengstfüllen abgesondert und auf die Weide der herrschaftlichen Meierei Johannettenthal getrieben; die Saugstutfüllen aber sich selbst in der Waldung überlassen. Nach geendigter Weide werden die Hengst- und Stutfüllen wieder nach Lopshorn in den Wald gebracht, wo sie dann die übrige Zeit dem Gestüteinverleibt bleiben.

Ehe man aber die Füllen auf die Meierei- (Domainen-) Weiden führen lässet, werden sie auf der linken Lende mit dem gewöhnlichen Sennerbrande versehen. Dieser bestehet in der Lippischen Rose, über welcher eine Krone stehet; unten aber ist der Name des regierenden Herrn befindlich. Dann ist der Oberaufsicht des Gestüts eingeschärft worden, auf die Wartung und Fütterung der Pferde vorzüglich zu achten, weil die von den Stuten zu erwartenden Fohlen sich durch Größe und Stärke auszeichnen sollen. In Ansehung der Hengstfohlen ist aber auch besonders verordnet, daß die bis zum vierten Jahre bleibenden besten ausgewählet – auf die Auswahl mit brauner Farbe geachtet und die Verpflegung bis ins vierte Jahr sorgfältig fortgesetzt werden soll. Nach geendigter Wahl ist aber festgesetzt, daß die noch übrig bleibenden Stuten, Stuten- und Hengstfohlen mit Herkunft, Haar und Alter, auch von welchem Hengst die trächtigen Stuten bedeckt worden, stückweise angezeigt werden, um wegen des Verkaufs der dazu ausgesetzten Pferde, welcher jährlich im Monat Julius geschiehet und öffentlich bekannt gemacht wird, das Uebrige anordnen zu können.

Ferner darf nach ertheilter Vorschrift kein Beschäler unter 5 Jahren ins Gestüt gebracht und keine Stute vor dem
fünften Jahre bedeckt werden. Der jetzige Bestand der Pferde im Sennergestüt ist:

tragbare Stuten 48
3 jährige Stuten 20
2 ährige Stuten 4
1jährige Stuten 9
Saugfüllen 11
3 jährige Hengstfüllen 7
2 jährige 9
1 jährige 15
Saughengstfüllen 13
zusammen 122 Stk.

 

Der ehemalige hiesige aber längst verstorbene Stallmeister Prizelius (1769-1774) sagt in einer Schrift über die Eigenschaften des Sennerpferdes folgendes: „Herr Zehenter (preußischer Stallmeister 1752-1757) hat nicht Unrecht, wenn er das Sennergestüt unter die vorzüglichsten  in Deutschland zählt, welches die daraus fallenden Pferde nicht nur wegen ihrer unglaublichen Dauer, sondern auch wegen ihrer vortrefflichen Leibesgestalt bezeugen.

Sennerhengste aus dem herrschaftlich lippischen Gestüt auf der internationalen landwirtschaftlichen Ausstellung zu Hamburg-Horn im Juli 1863, vorgeführt in Gegenwart des lippischen Fürstenpaares Leopold III. und Elisabeth, geb. Prinzessin zu Schwarzburg-Rudolstadt. Aquarell von Emil Volkers, 1863.

Ich will sie sowohl der äußerlichen als innerlichen Beschaffenheit nach schildern. Von dem ersten kann sich ein jeder augenscheinlich, von dem letztem aber durch den Gebrauch eines solchen Pferdes sattsam überführen. Was das erste betrifft, so sind sie meistentheils höher als ein Mittelpferd, und ich habe etliche, welche über 17 Faust hoch sind. Sie sind fast durchaus fein von Kopf und der Hals ist an allen diesen Pferden lang und schön und man findet nicht einen, der einen von den Fehlern, welche sich an einem übel gebauten Halse befinden, hat. Ein ausnehmend schönes Verhältnis findet sich an ihren Leibern, welche vortrefflich geschlossen sind. Die Augen und die Brust sind ohne Tadel und die Schultern sind leicht und sehr beweglich. In den Mähnen und dem Schweife ist ein starker Wachsthum, so daß die Haare bis auf die Knie herunter hängen, wofern sie nicht ausgerissen werden.

Senner – Stute, 2 Jahre 2 ½ Monate. 1863. Als Hauptbeschäler wirkten englische Vollbluthengste und so waren die Senner im Laufe der Generationen durch lange Körperlinien und braune Farbe gekennzeichnet, deutlich den Vollbluteinfluß zur Geltung bringend. Die Sennerpferde eigneten sich vornehmlich als Reit- und Kutschpferde; über sie urteilte 1845 ein Pferdekenner: „Tüchtige Ackerpferde kommen von den Sennerhengsten der Regel nach nicht. Um zum Ackern mit Erfolg gebraucht zu werden, ist die Nachkommenschaft der Sennerhengste zu zart von Knochen und Fleisch und zu feurig von Temperamente. Vermöge ihres feineren Baues leisten sie im Ackergeschirre nicht das, was bei gleichem Preise, gleichem Futter, gleicher Behandlung, verhältnismäßig ein anderes, weniger edles Pferd leistet; und ihr feuriges Temperament läßt eine minder sorgfältige Behandlung, wie sie der Landmann nur angedeihen lassen kann, mehr schädlich auf sie einwirken, als bei anderen Pferden der Fall ist”. Zur Bewirtschaftung seiner Felder griff der lippische Landmann auf Pferde aus dem „Auslande” zurück, meistens auf Pferde dänischer, oldenburgischer oder hannoverischer Rasse. (Staatsarchiv Detmold, L 77 A Nr. 8974).

Die Schenkel, als die vorzüglichen Theile eines Pferdes, sind stark, trocken und von allen Fehlern, welchen sie unterworfen seyn können, frei, wie dann die hinter dem Schienbeine herunter gehende Sehne von dem Knochen dergestalt abgesondert ist, daß man nichts schöneres sehen kann. Kurz – den größesten Haufen kann man schön, die wenigsten mittelmäßig, alle aber gut nennen; viele von diesen Pferden würde, wenn ihnen der Schweif abgeschlagen ist, der größeste Kenner für Engländer halten, wenn sie der Brand nicht verriethe”.

Mit Lopshorn ist die Geschichte des lippischen Sennergestüts untrennbar verbunden. Das Gestüt ist eines der ältesten deutschen herrschaftlichen Gestüte, seine Geschichte ist bis in das 12.Jahrhundert zurückzuverfolgen. Nach Peter Florens Weddigen war das Gestüt “schon im 15.Jahrhundert berühmt”. 1790, als Weddigen das Sennergestüt beschreibt, glaubt er sich zu der Feststellung berechtigt: “Übrigens gehöret dieses Gestüt zu den vorzüglichsten in ganz Teutschland”. Viele fürstliche und staatliche Gestüte haben in den verschiedensten Jahrhunderten Sennerblut für Aufzuchtzwecke begehrt und erhalten. Das Ende des Sennergestüts begann am Ausgang des ersten Weltkrieges. Der lippische Staat hat die im Domanialvertrag von 1919 niedergelegte Verpflichtung zur Erhaltung des Gestüts nicht erfüllen können. Nach der ersten Auflösung des Gestütes hatte eine Holländerin, Frau J.M. Immink, einige der verkauften Stuten wieder gesammelt und mit ihnen die Zucht weitergeführt. Als nach dem Zusammenbruch 1945 für die Unterhaltung der Sennerzucht keinerlei staatliche Unterstützung mehr gewährt werden konnte, war die endgültige Auflösung des Gestütes nicht mehr zu vermeiden. Im Jahre 1947 mußten die letzten Pferde des ehemaligen Fürstlich-Lippischen Sennergestütes zu Lopshorn verkauft werden.

Weiter braucht man über die Vortrefflichkeit des Sennerpferdes Nichts zu sagen; nur etwas noch: über dessen Gemüthsart, denn es muß Jedem, der ein solches Pferd zu reiten bekommt, angenehm sein, eine vorläufige Notiz davon zu haben und er wird, wenn er seine Kunst und Geschicklichkeit damit verbindet, dasjenige in der Kürze vollenden, wozu er, ohne diese Notiz, einige Monate mehr gebrauchen müßte. Das Sennerpferd kann durch eine Strafe, welches fast unglaublich ist, auf einige Monate zurückgesetzt werden, so schwer vergißt es selbige; und wird die Strafe wiederholet, so ist nicht dafür einzustehen, daß es jemals gehorsam werden wird. Eine sanfte und liebreiche Behandlung ist also das einzige Mittel, wodurch das brave Sennerpferd gebildet werden kann, daß es fast nichts zu wünschen übrig läßt.

Von Kammerrat Führer (Detmold). In: Landwirtschaftliches Wochenblatt für das Herzogtum Nassau, Jg. V, Nr. 35-39, Wiesenbaden 1823. Siehe auch: Staatsarchiv Detmold. L92 0Tit.X A Nr. 13.

Quelle: Die Senne in alten Ansichten und Abbildungen