Das Lemgoer Armsünderglöcklein

Die Kirche St. Nicolai in Lemgo

Immer wieder klangen mir diese Worte in den Ohren, als ich daran ging, die Geschichte des Lemgoer Sünderglöckleins zu erforschen. Es war mir, als habe dem Dichter bei seinen Versen das Bild unserer Alten Hansestadt vor Augen geschwebt. Denn auch Lemgo hatte im Mittelalter einen gewandten Glockengießer und eine „Sünderglocke“, die ein Meisterwerk der Glockengießerkunst war. Zwar können
wir dieses Glöcklein nicht mit Sicherheit dem Lemgoer Meister zuschreiben, denn urkundliche Nachrichten hierüber sind leider nicht vorhanden. Auch verriet uns die Inschrift der Glocke, die das Bildnis des Apostels Petrus mit einem darüber thronenden Kruzifix umrahmte, nicht den Namen des Gießers. Aber wenn man bedenkt, daß die Lemgoer Glockengießerfamilie schon sehr früh hier nachweisbar ist, daß sie die einzige dieses Berufes im Lipperlande war und zahlreiche Glocken für Lemgo und die nähere und weitere Umgebung gegossen hat, dann lag wohl für den Rat unserer Stadt kein Grund vor, sich nach außerhalb zu wenden, als er einstmals nach Einführung der Folter eine Sünderglocke benötigte. Die Lemgoer Herren waren zudem von dem Können ihres Meisters überzeugt,
denn wiederholt stellten sie ihm Zeugnisse aus, wenn es sich darum handelte, Glocken für jenseits der Landesgrenzen zu liefern. Heute, nachdem die Mehi’zahl der in Lemgo gegossenen Glocken ihr kostbares Metall den Waffenschmieden der großen Kriege zur Verfügung stellen mußten, verkündet uns die erfreulicherweise nicht beschlagnahmte Schlagglocke am Detmolder Schloßturm, daß sie „ein
Meisterwerk der früher in Lemgo so hochstehenden Gießerkunst ist“.

Der „Pottgießer“

In dem schmalen Gäßchen, das in nordsüdlicher Richtung das stille Rampendal mit der lebhaften Mittelstraße verbindet, in der sogenannten Dünnebier- oder Schenkebier- straße, waren die Kleimanns — so hießen die Lemgoer Glockengießer — zu Hause. Nach Meinung des um Lemgo so hochverdienten Professors Schacht, des besten Kenners der Lemgoer Geschichte, wohnten sie in dem hochragenden Giebelhause gleich linker Hand, wenn man vom Rampendal kommt. Neuere Forschungen haben aber ergeben, daß ihr Haus an der gegenüberliegenden Seite lag. Es war das Eckhaus am Rampendal und wurde später zur Erweiterung des heutigen Rektor- hofes angekauft. Wie dem auch sei — beide Häuser gewährten einen Blick auf den Hof des ehemaligen Augustiner-Nonnenklosters mit der heute noch vorhandenen Kapelle, die jetzt zum Archiv durchgebaut ist. Von beiden Häusern konnte man das religiöse Leben und die frommen Verrichtungen der Nonnen be- obachten, konnte auch einen Blick in das gleichfalls noch erhaltene Hinterhaus tun, in dem die frommen Frauen ein dünnes Bier brauten und verkauften, — daher der Name Dünnebierstraße. Und nachdem im Jahre 1567
das Kloster aufgehoben und die Kapelle zur Lateinschule umgebaut wurde, da schallte das fröhliche Treiben der Studenten in den Schulpausen bis zu dem Hause des „Pottgießers“. So wurden die Kleimanns nämlich allgemein von ihren Mitbürgern genannt, und das war für den Glockengießer so etwas Selbstverständliches, daß auch er sich selbst meist so nannte und in amtlichen Schriftstücken diesen Namen gebrauchte. Das „Pottgießen“ war sein Hauptberuf: die in jener Zeit fast in jedem Hause zur Bereitung der Mahlzeiten benötigten schweren bauchigen Bronzetöpfe, die sogenannten Gropen, die an dem oftmals reich ziselierten Kesselhaken über dem offenen Kaminfeuer hingen, ferner die mit Inschriften verzierten Mörser und die in allen Stilarten geformten Leuchter, das waren in der Hauptsache die Erzeugnisse der Kleimannschen Werkstatt. Der Glockenguß erfolgte außerhalb der Wohnung, unweit der St.-Gertrudis-Kapelle am Eingang der Hamelnschen Straße, nicht weit von jener Sandkuhle, in der der Scharfrichter die armen Sünder ins Jenseits beförderte. Sobald hier das schwierige Werk des Gießens beendet war, wurde die Glocke, reich bekränzt, unter dem Jubel der Jugend auf einem mit mehreren Pferden bespannten Wagen — bei einer für St. Marien bestimmten Glocke waren es einmal zwölf — zur Werkstatt des Meisters gefahren, um hier den letzten Schliff zu erhalten.

Ein Rekord

In einem solchen feierlichem Aufzug wird auch unser Armsünderglöcklein seinen Weg durch die Gassen der Stadt Lemgo genommen haben, um bald danach auf dem kleineren bleibedeckten Turm der Nikolaikirche, dem sogenannten Spielturm, seines traurigen Amtes zu walten. Letzteres war leider sehr oft der Fall, denn nach der früher gültigen peinlichen Gerichtsordnung mußte nämlich ein zum Tode Verurteilter, bevor er dem Scharfrichter übergeben wurde, noch ein öffentliches Gericht über sich ergehen lassen. Der Platz hier- für war der Marktplatz. Alle oft nur durch die Folter erpreßten Geständnisse wurden hier dem Delinquenten noch einmal vorgelesen, damit er sie öffentlich bejahe und damit das danach verlesene Todesurteil in den Augen der Menge als ein gerechtes bewertet
wurde. Diese Gerichtsverhandlung mußte unser Armsünderglöcklein mit seinen wehmütigen Klängen begleiten. Und das kam — wie schon erwähnt — so oft vor, daß wohl kaum irgendwo in deutschen Landen die Sünderglocke mehr geläutet wurde, als in Lemgo. Allein 37 Morde, die nach den Kriminalakten des Städtischen Archivs in der Zeit von 1568 bis 1815 in Lemgo verübt wurden, haben sicherlich in einem öffentlichen Gericht auf dem Marktplatz ihre Sühne gefunden. Dazu kommt, daß die Peinliche Gerichtsord- nung auch für täglich vorkommende Vergehen, wie auf den groben Diebstahl und auf den kleinen Diebstahl im dritten Wiederholungsfälle die Todesstrafe festsetzte. So wurde bei- spielsweise im Jahre 1699 eine aus sechs Personen bestehende Diebesbande, vier Männer und zwei Frauen, die nach erlittener Tortur geständig waren, auf Grund eines bei der Juristenfakultät in Leipzig eingeholten Urteils zum Galgentode verurteilt.

Angst und Grauen

Aber was bedeuten die wenigen Fälle dieser Art gegenüber der Unzahl derjenigen, in denen das Glöcklein einem armen Sünder läuten mußte, der verdammt war für ein Verbrechen, das überhaupt nicht existierte. Es war in den Zeiten der furchtbaren Hexenverfolgungen, die ihren Höhepunkt erreichten, als der grimmige Hexenfeind, Bürgermeister Kerckmann, sich rühmen konnte, die Menschheit in einem Jahre von 37 „von Gott abgefallenen und mit dem Satan in ein Bündnis getretenen Sündern auf dem Wege des Rechtens befreit zu haben“. Da konnte sich wohl niemand in Lemgo seines Lebens mehr sicher fühlen. Und wenn in jenen Jahren das Glöcklein immer wieder läutete, wird sicherlich Angst und Grauen die Herzen der Bewohner erfüllt haben. Vielleicht wird auch dieser oder jener, der schon wußte oder bange ahnte, daß auch sein Name in dem berüchtigten „Schwarzen Buche“ vermerkt war, sich beim Erklingen des Glöckleins ängstlich unter dieMenge des Volkes auf dem Marktplatz geschlichen haben, nicht etwa, um das Drama zu schauen, das hier gespielt wurde, sondern um zu sehen, wer diesmal an der Reihe war.

Sandkuhle an der Gertrudisklause

Sobald nun das Todesurteil über den Angeklagten verkündet war, verstummte das Glöcklein, wiederholte aber bald danach von neuem sein Läuten, um den armen Sünder auf seinem letzten Gange zu begleiten. Diese Klänge drangen auch in das Stübchen der nächsten Angehörigen des bedauernswerten Opfers. Ihr geistiges Auge schaute das verhärmte Antlitz der Gattin, der Mutter oder sonst eines Familiengliedes, das in einem elenden Schinderkarren, begleitet von einem betenden Priester, über das holperige Pflaster hinweg zur Osterpforte hinausgefahren wurde. Sie fühlten es, wie der Pöbel das unschuldige Opfer angrinste und ihm Verwünschungen nachrief. Sie sahen im Geiste, wie das traurige Gefährt die Sandkuhle an der Gertrudisklause erreichte, wo der Delinquent von rohen Fäusten wie ein Stück Vieh vom Wagen gerissen wurde, um auf dem schon errichteten Scheiterhaufen elend zu verbrennen oder dem Schwert des Henkers zu verfallen.

Das letzte Mal ist die Lemgoer Sünderglocke wahrscheinlich im Jahre 1774 geläutet worden, als der berüchtigte Raubmörder Kropp auf die grausamste Weise durch Reißen mit glühenden Zangen und danach durch Rädern ins Jenseits befördert wurde. Diese Strafe traf diesmal keinen Unschuldigen, hatte doch der Übeltäter ein auf der Breiten Straße wohnendes Ehepaar sowie dessen Magd aus Wahmbeck mit einem Beil getötet. Bei dem letzten hier in Lemgo geschehenen Mord im Jahre 1815 — eine Dienstmagd hatte ihr Kind erwürgt — entzog sich diese der drohenden Strafe durch die Flucht.

Unser Armsünderglöcklein war aber nicht nur Totenglocke, es hatte auch noch eine freundliche Aufgabe zu erfüllen: Allabendlich um neun Uhr erklang es durch den stillen Abend und erinnerte die Pförtner daran, die Tore zu schließen. Dann mußten die Fremden sofort die Stadt verlassen, und die Bürger, die noch bei der Kanne oder beim Kartenspiel verweilten, eiligst die Gaststätte räumen. Im Volksmund hieß das Glöcklein deshalb Räume- oder Räumestraßenglocke. Zum Abendläuten bediente sich die Stadt eines „Churers“, der als Gehalt an jedem Lohntage, d. i. immer nach Verlauf von vierzehn Tagen 18 Groschen als Entlohnung erhielt. Hierzu kamen vierteljährlich noch vier Groschen für „Glockenschmier“. Für diese Vergütung mußte er aber noch die ganze Nacht in der noch vorhandenen Türmerstube mit einem heizbaren Kamin auf dem Turm verweilen und allstündlich, sobald „der Schwengel an den Bord schlug“, die geschlagene Stunde aus allen vier Luken hinausblasen, was die Nachtwächter verpflichtete, mit der gleichen Zahl von Hornstößen zu antworten. Am Ende des 18. Jahrhunderts gehörte das Läuten der Räumeglocke zu den Obliegenheiten des Küsters von St. Nikolai.

Zum großen Bedauern der Bürger machten es die in Lemgo einquartierten Truppen erforderlich, diesen schönen Brauch im Jahre 1815 einzustellen, um ihn dann später stillschweigend einschlafen zu lassen. Eine im Jahre 1844 von zahlreichen Bürgern unterschriebene Eingabe auf Wiedereinführung des Abendläutens wurde zwar von den Stadtverordneten genehmigt, jedoch vom Magistrat abgeschlagen. Dieses Bittgesuch wurde hauptsächlich mit dem herrlichen Klang der Glocke begründet, der schon die Väter erfreut habe und dessen sich die Antragsteller noch so gern aus ihrer Jugend erinnerten. Somit war auch für unser Glöcklein, das so oft den Feierabend eingeläutet, selbst der Feierabend gekommen, und es erklang nur noch, wenn beim Ableben eines Angehörigen der Fürstlichen Familie ein vierwöchentliches Trauergeläut sämtlicher Glocken des Landes mittags von 12 bis 1 Uhr angeordnet wurde.

Empörte Bürger

Diese Tatsache hätte jedoch für den Wohllöblichen Rat unserer Stadt kein Grund sein dürfen, unsere Glocke, die eine so reiche Geschichte hatte, leichtfertig zu veräußern. Aber so wie um die Jahrhundertwende die ehrwürdige Kapelle in Großenmarpe auf das Betreiben eines einzigen Einwohners dem Erdboden gleichgemacht wurde, und wie der herrliche Ostertorturm in Lemgo fallen mußte, weil ein einziger nächtiger Bürger gern die Steine für einen Neubau gebrauchen konnte, so war es auch diesmal der Fall. Ein Lemgoer Bierbrauer, dessen Geschäftsbereich sich auch auf das naheliegende Dorf Bergkirchen erstreckte, glaubte diesen vielleicht dadurch zu erweitern, indem er die Gemeinde wissen ließ, daß für ihre neuerbaute Kirche wohl eine Glocke in Lemgo zu haben sei, die man als die beste des ganzen Landes ansprechen könne. Die älteren Leute erinnerten sich noch sehr des so wunderbaren Klanges. Ein solch verlockendes Angebot ließ man sich nicht zweimal machen. Zwei Kirchenälteste fuhren daraufhin bald nach Lemgo, um hier an Ort und Stelle wegen des Erwerbs der Glocke zu verhandeln. In dem Bürgermeister Honerlalernten sie einen sehr entgegenkommenden Herrn kenen, der, als er ihr Anliegen vernahm, sie gleich auf den Turm schickte mit den Worten: „Seht Euch die Glocke doch erst einmal an!“ Beim Anblick derselben war man überrascht von ihrer Schönheit. Das Erstaunen der Herren wuchs aber, als man beim Anschlägen einen Ton vernahm, der so schön und lieblich war, daß der eine meinte: „Die Glocke müssen wir haben, mag sie kosten, was sie wolle!“ Kaum waren die Bergkirchener wieder daheim, als auch schon ein Schreiben von dem Bürgermeister eintraf mit der Anfrage, ob sie denn die Glocke nicht haben wollten? Man könne sie bekommen, und er mache den Vorschlag, den Kaufpreis nach dem Gewicht zu bemessen. Am Morgen des 6. Mai 1862 kamen dann die Käufer aus Bergkirchen mit losen Pferden nach Lemgo und der besagte Bierbrauer lieh seinen großen Wagen für den Transport.

Beim Wiegen der Glocke ergab sich ein Gewicht von 16 Zentnern 31 Pfund, wofür 543 Taler 20 Groschen bezahlt wurden. Von der Frau des Bierbrauers reich mit Blumen geschmückt, sollte nun die Glocke ihre Reise nach Bergkirchen antreten. Da setzten plötzlich die beiden andern Glocken von St. Nicolai mit ihrem Geläut ein: ein letzter Gruß an die scheidende Schwester Das gab eine große Erregung in der Stadt. Die Leute kamen aus den Häusern gelaufen und waren empört über das, was sie sehen mußten. Einer von den Alten, der den Ton der Glocke noch von früher kannte, rief: „Man mößte die Lemsken olle uphangen!“ Er hatte nur zu recht. Das Bedauern weitester Kreise der Stadt war so groß, daß viele Bürger des Sonntags ihren Spaziergang bis vor Bergkirchen ausdehnten, nur um den herrlichen Klang der Glocke zu vernehmen.

Der Verlust

Unsere alte Hansestadt .könnte den Abschied von ihrer Sünderglocke wohl noch verschmerzen, wenn sie die Gewißheit hätte, daß dieselbe „Auf dem Berge“ gut aufgehoben sei und dadurch jeder Bürger Gelegenheit hätte, einmal ihren Klängen zu lauschen. Aber leider existiert die Glocke heute nicht mehr, und damit muß auch jede Hoffnung begraben werden, sie einmal wieder zurückkaufen zu können. Um die Jahrhundertwende nämlich genügte diese „Eine“ der Gemeinde Bergkirchen nicht mehr, hinfort sollten an Sonn- und Feiertagen zwei Glocken zur Kirche rufen.

Alle Vorschläge, die Lemgoer Glocke als Betglocke neben dem neuen Geläut beizuhalten, lehnte der dortige Kirchenvorstand ab und tauschte sie ein gegen zwei Gußstahlglocken. Das Sünderglöcklein wurde später von dem Bochumer Verein umgegossen, „weil es in keinem Geläut zu verwenden sei“. Da die Glocke in ihrer neuen Gestalt weder histori- schen noch künstlerischen Wert besaß, ist sie dann höchstwahrscheinlich zur Rettung des Vaterlandes mit in den Krieg gezogen.

Jeder Freund unserer Heimat wird sicherlich den Verlust der Lemgoer Sünderglocke bedauern. Und wenn mich mein Amt als Fremdenführer dann und wann auf die Höhe der beiden Nikolaitürme führt, den Besuchern die Schönheiten unserer Stadt von oben zu zeigen, und wenn ich dann an dem verwaisten Glockenstuhl meine Schritte vorbeilenke — dann vermeine ich aus dem altersgrauen Gebälk leise die Worte zu vernehmen: „War einst ein Glockengießer . . .“

Quelle: Heimatland Lippe – Von H. Moeller-Friedrich, Lemgo.