Das Lemgoer Leinengeschäft seit dem Dreißigjährigen Kriege

Ansicht der Firmengebäude der Firma Leinenkracht in Lemgo. Foto von K. E. Ohle, um 1950

In der Lemgoer Kaufmannschaft war während des 30jährigen Krieges der alte Hanseatengeist erstorben. Unternehmungslust und Wagemut waren dahin. Doch als das erste, schlimmste Jahrzehnt nach dem Kriege überstanden war, kamen einsichtige Kaufleute zu der Überzeugung, daß sie ohne Belebung des Exporthandels weiterhin eine kümmerliche Existenz fristen müßten.

Sie besannen sich darauf, daß die Grundlage des Lemgoer Außenhandels das. Leinengeschäft gebildet hatte und waren darum bemüht, die Garnspinnerei und Leinenweberei wieder in Aufnahme zu bringen. Im Jahre 1664 wurde von 30 Bürgern, die das nötige Kapital zusammenbrachten, die alte Leggesozietät erneuert. Ihr allein wurde das Recht des Kaufs und Verkaufs von Leinsamen, Garn und Leinen von der Landesregierung privilegiert. Sie hatte die Aufgabe, das bei ihr niedergelegte Leinen nachzumessen, auf Fehler zu untersuchen, nach, der Beschaffenheit in Klassen einuiteilen und mit einem Gütestempel zu versehen.

Uber die wechselvolle Geschichte der Legge gibt es ausführliche Abhandlungen. Hier kann uns nur beschäftigen, was in dieser Beziehung für Lemgo- dauernde Bedeutung erlangt hat und bis in die Gegenwart fortwirkt, und das ist unlöslich, mit dem Namen Kracht verbunden.

Die Brüder Gustav und Christoph Wilhelm Kracht, um 1890.

Am 3. April 1706 erwarb Johann Christoph Kracht aus Herford, wo sein Vater Prediger an der Münsterkirche gewesen war, in Lemgo das Bürgerrecht. Er gründete in dem Hause Mittelstraße 64 (Ecke Haferstraße, jetzt Schmitting) ein Manufakturwarengeschäft, das später unter der Firma Gebr. Kracht sich eines ausgezeichneten Rufes erfreute. Sein Enkel, der Kaufmann und Ratssiegler Heinrich Christoph Kracht (1734—1816), widmete sich auch dem Garnhandel, was in einem Bericht des Magistrats an die Regierung i. J. 1771 erwähnt, indem besonders gerühmt wird „der beträchtliche Handel, welchen der Camerarius Kracht mit flächsernem Garn führt.“

Unter seiner Mitwirkung und Hilfe gründete sein Sohn 1810 die „Feine Leinen- und Handelskompagnie C. E. Kracht, Henrichs Sohn“. Als dieser ohne Hinterlassung männlicher Erben gestorben war, übernahmen die beiden ältesten Söhne seines Bruders, Christoph Wilhelm und Johann Gustav das Geschäft und führten es unter der Firma Gebr. Kracht weiter. Sie widmeten sich in besonderer Weise dem Leinengeschäft.

Noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts wurden in Lippe und dem östlichen Westfalen Flachs und Hanf in großen Mengen gezogen. In jedem Dorf, in jedem Hause wurde gesponnen und gewebt. Auf den Höfen wurde den Knechten und Mägden stets ein Stück Land für den Flachsbau zum Deputat gestellt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber brach die blühende Flachsindustrie langsam zusammen. Das war die Folge hauptsächlich der napoleonischen Kontinentalsperre, durch die die Engländer gezwungen wurden, ihre Spinnmaschinen zu vervollkommnen und die mechanischen Webstühle zu erfinden und zu benutzen. In den Jahrzehnten zwischen 1830 und 1850 sah es im lippischen Leinenhandel trübe aus; denn das billige englische Leinen überschwemmte die Märkte. Trotzdem aber hielten die Gebrüder Kracht an dem handgewebten Leinen fest; denn es wurde noch gern gekauft, da es haltbar und unverwüstlich war und trotz des starken Fadens e!ne große Geschmeidigkeit und Weichheit hatte.

Um 1856 kamen auch in Lippe und Ravensberg die mechanischen Spinnereien auf. Da kauften die Gebr. Kracht die Maschinengarne und ließen sie in den umliegenden Dörfern, namentlich im Amte Sternberg, in Meierberg, Goldbeck, Steinegge, Linderbruch usw. in Lohnarbeit zu gröberen und mittelschweren Leinen verweben.

Die Firma Gebr. Kracht verdankte den außerordentlichen Erfolg nicht nur den guten Beziehungen, die Christoph Wilhelm Kracht zu den Großkaufleuten und Exporteuren in Köln und Bremen unterhielt, sondern auch vor allem der einwandfreien, sowohl in der Legge, als auch im eigenen Betriebe streng geprüften Ware. Nur völlig tadelloses Leinen wurde angenommen und auf die Märkte des In- und Auslandes versandt. So sah sich jeder Weber zu sorgfältigster Arbeit genötigt.

Die Produktion war naturgemäß nicht sehr groß, weil der Webstuhl noch in der primitiven Art gebaut war. Dazu kam, daß viel Zeit mit der Ablieferung des Leinens verlorenging. „Ein Goldbecker Weber trug einen ganzen Packen Leinen, d. h. zwei Stücke von je 70 m Länge, von denen jedets dreißig Pfund wog, in einem Doppelsacke auf dem Rücken in sechs- bis siebenstündigem Marsche von Goldbeck nach Lemgo und nahm auf dem Rückwege das Garn zu neuen Stücken wieder mit.“

Es ist ein Verdienst Krachts, daß er den sog. Schnellschützen einführte und dadurch eine wesentliche Vergrößerung der Produktion ermöglichte. Um die Weber mit diesem vertraut zu machen, richtete Kracht in Lemgo Lehrkurse für die Weberinnen auf den Dörfern ein mit dem Erfolge, daß bald überall mit dem Schnellschützen gearbeitet wurde.

Betttuch „Niereißa“. Werbung der Firma Kracht aus den 1950er Jahren.

Die größte Blüte dieser Handweberei fiel in die Zeit des amerikanischen Bruderkrieges 1863/64. Zu dieser Zeit kam kein Pfund Baumwolle nach Europa. Die Herrlichkeit der Hausweberei dauerte aber nicht mehr lange; denn gegen die Leistung der mechanischen Webstühle war nicht aufzukommen. Ein Handweber konnte unter Zugrundelegung von zehn Arbeitsstunden etwa zehn Meter Leinen weben, während später ein mechanischer Webstuhl
etwa 30 m webt, jeder Weber aber mindestens zwei Stühle bedient, so daß das Produktionsverhältnis 6 : 1 beträgt. Die Lohnweberei hat sich in geringem Umfange noch bis in die letzten Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehalten. Gewebt wurde aber fast nur noch in den Wintermonaten; denn die Männer hatten sich der Ziegelarbeit zugewandt, und die Mädchen konnten auf den Zuckerrübenfeldern besseren Lebensunterhalt erwerben.

Christoph Wilhelm Kracht, der in Lemgo zahlreiche Ehrenämter innehatte und vom Fürsten zum Geh. Kommerzienrat ernannt wurde, gründete 1887 an der Lageschen Straße die „Mechanische Leinen- und Gebildweberei von Kracht & Co.“, deren jetziger Besitzer, der im Jahre 1863 geborene Sohn des Gründers, der Kommerzienrat Paul Kracht ist.

In der Folgezeit mußte „Leinenkracht“ zur Bestreitung der steigenden Nachfrage die Herstellungsmittel fortwährend ver- mehren und mit den jeweils leistungsfähigsten Maschinen vervollkommnen.

Die letzte bedeutende Vergrößerung wurde 1929 durch Errichtung eines Neubaues vorgenommen, der in seiner Art als Vorbild eines modernen Großbetriebes der Leinenindustrie gelten kann. In seiner Mitte erhebt sich ein 1000 qm umfassender Riesensaal, der freitragend ohne jede Säule konstruiert ist, und 150 moderne Webstühle aufgenommen hat, die durch elektrischen Antrieb in Tätigkeit gesetzt werden.

Hier werden die allbekannten Spezialsorten der Firma nach alter Hausmacherart in bester Ausführung und Aufmachung ohne jede künstliche Beschwerung durch Appreturmittel hergestellt, im besonderen Bettuchleinen, Handtuchstoffe, Wischtücher, Windelstoffe, Gardinenleinen usw.

Fr. Sauerländer, Lemgo.