Das Recht des Sachsenpiegels im alten Ufflen des 16. Jahrhunderts

Illustration aus dem Heidelberger Sachsenspiegel, Landrecht fol. 26 verso: Dorfgründung von wilder Wurzel. Anfang des 14. Jahrhunderts

Durch das Zusammenleben der Menschen entstanden bereits in der Urzeit Gewohnheiten und durch deren Anerkennung zunächst eine freiwillige, recht bald aber eine zwangsweise Unterordnung. Aus dem Willen der Gemeinschaft entstand so das Gewohnheitsrecht und schließlich das Gesetzesrecht. Gegenseitig haben diese jahrhundertelang um die Vorherrschaft gestritten. In der Regel handelt es sich beim Gewohnheitsrecht um ein ungeschriebenes (aber auch ungewisses) Recht. Es vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht, solange unsere Vorfahren keine Schriftsprache kannten. Erstmalig wurde dieses Gewohnheitsrecht im „Sachsenspiegel“ etwa um 1230 vom Ritter Eike von Repkow zusammengefaßt. Welche Bedeutung dieses älteste deutsche Rechtsbuch mit seinem unverfälschten deutschen Recht weit über die Grenzen Mitteldeutschlands und über die Jahrhunderte hinaus neben den sogenannten „Stadtrechten“’hatte, geht schon daraus hervor, daß es z. B. im heutigen Thüringen bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches am 1. Januar 1900 Geltung hatte.

Auch im alten Uflen hatte der Sachsenspiegel Jahrhunderte hindurch neben den späteren Stadtprivilegien alleinige Bedeutung auf rechtlichem Gebiete. Wie lange vorher schon diese ungeschriebenen Gewohnheitsrechte angewandt worden sind, läßt sich nicht mehr feststellen. Nach einem Original auf Pergament im Salzufler Archiv kamen am 27. November 1424, also vor weit über 500 Jahren, „Bürgermeister und Rath zu Ufelen“ mit ihrer Gemeinheit in dem „Wibbelde to Ufelen“ überein, es in Ansehung des „ghemeynen Gudes“ so zu halten, wie es auch in Herford manche Jahre für Recht und Gewohnheit gehalten sei. Das hierüber aufgenommene Statut enthält genaue Bestimmungen über das „herwede“ (HeergeWäte), und zwar zunächst über das des gemeinen Mannes und dann über das Heergewäte derjenigen, „de Ynnunge hebbet“ (die Innungen haben), und der Handwerksleute wie der „vandsnyder“ (Gewandschneider), der „wantscherer“ (Tuchmacher), der „scrodere“ (Schneider), der „wllenere“ (Wollenweber), der „lineweuer“ (Leinenweber), der „wesseler“ (Wechsler)‘, der „cremer“ (Krämer = Kaufleute), der „smede“ (Schmiede), der „tymmerlude“ (Zimmerleute), der „stenwerte“ (Steinarbeiter), der „scowerte“ (Schuhmacher), der „peltzere“ (Kürschner), der „becker“ (Bäcker), der „knokenhower“ (Knochenhauer = Fleischhauer) und der „bartscherer“ (Bartscherer).

Dann folgen Vorschriften über das „erue“ (Erbe), „van liftucht onde van gherade“ (von Leibzucht und Gerade).

Von Interesse sind auch die Bestimmungen für den Gaugrafen, „wo de go- greue schal ghodingt holden“ (wie der Gaugraf Gauding halten soll).

Die gleichen Bestimmungen mit nur unwesentlichen sprachlichen Abweichungen bestanden vordem schon für Herford. Sie sind in zeitgemäßer plattdeutscher Ausdrucksweise abgefaßt und sollen, da vieles nicht mehr verständlich sein würde, ihres allgemeinen Interesses wegen nur ins Hochdeutsche übertragen folgen.

Vom Heergewäte

Zum Heergewäte rechnet man das beste Schwert, das beste Pferd, gesattelt, den besten Harnisch für eines Mannes Leib, wenn mehrere Gewaffnete vorhanden sind. Sind nicht mehrere da, so bleibt es dabei. Dazu rechnet man einen Heerpfühl und zwei der besten Schlaftücher (Betttücher) und die besten Decken, ein Stuhlkissen, ein Lederkissen, ein Waschbecken, zwei Becken, ein Handtuch, ein Tafeltuch, einen Schulterkessel (das ist ein Kessel, worin man ein Schulterstück kocht, Schinkenkessel), alle zum Tragen eingerichteten Flaschen, die man mit sich führt. Dagegen gehören die mit eisernen Gehängen versehenen Flaschen nicht dazu. Ferner Satteltasche, silberne Schalen, Gürteltasche, Dolche, Fingerringe, die der Verstorbene zu tragen pflegte, Broschen und Geschmeide, das er auf seiner Kleidung trug. Dazu rechnet man eines Mannes sämtliche fertigen Kleidungsstücke, wollene wie leinene, ein Handbeil, eine Säge, eine Sichel und die Geldkiste, zu der er den Schlüssel trug. Das gehört zum gemeinen Heergewäte. Nun geben auch die zu einer Innung Gehörenden und die Handwerksleute Heergewäte nach ortsüblicher Bestimmung

Vom Heergewäte derjenigen, die Innung oder Handwerk haben
Zum ersten: Von den Gewandschneidern, d. s. Tuchhändler, welche das Gewand, Tuch, zum Verkauf zerschneiden, also Kaufleute. Die Tuchhändler rechnen zum Heergewäte außer den zuvor aufgeführten Stük- ken ihre Zelte (Buden), Ladentisch, Ellen und Scheren, das (10 Ellen lange) Maß für Tuch und Leinewand, die Stangen und Gerätschaften, die zu der Bude gehören.

Von den Tuchmachern
Ein Tuchmacher rechnet zum Heergewäte den Schertisch, worauf er schert (d. i. die Kette vorbereitet), die Pressen, die Schermesser, die Haken, die Kardenspindel mit den Karden, die daran sitzen, die Scheren, womit er zu scheren pflegt, und alle andere Gerätschaft, die zum Scheren gehört.

Von den Schneidern
Die Schneider rechnen zum Heergewäte den Zuschneidetisch, alle ihre Scheren, Fingerhüte, Nadeln, Knopfeisen, Preßsteine (jetzt Bügeleisen) und alle Gerätschaft, die zum Schneiderhandwerk gehört.

Von den Wollenwebern
Die Wollenweber rechnen zum Heergewäte ihre Kämme, Spulgerätschaften, Karden, die in Spindeln gesetzt sind. Die nicht in Spindeln gesetzten Karden gehören nicht dazu. Es gehören aber dazu alle ihre Scheren, Weberstühle, Spulen und alle Gerätschaft, womit man Tuch macht, mit Ausnahme der Wandrahmen (zum Trocknen des Tuches).

Von den Leinenwebern
Die Leinenweber rechnen dazu alle Gerätschaft, womit Leinenzeug gewebt wird.

Von den Wechslern
Die Wechsler rechnen zum Heergewäte den Zahltisch, die Gewichtsschalen und alle Gewichte.

Von den Krämern (Kaufleuten)
Die Krämer rechnen zum Heergewäte alle ihre Schalen, Maße und Gewichte. Die Höker (Kleinhändler) alle Schalen, Gewichte, Butterfässer, Pfundstücke und alles, womit man zu essen pflegt, die Messer, womit man das Fett schneidet, und alle Gerätschaft, die sie zu dem Amte brauchen.

Von den Schmieden
Die Schmiede, Goldschmiede, Kupferschmiede, Kannengießer, Topfgießer, Messerschmiede, Schwertfeger und Nadler rechnen zum Heergewäte alle ihre Hämmer, Zangen, Feilen, Schleifsteine, Blasebälge, Ambosse, Sperrhaken (d.i. Dietrich), Nageleisen und alle Gerätschaft, womit das Handwerk ausgeübt wird.

Von den Zimmerleuten
Die Zimmerleute rechnen zum Heergewäte alle Beile, Barten, d. s. breite Beile, Hohleisen, große Bohrer und Windel, d. s. Spiekerbohrer für Pflöcke, Dächsel oder Dachsbeil (zum Abstoßen der Zapfen bei Balken und Sparren), Kimmeisen, d. i. Hak- kebeil, und allerlei Werkzeug, womit sie zu zimmern pflegen.

Von den Steinarbeitern
Die Steinarbeiter rechnen zum Heergewäte Hämmer, Kellen, Spitzhacken und alle ihre Eisen, womit sie die Steine zu hauen, zu setzen und zu brechen pflegen.

Von den Schuhmachern
Die Schuhmacher, Gerber (Rotgerber), Weißgerber, Sattler und Holzschuhmacher rechnen zum Heergewäte alle ihre Leisten, Schneide- und Schustermesser, Pfriemen, Streicheisen, d. i. Messerstahl, das .Schneidebrett, den Tretzuber (der Lederarbeiter), den Lohkessel (zum Gerben), die Lohbottiche, Kalkkufen und allerlei Gerätschaft, womit sie ihr Handwerk ausüben.

Von den Kürschnern
Die Kürschner rechnen zum Heergewäte das Reideisen, d. i. Stoßeisen, und was dazu gehört, das Schneidebrett, Messer, Seheren, Nadeln, Fingerhut und das Ercheisen (erch = weißgegerbtes Leder), welches zum Reinigen des Felles von den Fleischresten dient, den Tretzuber, Beizkufen und alles, womit man das Pelzwerk gar zu machen pflegt.

Von den Bäckern
Die Bäcker rechnen zum Heergewäte den Säurekessel, Axt (zum Holzspalten), Eimer, Teigtrog, Weckbrett (auf dem Brote und Wecke-Semmeln ausgewirkt werden), Teigtuch und die Maltersäcke (Malter ist ein Kornmaß). Die Malzsäcke gehören nicht dazu (sie gehören zum Braugewerbe), dessen Gerätschaften zur Brauergerade gerechnet werden. Alle Siebe und Sichtebeutel, die Quäste (zum Firnissen des Brotes), Gerstel trog (worin die Flüssigkeit zum Firnissen bereitet wird), Brotschieber und Loten (eiserne Schaufeln zum Herausholen der Glut aus dem Backofen) und alle Gerätschaft, die zum Bäckerhandwerk gehört.

Von den Knochenhauern (Fleischhändlern)
Die Knochenhauer rechnen zum Heergewäte den swinebotel (Krummstock?) den Fleischblock, Beile und Messer, womit sie Rinder und Schweine reinigen, und alle Gerätschaft, worauf sie Fleisch haben.

Von den Bartscherern
Die Bartscherer rechnen zum Heergewäte die Scherbecken und alle ihre Schermesser, Flieten und Laßeisen (Instrumente zum Aderlässen), Schleif- und Wetzsteine, womit sie ihr Gerät scharf machen.

— Alle Leute, die kein Handwerk ausüben und in keiner Innung stehen, geben gemeines Heergewäte, wie eingangs beschrieben. —

Vom Erbe
Alles Gut, das jemand bei seinem Tode hinterläßt, gehört zu dem Erbe, es sei Eigentum, d.i. zu vollem Rechte besessenes Grundstück, oder Lehngut, oder Weichbildgut, d.i. innerhalb des Weichbildes belege- nes Grundstück oder auch die Grundrente, oder sei es fahrende, d. i. bewegliche Habe, alles gehört zum Erbe. Von dem Erbe soll man vorab dem ältesten Sohne oder, wenn kein Sohn da ist, dem ältesten Schwertmagen, d.i. männlichen Verwandten, das Heergewäte geben. Sind mehrere Söhne vorhanden, so teilen sie das Heergewäte zu gleichen Teilen. Denn das Sachsenrecht lehrt im 1. Buche, Kap. 23: Wo zwei oder drei Mann zu einem Heergewäte geboren.
Sind (d. h. mehrere Söhne zur Ausrüstung berechtigt), da nimmt der älteste das Schwert vorab, das andere teilen sie zu gleichen Teilen unter sich. Zum Heergewäte gehört das beste Schwert und das beste Pferd gesattelt, der beste Harnisch für eines Mannes Leib, den er in Besitz hatte, als er starb. Ferner ein Heerpfühl (Feldbett), das ist ein Bett mit Kissen und Leinenlaken, zwei Becken und ein Handtuch. Das ist, was gewöhnlich zum richtigen Heergewäte gerechnet wird. Allein die Leute setzen oft noch mancherlei dazu, was eigentlich nicht dazu gehört. Was nun das Weib, d. i. die hinterlassene Witwe, von diesen Dingen nicht hat, das braucht sie nicht zu geben, wenn sie eidlich nachweist, daß sie aus irgendwelchen Ursachen von diesen Dingen nichts habe. Kann man aber den Besitz der Sachen naehweisen, so kann sie es weder für sich, noch für ihrem Mann abstreiten. Also lehret das Sachsenrecht im 1. Buche, capitulo vicesimo secundo.

Von den Erben
Wegen der Erben ist zu merken: Das Sachsenrecht lehret im 1. Buche, Kap. 17: Stirbt jemand ohne Kind, so nimmt sein Vater sein Erbe. Hat er keinen Vater mehr, so erbt die Mutter mit größerem Recht als der Bruder (des Verstorbenen). Vater und Mutter, Schwester und Bruder beerbt der Sohn und nicht die Tochter. Wo aber einer ohne Geschwister stirbt, da nehmen alle, die sich gleich nahe der Verwandtschaft zuzählen können, es sei Mann oder Weib, gleichen Anteil am Erbe. Diese werden von den Sachsen Ganerben (Miterben) genannt. Doch des Sohnes oder der Tochter Kind erbt vor Vater und Mutter, vor Schwester und Bruder (des Erblassers), d.h. die Des- cendenten vor den Ascendenten, aus dem Grunde, daß nichts aus der Verwandtschaft gehe, solange ein ebenbürtiger Verwandter vorhanden ist.

Wenn einem Manne sein Weib stirbt
Stirbt einem Manne sein Weib, so soll er von Rechts wegen ihre Gerade herausgeben, die rechtlich der ältesten unausge- statteten (unverheirateten) Tochter zukommt. Denn das Sachsenrecht lehrt im 1. Buche, Kap. 5: Die im Hause unausge- stattete Tochter teilt (die Gerade) nicht mit der ausgestatteten (verheirateten) Tochter. Der Pfaffe erbt der Mutter Gerade zu gleichen Teilen mit der Schwester. Auch steht danach: Die nicht ausgestattete Schwester teilt der Mutter Gerade nicht mit dem Pfaffen, welcher Kirche oder Pfründe hat (d. h. behält sie allein). Nun hält man für Sitte und Recht, daß der unbelehnte Pfaff bezüglich der Mutter Gerade vor die Schwester tritt (Ssp. 15, weil nur der ein richtiger Pfaff ist, der gelehrt, geweiht und tonsuriert ist). Wenn kein Pfaffe oder keine Tochter da ist, so erbt ihre nächste Nichte, die ihr von Frauenseite verwandt ist. Denn das Sachsenrecht lehrt im 3. Buche, Kap. 15: Wer Heergewäte beansprucht, der muß von Schwert, d. i. Vaters Seite, dazu geboren sein (d. h. stammen). Wer Gerade fordert, muß von der Mutter Seite dazu geboren sein. Und auch in dem 1. Buche, Kap. 27: Jedes Weib vererbt zweifach: ihre Gerade an ihre nächsten weiblichen Verwandten, ihr Erbe an die nächsten Verwandten, es sei Weib oder Mann. Das Sachsenrecht lehrt im 3. Buche, Kapitel 38: Stirbt des Mannes Weib, so müssen die weiblichen Verwandten, welche die Gerade der Verstorbenen erben, dem Manne herausgeben sein Bett, so wie es stand, als sein Weib noch lebte, seinen Tisch mit einem Tischtuche, seine Bank mit einem Pfühl, seinen Stuhl mit einem Kissen.

Wie sich der Mann nach dem Tode der Frau mit den Kindern auseinandersetzen soll
Nach dem Tode seiner Frau setzt sich der Mann mit seinen Kindern auseinander. Er ist als ihr Vormund verpflichtet, ihr Bestes zu tun und ihnen Kost und Kleidung zu geben, so gut er es vermag. Verheiratet er sich aber wieder oder will er sich von den Kindern trennen, so kann er das nach seinem Belieben tun. Nimmt er eine Frau, so muß er ihnen von Rechts wegen ihrer Mutter Gerade geben, wie ihnen das zukommt, dazu die Hälfte von seinem Weichbildgut (unbewegliches Bürgergut), es sei Haus, Garten oder Grundrente. Von seiner fahrenden Habe (bewegliches Gut) gibt er ihnen, was er will. Sein Erbgut, sei es Frei-, Eigen- oder Lehngut, kann er gebrauchen, solange er lebt, aber nach seinem Tode vererbt das auf die ersten Kinder (d. h. erster Ehe). Was er aber an Weichbildgut, fahrender Habe und Erbe (d. i. die Hälfte) behielt iund was er seitdem zukaufte, das kann er auf seine (zweite) Frau und seine letzten Kinder (d. h. zweiter Ehe) vererben. Auch kann er seiner zweiten Frau das Zugekaufte als Leibgedinge geben, ebenso sein Lehngut, vorausgesetzt, daß der Lehnherr sie damit rechtlich belehnt. Auch kann er ihr aus seinem Eigentum Leibgedinge machen, vorausgesetzt, daß er das gerichtlich festsetzt. Denn das Sachsenrecht lehrt im 1. Buche, Kap. 21: Man muß den Frauen für ihren Lebensunterhalt Eigentum geben mit Zustimmung der Erben, wie jung sie auch sein mögen, und zwar innerhalb des Gerichtsbezirkes, wo das Eigentum liegt, vorausgesetzt, daß da Königs Bann ist. Die letzten Erben sollen bezahlen, was er etwa schuldig blieb. Denn das Sachsenrecht lehrt im 1. Buche, Kap. 6: Alles Gut, das ein Mann hinterläßt, heißt Erbe. Wer dieses Erbe nimmt, ist auch gesetzlich verpflichtet, die Schulden des Erblassers zu bezahlen, und zwar aus der fahrenden Habe, soweit sie reicht. Gestohlenes, Geraubtes, Würfelspielschulden ist er nicht verpflichtet, zu bezahlen, ebensowenig eine Schuld, für die er (der Erblasser) Erstattung empfing. Auch vom Weichbildgut soll man die Schulden bezahlen.

Wie es die Frau mit des Mannes Kindern(erster Ehe) halten soll
Stirbt der Mann vor der Frau, so kann sie gemeinschaftlich mit den Kindern im Besitz des Erbgutes bleiben, solange sie Witwe bleibt und sie sich zusammen vertragen, und niemand kann ohne ihren Willen und ihre Zustimmung Anspruch auf Vormundschaft machen. Nimmt sie aber wieder einen Mann, so muß sie von Rechts wegen den Kindern (Söhnen) zuvor ihres Vaters Heergewäte geben, wenn ihnen das rechtlich zukommt. Danach soll sie mit den Kindern alle fahrende Habe und Weichbildgut teilen, es sei Haus, Garten oder Grundrente. Jegliches Erbgut fällt den rechten Erben zu, es sei freies Eigentum oder Lehngut.

Von Leibzucht und Gerade
Ist der Frau eine Leibzucht rechtlich festgesetzt, und zwar das Erbe aus Eigentum vor Gericht, dasjenige aus freiem Gut vor dem Freistuhle, dasjenige aus Lehngut vor dem Lehnsherrn, so soll man sie diese Mitgift zu ihrem Lebensunterhalte genießen lassen (also bis zu ihrem Tode). Ist aber kein Leibgedinge festgesetzt, so soll man ihr von Rechts wegen den dritten Teil alles Erbgutes als Leibgedinge lassen. Sie nimmt vorab ihre Gerade. Zur Gerade gehören alle ihre fertigen Kleider, alle Kisten mit aufhebbarem Deckel, alles
Garn, Betten, Pfühle, Kissen, Leinentücher (Bettlaken), Tischtücher, Hand- und Badetücher, Becken, Leinen und aller gebrochener Flachs, alle weiblichen Kleider, Armgold, Flitterschmuck (für Kopfputz), Psalterbuch und alle anderen zum Gottesdienst gehörenden Bücher, darin die Frauen zu lesen pflegen, auch Sessel, Lesen, Teppiche und Bettvorhänge, Rückentücher (womit die Rücklehnen der Stühle bezogen werden) und alles Gebände (Bänder). Nun hält man es noch folgendermaßen: Ist im Hause in Jahresfrist viel gebraut, so gehören zur Gerade alle Braugefäße, die sie haben: Pfannen, Bottiche, Tröge, Stellfässer, Kühlfaß, Kufen, liegende Tönnchen und alle Gerätschaft, die zum Braugewerbe gehört. Das ist, was zur Frauengerade gehört. Mancherlei gehört noch dazu, was hier nicht besonders aufgeführt wird, wie Bürsten, Spiegel, Scheren. Dagegen gehört nicht dazu das nicht zugeschnittene Zeug für Frauengewänder, unverarbeitetes Gold und Silber. Was außer den aufgeführten Dingen vorhanden ist, gehört zum Erbe. Das ist, was einer Frau von Rechts wegen zukommt, wenn sie sich verheiratet. So wie man den Frauen kein Unrecht tun soll an allen diesen vorbenannten Dingen, so soll auch die Frau den Erben kein Unrecht tun in den Dingen, die ihnen zukommen, und jeder soll sich an seinem Rechte genügen lassen. — Es‘ könnte auf leichte Weise Recht herrschen, wenn ihrer nicht so viele wären, die Unrechtes behaupten und Unrecht tun um ihres Vorteiles willen und es dann als rechtmäßig hinstellen. Täte man ihnen ebenso, so würden sie es wohl als Unrecht empfinden; denn es ist kein Mensch so schlecht, daß er es nicht empfände, wenn ihm Unrecht geschieht. In dieser Beziehung bedarf es vielfacher Rede, bevor man die Leute überzeugt, worin sie Unrecht tun, und ehe man sie belehrt, wie sie auf gesetzlichem Wege Unrecht verhindern und wieder zu Recht bringen.

Wie der Gaugraf Gauding halten soll
Der Gaugraf muß dreimal im Jahre Gaugericht auf dem Heyenlo halten. Unter der Gerichtsbarkeit des Gaugerichtes stehen die Außenwohner des Kirchspieles der Altstadt von Herford (d. s. die Feldmärker) und das Kirchspiel von dem Berge zu Herford wie das von Schötmar, von Oerlinghausen, Brackwede, Heepen und Schildesche. Diese Kirchspiele‘ sollen sich von Rechts wegen an des Gaugrafen Gericht auf dem Heyenlo halten. Der Gaugraf soll dort richten zu Hand und Hals, was mit rechter Klage vorgebracht worden innerhalb dieses Bezirkes. Hierfür geben die von Uflen (das zu Schötmar gehörte) das Gaugrafensalz, die übrigen Hafer. Wenn der Gaugraf auf den Heyenlo kommt, so frage man ihn zuvörderst, auf wessen Veranlassung er gekommen sei, ein Gaugericht zu halten. Darauf spreche er: Ich bin gekommen im Namen des Erzbischofs von Köln und will diesem Lande ein gnädiger, treuer und rechter Gaugraf sein. Nun soll ihm einer der Angesehensten staben (den Eid abnehmen), und er soll schwören, daß er diesem Lande wolle ein treuer Gaugraf und gerechter Richter sein bei Gott und den Heiligen. Danach trete er auf den Stapel (Gerichtssitz) und richte jedermanns Klage, wie sie die Gerichtsbeisitzer als rechtsmäßig zulässig erklären. Wenn man aber über das, was Rechtens ist, dort nicht eins wird, so kann der Gaugraf sein Gaugericht über vierzehn Tage aufschieben und die Parteien auf die „Wellen“ (Gegend außerhalb des Renntores) laden. Wenn man auch dort nichts entscheiden kann, so lege der Gaugraf wieder einen Gerichtstag über vierzehn Tage vor die Gerichtsbank, d. i. das Gericht zu Herford, und richte da, wie die Schöffen das als rechtsmäßig erklären. Werden auch diese Schöffen nicht einig, so soll man sich Rats erholen von den Schöffen zu Dortmund. Was da für Recht erkannt wird, daran soll man sich in Herford halten.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1955 – Von Walter Händel, Bad Salzuflen