Das Waisenhaus in Barntrup

Heute ist im ehemaligen Waisenhaus die Verwaltung der Stadt Barntrup untergebracht.

»O Barntrup, O Barntrup, du wunderschöne Stadt«, so blies der Schwager auf seinem beuligen Horn, als die Post in die Nähe von Barntrup kam. Früher hätte ich ihm recht gegeben, aber diesmal wollte mir das Städtchen Barntrup gar nicht mehr so „Wunderschön” vorkommen, besonders nicht an der Seite, wo wir einfuhren. Wenn man die Fabrikschornsteine und die neuen Häuser sieht, die so breit und Protzig dastehen, dann bleibt einem jener Gruß in der Kehle stecken. Man kennt heutzutage bald sein eigenes Heimatstädtchen nicht wieder, wenn man ein paar Jahre fern war, so schnell wachsen die Städtlein heran und werden zu Industriestädten so und sovielten Ranges.

Freilich, manches hatte die neue Zeit auch in Barntrup noch unberührt gelassen: dort drüben das alte Schloß steht noch an seinem Platze, und der Kirchturm der hoch über die Häuser wegschaut; ebenso manches Haus »unter den Linden« ist noch wie sonst. Auch dort das Waisenhaus steht noch auf dem alten Fleck. Da springen auch schon zwei Knaben herum, die augenscheinlich Zöglinge des Waisenhauses sind. Acht elternlose Knaben können in diesem Hause Aufnahme finden, einerlei aus welchem Teile unseres Lippischen Vaterlandes sie gebürtig sind. Aber die meisten Lipper haben gar keine Kenntnis von diesem guten alten Hause Laßt uns deshalb heute demselben einen kurzen Besuch abstatten.

Wir gehen die von Linden beschattete Treppe hinaus und treten ein. Links sieht man durch eine offene Thür ein großes Schulzimmer welches seit länger an die Rektorschule vermietet ist; an einem großen Seitentisch in demselben sitzen einige Knaben und trinken emsiglich ihren Nachmittagskaffee. Während einer derselben bereitwilligst hingeht, um den Inspektor des Hauses zu rufen, werfen wir einen Blick in das an der Wand des Hausflures hängende Büchlein mit der Ueberschrift: »Im Namen Gottes, Amen!« — Es ist das Testament des Anton von Haxthausen aus dein Jahre 1770, des Gründers des Waisenhauses. Dieser Mann welcher einst gleich nach seiner Geburt von seiner Mutter gänzlich verlassen, ohne Erbteil und Versorgung seinen Lebenslauf begann, hernach aber von Gott mit zeitlichen Vermögen gesegnet wurde, bestimmt in diesem Testamente, daß von seinem Nachlaß ein Wohnhaus angekauft und acht elternlose Knaben darin, wie wir lesen, zur »Ehre Gottes erzogen, in „Deutsch und Latein, Schreiben und Rechnen. Mathematik und Historie bis zum 15. Jahre unterrichtet werden sollen”, und zwar von „einem hierzu geschickten und studierten Menschen”. und „muß dieser Informator mit denen Kindern essen, welch Essen aus nicht mehr als täglich einer Schüssel mit Gemüs und Fleisch, aus Butter und Brot bestehen soll”, — »und sollen diesen Waisen 2 betagte Mädchen oder auch Witwen von gutem Leumund beigegeben werden, wovon die eine den Haushalt die andere aber auch Nähen und Knütten verstehen muß”. Und weil das Kapital zur Bestreitung der Haushaltskosten reichlich bemessen, so soll der Ueberschuss der Zinsen „zur Erlernung der Handwerker und zur Verbesserung der Fundation sorgfältig zu Rate geheget werden”. Die nach erreichtem 15. Jahre abgehenden Waisen „wählen ihnen selbst ein zu erlernen Lust tragendes Handwerk, zu dessen Erlernung die erforderlichen Kosten aus den vorrätigen Geldern bezahlt werden sollen”. Wenn bei der Neu-Aufnahme von Waisen mehr angemeldet werden, als genommen werden können, so sollen die Kinder selbst darüber das Los ziehen.

Die Mittelstraße von Barntrup um 1905. Rechts in der Mitte das Waisenhaus.
Heute ist in dem Gebäude die Verwaltung der Stadt Barntrup untergebracht.

Soweit aus dem Testament. Weiteres erfahren wir ans dem Munde des Informators, der soeben von einer Inspektion der Ländereien heimkehrt, wovon etwa 80 Scheffelsaat an das Waisenhaus gehören mögen Die Bewirtschaftung des Landes erfolgt durch einen ständigen Tagelöhner, die zwei ältesten Knaben gehen ihm dabei zur Hand, studieren also nebenbei auch Landwirtschaft.

Das große zweistöckige Haus ist solide gebaut und bequem eingerichtet. Ein Garten mit Gemüse, Blumen Obstbäumen bepflanzt, liegt hinter dem Hause. Ein Gang in die Scheune führt uns in schönster Weise das „Privat-Leben” und Treiben der 8 Zöglinge vor Augen. Man scheint uns dort nicht erwartet zu haben. Sieh, dort zausen sich zwei in aller Freundschaft, es sind „Joseph und Benjamin”, wie sie Scherzweise genannt werden, die beiden jüngsten letzterer erst sieben Jahr alt. Zwei andere stehen dort am Sägebock, in lebhafter Auseinandersetzung begriffen. wer heute das Holz für die Küche zu sägen und wer es zu spalten hat; und die beiden, welche gerade „Schecke” und „Munter” anschirren sollen, hören ihren Kameraden ganz interessiert zu. Ihre Würde verbietet ihnen in der Regel, sich sofort mit zu beteiligen Bei unserem Kommen herrscht auf einmal die schönste Eintracht, und sämtliche Männlein sind wieder Blitz mit ernstestem Gesichte bei der Arbeit. August und Gerhard sägen, Fritz spaltet Karl hat plötzlich die Hacke gefunden und eilt in den Garten um nach Anordnung der Waisen Mutter die Vietsbohnen zu behacken, Joseph verschwindet mit einem Korbe im Keller um Kartoffeln zu holen.

Ja, der Keller! Er hat zu Zeiten ganz besondere Anziehungskraft; nicht wegen seiner Kartoffeln und Rüben nein. er birgt ein anderes Geheimnis Dort hinten, wo die Rübenabteilung aufhört, befindet sich ein Lattengitter, durch dessen Spalten auch die andere Hälfte dee Kellers übersehen werden kann mit all den schönen Aepfeln die aber leider an der jenseitigen Wand ihren Ruheplatz haben Sie sehen sämtlich recht einladend aus . . . wer nur längere Arme hatte! Doch auch unter den Waisenknaben gibt es findige Köpfe. Karl. der Spaßmacher der kleinen Kompanie, wußte Rat. Durch die Spitze einer Bohnenstange ward ein Nagel getrieben und nun mit Hilfe dieses langen Armes vorsichtig ein Apfel nach dem andern geangelt und durchs Gitter gezogen. Freilich lange währte diese Herrlichkeit nicht, da kam das Auge der Hauspolizei hinter das Geheimnis und machte den Extra-Schmausereien ein Ende.

Neben den Arbeiten in Scheune und Keller, in Feld und Garten die eigentlich als Erholung betrachtet werden, finden natürlich auch die Arbeiten für die Schule gewissenhafte Erledigung. Bei dem einen oder andern ist es ja nötig· anzutreiben. Darin sind die Waisenknaben ähnlich wie anderer Leute Kinder. Alle Zöglinge besuchen vom 9. Lebensjahre an die Rektorschule, an welcher der Unterricht meist von dem zeitigen Inspektor erteilt wird, so daß sie dem Testamente gemäß auch in die Anfangsgründe von Latein und Mathematik eingeweiht werden. Der Unterricht dauert morgens 3, nachmittags 2 Stunden. Die übrige Zeit gehört teils den Arbeiten für die Schule, teils den obenenwähnten Beschäftigungen in Haus- und Landwirtschaft. Wenn das Abendbrot eingenommen ist und nach etwaige Knöpfe angenäht, Schuhe geputzt sind, versammelt sich die kleine Schar zur Abendandacht mit den übrigen Hausgenossen. Danach geht’s sofort hinaus in den grossen Schlafsaal in welchem 8 saubere Betten stehen, und nach wenigen Minuten liegt alles in süssem Schlummer. Früh hinein und früh heraus, ist die Regel.

Es ist ein schönes Ding um solch ein Waisenhaus. Die Kinder habens gut darin und fühlen sich zu Hause. Auch die Lehrlinge kommen jährlich gern einmal zu Besuch auf ein paar Tage wieder. Besonders an den hohen Festtagen, während einige der jüngeren Zöglinge ihre Verwandten besuchen, stellen sich die erwachsenen Kinder des Hauses ein, die Herren Lehrlinge; erzählen von ihren Erlebnissen, lassen sich von den Kleinen bewundern, aber setzen sich doch mit Vergnügen wieder in die Reihe um den großen Tisch, gehen zeitig zu Bett, kurzum, sie fügen sich genau in die alte Hausordnung. Der weiter entfernt wohnenden Lehrlinge sind allerdings meist nur wenige, denn soviel als möglich, werden die Knaben nach ihrer Konfirmation einem in der Nähe wohnenden Meister anvertraut, um bei demselben 3 oder 4 Jahre zu lernen. Während dieser Zeit sorgt das Waisenhaus für Kleidung und Wäsche. Und wenn der künftige Bäcker, Schmied, Schlosser, Schuster, Schneider Buchdrucker u.s.w. seine Gesellenprüfung bestanden hat, so wird er noch einmal von Kopf bis zu Fuß neu gekleidet, und mit den besten Wünschen und der Mahnung auch einmal zu schreiben, entlassen.

Wie viele Knaben sind so im Laufe der Zeiten durch das Waisenhaus schon verpflegt und erzogen! Hat doch die Anstalt vor einigen Jahren ihr 100jähriges Bestehen festlich begehen dürfen. Die meisten Zöglinge ziehen nach überstandener Lehrzeit hinaus in die weite Welt — Gott mag wissen, wohin — und lassen bis auf wenige Ausnahmen leider nichts wieder von sich hören. Aber dessen darf man sicher sein: vergessen wird es so leicht keiner, was er einst im Barntruper Waisenhause gehabt hat, und wir vertrauen, dass der Vater im Himmel, als der rechte Vater alles dessen, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden, sie ans rechter Straße führen wird.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1895 – Unbekannter Autor